23. Kapitel: Flucht

Befreiung

"Sekundäre Detonationen in Triebwerkssektionen Alpha und Gamma", schrie plötzlich der Bordingenieur auf, einen zweiten Zünder in den Raketen hatte niemand erwartet.

"Schaden?"

"Totalverluste, Schäden in Sektion Beta."

Damit blieb ihnen von den ehemals sechs Antriebsaggregaten nur noch vier übrig, von denen eines mehr oder minder schwer beschädigt war.

"Drosselung auf drei g", mußte der Navigator zugeben, wenn das so weiter ging, würden sie dieses Verfluchte System nie verlassen. Hans schaute sich um, im Kommandostand war es noch zu keinen Schäden gekommen, aber mit einer so geringen Beschleunigung würde man ihnen bald weitere Raketen schicken können, vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen mit Donavan zu gehen. Aber welche Wahl hatten sie schon gehabt, es war müßig darüber nachzugrübeln, er wünschte er könnte etwas unternehmen, um ihre Situation zu verbessern, aber im Moment war das nicht drin. An die Liege gefesselt, mußten sie auf das Können und das Geschick von Donavans Mannschaft vertrauen.

"Beta wird Heiß, Sir. Wir müssen Drosseln."

"Negativ, Sie Schalten erst ab, wenn es uns um die Ohren fliegt. Ist das Klar."

"Jawohl Sir."

"Radar?"

"Keine weiteren Kontakte, zwei Stunden bis zum Verlassen der Reichweite."

Und mit jedem Triebwerk, das sie verloren blieb den anderen mehr Zeit ihnen weitere Raketen auf den Hals zu hetzen.

"Absprengen der zerstörten Triebwerke. Ich will nicht noch von einer dritten Detonation überrascht werden."

"Absprengung in zwei Sekunden", meldete der Bordingenieur. "Abgestoßen!"

Ein Ruck ging durch das Jagdboot als die beiden Triebwerkssektionen davongeschleudert wurden, und einige Sekunden später detonierten die Düsen im heißen Ionenbombardement der vier verbliebenen Triebwerke. Vielleicht täuschte das die Radarsysteme der Feinde für ein paar Augenblicke, nur genug, um wieder einige Kilometer weiter in Richtung Sicherheit zu entkommen. Das heiße Plasma der detonierten Düsen rüttelte das Jagdboot kurz durch, dann war alles wieder ruhig.

Es folgten keine weiteren Raketen, vielleicht hatte man da unten keine Zeit mehr, sich um sie zu kümmern, vielleicht war man der Meinung sie seinen zerstört worden, was auch immer, es war nicht wichtig. Sie erreichten die sichere Geschwindigkeit bei der sie keine Rakete mehr einzuholen vermochte.

"Drosseln Sie Beta."

"Keine Reaktion Sir, die Kontrollen müssen beschädigt worden sein."

"Scheiße. Zustand."

"Unkritisch, leichte Überhitzung."

"Sie sprengen Beta ab, sobald der Zustand gefährlich wird." Befahl Donavan kurz. Sie hatten verdammtes Glück, daß Jagdboote in ihrer modularen Bauweise fast vollständig zerlegt werden konnten.

"Jawohl Sir."

"Wann erreichen wir die Entsatzdistanz?"

"10 Stunden dreißig Minuten."

"Gut dann gehen wir in zwei Stunden, sobald wir außer Reichweite sind, für dreißig Minuten auf ein g."

"Jawohl Sir."

Es waren lange zwei Stunden, in denen kaum mehr als unbedingt nötig gesprochen wurde. Die Atmosphäre in dem beschädigten Jagdboot war angespannt, einen weiteren Zwischenfall würde das Raumschiff sicher nicht mehr überstehen und Melissa mußte daran denken, daß nur eine der Raketen auch hier vorne hätte einschlagen können, dann wären sie jetzt alle Tod gewesen.

Aber in diesen langen zwei Stunden, die sie flachgedrückt auf ihren Liegesesseln verbringen mußten verhielt sich alles ruhig, das Triebwerk flog ihnen nicht um die Ohren, noch nicht zumindest, und es erfolgten auch keine weiteren Angriffe. Womöglich dachte man da unten, im Kampfgetümmel von Santiago, daß sie schon längst explodiert seien, oder man maß ihnen keine Bedeutung zu. Wie gut, daß sie nicht wußten, daß sie zu den Vereinten Planeten flogen, die diesem Wahnsinn endlich ein Ende bereiten würden.

"Drosseln Sie die Triebwerke auf ein g", befahl Donavan schließlich als sie keine Rakete mehr erreichen konnte. Wofür Melissa diesem Mann sogar dankbar war, über Stunden mit mehrfacher Erdbeschleunigung in die Kissen gedrückt zu werden, konnte auf die Dauer sehr anstrengend werden.

"Noch keine Reaktion bei Beta."

"Dann nutzen Sie die Zeit, sich das mal anzusehen."

"Jawohl Sir."

Es war gut sich nach dieser Zeit ein wenig die Beine vertreten zu können. Melissa nutzte die Zeit um schnell die Toiletten aufzusuchen, wenn sie jetzt noch acht Stunden bei drei g weiterfliegen würden, dann mußte sie diese letzte Gelegenheit unbedingt nutzen. Das letzte mal im Bellikoos-Sektor und mußte bei dem Gedanken lächeln, das war Absurd.

"Ich bin froh, daß wir diesen Sektor endlich wieder verlassen", flüsterte sie Hans zu, als sie sich neben ihn setzte.

"Kann man wohl sagen", brummte Hans zustimmend, sie hatten hier wirklich viel durchgemacht.

"Pinkelpause is‘ vorbei!" brüllte Donavan plötzlich dazwischen. "Alle Mann anschnallen, wir verschwinden jetzt."

Es waren noch keine 25 Minuten vergangen, aber Donavan nahm das nicht so genau, sobald alle wieder ihre Plätze eingenommen hatte gab er den Befehl die Triebwerke wieder anzufahren.

"Status der Triebwerke", erkundigte er sich dann, als der Bordingenieur wieder Platz genommen hatte, der Mann war völlig durchgeschwitzt von der Arbeit an den glühenden Triebwerken. Selbst der obligatorische Thermoanzug half da nicht viel.

"Sieht nicht gut aus. Regelkreise und Kühlung sind im Eimer."

"Dann bleibt‘s beim Absprengen. Navigator, 3g Voraus."

"Jawohl Sir."

Die nächsten Stunden war es endlich so ruhig, daß Melissa, wenn nicht Schlafen, so doch ein wenig vor sich hindösen konnte. Jedesmal, wenn einer der Befehle oder Nachfragen über die Brücke schallte schreckte sie aber wieder hoch und glaubte im ersten Moment jetzt sei es nun endgültig um sie geschehen aber sie schloß jedesmal rasch wieder die Augen, wenn es erneut nur ein Fehlalarm war. Allmählich verschwand die Außenwelt aus ihrem Bewußtsein, schließlich fand sie ein wenig Ruhe von der ganzen Aufregung. Nur, um dann von einem Alptraum wieder geweckt zu werden.

"Triebwerkssektion Beta überhitzt, Sir", brüllte sie der Ingenieur, dessen Namen sie nicht kannte aus den Träumen. Sie wußte nicht wie lange sie geträumt hatte, aber offensichtlich war sie nicht auf Situkubwa erwacht und hatte nicht festgestellt, daß die letzten Monate nur ein langer Alptraum gewesen waren.

"Absprengen!" holte Donavan sie zurück, wahrscheinlich hatten sie es noch nicht einmal bis nach Alpha Centauri geschafft, dem Sonnensystem, daß nur vier Lichtjahre von der alten Erde entfernt lag, eine lächerliche Distanz.

"Negativ, keine Reaktion."

"Versuchs nochmal!" rief Donavan laut, zum ersten mal war Emotion in seiner Stimme und nicht dieser eisige Unterton, der sie stets schaudern machte.

"Negativ. Keine Trennung. Erreichen Toleranzgrenze."

Gleich würde ihnen das Triebwerk um die Ohren fliegen, dann war alles vorbei, all ihre Träume zu Staub zerrieben irgendwo in den schwarzen Tiefen des endlosen Universums.

"Wie lange bis zur Entsatzgrenze."

"Noch zwei Stunden."

"Berechnen Sie neu, wir entsetzen jetzt."

"Sir, das wird das Boot zerreißen", widersprach der Bordingenieur zögerlich, aber wenn sie nicht versetzten, dann würde sie das Triebwerk gleich hier zerfetzen.

"Auf ein g. Wir evakuieren! Hans, wie schnell kann dein Speedster startklar sein?"

"Fast sofort", drang die dunkle Stimme an Melissa Ohr. Sie fühlte sich wie betäubt, irgendwo zwischen wachen und träumen war ihr bewußt, daß hier etwas schreckliches passierte. Sie schüttelte kurz den Kopf, um etwas mehr Klarheit zu gewinnen aber sie fühlte sich wie in einem Watteberg, sie konnte sich kaum bewegen.

Dann ließ der Druck im Bauch nach, sie waren wieder auf ein g, sie fühlte, wie Hans großen Hände ihr unter die Arme griffen und mehr schleppend als stützend zu Anaconda in den Frachtraum brachten. Sie wußte genau, was los war, sie stand unter Schock, das ging alles viel zu schnell. Sie mußte sich zusammenreißen, durfte jetzt nicht auch noch in Ohnmacht fallen, nicht jetzt. Sie setzte einen Fuß vor den anderen und ließ sich von Hans durch den Sirup führen, der jede ihrer Bewegungen zu behindern versuchte.

"Ganz ruhig Mel." Hans schob sie in eine der Kojen in der hinteren Sektion des Speedsters, sie hatte gar nicht gemerkt, wie schnell sie gewesen waren, ihr war es ganz langsam, wie in Zeitlupe vorgekommen. Sie blickte dem kleinen Mann hinterher, der vor Donavan ins Cockpit stieg. War das derselbe Hans, den sie vor langer Zeit in einer Kneipe von Malaikapia kennengelernt hatte.

"Sie setzen sich mit dem Speedster vor das Jagdboot, das wird einen gewissen Schutz geben", rief Donavan über den Tumult, Anaconda war nie für 17 Personen und schon gar nicht als Rettungsboot konzipiert worden. Die Luken schlossen sich automatisch als die Triebwerke bereits gezündet waren. Ein Programm an Bord des Jagdbootes öffnete die Luke, sie glitten langsam heraus und parallel zum Jagdboot nach vorn. Melissa begann sich langsam etwas besser zu fühlen.

Bis nach Alpha Centauri war es noch fast eine Stunde, aber wenn der Antrieb in diese Zeit explodierte und den Versatzgenerator zerstörte, dann würden sie irgendwo zwischen den Welten stranden, keine besonders angenehmen Aussichten.

Vierzehn Leute drängten sich neben Melisa in dem kleinen Wohnraum, des Speedsters zusammen. Die schmale Bank war voll besetzt, die anderen hatten sich auf den Boden gekauert.

"Was ist das für ein Raumschiff?" erkundigte sich der Bordingenieur leise bei ihr, die meisten Gespräche waren verstummt. Vielleicht hatte er gesehen, daß es ihr schon wieder etwas besser ging und wollte sie ein wenig ablenken.

"Wieso?"

"Scheint mir, was ziemlich besonderes zusein?"

"Möglich." Sie hatte im Augenblick wirklich keine Lust, sich über Anaconda zu unterhalten. Sie hatten zweifellos andere Probleme in diesem Moment.

"Weißt du, vor einigen Jahren hab’ ich auf Potea an solchen Fliegern gearbeitet."

"So?" Melissa schloß die Augen und lehnte sich auch ihrer Liege zurück, wen interessierte das noch.

"Wir haben die Biester Spacespeedster genannt, aber in Wirklichkeit waren das nur Plattformen, um die Computer von Großkampfschiffen zu testen." Er begann zu lachen. "Wenn man vergaß, den Simulationsbypas für die Sensoren einzuschalten, konnten die Dinger ganz schön eigenwillig werden." Melissa öffnete ein Auge und lächelte den Mann unverbindlich an, sie hatte gar nicht zugehört.

Mit einer Beschleunigung von einem g hielt sich der Speedster genau vor der Schnauze des Jagdbootes, wo er vor dem Triebwerk am besten geschützt sein wurde. Dann schleuderte sie der Versatzantrieb durch die Tiefen der Milchstraße, bange Minuten in dem Wissen, daß das Triebwerk die Belastung nicht mehr lange mitmachen würde. Dann stand der Himmel auf einmal wieder still sie waren tatsächlich angekommen und sofort beschleunigte Anaconda um von dem Wrack, daß sie zurückließen wegzukommen.

"Unidentifiziertes Raumschiff." wurden sie knapp eine Stunde später angefunkt, noch immer hielt das Jagdboot, es war robuster als sie gedacht hätten. "Sie befinden sich im Hoheitsgebiet der Vereinten Planeten, identifizieren Sie sich und nennen Sie den Grund des Kommens!"

"Hier ist Hans Christ an Bord des Spacespeedsters Anaconda", begann Hans mit seiner Meldung. "Wir befinden uns in einer Notsituation, unser Raumschiff besitzt nicht genug Energie, um anzuhalten. Bitte schicken Sie Hilfe." Er machte eine Pause, um zu überlegen, was er der Nachricht noch hinzufügen könnte. "Wir kommen aus dem Bellikoos-Sektor, da ist ein Bürgerkrieg ausgebrochen. Das eingreifen der Vereinten Planeten ist nötig." Dann schickte er die Botschaft in Richtung des hellen Sterns, mit dem sie sich auf Kollisionskurs befanden.

Melissa kletterte aus ihrer Koje und stieg die Leiter zu Hans und Donavan hinauf, um den beiden über die Schulter zu sehen.

"Und? Wie sieht‘s aus?"

"Es dauert einige Minuten, bis die sich wieder melden", erklärte Hans lapidar. "Aber man wird uns sicher retten, bevor wir in die Sonne fallen."

"Sehr beruhigend", gab Donavan seinen Senf dazu. Dann explodierte hinter ihnen das Jagdboot, es hatte überraschend lange durchgehalten.

"Hans", meldete sich Anaconda, "ich detektiere eine Detonation zu achtern. Soll ich den Trümmern ausweichen?"

"Ja, selbstverständlich."

"Positiv Hans, berechne Ausweichkurs."

Mit einigen Schlenkern schaffte es das Raumschiff, einem direkten Treffer zu entgehen, aber ein oder zweimal war es verdammt knapp. Hans glaubte gesehen zu haben, daß ein oder andere Trümmerstück über der Pilotenkanzel hinweggerast war.

Hans entschied sich sofort eine weitere Funknachricht abzusetzen, bevor man da unten auf den Gedanken kam, daß sie dieser Lichtblitz gewesen seien.

"Hier Anaconda, wir leben noch", verkündete er kurz, was sollte er auch sonst noch sagen.

Wieder dauerte es eine Stunde bis die Antwort sie erreichte. "Der Wachkreuzer Saggitarius befindet sich in Ihrer Nähe und wird Sie in siebzehn Stunden erreichen. Zur Situation auf Bellikoos: Wir haben gestern Funkbojen aufgefangen, die uns von der Situation unterrichteten, eine Aufklärungsflotte ist bereits unterwegs in diese Region." Dann wurde Verbindung plötzlich unterbrochen. "Warten Sie einen Augenblick", meldete sich der Funker kurz noch einmal wieder, dann herrschte Funkstille.

Das Warten wurde schier unerträglich, bis sich die Stimme nach einer Dreiviertelstunde wieder zu Wort meldete. "Jason DeRochelle möchte Sie sprechen."

"Hallo, schön, daß ihr noch lebt. Solltet ihr nicht auf Neu Pietersburg bleiben? Und was hast du mit meiner Tochter angestellt, daß Daphne sich in einem Straflager aufhält. Wir sprechen uns noch, die Saggitarius bringt euch gleich hier rüber zur Flotte. Bin gespannt, was du mir zu sagen hast." Er klang ein wenig gereizt, mußte Melissa zugeben.

Nun waren ihre Vorräte wirklich und unwiederbringlich aufgebraucht, sie hätten die Rationen vielleicht noch etwas strecken können, dann hätte das Fasten ein paar Tage später angefangen, was für einen Unterschied machte das schon. Michael nahm einen Schluck Wasser, sie würden jedenfalls nicht verdursten und ohne Essen konnte man es schließlich noch ein paar Tage aushalten. Was Michael ein wenig störte war das Knurren seines Magens, gestern abend hatte er seinen letzten Riegel gegessen und seit heute Morgen beschwerte sich sein Magen, irgendwie war ihm das peinlich. Daphne schien das lockerer zu sehen. "Wenn ich nichts esse, kann mir auch nicht übel werden." hatte sie gesagt, im Spaß zweifellos, sicher würden sie sich bald nach diesen trockenen Barren zurücksehnen, wenn sie erst mal einige Tage nichts mehr zu beißen gehabt hatten.

"Du hörst dich an wie Hans", scherzte Daphne.

"Was?"

"Dein Magen hat so etwa die selbe Stimmlage."

"Hör bloß auf. Meine Innereien werden sich schon dran gewöhnen." Er warf einen Blick auf seinen Bauch, sie brauchten dringend etwas Ablenkung, wenn sie sich schon über sowas unterhalten mußten.

"Machst du dir keine Sorgen um das Kind?"

"Nur wenn das hier länger andauert." Sie kniff sich leicht in die Hüften. "Ich hab’ da noch ein paar Reserven."

"Glaubst du, daß es noch lange dauert, bis man uns rettet?"

Sie zuckte die Achseln. "Ich weiß nicht. Es sind immerhin schon vier Tage, seit wir die Sonden abgeschickt haben. So lange kann es eigentlich nicht mehr dauern." Sie überlegte einen Augenblick. "Wenn die Sonden gestern angekommen sind, dann könnte ein Schiff bereits zu uns unterwegs sein. Drei Tage schätze ich."

Aber diese Tage wurden ihnen sehr lang. Am zweiten Tag machte Magnus schon den Vorschlag einen der Eiswürmer zu probieren, aber so schlimm war der Hunger dann doch nicht, daß sie ihren Ekel überwunden hätten. Ganz zu schweigen von den Krankheiten, die sie sich damit einfangen würden.

"War ja nur ein Vorschlag."

"Den wir in Betracht ziehen werden, wenn es gar nicht mehr anders geht", gab Denzel dennoch zu bedenken.

Michael schüttelte sich innerlich und nahm noch einen Schluck Wasser. Sie tranken viel in dieser Zeit, das war immernoch besser als überhaupt nichts im Magen zu haben.

"Nur über meine Leiche", murmelte Daphne zu diesem Vorschlag, mit dem sie sich absolut nicht anfreunden konnte.

"Aber wenn gar nichts mehr geht?" wollte es Magnus schließlich doch noch einmal wissen.

"Dann fressen wir dich", bemerkte Zander, vor ein paar Tagen wären sie sich bei einer solchen Bemerkung noch an die Kehle gegangen, aber was für einen Zweck sollte das noch haben.

"Im Ernst Mann", protestierte Magnus gelangweilt. "Wenn die VP nicht bald kommen, dann verrecken wir hier."

"Ja und? Vor `na Woche wärst du mit Freuden für deine Freiheitsarmee verreckt."

"Es macht keinen Sinn darüber zu streiten", ging Denzel dazwischen. "Wenn wir in ein paar Tagen nicht hier weg sind werden wir uns was überlegen. Bis dahin sollten wir uns andere Gedanken machen."

Alle am Tisch nickten mehr oder weniger zustimmend, Denzel hatte völlig recht, es war noch zu früh, sich darüber den Kopf zu zerbrechen, was oder wen sie zuerst anknabbern würden. Michael schleppte sich zurück in seine Koje und legte sich hin, er verbrachte ohnehin schon die meiste zeit mehr schlafend als wachend. Das hatte zwar zur Folge, daß er auch zwischendurch kaum noch richtig munter wurde, aber zumindest, das behauptete er wenigstens, sparte er so Energie.

Daphne konnte das nicht, sie mußte etwas unternehmen, und sie wurde langsam gereizt in diesem Gefängnis der alten Raffinerie.

Die Saggitarius brachte sie schnell zu der wartenden Flotte, die vor dem schwarzen Samt der Unendlichkeit im Sonnenlicht blinkten. Es war schwer zu sagen wieviele Raumschiffe da draußen warteten, vielleicht waren es hundert, vielleicht viel mehr. Melissa versuchte die winzigen Punkte auf dem Bildschirm zu zählen aber das war ein hoffnungsloses Unterfangen, das die junge Frau bald wieder aufgab.

Jason empfing sie zusammen dem Admiral seines Schiffes als sie wenige Stunden bei der Flotte eingetroffen waren. Man hatte die Geschwindigkeit gedrosselt, um der Saggitarius das einholen zu ermöglichen, aber jetzt hatten sie bereits wieder beschleunigt. Man würde Springen, sobald sich das Wachschiff sich in sicherer Entfernung befand.

"Was habt ihr euch dabei gedacht?" schimpfte Jason wütend, sobald er die beiden zu Gesicht bekam.

"Wir mußten doch. Schließlich waren wir die einzigen, die die Vereinten Planeten benachrichtigen konnten", versuchte Melissa den wütenden Vater zu beschwichtigen. "Was hätten wir denn machen sollen?"

"Schon gut. Meinetwegen hattet ihr keine Wahl. Wie hätte ich glauben können, daß ihr auf meine Befehle hört."

Dann wandte er sich an Donavan, der sich auffällig ruhig zurückhielt, angesichts dieser Streitmacht war ihm die große Klappe vergangen. "Wenigstens etwas. Den habt ihr gleich mitgebracht."

"Na na. Das war wohl eher so, daß ich die beiden vor Herstead gerettet habe."

"Wie auch immer, du wirst dich für den Waffenschmuggel verantworten müssen."

"Klar. Wer hätte von dir auch so was wie Nachsicht erwarten können. Ich war ja auch nur derjenige, der das Massaker durch Roschers Truppen verhindern wollte. Konnte schließlich nicht wissen, daß Herstead genauso wahnsinnig ist."

"Ja. Erklär‘ das deinem Anwalt. Los Leute, bringt Donavan und seine Truppe irgendwo unter. Im tiefsten Loch, das ihr finden könnt meinetwegen."

Die Soldaten wollten schon zugreifen, als sich Donavan noch einmal zu Jason umdrehte. "Hey. Sorg‘ dafür, daß meine Leute bei Santiago in Sicherheit gebracht werden. Das war der einzige Grund warum ich mich gestellt habe."

"Ich werde sehen, was ich tun kann", versprach Jason. "Führt Sie ab!"

Dann brachte Jason Melissa und Hans auf die Brücke, wo der Admiral bereits auf Jason und seine Gäste wartete. "Lang genug gewartet, Admiral. Wir können jetzt versetzen. Sagen Sie der Flotte, daß sie Donavans Schiff schonend behandeln sollen, dann bringen Sie uns zu diesem Gefängnisplaneten."

"Wie Sie wünschen." Er winkte seinem Kommunikationsoffizier zu, der gleich die entsprechenden Nachrichten absetzte. "Wir versetzen mit zwei Begleitschiffen in zehn Minuten", erklärte das Nywel dann und wies auf die freien Sitze.

Sie waren wieder unterwegs zurück in den Bellikoos-Sektor, dem sie nur Stunden vorher mit knapper Not entronnen waren. Was blieb, war nur noch die Befreiung von Michael und Daphne und all der anderen Gefangenen aus diesem Lager.

Sie erreichten RRS-12-2243-F und begannen ihren Sturz in Richtung Planet abzubremsen. Unter Gefechtsbereitschaft führte sie ihr Kurs so dicht wie möglich an der Sonne vorbei, so daß sie von einem Radar erst möglichst spät aufgefaßt werden würden. Dabei würden sie zudem die Anziehungskraft der Sonne ausnutzen, um sich genau auf den Eisplaneten schleudern zu lassen. Die gebogene Flugbahn erlaubte es so noch einige zusätzliche Stunden im Schatten der Sonne zu bleiben. Man würde ihre Anwesenheit in diesem System frühestens nach einem Tag bemerken, das ließ den Überraschungseffekt auf ihrer Seite.

Daphne fühlte sich leer und ausgehöhlt und vom vielen Wassertrinken schon ganz schwabbelig im Bauch. Auf dem Tisch vor ihnen lag einer dieser Würmer, bisher hatte sich niemand getraut das Biest anzufassen. Wenn es nach ihr ginge, dann konnte dieses ledrige Geschöpf da auch genauso liegenbleiben, bis in alle Ewigkeit.

"Wieso?" fragte sie angewiedert. "Sind drei Tage fasten schon so schlimm, daß du alles fressen würdest?"

"Wenn du überleben willst, Mädchen. Dann gewöhn‘ dich besser dran", antwortete Zander kurz, er, und Magnus hatten dieses Ungeheuer vor anderthalb Stunden erlegt. Sie erweckten den Eindruck, als hätte sich die beiden etwas mehr Zustimmung von den anderen erhofft, aber ganz so schlimm war der Hunger nun doch nicht.

Bei Michael überwog im Moment die Neugierde. Von allen Seiten betrachtete er das Geschöpf, von dem er im Lager immer nur ein paar Einzelteile gesehen hatte.

"Außer der Haut is‘ da doch nix dran", murmelte er in sich hinein. Er tippte vorsichtig gegen das Endoskelett, die vielen langen Nadeln, die Haut stützten und darunter einen isolierenden, mit Gas gefüllten Hohlraum bildeten. Und vorne der Kopf, ohne Augen oder erkennbare Ohren, nur das runde Maul, mit dessen stumpfen Zähnen sich das Tier durch den Permafrostboden grub.

"Wenn ihr versuchen wollt das zu essen, dann ist das Kauen wahrscheinlich anstrengender als der Energiegewinn." Michael betrachtete die Lederhaut mit ihren großen Poren, keine Frage, er würde lieber verhungern, als seine Zähne da hineinzuschlagen.

Schließlich kam Denzel endlich zurück, er hatte mit Mühe eine kleine Probe genommen und versucht diese Im Labor der Station zu untersuchen. "Nährwert is gleich Null. Wenn ich die Daten der Analyse richtig deute", erklärte er und legte einen Ausdruck auf den Tisch, der seine Behauptung untermauern sollte. "Wahrscheinlich kriegen wir Leberprobleme von dem ganzen Gift, das da drin ist."

"Hast gewonnen Daffi. War `nen Versuch wert."

Daphne funkelte Zander wütend an, für diese Verballhornung ihres Namens. "Nenn mich Daphne, ja!"

"Klar, Mädchen. Wir sind alle `n bißchen gereizt was?" Er legte neckisch den Kopf auf die Seite, wenigstes er schien seinen Spaß zu haben.

Im selben Moment gingen die Alarmsirenen los. Eine Schrecksekunde war alle ruhig, keiner sagte ein Wort.

"Bring‘ mich zum Computer", bat Daphne dann schnell an Denzel gewandt, das war der Alarm den sie er Kommunikationsanlage eingegeben hatte, er sollte losgehen, sobald eine Signatur der Vereinten Planeten auftauchte, jetzt war es soweit.

Ihre Finger flogen nur so über den Schirm, bis sie die passenden Fenster wieder geöffnet hatte. Ein Schlachtschiff der Hatari-Klasse hatte soeben eine Breitbandnachricht abgesetzt, in der es die Schiffe Roschers aufforderte sich ohne Widerstand zu ergeben.

"Das ist die Masada!" rief Daphne begeistert.

Endlich waren sie wieder zusammen, dünner aber glücklich vielen sie einander in die Arme. Sie hatten einander so viel zu erzählen. Nicht alles war auch für Jason bestimmt. "Wehe ihr sagt was von meinen anderen Umständen", raunte Daphne Michael zu, als sie sich zu ihrem Vater treiben ließ. Das würde sie irgendwann selbst machen, je später desto besser.

Die Flotte der Vereinten Planeten übernahm sofort die Kontrolle über das Gefangenenlager und Evakuierte die Insassen, denen zweifellos nicht besseres passieren konnte als die luxuriösen Quartiere an Bord der Masada zu beziehen. Man betrachtete sie vorerst noch weiter als Gefangene aber die politischen Gefangenen würde man so schnell wie möglich in die Freiheit entlassen. Diejenigen, die echte Verbrechen begangen hatten, würde man einen fairen Prozeß machen. Die Vereinten Planeten übernahmen jetzt in diesem Sektor die Justizbarkeit, bis eine ordentliche Regierung eingesetzt werden konnte.

Der Raketenangriff auf das Lager hatte fünf Tote und ein dutzend Verletzte gefordert, die jetzt schnell auf die Krankenstation gebracht wurden. Auch Nadja war unter den Verletzten, sie hatte ein paar böse Verbrennungen, Denzel und Hans beeilten sich zu der Schmugglerin zu kommen, die anderen folgten hinterher.

"Gute Arbeit", lobte Nadja mit schwacher Stimme. "Hab’ schon gedacht wir müßten da unten verrecken."

"Wie geht’s dir?"

"Muß gehen, Hans. Das sind nur ein paar zusätzliche Narben."

"Was passiert jetzt hier?" wandte sich Daphne an ihren Vater, während sie sich neben ihm in der Schwerelosigkeit hielt.

"Sicher weißt du das besser als ich. Die Vereinten Planeten werden den Frieden wieder herstellen, so wie es in unserer Charta steht, wenn nötig mit Gewallt." Es klang entschlossen, sie würden in diesem Sektor noch viel zu tun haben, bevor man wieder von normalen Verhältnissen sprechen konnte. Für Daphne, Melissa, Michael und Hans war das Abenteuer hier zuende. Sie würden jetzt endlich, in ihren Alltag zurückkehren müssen, soweit ihnen das noch möglich war.

"Was wirst du jetzt machen?" wandte sich Melissa an Hans, als das letzte Shuttle gelandet war und sich die Masada wieder langsam in die Abflugrichtung drehte.

"Zurück nach Situkubwa", antwortete er mit seiner tiefen Stimme. "Vielleicht besuch‘ ich mal meine Enkelin."

"Ich kann nicht mehr zurück", überlegte Melissa ernst, zu viel hatte sie in diesen Monaten durchmachen müssen. Was sie jetzt brauchte war ein wenig Ruhe, in der sie sich über sich und ihr Leben klar werden konnte. "Ich glaub, ich geh‘ für ne Weile nach Neu Pietersburg", fuhr sie nach einer langen Pause fort, bei Jeremias würde sie sicher die Ruhe finden, die sie brauchte. "Was ist mit euch, werdet ihr jetzt Heiraten?"

"Nein", antwortete Daphne schnell. "Ich mach‘ erst mal mein Abitur und dann studiere ich irgendwas. Und ich habe Michael auch überreden können seinen Schulabschluß nachzumachen."

Michael nickte zustimmend, besonders glücklich war er über diese Entwicklung nicht, aber wenigstens hatte er Daphne das Versprechen abgerungen, daß sie ihn rechtzeitig vor der Geburt benachrichtigen würde. Vielleicht würde sein Ansehen bei ihr steigen, wenn er wieder zur Schule ging. Ja, sie waren sehr unterschiedlich aber vielleicht würden sie irgendwann trotzdem zueinander finden. "Bißchen Schule kann nich‘ schaden."

"Gut", stimmte Hans einsilbig zu. Er hatte ja immer gewußt, daß Michael nicht der richtige Typ zum Frachterpiloten war.

Schließlich war Jason mit Daphne allein, Hans, Michael und Melissa hatte Jason weggeschickt, er trug seine Tochter in den leeren Besprechungsraum, es war Zeit sich zu unterhalten, er hätte das schon vor vielen Jahren machen sollen, er hätte seien Frau gar nicht erst verlassen dürfen. Daphne sah ihren Vater erwartungsvoll an, sie wußte ziemlich genau, was sie jetzt von ihm erwartete.

"Ich hätte dich und deine Mutter früher einweihen sollen, nicht?"

"Ja, verdammt. Weißt du eigentlich, daß Mama glaubt, du hättest sie nicht geliebt? Wir hätten deine Geheimnisse auch für uns behalten."

"Es tut mir wirklich leid, Daphne." Er griff nach ihrer Hand, aber Daphne zog sie zurück.

"Sag das Mama, nicht mir!"

"Ich hab’ euch nicht genug vertraut. Ich glaubte, ich würde euch in Gefahr bringen."

"Hat nicht viel genutzt was? Wärst du ehrlich gewesen, dann wär’ ich vielleicht zu Haus geblieben und hätte dich deine Arbeit machen lassen." Das Mädchen fühlte sich betrogen, von ihren eigenen Vater. Sie war sich nicht sicher, ob sie ihm so schnell wieder ihr Vertrauen schenken konnte.

"Kannst du mir nicht verzeihen?" Und diesmal war Jason schneller, er erwischte ihre Hand. Hielt sie diesmal fest.

"Wir werden sehen, Papa." Sie würde ihm ja gern vergeben und ließ ihn ihre Hand noch eine Weile halten, aber nicht ganz so schnell. Daphne brauchte erstmal etwas Zeit, um sich selbst über einige Dinge klar zu werden.

"Ja, ich denke, mehr kann ich nicht verlangen", lächelte er.

"Eine Sache noch, Daphne."

"Hm?"

"Ich hab’ grad‘‚ ne Nachricht bekommen, daß man deinen Rollstuhl wiedergefunden hat."

"Schön."

"Unter derselben Registriernummer war auch ein Pferdehalfter abgelegt!" Erklärte Jason etwas verwirrt, aber auch mit Neugier, und schaute seiner Tochter in die Augen.

Endlich lächelte das Mädchen zurück: "Ja, ich habe inzwischen Reiten gelernt." Daphne genoß das überraschte Gesicht ihres Vaters. Sie fühlte plötzlich, wie stolz ihr Vater auf sie war. Nach all dem was sie durchgemacht hatten, war es ein gutes Gefühl.