10.Kapitel: Mehr Hinweise

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"Wie kommt das denn hierher?" Fluchte Jason, als er Anaconda landen sah, gerade außerhalb des Sicherheitsabstands zu seinem Hopper.

"Ich hab' das Schiff gerufen." Brummte Hans und zog den grauen Zylinder aus der Tasche. "Ich hatte so ein Gefühl, als würden wir Anaconda noch brauchen."

"Ihr überrascht mich. Aber ich kann keinen Piloten entbehren."

"Das ist auch, nicht nötig Jason, ich könnte fliegen", schlug Mel vor.

"Nein, ich will euch in meiner Nähe haben."

"Ich bin in der Lage, ein gegebenes Ziel selbstständig anzusteuern", mischte sich das Raumschiff vorlaut ein.

Jason machte erschrocken einen Schritt rückwärts, ein sprechendes Raumschiff hatte er noch nicht erlebt. Sicher gab es sprechende Computer seit hunderten von Jahren, aber wer wollte schon ständig von seinem Taschenrechner genervt werden. Erstaunt wandte er sich an Hans: "Ihr habt mir glaube ich noch eine Menge zu erzählen. Sag dem Ding, es soll unserem Shuttle folgen und hinter uns landen."

"Hast du gehört, Anaconda?"

"Positiv, Hans."

Als sie die Raumfähre erreicht hatten, warteten darin schon drei Mitglieder der Spezialeinheit, und während sie abhoben, machte sich Jason die Mühe alle einander vorzustellen.

"Also Leute, das hier sind Melissa und Hans, die beiden werden uns begleiten. Und dies sind Jenny Bachstein, Jaté und Isumúya, ihn kennt ihr ja wohl schon."

Der kalte Schauer, der Melissa über den Rücken gelaufen war, als sie das Cape des Piloten gesehen hatte verebbte allmählich, sie hatte sofort gewusst, wer dieser Typ war, aber jetzt wandte Sie sich leise flüsternd an Jason, um herauszubringen, was er war.

"Um ehrlich zu sein, Mel. Ich hab' keine Ahnung und ich kenne auch, niemanden der noch am Leben wäre, um auch, nur zu berichten, wie sein kleiner Finger aussieht. Er wurde uns von höherer Stelle zugewiesen, sehr kompetent."

Er machte eine Pause und begann dann mit dem Verhör seiner beiden Gäste, hin und wieder konnte er sich ein Schmunzeln nicht verkneifen, während Melissa und Hans sich bemühten einen vollständigen Bericht ihrer Abenteuer abzugeben.

"Das war sehr leichtsinnig von euch?" Fasste er schließlich zusammen, während sich das Shuttle im Hangar des Kreuzers Masada niederließ. Minuten später war auch, Anaconda durch die Schleuse.

Es war eine Gruppe von einem Kreuzer und zwei kleineren Begleitschiffen, es handelte sich um Korvetten, die mit ihrer Kugelform den Kreuzer wie zwei Monde umkreisten, das Kriegsschiff selbst war diskusartig gestaltet und mit jeweils drei Laserkanonen an Ober- und Unterseite schwer bewaffnet, Hatari-Klasse eben. Melissa schüttelt sich unwillkürlich, als sie den Plan des Schiffes an der Wand des Hangars inspizierte.

"Wer ist dieser Donavan?" Sie packte Jason am Arm und zwang ihn ihr in die Augen zu schauen, es gab eine Zeit, da glaubte Sie, sie würde die Transporterpiloten alle kennen, aber augenscheinlich war es mit ihrer Menschenkenntnis nicht allzuweit her. Und was sie wirklich wissen wollte war, wer war der Mann, der hier vor ihr stand.

"Wir wissen, dass er Waffen und Technologie an die Meistbietenden verkauft. Das allein gibt uns leider noch keine Handhabe gegen ihn, aber wie wir herausgefunden haben, vertreibt er die Waffen auch, in Krisenregionen. Er unterstützt eine Untergrundbewegung im Bellikoos-Sektor und seit kurzem scheint einer seiner Kunden großes Interesse an Kriegsmaterial zu haben. Donavan und ich waren früher in derselben Spezialeinheit der Vereinten Planeten, aber er hat sich vor über 12 Jahren von uns getrennt, erst vor kurzem konnten wir überhaupt herausfinden, dass er hinter dem Waffenschmuggel steckt."

"Was ist mit dir Jason? Was für eine Rolle spielst du?" Mischte sich Hans ein.

"Ich bin Sonderermittler der Vereinten Planeten und bin beauftragt worden, eine Gruppe von Waffenhändlern zu infiltrieren und ihnen das Handwerk zu legen."

"Soll das heißen, ihr habt sechs Jahre Däumchen gedreht und zugeschaut, wie dieses Schwein Waffen verschiebt?"

"Mel, wir hatten keine Grundlage für ein Eingreifen, erst als unsere Gruppe aufzufliegen begann, fingen wir an herauszufinden, dass eine größere Lieferung ansteht. Wir müssen herausfinden, wer es sich leisten kann, fünfzig Blackbirds zu bestellen. Vor wenigen Wochen erst haben wir grünes Licht bekommen, für Abhöreinsätze und Peilwanzen, zwei meiner besten Leute mussten erst sterben, bevor ich die Erlaubnis bekam, zwei Blackbirds auf Potea mit den Sendern zu versehen."

Melissa und Hans bekamen allmählich eine Ahnung, davon, wie schwer es ist im Auftrag der Regierung in verdeckter Mission unterwegs zu sein. Melissa ließ Jasons Arm los und folgte ihm über das gerade gehörte nachdenkend in die inneren Räumlichkeiten des Schlachtkreuzers.

Die Brücke der Masada war nicht gerade riesig, aber beeindruckend, sie lag schräg oberhalb des Zentrums des Schiffes, aber noch zwei Panzerschichten unterhalb der Außenhaut. Es gab keine Fenster, aber dort, wo man den Bug definiert hatte, war ein großes Display und zeigte, was sich in Flugrichtung vor dem Schiff befand.

In diesem Raum war nur das notwendigste für die Navigation untergebracht und man konnte von hier aus auch, direkt auf die Kampfkapazitäten zurückgreifen. Aber hauptsächlich war die Brücke für diejenigen gedacht, die das Kommando hatten und Befehle an die im Kreuzer verteilten Abteilungen gaben und man musste jede einzelne ausschalten, bevor das Schiff handlungsunfähig wurde.

"Gut, dass Sie kommen DeRochelle."

"Admiral." Zum Gruß legte Jason in militärischer Manier die gestreckte Hand an die Schläfe, bis der Admiral ihn erwiderte.

"Ist die Sonde unterwegs?"

"Jawohl Admiral, Sie wird in wenigen Minuten an einem der Ziele festmachen."

"Ich bin zufrieden DeRochelle, sorgen Sie dafür, dass Sie und ihre Gäste für die Beschleunigung vorbereitet werden."

Jason brachte seine Gäste in eine der Mannschaftsunterkünfte und drückte ihnen Spezialunterwäsche in die Hände, welche er dort aus einem der Spinde holte.

"Wenn ihr das anzieht, könnt ihr euch gleich während der Beschleunigung im Schiff bewegen, das Zeug verhindert, dass euch das ganze Blut in die Beine sackt. Aber wenn die Beschleunigung einsetzt, dann solltet ihr besser liegen, sonst haut euch das ungewohnte Gefühl von den Socken. Ich werde später vorbeikommen und euch abholen. Ihr habt ‘ne Dreiviertelstunde."

Jason ließ die beiden allein, und Melissa grinste verlegen, als sie ihren Unterzieher inspizierte.

"Das sieht schlimmer aus, als die Stützstrümpfe meiner Großmutter."

Es war beiden etwas peinlich, sich in Gegenwart des anderen ausziehen zu müssen, aber schließlich steckte jeder in seinem Druckanzug, einer Art Latzhose, die sich selbstständig zusammenzog. Melissa spürte, wie sich das elastische Material an ihren Körper anpasste und enger wurde, bis ihr gar keine andere Wahl mehr blieb, als sich hinzulegen. Schließlich gewöhnten sie sich an die eingeschnürten Beine und Oberkörper und zogen ihre normalen Klamotten darüber, gerade rechtzeitig, mit dem ersten Glockenton lagen sie auf ihren Pritschen und zählten die letzten zehn Sekunden mit.

Die Gruppe von Raumschiffen beschleunigte in die Tiefen des Alls, wobei man darauf achtete, weiterhin den Planeten zwischen sich und Donavan zu behalten, es war schließlich nicht notwendig, dass dieser mitbekam, dass eine kleine Streitmacht vor ihm im Trivar-System ankommen würde.

Hans war der Erste, der es wagte sich vorsichtig aufzurichten, in 2,5 g war das keine leichte Angelegenheit, er musste sich mit aller Kraft abstützen, aber ihm wurde nicht einmal schwindelig, als er schließlich saß. Ohne die Spezialwäsche wäre er wahrscheinlich in Ohnmacht gefallen.

Der konturlose Raum machte Michael langsam wahnsinnig, es gab einfach keinen Ruhepunkt für die Augen, ob die Wände nun einen Meter oder einen Kilometer entfernt waren, es schien völlig egal zu sein.

Und so empfand er es beinahe als wohltuende Abwechslung, als der brutale Kerl die Tür wieder öffnete und ihnen bedeutete, dass er sie in einen anderen Raum bringen würde.

In diesem Raum waren zwei Liegen für sie eingerichtet worden und eine offen stehende Tür führte zu einem Waschraum.

"Hinlegen!" Herrschte ihn der Mann an und drückte Michael auf die Liege, wo er ihn bewegungsunfähig verschnürte, es stand wohl in Kürze der Abflug bevor.

Schließlich ließ man sie wieder allein.

"Hat man dir Weh getan, Daphne?"

"Es geht schon Michael, ich hoffe nur, dass mir der Kerl nicht die Beine abgeschnürt hat."

Michael hätte genickt, wenn er gekonnt hätte, seine Beine fühlten sich schon ganz taub an, ganz abgesehen davon, dass seine Arme zu jucken anfingen und er sich nicht kratzen konnte.

Es fühlte sich befreiend an, als die Beschleunigung sie in die Betten drückte und das Blut wieder leichter zirkulieren konnte.

"Wo glaubst du, fliegen wir hin?"

"Woher soll ich das wissen, Michael?"

"Dieser Donavan will sicherlich seine Blackbirds verscherbeln."

"Ja, natürlich. Er fliegt die Dinger bestimmt nicht zum Vergnügen durch die Gegend."

Die Zeit verging langsamer als sonst, während die beiden bewegungsunfähig in die Liegen gedrückt wurden, aber nach endloser Warterei ließ die Beschleunigung dann doch nach, und die Fesseln lösten sie automatisch. Dankbar begann Michael seine blutleeren Glieder zu massieren und wagte kaum zu hoffen, dass ihre blassblaue Farbe jemals wieder ein natürliches Beige annehmen würde.

Daphne bemühte sich ebenfalls ihren Lebenssaft wieder zum Fließen zu bringen und schien damit sogar schneller Erfolg zu haben.

"Entschuldige bitte, dass ich dich so angefahren habe, dieses eingesperrt sein macht mich gereizt."

"Schon gut." Michael schloss und öffnete wiederholt seine steifen Finger. "Ich werde auch, langsam irre, wenigstens gibt es hier mehr als glatte Wände zum Gegenstarren." Er begann Wände und Möbel zu untersuchen und rüttelte an der Tür, aber diese rührte sich nicht. Im Bad entdeckte er aber einen Kühlschrank mit Getränken, "sehr komfortabel," musste Daphne ihm zustimmen, als er mit zwei kühlen Flaschen Wasser zurückkehrte.

"Will uns dieser Donavan umbringen, oder verwöhnen?"

Michael nahm einen Schluck aus der Flasche. "Ich spüre nichts, kein Gift."

"Das beruhigt mich nicht im Mindesten." Lächelte Daphne zurück, sie saß aufrecht im Bett und massierte ihre Kniescheiben, bevor sie sich dazu durchrang ebenfalls etwas zu trinken, verdursten wollte sie schließlich auch, nicht.

"Steh auf Mel. Is‘ garnich so schlimm."

Hans hielt ihr seine rechte Hand entgegen und stützte sich mit der linken an der Wand ab, es war nicht  leicht aber etwas außer Atem und wackelig auf den Beinen standen sie schließlich neben einander.

"Uh, das ist ein Gefühl, als hätte jemand meine Beine in eine Stahlpresse gepackt."

"Geht mir nicht anders." Es war nicht einfach einen Fuß vor den anderen zu setzen, aber der Druckoverall schien auch, das Skelett zu stützen, und Hans gewöhnte sich allmählich daran, aber es kostete schon Mühe, allein die Arme überhaupt emporzuheben.

Als Jason den Raum betrat lagen sich die beiden in den Armen und versuchten einander vom Hinfallen abzuhalten.

"Ah, ich sehe, ihr macht Fortschritte."

Man leitete die Versetzung an der unteren Grenze des Erlaubten ein. Etwa eine Lichtstunde unterhalb der Ekliptik des Trivar-Systems, stoppte die Gruppe von Marineschiffen und erwartete die Botschaft der Drohne, um dann sofort auf das neue Ziel zustarten zu können. Die ganze Reise hatte weniger als dreieinhalb Tage gedauert.

Es herrschte Schwerelosigkeit, aber auch, in dieser sorgte die neue Unterwäsche, dass sich die Muskeln nicht einfach entspannen konnten, Melissa und Hans bekamen ein paar Magnetstiefel und wenn einem nicht gerade was aus der Hand fiel, konnte man die fehlende Schwerkraft beinahe vergessen.

Aber jetzt begann das Warten, das Trivar-Sonnensystem besaß eine Ausdehnung von rund 7,5 Milliarden Kilometern, bzw. 400 Lichtminuten. Das bedeutet, dass sie von der Ankunft der Drohne spätestens nach der Hälfte dieser Zeit eine Nachricht bekommen würden. 3 Stunden und 40 Minuten und keine Ahnung, wie lange Donavan mit seinen Schiffen brauchen würde, um im System einzutreffen. Das Warten begann.

Die Schwerelosigkeit begann schnell ihren Reiz zu verlieren, am Anfang machte es Spaß nach herumfliegendem Essen zu schnappen, oder Getränketropfen aus der Luft zu saugen, aber oft musste man sich danach frische Kleider anziehen. Auch das Schlafen hatte seine Haken, man musste sich anschnallen, um nicht abzutreiben.

Es war der zweite Tag, Melissa beobachtete ihr Uhr, die in 0 g partout nicht laufen wollte, vorsichtig hatte sie den mechanischen Zeitmesser angestoßen und jetzt schien das Ding nicht mehr aufhören zu wollen, sich zu drehen.

Sie saßen zusammen mit Jason im unbenutzten Konferenzraum, als die Meldung über den Lautsprecher kam.

"DeRochelle, wir haben ihre Sonde, auf Parabelkurs in Richtung Gasriese Anekowa. Melden Sie sich auf der Brücke."

"Wollt ihr mit?"

Da konnten Melissa und Hans natürlich nicht widerstehen, mit einer raschen Bewegung griff sich Melissa ihre Uhr aus der Luft und folgte den beiden Männern so schnell es eben mit Magnetstiefeln ging in Richtung Brücke.

Der Admiral schaute dort gerade dem Radaroffizier über die Schulter, aber das Bild an der Frontseite war erheblich plastischer, als die bunten Punkte auf dem Radarschirm. Auf der Leinwand sah man das komplette Sonnensystem, stark im Maßstab verzerrt, aber um so anschaulicher war dort die projizierte Flugbahn der Drohne aufgezeichnet.

"Aktuelle Kursvorhersage: Alkahira, dritter Mond des Gasriesen Anekowa, Sicherheit von 67% steigend."

"Danke." Es klang aus dem Munde des Admirals wie ein Befehl, dann wandte er sich den Zivilisten auf der Brücke zu. "Der Rest liegt jetzt in ihrer Hand, DeRochelle. Was können wir für Sie tun." Es war deutlich, dass es ihm nicht leicht fiel, sein Kommando an einen Zivilisten abzugeben.

"Bringen Sie uns bitte außer Sicht des Zieles in das Ringsystem von Anekowa, dort werden wir Warten."

"Wie Sie wünschen. Wir werden dann den Kontakt zur Drohne verlieren."

Jason wandte sich an den Radarbediener. "Wie ist die Kurssicherheit?"

"77% steigend, Sir."

"Hm," er überlegte eine Weile. "Können wir das Signal über einen der zivilen Kommunikationssatelliten verfolgen?" "Der Funker gab, ohne einen Befehl vom Admiral abzuwarten, Antwort: "Ja Sir, aber wir müssen dann fünf statt drei Stunden auf die Signale warten."

"Machen Sie es so, Navigator, bringen Sie uns in die Ringe."

"Jawohl, Sir." Echote es ihm zweimal entgegen.

Die wieder einsetzende Beschleunigung verursachte ein mulmiges Gefühl in Melissas Magen, sie hatte den Verdacht sich gleich übergeben zu müssen, aber es ging vorbei. Ein einzelner Versatz brachte die Gruppe von Schlachtschiffen zwei Lichtstunden dichter ans Ziel, das war natürlich nicht leicht, so dicht bei planetaren Massen, aber für die hervorragend ausgebildete Crew war es nur ein kleiner Trick aus ihrem Repertoire. Einige Stunden danach kreisten die drei Raumschiffe mit millionen Gesteinsbrocken, um den rotorangen Gasriesen und erhielten, einen gut getarnten Blick auf den Eismond Alkahira. Vor Jahrzehnten war dort einmal eine Forschungsbasis gewesen, aber als das Geld für das Forschungsprojekt auslief, hatte man sie verfallen lassen. Donavan hatte sich den Komplex, wie es schien, unter den Nagel gerissen.

Jason ließ sich die Pläne dieser Anlage zeigen, veraltet natürlich, aber besser als gar kein Plan, Melissa sah die Spannung in seinem Gesicht, und sie lag richtig, als sie vermutete, dass Jason die Basis stürmen würde, bevor Donavan eintraf.

"Fangen Sie Funksignale von der Station auf?" Wandte sich Jason an den Kommunikationsoffizier.

"Nein, Sir. Kein Funkverkehr, die Ziele werden in fünf Stunden den Schatten Anekowas verlassen."

"Gut. Admiral, ich möchte zwei Dropships, mit im Boden und Häuserkampf erfahrenen Leuten."

"Bekommen Sie, DeRochelle. In 15 Minuten stehen die Shuttle bereit."

Er gab die Befehle rasch an seine Männer weiter und wartete interessiert beobachtend, was der Zivilist unternehmen würde, bisher gab er sich recht kompetent. Es war durchaus nicht sicher, ob dort unten überhaupt jemand zu finden sein würde. Aber es handelte sich um eine recht große Anlage, und man sollte annehmen, dass dieser Donavan seiner Mannschaft auch, erlauben musste, sich hin und wieder die Füße am Boden eines Planeten zu vertreten. Diese Forschungsstation schien dafür durchaus geeignet. Sie war strategisch günstig, aber nicht auffällig gelegen, aber es würde einiges an Kapital hineingeflossen sein, um daraus einen ordentlichen Unterschlupf zu machen.

"Gibt es Radar, oder Satelliten?"

"Darüber haben wir noch keine Information, Sir. Es wäre möglich einen Aufklärer loszuschicken."

"Das sollte schon geschehen sein!" wurde der Nachrichtenoffizier vom Admiral grob zurechtgewiesen.

"Jawohl Sir. Eine Sonde ist unterwegs."

Es dauerte nur Minuten, bis die auf die passive Registratur von Radarstrahlen spezialisierte Sonde ihre Daten an den Schlachtkreuzer schickte. Tatsächlich war die Oberfläche des Mondes in einem regelmäßigen Muster von Radaranlagen überwacht, aber es gab Löcher in der Radarüberwachung, an den Polen von Alkahira sollte es für die Dropship möglich sein, unter das Überwachungsnetz zu schlüpfen. Dann versiegte das Signal des Aufklärers.

"Was ist passiert?"

"Ein Laser, nach der Zerstörungscharakteristik, Sir. Die Sonde befand sich, wie es aussieht, länger als fünf Sekunden in einem der Überwachungssektoren."

"Das würde heißen, wir müssten am Pol raus und rein, oder die Anlage zerstören."

"Ich sehe das Problem dabei nicht, DeRochelle. Sie fliegen rein, warten auf diesen Donavan, setzen ihn fest, wir machen ihnen einen Korridor frei und holen sie raus."

"Danke Admiral, das hatte ich von Ihnen erwartet."

Das Heben der Mundwinkel des Admirals muss ein Lächeln gewesen sein, dachte Melissa bei sich, die der Unterhaltung aufmerksam gefolgt war. Aber bei diesem Nywel war es schwer ein Lächeln von einem Zähnefletschen zu unterscheiden, Nywel sahen eigentlich immer so aus, als wollten sie einem die Kehle herausreißen, egal wie freundlich manche seien konnten.

"Was ist mit uns, können wir mitkommen?" Wandte sie sich schließlich an Jason.

"Nein, ich werde gehen, das ist gefährlich."

Als Jason verschwunden war, erlaubte der Admiral den beiden Gästen großzügig auf der Brücke zu bleiben, um die Mission ihres Freundes an den Monitoren zu verfolgen.

Unbemerkt schienen die Shuttle unter das Radarnetz zu schlüpfen und näherten sich, einen infraroten Laserstrahl in die Ringe des Gasriesen schickend, der Forschungsstation im ewigen Eis. Über diese Richtverbindung klärte Jason die Zurückgebliebenen in unregelmäßigen Abständen über den Fortgang des Einsatzes auf.

In Melissas Augen dauerte es viel zu lange und die beiden Punkte, die die Schlachtschiffe Donavans auf dem Hauptbildschirm darstellten, rückten unweigerlich näher.

Es war eine halbe Stunde, bevor die Zielobjekte den Schatten des Planeten verließen, als Jason meldete, dass seine Shuttle gerade außer Sichtweite des Labors gelandet sein, und dass sie jetzt versuchen würden, unbemerkt in die Basis einzudringen. Das war die letzte Meldung, die Jason ihnen auf der Laserverbindung zukommen lassen konnte.

Michael war noch immer dabei Löcher in die Decke zu starren, während des Wendemanövers waren sie wieder auf ihre Betten geschnallt worden, das war ein deutliches Zeichen, dass die Reise bald zu Ende sein würde. Aber er und Daphne waren von der Warterei frustriert, und die Tage, schleppten sich träge dahin.

"Ich wünschte, es würde irgendetwas passieren", flüsterte Daphne, als hätte sie Bedenken, sie könnte böse Geister heraufbeschwören, wenn sie lauter redete.

"Ja, ich auch, ", stimmte Michael ihr, ohne nachdenken zu müssen zu, dieses Nichtstun war das schlimmste. Hin und wieder hatte er Daphne bei ihren Dehnungsübungen geholfen, aber das nahm auch, nicht mehr als eine Stunde in Anspruch, und Michael erschrak jedes mal, wenn eines der eingerosteten Gelenke protestierte, das brachte Daphne gelegentlich, zum Lächeln. Sonst herrschte Langeweile.

Dann stand plötzlich wieder dieser Typ in der Tür. "Donavan will euch sehen!"  Und schubste Michael vor sich her, den Gang hinunter.

Diesmal wurden sie aber nicht in das Konferenzzimmer gebracht, sondern auf die Brücke.

Donavan stand breitbeinig an der Reling, von wo aus er zu seinen Untergebenen hinabschauen konnte, und gab gelegentlich Befehle, er ignorierte seine Gäste, einige Sekunden. Bis Daphne ihn wütend anfuhr.

"Was geht jetzt schon wieder in Ihrem verfluchten Gehirn vor! Was?"

Er drehte sich betont langsam um, das machte Daphne erst richtig wütend, ihre Fingernägel bohrten sich in das Gummiprofil der Reifen, bis sich ihr Nagelbett weiß verfärbte und dabei starrte sie Donavan unerschrocken ins Gesicht.

"Ich habe in den letzten Tagen über einiges nachgedacht. Ich will, dass ihr meine Handlungen versteht."

"Wir verstehen Sie sehr gut." Keifte sie ihn an. "Sie haben unsere Freunde angegriffen und misshandelt."

"Nein, ihr versteht mich nicht. Ich war ziemlich aufgebracht, als DeRochelle eines meiner teuren U-Boote abgeschossen hat."

"Sie haben doch angegriffen", warf Michael überrascht ein.

"Nein Junge, DeRochelle Boot hat den ersten Schuss abgefeuert. Meine Leute haben sich verteidigt.

Das nahm Daphne einen Augenblick den Wind aus den Segeln. "Ich verstehe nicht!"

"Meine Schiffe waren unterwegs, zu DeRochelle, als sie das Schnellboot entdeckten und beschlossen es zu begleiten, der Kapitän dieser Isumúya hat das möglicherweise als Angriff interpretiert, meine Schiffe haben sich verteidigt." Er machte eine Pause und wartete auf eine Reaktion.

"Was wollte Sie von meinem Vater?"

"Einen Waffenstillstand aushandeln, dein Vater, Jason verfolgt mich seit sechs Jahren. Nun das ist sein Problem, wenn ihm nicht gefällt, wie ich mein Geld verdiene. Aber er hat nicht alle Informationen, kann sie nicht haben, sonst würde er anders handeln. Ich dachte, ein Waffenstillstand wäre an der Zeit."

"Warum erzählen Sie uns das?"

"Zum einen habe ich bisher keine Spur von deinem Vater hier entdecken können." Er deutete auf die Monitore vor ihnen. "Das heißt, ich muss mein Versprechen halten und euch gehen lassen." Er machte eine von seinen Pausen und fuhr dann fort. "Aber da ist eine andere Sache, ich denke, man will deinen Vater und mich gegeneinander ausspielen."

"Was?" Michael fiel die Kinnlade herunter, das wurde ja immer wahnsinniger. Daphne macht den Mund auf, um ihm irgendetwas Unfreundliches an den Kopf zu werfen, aber Donavan ließ sie nicht zu Wort kommen.

"Nein, sei ruhig und hör zu!" Seine Stimme war drohend kalt. "Dein Vater würde noch immer ohne einen blassen Schimmer meine Container durch den Urwald tragen, ich habe da meine Quellen. Einer meiner Partner glaubt, mich nicht mehr zu brauchen. Er hat Kontakte, die es ihm ermöglichen Jason gegen mich einzusetzen." Es klang beinahe so, als würde er es bedauern. "Das ist es, was du ihm ausrichten wirst."

"Was soll das heißen?"

"Unwichtig, ich kümmere mich darum. Jason soll auf sich aufpassen, sag ihm das."

Daphne nickte, aber sie war, weiß Gott, nicht überzeugt, das alles hörte sich in ihren Ohren doch sehr weit hergeholt an, aber andererseits, vielleicht war gerade deshalb etwas dran an der Geschichte.

"Bring' die Kinder zurück, Nathan."

Endlich hatte der brutale Kerl einen Namen, aber das ließ ihn nicht sanfter werden mehr schleifend als gehend wurde Michael in das Gefängnis zurückgebracht, Daphne folgte kurz dahinter.

"Dann ist das wohl bald vorbei."

"Ja, Michael, das wurde auch, Zeit."

"Glaubst du, was er gesagt hat?"

"Weiß ich nicht, ich muss erst nochmal drüber nachdenken, findest du das plausibel?" Flüsterte das Mädchen nachdenklich.

Michael zuckte mit den Achseln und ließ sich auf seine Liege fallen.

"Ich bin mir über so gut wie gar nichts mehr sicher."

"Was passiert da jetzt?" Fragte Melissa, auf dem Schirm waren nur abstrakte Zeichen zu sehen, das sagte ihr nichts, Zahlen und Vektoren, wo blieben da die Menschen, die die Mission durchführten.

"Donavans Schiffe befinden sich jetzt in einem Orbit um Alkahira, er wird in Kürze landen." Erläuterte der Admiral und trat neben die junge Frau, die Laserkanonen waren auf die verschiedenen Radaranlagen gerichtet und im Moment gab es für den alten Krieger, der noch nie ein Schlachtfeld betreten hatte, nichts mehr zu tun.

"Können Sie uns ein besseres Bild geben?" Wandte er sich an den Aufklärungsoffizier.

"Unsere Teleskope geben nicht mehr her, aber wir können unsere Bildverarbeitung mit derjenigen der Korvetten koppeln, wenn Sie es wünschen Admiral."

"Machen Sie es!"

Die beiden verschwommenen Silhouetten klärten etwas auf, aber Details waren trotzdem nicht zu erkennen, erahnen konnte man verschiedene Schatten auf der hellen Oberfläche der Schiffe, aber ohne aktive Aufklärung war das nicht zu bestimmen, sie hielten sich bedeckt.

"Zwei Schiffe bewegen sich auf den Mond zu, Admiral."

"Spielen Sie das mit ein." Wohl wissend, dass die Infrarotkameras den Abgasstrahl aufgefasst hatten.

Sofort erschienen zwei rote Punkte dicht bei den Schlachtschiffen, die sich kaum von dem Methaneis des Mondes abhoben. Sie hatten Glück, dass ihnen die Sonne im Rücken stand, sonst wäre gar nichts im optischen Bereich zu sehen gewesen, so verdeckte der Schatten des Gasriesen nur knapp ein Drittel von Alkahira. Die Raumschiffe drangen jetzt in diesen Schatten ein, unbeirrbar auf den kleinen grünen Kreis zu, der die Forschungsbasis markierte, in der Jason mit seinem Hinterhalt auf die nichts ahnenden Ankömmlinge wartete.

Doch in genau diesem Moment schob sich ein mittlerer Zerstörer am Horizont des Gasriesen vorbei. Der mit hoher Geschwindigkeit den Raum zwischen den Schiffen des Admirals und dem Mond passieren würde.

"Identifizierung!" Verlangte das Nywel brüsk. "Waffen scharf machen."

"Ohne ID. Alle Torpedoluken offen", meldete die Aufklärung. "Vermutlich Angriff der Zielobjekte eins und zwei." Alles ging so schnell, dass Melissa kaum Zeit hatte, zu realisieren, was da eigentlich los war. Das Team des Admirals aber handelte automatisch, wie es in vielen Trainingseinsetzen geübt worden war. Die Handlungen und Befehle die jetzt in strenger Reihenfolge ausgeführt wurden waren von reflexartiger Geschwindigkeit, eine tödliche Maschinerie, die von den teueren Kampfcomputern an Bord unterstützt wurde. Als Melissa endlich klar war, dass Jasons Schiffe von einem Unbekannten angegriffen wurden, hatte das Schlachtschiff des Admirals schon die ersten eigenen Torpedos auf die sich nähernde Bedrohung abgefeuert.

Dann tauchten die beiden Raumschiffe wieder auf, sie mussten von dem Angriff unterrichtet worden sein und hatten die Landung abgebrochen.

"Hier ist Jason DeRochelle." Er war hörbar außer Atem. "Donavan ist uns entkommen, zerstören Sie die Radaranlagen, wir müssen versuchen, ihn zu erwischen." Jason wusste noch gar nichts von dem Schlachtschiff, das in diesem Moment eine Kaskade von Torpedos abschoss.

"Zwei Geschütze für Jason." Brüllte der Admiral. "Die anderen auf die Torpedos, es sind noch Zivilisten an Bord der Zwei." Damit war das zweite Schlachtschiff Donavans gemeint. Melissas Magen krampfte sich zusammen Michael und Daphne waren da noch drin. Im selben Moment begannen die ultravioletten Laserstrahlen unsichtbar die Distanz zwischen dem Ringsystem Anekowas und dem kleinen Mond zu überbrücken, unsichtbar, bis sie Sekunden später anfingen die Atmosphäre des Mondes zu ionisieren, das Blau kam von den zerlegten Methanmolekülen und Rot von ionisiertem Wasserstoff. Zusammen ergab das ein ungewöhnliches Grüngelb, das sekundenlang die Atmosphäre des Mondes erhellte. Dann gab es drei kleine Explosionen auf der Oberfläche, das Radarnetz hatte ein klaffendes Loch.

Die Dropship starteten beinahe sofort danach, aber sie waren für rasche Landungen ausgelegt und nicht für Verfolgungsjagden, während der Admiral seine Schiffe aus der Deckung manövrieren ließ, verloren sie allmählich den Wettlauf.

"Admiral, wir können die Torpedos nicht mit dem Laser erfassen. Chaotische Trajektorie." Das hieß, die Geschosse wechselten sprunghaft den Kurs, sodass die Zielverfolgung und Vorausberechnung nicht funktionierte.

"Abfangraketen." Befahl der Admiral nur noch der Form halber, die Geschosse verließen den Rumpf des Schiffes in schneller Folge aber Melissa konnte auf dem Monitor schon sehen, dass sie viel zu langsam aufholten.

Kurze Zeit, nachdem Donavans Shuttle auf seinem Schiff gelandet war, musste Jason aufgeben, eines seiner Dropships kehrte zur Oberfläche des Mondes zurück, das andere blieb hilflos außer Schussweite, der Schlachtschiffe. "Bringen Sie uns hin." Befahl der Admiral an seinen Navigator gewandt, aber es dauerte, bis die Triebwerke wieder auf volle Leistung kamen, nachdem sie abgeschaltet worden waren, um nicht an der Wärmestrahlung erkannt zu werden.

Auch die Schiffe Jasons leiteten Abwehrmaßnahmen ein, ein halbes Dutzend kleiner Raketen dann nochmal, aber als die Raketen bei den Torpedos explodierten, blieben nur zwei der feindlichen Geschosse auf der Strecke, acht waren noch immer unbeirrt auf Kurs. Sekunden später schlugen drei in das Objekt eins ein, die fünf andern in das Schiff Nummer zwei.

Eine Reihe von Shuttles verließ eines der Schlachtschiffe, und es begann Melissa mit grausen aufzugehen, was da passierte, als der Aufklärer nüchtern meldete: "Dieses Schiff zeigt keine Antriebsfunktion mehr, Admiral. Es wird abstürzen. Man ist dabei die Mannschaft zu evakuieren"

"Bringen Sie uns hin, wir müssen die Kinder retten."

Hans bekam nicht mehr mit, was der Navigator darauf antwortete, er hatte sich schon Melissa geschnappt und rannte mit ihr in Richtung Hangar. Die Ionenantriebe der Schlachtschiffe würden einige Zeit brauchen, um warm zu werden. Aber Anaconda braucht nicht so viel Zeit, mit ihr war es vielleicht möglich das abstürzende Schiff rechtzeitig zu erreichen.

Es herrschte noch immer Schwerelosigkeit und es war kaum möglich so schnell voranzukommen, wie Hans das wollte, er verhedderte sich zwei mal mit den schweren Stiefeln, aber sie schafften es bis zum Hangar.

"Mach dich sofort startklar Anaconda." Brüllte Hans, außer Atem.

"Positiv, Hans. Ich bin startklar."

Die Luken standen offen, und Hans schob Melissa auf die Sitzbank, wo diese erst einmal nach Luft schnappte.

"Bring´ uns hier raus, zum Mond."

"Alkahira, Hans?"

"Ja, schnell!"

Der Spacespeedster schloss die Luken und zündete die Raketen, noch bevor die Luke versiegelt war.

Hans kämpfte sich, in dem sich auf die Schleuse zudrehenden Schiff, zum Cockpit und ließ sich in den Sessel fallen, Melissa folgte gleich hinterher, sie hatte gerade noch Zeit ihren Gurt zu schließen, als Anaconda beschleunigte. Trotz der Spezialunterwäsche, verlor sie bei der Beschleunigung beinahe das Bewusstsein, ihr Gesichtsfeld verengte sich zusehends zu dem charakteristischen Tunnelblick kurz vor dem K.O. aber das gab sich, als ihr Unterleib weiter eingeschnürt wurde, ihre Beine begannen zu kribbeln.

"Was passiert da?" Fragte sie, noch nicht wieder in der Lage selbst auf den Monitor zu sehen, sie versuchte Luft zu holen, langsam und gleichmäßig.

"Das Schlachtschiff wird in zehn Minuten die Gashülle des Mondes treffen." Beschrieb Hans kurz die Angaben auf dem Bildschirm, auch, er hatte kurze Zeit mit der Bewusstlosigkeit kämpfen müssen. "Anaconda, wie lange?"

"Ich erreiche das Ziel in sechs Minuten, nach meiner Analyse haben Sie dann 10 Minuten plusminus 3, bevor die Reibung ein Verlassen des Schiffes unmöglich macht."

"Kommst du an den Computer des Schiffes?"

"Positiv, Melissa."

"Versuch die Triebwerke zu starten!" Melissa war wieder klar im Kopf und die Gedanken rasten.

"Negativ, Melissa. Ich kann kein Triebwerk lokalisieren, der Computer muss zerstört sein."

"Kannst du feststellen, wo sich Michael und Daphne befinden?"

"Positiv, Melissa. Prüfe Lebenserhaltung. Ein verschlossener Raum, zwei Etagen oberhalb des Hangars. Die Lebenserhaltung wird in einer Stunde versagen." Das war natürlich völlig egal, in einer Stunde war das Schlachtschiff ein Krater in der Eiswüste Alkahiras.

"Kannst du sie rausholen."

"Negativ, Melissa. Die Elektronik im Schiff versagt. Aber ein Dropship ist kurz vor der Schleuse und versucht vergeblich, diese zu öffnen."

"Das ist Jason, lass ihn rein, Anaconda!" Schrie Hans aufgeregt.

"Positiv, Hans. Entschlüssele den Code. Öffne Schleuse. Darf ich vorschlagen, die Besatzung des Shuttles zu Daphne und Michael zu führen."

"Ja, mach schon!"

"So schnell es eben geht, Hans. Aktiviere fremde Bordsprechanlage."

Es dauerte Melissa viel zu lange, bis der Spacespeedster selbst durch die Schleuse schlüpfte, aber schließlich landeten sie im Inneren des abstürzenden Schiffes. Die dünne Atmosphäre aus Methan und anderen Spurengasen, die ihre Ausläufer bis in diese Höhe streckte, begann das Schlachtschiff durchzuschütteln.

Fünf schwere Erschütterungen folgten kurz hintereinander, dann ebenso viele Explosionen. Das Licht flackerte kurz, dann sprangen Notstromaggregate ein. Dann war wieder alles ruhig. Michael und Daphne klammerten sich an ihre Betten, die geringe Schwerkraft, die sie vorher noch gespürt hatten, war verschwunden.

"Was war das?" Wollte Michael wissen.

"Explosionen? Ich glaube, wir sind angegriffen worden. Sie war einen Augenblick ruhig und lauschte.

"Hörst du das, Michael?" Fragte Daphne ängstlich, als nach einigen Sekunden nichts mehr zu hören war.

"Nein, ich hör nichts."

"Das ist es doch gerade, das Triebwerksgeräusch ist weg."

Michael hangelte sich vorsichtig zu Daphne hinüber, jetzt den Halt zu verlieren hieß, unkontrolliert in dem Zimmer herumzufliegen.

"Und was heißt das?"

"Wir stürzen auf den Mond", überlegte Daphne, aber das Gefühl in ihrer Magengegend wurde mit verstreichender Zeit unruhiger. Wollte man ihnen nicht sagen, was da los war.

"Das gefällt mir nicht!" flüsterte Daphne. Das Schiff vibrierte, aber das war kein Geräusch, wie es Ionentriebwerke verursachten.

"Was ist das?"

"Die Atmosphäre." Hauchte das Mädchen.

"Wir werden sterben!"

Damit lag Michael gar nicht so verkehrt, dachte Daphne. Sie überlegte, was zu tun blieb, aber da war nichts, sie hatten sich schon sechs mal an der Tür versucht, keine Chance.

"Hast du Angst?" fragte sie leise.

"Ja, natürlich fürchte ich mich. Wir sterben, macht dir das nichts aus?" Er war nicht in Panik, aber seine Hände zitterten.

"Doch, ich fürchte mich auch, vor dem Tod." Aber Daphne war ganz ruhig, ihre Bedenken galten nicht dem Sterben, sondern dem, was danach kam. Es war nicht die Furcht vor einem schrecklichen unabwendbaren Ereignis, sondern eher eine unbestimmte Angst, dass dahinter nichts seien könnte, leere, dass es einfach vorbei wäre und dann nichts mehr. "Ich habe Angst", fügte das Mädchen nach einer Pause hinzu. "Komm bitte zu mir, Michael. Halt mich!"

Sie hielten sich in den Armen, lange Minuten verstrichen, ohne dass sie ein Wort wechselten. Daphne flüsterte ein Gebet, ihre Mutter hatte es ihr beigebracht, die Worte gaben ihnen Trost, auch, wenn Michael nie religiös gewesen war, die Schwingungen wurden stärker, man spürte sie schon beinahe. Und das Schiff bohrte sich unaufhaltsam tiefer in die dünne Atmosphäre des Mondes.

Schließlich öffnete sich die Tür, die beiden verängstigten  Jugendlichen wunderten sich nicht schlecht, als plötzlich Daphnes Vater in der Tür stand, mit Magnetstiefeln an den Füßen stapfte er auf die beiden zu.

Daphne wischte sich über die Augen: "Papa, was ..."

"Wir müssen hier sofort raus", unterbrach Jason seine Tochter.

Er klemmte sich die beiden in der Schwerelosigkeit hilflosen Jugendlichen unter die Arme und machte sich auf den Rückweg.

"Wie kommst du hierher?"

"Ein irres Raumschiff hat mir den Weg über die Bordsprechanlage gewiesen." Und stiefelte mit langen Schritten den Gang hinunter. Der Fahrstuhl war nur ein tiefes Loch, in diesem Schiff bewegte sich nichts mehr, dass die Deckenbeleuchtung noch nicht versagt hatte, war alles.

"Wo ist Jason? Anaconda!"

Drei Jagdraumschiffe standen noch verlassen in der Abflughalle, sonst war außer dem Shuttle neben Anaconda kein weiteres Schiff mehr hier, alles schien leer und verlassen. Als sie gelandet waren, wären sie fast noch mit einem der fliehenden Schiffe kollidiert, aber Anaconda war gerade noch rechtzeitig ausgewichen.

"Ich gehe davon aus, dass Sie damit die Person meinen, die ich zu den Zielobjekten geführt habe. Die Lebenserhaltung hat drei Personen im Fahrstuhlschacht ..."

Aber Melissa und Hans waren schon unterwegs. Melissa hatte zwar vergessen, wie das Schiff aufgebaut war, Hans hingegen machte sich zielsicher auf den Weg zum Fahrstuhl, und die junge Frau hatte trotz ihrer langen Beine Probleme, ihm zu folgen. Sie hatte sich noch nicht an die ungewohnte Fortbewegung mit den Magnetstiefeln gewöhnt.

Die Spuren an den offenen Türen zeigten, dass dieser mit Gewalt geöffnet worden war, ein dunkles Loch gähnte vor ihnen. Aber von da, wo früher mal oben gewesen war hörten sie Geräusche, jemand kam ihnen entgegen.

"Warum seid ihr hier?" Fragte Jason kurz, überrascht.

"Weil du das nicht allein schaffst", mit einem Tritt stieß sich Hans von einer Türzarge ab und gab der treibenden Gruppe einen erneuten Impuls, das schien sogar schneller zu gehen, als einen Fuß vor den andern zu setzen.

Was Hans gesagt hatte, entsprach zwar nicht ganz den Tatsachen aber darauf kam es im Moment auch, nicht an. Für das Dropship hätte das Gas um das Schiff herum auch, doppelt so heiß sein können, es war schließlich dafür ausgelegt, einen heißen Wiedereintritt unter Höchstgeschwindigkeit zu überstehen.

Aber für Anacondas Keramikhülle bestand bei der dünnen Atmosphäre auf dem Mond ebenfalls keine Gefahr, dafür war das Schiff schneller, wenn es an den Aufstieg ging, und das war wieder ein Vorteil, den man in einem abstürzenden Raumschiff nicht vernachlässigen sollte.

Es war schwer in der langsam wachsenden Gravitation voranzukommen. Von Tür zu Tür stieß sich die Gruppe vorwärts und erreichte schließlich den Hangar. Hier mussten sie sich auf ihren Füßen fortbewegen, der Hangar war zu weitläufig, um sich hier treiben zu lassen.

"Wie hat Donavan euch behandelt?"

"Den Umständen entsprechend, würde ich sagen", antwortete Daphne ihrem Vater. "Ich glaube, er wollte uns gar nichts antun, er schien eher daran interessiert mit dir zu reden. Ich glaube es hat was mit der Unterhaltung zu tun, die Hans und Melissa mit angehört haben", fügte das Mädchen kurz hinzu, aber Jason war mit den Gedanken schon wieder woanders.

"Welche Unterhaltung." Sie kamen viel zu langsam voran, schnell setzte Jason einen Fuß vor den anderen, dicht gefolgt von Mel und Hans. Er hatte eigentlich wenig Interesse sich jetzt noch um etwas anders zu kümmern als um ihre Flucht von diesem Raumschiff.

"Auf Situkubwa haben wir gehört, wie sich Donavan mit jemandem unterhalten hat", fügte Melissa hinzu. Sie hatte weniger Übung mit diesen magnetischen Stiefeln kam aber ganz gut vorwärts, Hans folgte gleich hinterher und fuhr fort: "Er hatte wie's schien Ärger mit einem seiner Kunden, der ihm das Geschäft versauen wollte."

"So was kommt vor." Nickte Jason und schaute zwischen seinem Dropship und dem Speedster hin und her. "Welches Schiff nehmen wir?" wandte er sich schnell an Hans und warf einen Blick auf den unregistrierten Prototypen.

"Wir werden unser Schiff nehmen", bestimmte Hans schnell und musste Grinsen als er Jason in die Augen sah, diesem Speedster konnte man einfach nicht widerstehen, er hatte beinahe etwas Magisches an sich.

Sie wollten gerade durch die Seitenluke steigen, als sich eine heisere Stimme hinter ihnen zu Wort meldete. "Ich werde Sie jetzt töten müssen!"

Ein stechender Schmerz fuhr durch Melissas Herz, kalter Schweiß trat auf ihre Stirn, Ihr Gehirn versuchte noch eine Frage zu formulieren, aber ihre Stimmbänder machten schon nicht mehr mit, dann wurde es dunkel vor ihren Augen, sie verlor das Bewusstsein.

Michaels Herz machte einen erschreckten Satz und dann keinen mehr. Es schien ihm, als würde ihm ein Messer den Brustkorb aufreißen. Ein gleißendes Licht explodierte in seinem Kopf, sein Atem setzte aus und dann war Stille, ein seltsamer Frieden, eine Art von Freiheit, dann nichts.

Daphne fühlte sich wie gefoltert, als ob jemand ihren Brustkorb aufreißen würde, es wurde Dunkel. Dann ein Licht und kurz bevor ihr Bewusstsein erlosch hatte sie das Gefühl sie hätte einen Krampf im Bein, aber das war unmöglich.

Es klopfte als wolle es zerspringen, das Herz raste unkontrolliert und setzte dann mit einem Stechen in Hans Brust aus, ein helles Licht verschlang erst seine Gedanken, dann blendete es die Augen. Dann war Dunkelheit.

11. Kapitel Jason