1. Teil: Suche nach Jason

Durch den Dschungel

Michael Hasselblad saß am Hafen von Malaikapia und beobachtete, wie die Scramjets, entladen wurden. Es war immer das gleiche Schauspiel, jeden Tag. Die großen Container schwebten fast schwerelos an den Kränen hängend über das Gelände und wurden schließlich sanft auf einem der Bodentransporter abgesetzt, welche die Güter in die schwer zugänglichen Städte, tief im Urwald des Planeten bringen würden. Das alles lief so gut wie automatisch ab. Die wenigen Personen, die hier herumliefen, überwachten nur, dass nichts schief ging, das konnte bei der hiesigen Witterung schon mal vorkommen.

Der junge Mann war seit einem halben Jahr Kopilot. Natürlich nicht auf einem der Scrams, sondern in einem dieser riesigen Transporter, die sich auf ihren acht Beinen durch den Urwald bis zu den Städten kämpften, die weit im Inneren des Kontinents lagen.

Michael schaute hinunter auf seine Hände und sah, wie die Tropfen in seine Handfläche platschten, es regnete. Eigentlich konnte man hier kaum von einer Regenzeit sprechen, bezeichnet diese doch in der Regel etwas zeitlich Begrenztes. Auf Situkubwa gab es höchstens Perioden, in denen es mal weniger, selten gar nicht regnete. In den meisten Jahren goss es in über 12 der 15 Monate auf diesem Planeten, während der anderen drei Monate herrschte eine Hitze, in welcher die Regentropfen den Boden gar nicht erst erreichten. In diesen Monaten bedeckte dann der Nebel diese Welt.

Und so gab es auf dem Planeten Situkubwa nur etwa alle dreihundert Jahre einen milden Sommer, wenn der weiße Zwerg auf seinem Weg um die Hauptsonne einen Teil des Sterns vor dem Planeten verdeckte.

Vorherrschende Vegetation auf Situkubwa waren riesige Bäume, die auf den beiden Kontinenten gigantische Wälder bildeten und ihr Bestes gaben Unmengen von Wasser aufzusaugen und wieder in die Atmosphäre zu verdunsten, von wo aus es erneut herniederprasselte.

Michael wünschte, er könnte diesen feuchten Planeten eines Tages verlassen. Er sparte jeden ICU, den er verdiente, um einmal die Erde besuchen zu können, von der seine Urgroßeltern auf diese nasse Welt ausgewandert waren.

Die vier Auswanderungswellen wurden damals von der UNO gefördert, als die Wirtschaft in den Entwicklungsländern der europäischen Union unter der Last der Übervölkerung zusammenbrach. Das war irgendwann am Ende des 22. Jahrhunderts gewesen, Michael war nie besonders gut in Geschichte gewesen. Aber wen interessiert das schon, einen besseren Job würde Michael ohnehin nicht finden, dann konnte er auch, getrost auf eine bessere Bildung pfeifen.

Eine schwere Hand legte sich auf die Schultern Michaels, er drehte sich um und schaute in das zerknautschte Gesicht des Mannes, der aus seinen kleinen blauen Augen, die Welt durchschaute.

"Es ist Zeit, Michael." Brummte Hans, der Pilot des Frachters, seine Stimme war tief und etwas zu laut für seine Statur. Kaum 1,65 m groß, aber dafür mit riesigen Pranken ausgestattet, stand er neben Michael und zog sich die Kapuze tiefer ins Gesicht.

Michael nickte, eine weitere langweilige Woche in den kleinen aber komfortabel eingerichteten Räumen lag jetzt vor ihm. Das war nicht gerade spannend, wenn man davon leben musste.

Auf dem Hafengelände waren zur eigenen Sicherheit leuchtend orange Anzüge vorgeschrieben, hier landeten Raumschiffe aus allen Teilen der Galaxis. Das war allerdings ein wenig übertrieben, nur wenige Frachter verließen wirklich mal den Arm der Milchstraße, in dem sie gebaut worden waren. Es machte auch, keinen Sinn, Waren über weite Strecken zu transportieren, waren die Rohstoffe doch in der ganzen Milchstraße gleich. Trotzdem, dies war die Verbindung zur Außenwelt, nicht die Einzige auf diesem Planeten, aber die größte, und man musste darauf achten nicht unter die Räder oder Kufen zu kommen, wenn man sich hier bewegte.

Es regnete Bindfäden, wieder einmal. Am Nachmittag sollte es auffrischende Schauer geben, das war es, was man hier unter Abwechslung verstand. Die Temperatur lag bestimmt über 30°C, wer am Tage draußen nichts zu suchen hatte, der blieb klugerweise in der überdachten Stadt. Michael selbst war nicht besonders oft in der Stadt, er und Hans waren fast ständig unterwegs. Was ihnen blieb, waren ein paar freie Stunden im Hafen, alle zwei Monate auch, mal eine ganze Woche. Meistens waren sie dann gerade in Mjidogo, diese Stadt war nicht überdacht, sondern unterirdisch. Dort förderte man Titanium. Keine Scheinwerfer machten einen glauben, es sei ein sonniger Tag, die Einwohner von Mjidogo verbrachten ihren langen Arbeitstag unter der feuchten Erde. Genau da, wo man die ausgebrannten Leiber auch, eines Tages verscharren würde. Man sagte, in Mjidogo konnte man sich schon mal daran gewöhnen. Mjidogo war auch, das Ziel der Reise, die jetzt vor ihnen lag.

"Wie war dein Tag, Michael?" grunzte Hans Christ träge, und das war ein langer Satz, für den wortkargen Mann. Seine Haare bekamen graue Strähnen, mit seinen 53 Jahren war er langsam am Überlegen, wie lange er diesen Job noch machen wollte. Trotzdem arbeitete Michael gern mit Hans zusammen, der Kerl war in Wirklichkeit ganz in Ordnung.

"Nichts Besonderes, nur viel zu kurz." Er grinste. "Wie immer, wenn man mal ´nen Tag frei hat."

Michael und Hans näherten sich dem Bodentransporter,  mehr eine Plattform auf Beinen als ein Fahrzeug. Kräne hoben große Container aus dem Ladebereich eines Scrams und stapelten sie automatisch auf die Tragfläche des Transporters, jedes der Behältnisse hatte eine Länge von 40 m, war 10 m breit und hoch. 35 Container konnte ein Transporter aufnehmen. Vorne links nahmen Wohn- und Maschinenräume den Platz einer Frachteinheit ein. Die zwei Meter dicke Plattform wurde von kräftigen Stahlbeinen drei Meter über dem Grund gehalten.

Michael konnte die technischen Daten der Maschine im Schlaf herbeten, so gut hatte er den Transporter schon kennen gelernt. Immerhin war er auch, für die Wartung verantwortlich.

An der Seite der Wohnräume prangte in schon leicht verblassten Lettern der Name Ellie, wie Hans sein Schmuckstück liebevoll getauft hatte.  Ellie erhob sich wie das Dach eines Hangars über den beiden und Michael streifte seine Kapuze zurück, um besser sehen zu können. Dieser Anblick war selbst nach einem halben Jahr immer noch imposant. Das Wissen, das tausend Tonnen über dem eigenen Kopf schwebten, hatte ihm zu Beginn seiner Ausbildung hin und wieder Bauchschmerzen verursacht. Heute war das keinen Gedanken mehr wert.

Hans bediente ein Flatpanel am ersten Bein des Ungetüms, daraufhin senkte sich an dicken Stahltrossen der Fahrstuhl hinab. Laserpointer markierten mit leuchtend roten, gesprenkelten Flecken die Stelle, an welcher der Fahrstuhl aufsetzen sollte. Schließlich kam der Fahrstuhl mit einem satten Platschen in einer ölig schimmernden Lache zur Ruhe.

"Dann wollen wir mal, was?" Hans gab sich wirklich Mühe, bei jeder Abreise einen neuen Satz zum besten zu geben, aber Transportpiloten waren einsilbige Menschen, wenn es Menschen waren.

Im Bauch, des Transporters ließ Michael zuerst das Diagnoseprogramm ablaufen, bevor er sich aus seinem Overall pellen konnte. Sollte wieder erwarten ein Fehler entdeckt werden konnte es passieren, dass man schnell wieder hinaus in den Regen musste, um einen Reparaturtrupp aufzutreiben. Funk konnten sie nicht benutzen. Die Wechselwirkungen der beiden Zentralsterne, der Strom geladener Teilchen, den der Zwergstern von seinem gelben Partner abzog, machten Funkverbindungen unmöglich und ans Kabel waren sie so kurz vor dem Start auch, nicht mehr angeschlossen. Aber es war alles in Ordnung, wie immer.

Michael öffnete den wasserdichten Klettverschluss und fragte sich, warum er sich die Mühe machte, in den Anzug hineinzusteigen, wenn man hinterher doch ganz durchgeschwitzt war, aber er konnte sich auch, gleich die Antwort geben. Der Regen hier war lebendig, mehr als auf den meisten andern Planeten. Es wimmelte in den Regentropfen nur so von unerforschten Keimen, Bakterien und Viren, die von den aufsteigenden warmen Luftmassen aus dem Wald mit in die Höhe gerissen wurden und in den höheren Schichten der Lufthülle auch, schon mal den ganzen Planeten umkreisen konnten.

Er schälte sich aus der Regenhaut und hängte sie neben Hans. Das Zeug war knochentrocken, kein Wunder, die organischen Siliziumverbindungen ließen Wasser einfach abperlen, die Oberflächenspannung zwischen Flüssigkeit und Beschichtung war so groß, dass die Tropfen richtige Kügelchen bildeten und herunterrollten. Das zumindest hatte Hans ihm erklärt. Er selbst war nicht lang genug zur Schule gegangen, um in diese Feinheiten von Chemie und Physik einzusteigen.

In der Dusche stieg Hans gerade in seine kurze beige Hose, darüber trug er normalerweise ein unmodisches, aber dafür schreiend buntes Hemd und an den Füßen ein paar bequeme Slipper. Alles in allem nicht gerade ein Prachtexemplar von gutem Geschmack, aber das würde in der nächsten Woche auch, niemand verlangen.

Michael genoss die warme Dusche. Genau genommen mochte Michael den Regen, nicht, nur weil er ihn aus frühester Jugend kannte, er war immer ein Begleiter gewesen, so oft er mit seinen Eltern die schützende Kuppelstadt verlassen hatte. Nein es war auch, das Geräusch, dass das Wasser machte, wenn es nach seinem langen Sturz aus den Wolken auf den Boden prasselte, fast wie eine fremde Sprache, etwas Lebendiges.

Michael drehte das Wasser ab und schüttelte sich kurz, bevor er sich abtrocknete. Daraufhin kleidete sich der junge Kopilot in eine hellgraue leichte Hose und ein dunkles Hemd, strich sich die noch feuchten dunklen Haare nach hinten und machte sich Barfuß auf den Weg nach vorn, um Hans in der Pilotenkanzel zu unterstützen. Wenn man so viel Zeit wie sie in diesem wandernden Monstrum verbrachte, dann sollte man sich schnell daran gewöhnen, es sich so bequem wie möglich zu machen, die nächste Woche sah einen sowieso kein Mensch.

Die Pilotenkanzel lag etwa anderthalb Meter tiefer als die Hauptplattform, wie ein Auswuchs, ein Geschwür an dem gigantischen Fahrzeug. Vorne war sie kuppelartig verglast, sodass man die Bäume vor sich und den Boden unter den Füßen gut im Blick hatte. Nach hinten, konnte man rechts und links neben der Treppe durch zwei Bullaugen schauen, wenn man sich die Mühe machte sich dafür etwas zu bücken.

Die Kanzel hatte eine Standhöhe von 2 m und war leicht elliptisch, sodass zwei Personen ausreichenden Platz nebeneinander besaßen um es sich in den Sesseln bequem machen zu können. Hans legte gerade den Startknopf um, worauf ein leichtes Vibrieren einsetze, während sich die acht riesigen Antriebsaggregate aufwärmten und das zähe Öl durch die Hydraulikanlagen der stählernen Beine pumpten.

Eine orange Gestalt tauchte wie aus dem Nichts vor ihnen auf, trotz des weiten Overalls leicht als Frau zu erkennen, sie klopfte an das Panzerglas und bewegte den Mund, um etwas zu sagen, aber durch das zwei Zentimeter dicke Panzerglas war das vergebene Liebesmüh.

Michael öffnete die Außenkommunikationsanlage, sofort war wieder der Regen zu hören und dazwischen die Stimme der Frau: "Hi, Hans!"

"Hallo Mel, was gibt's?"

Melissa Yukawa war recht groß, bestimmt 1,85 m und mit ihren Mandelaugen betrachtete sie interessiert Michaels nackte Füße, die sich gerade unterhalb ihrer Augenhöhe befanden, als sie antwortete: "Mein Kunibert ist in einer halben Stunde fertig, wie wär's, wenn wir  zusammen losziehen."

Kunibert war Melissas Transporter, und mit einem Kabel zwischen Ellie und Kunibert würde man sich während der Reise unterhalten können. Eine solche Abwechslung ließ sich kein Pilot entgehen, außer vielleicht die ganz hart gesottenen Eremiten.

"Gut!" brummte Hans und dachte gar nicht daran Michael vorzustellen, bis er merkte, wie ihre Blicke zwischen ihm und dem Jungen hin und her schweiften, deutlicher konnte man gar nicht fragen.

"Kennst du Michael schon?" fügte Hans knurrend hinzu.

"Nein. Hallo Mitch." Die junge Frau schenkte ihm ein breites Lächeln, sie hatte ihre Kapuze tief ins Gesicht gezogen, aber ihre glatten schwarzen Haare lugten vorwitzig an den Seiten hervor.

"Hallo Mel!"

"Nun dann bis später, ich komme in, sagen wir 35 Minuten längsseits, OK?"

"Gut Mel!" Hans winkte ihr nach. "Nun Mitch", grinste er schelmisch, "das Kabel." Michael wusste, was Hans damit sagen wollte und riss sich aus seinen Träumen.

Ohne Murren schaltete Michael die Kommunikationsanlage um, so ein Transporter hatte drei Stück davon. Zum einen musste man sich mit Personen außerhalb des Transporters unterhalten können, so wie gerade mit Mel. Außerdem gab es weitere Lautsprecher und Mikrofone in fast jedem Raum des Transporters. Das Kabel diente zum einen der Verständigung auf dem Hafengelände, es konnte aber auch, eine Verbindung zwischen zwei Transportern herstellen, wenn diese in kurzem Abstand hintereinander gingen. Michael legte die Hebel um, der Regen verstummte im selben Augenblick.

Man unterschied auf Situkubwa mehr als zehn Arten von Regen. Angefangen beim Nieseln, meist nachmittags bis nachts, über Schauer, wenn der Regen kurz auffrischte, bis hin zu Vergleichen mit Gießkannen und Badewannen oder gar Wasserfällen. Aber dafür gab es so gut, wie keine Gewitter, die beständig herniederprasselnden Wassermengen sorgten für einen ausreichenden Ladungsaustausch.

Michael kletterte die Stufen hoch, wechselte seine bequemen Klamotten wieder mit seinem orangen Overall und öffnete eine Luke im hinteren Teil des Wohnquartiers, nahe bei den Duschen und dem Fahrstuhl. Von hier zog sich der so genannte Krabbelschacht über die ganze Länge des Transporters, für kleinere Inspektionen unterwegs und eben für das Kommunikationskabel in Heck.

Zu beiden Seiten brummten die Hydraulikanlagen und  balancierten das tausend Tonnen schwere Ungetüm mit unnachahmlicher Präzision. Der Gang war höchstens anderthalb Meter hoch, es roch nach altem Öl und bei jeder Trageeinheit schwoll das Brummen der Pumpen bedrohlich an. Es gab nicht oft Gelegenheit hier runter zu kommen, die Hafenkommandantur verwendete seit einigen Jahren Gelenkarme, die selbstständig an die Kommunikationsports der Frachter andockten, sobald diese über ihrem Parkplatz still standen. Michael war in seiner bisherigen Karriere nur zwei mal hier gewesen, es war, wie er ungern zugab, ein wenig gruselig.

Gebückt schlenderte Michael im Boden des Lasters entlang, für solche Sachen engagierten sich einige Piloten, vor allem die älteren, einen Kopiloten. Ein hochtrabender Name für einen Job wie diesen.

Kopilot zu sein war natürlich kein Dauerzustand für Michael, es war nur eine Zwischenstation, zwischen der Schule und einem richtigen Job, vielleicht auch, als richtiger Pilot, aber dafür brauchte Michael erst einmal genug Geld, um sich eine Lizenz leisten zu können.

Michael wusste nicht, ob auch, Hans einmal als Kopilot angefangen hatte, und Hans redete nicht von seiner Vergangenheit. Wenn er genau überlegte, kannte Michael niemanden, der etwas über die Jugend des alten Piloten hätte sagen können. Hans schien nicht gern davon zu reden und deshalb fragte Michael auch, nicht danach.

Michael passierte das letzte Beinpaar und wischte mit dem Fuß durch eine der Lachen aus Hydraulikflüssigkeit. Eine unbedeutende Menge, sie hatten Tonnen davon an Bord.

Er hing weiter seinen Gedanken nach, Mel sah noch recht jung aus, er schätzte sie etwa fünf Jahre älter, wie sich selbst und lag damit gar nicht so weit daneben. Er selbst war erst vor kurzem 19 geworden und würde sich wenigstens noch drei Jahre als Kopilot verdingen müssen.

Michael erreichte den Kabelkasten und aktivierte die Winde, durch das fast blinde Bullauge war es nicht leicht zu beurteilen, wie viel Kabel schon ausgefahren war, wie ein Wurm kroch das daumendicke Koaxialkabel aus seinem Versteck und langsam, schwankend wuchs es bis zum Boden. Der Kopilot hoffte inständig, dass es nicht plötzlich stecken bleiben würde, wozu er jetzt am wenigsten Lust hatte, war außen am vom Regen rutschigen Transporter zu hängen und ein verfluchtes Kabel zu entheddern.

Aber Michael hatte Glück alles lief wie geschmiert, er ließ vorsichtshalber noch einen weiteren Meter auslaufen und kletterte dann zurück.

Michael wusste nicht, wie viel Zeit genau vergangen war, als der Fahrstuhl wieder in der Öllache zur Ruhe kam. Er ließ den Fahrstuhl diesmal unten stehen. Eine halbe Stunde musste wohl schon vergangen sein.

Er  nahm das Ende des Kabels in die Hand und stellte sich in den Regen, ungefähr dahin, wo er glaubte, dass Kuniberts Pilotin in 5 Minuten halten würde. Auf dem faustgroßen Stecker in seiner Hand stand in leuchtenden Buchstaben Ellie, Hans hatte das wohl auf jedes Teil seines Transporters gepinselt, als ob ihm hier jemand was wegnehmen würde.

Mit stampfenden Schritten kam ein Monstrum auf ihn zugetrottet. 40 Meter breit, wie es war, kam es gerade so vor ihm zu stehen, dass er mit ausgestreckter Hand die Frontscheibe hätte berühren können, es war schon irgendwie beeindruckend. Und auf dem Pilotensitz saß Melissa, ohne Kopilot. Das Wasser perlte von der imprägnierten Scheibe ab.

"Hi Mitch, schönes Wetter was?" Sie strich beiläufig ihre langen schwarzen Haare zurück.

"Ich kann mir Besseres vorstellen, manchmal wünschte ich, ich würde auf einem Wüstenplaneten leben!"

"Dieser Planet ist eine Wüste!" lächelte die junge Frau zurück. "Schließt du das Kabel an?" Eigentlich mehr eine Feststellung als eine Bitte.

Melissa hatte inzwischen einen grauen Arbeiteroverall übergezogen, der ihr eindeutig zu groß war. Sie hatte die Ärmel aufgekrempelt und ein Seil um den Bauch, verhinderte, dass ihr der Overall beim Gehen zwischen die Beine rutschte, er betonte ganz beiläufig ihre Taille, sie war schlank aber nicht dünn. Melissa selbst glaubte zwar, sie sei um die Hüften und Brust etwas zu viel. Aber um ehrlich zu sein, ihr war das ziemlich gleichgültig. Sie würde nicht für einen makellosen Körper auf ihre Lieblingsschokolade verzichten, die mit den echten Kakaobohnen, die war gar nicht billig.

An den Füßen trug sie ihre Lieblingstreter, ein paar helle Turnschuhe, die sehr bequem aussahen, aber auch, schon bessere Tage gesehen hatten, Sie wackelte mit den Zehen, lange würden die Schuhe das nicht mehr mitmachen.

Melissa beugte sich vor und bediente ihren Touchscreen, ihr Transporter war eindeutig von modernerer Bauweise.

Unter der Kanzel öffnete sich eine Klappe, Michael koppelte die Stecker zusammen und hielt das Kabel in die dafür vorgesehene Rinne, sodass sich die Klappe wieder schließen konnte. Dann  wartete er eine Sekunde, bis die beiden Computer sich gegenseitig gefunden hatten.

"Perfekt!" dröhnte gleich darauf Hans Stimme durch die Lautsprecher. "Komm an Bord Michael, Mel bleib' im Windschatten, wenn du kannst!"

"Ich kann, keine Sorge. Bei 100 km am Tag werde ich wohl noch mithalten können." Lachte die junge Frau ins Mikro und winkte Michael freundlich zu, als dieser zurückschlenderte.

Nur zwanzig Minuten später waren sie unterwegs, 100km am Tag, bei einer Rotationsperiode von 27 Stunden ergibt sich eine Reisegeschwindigkeit von 3-5Km/h je nach Bodenbeschaffenheit, man könnte fast nebenher gehen, aber nur wenn man außerordentlich lebensmüde war. Im Urwald lauerten Gefahren.

Pausen in der Nacht waren nicht die Regel, schon gar nicht im Konvoi, nur bei außerordentlich schwierigem Terrain bevorzugten es die Piloten, während der Durchquerung, jemanden im Cockpit  zu haben.

Per Autopilot stapften die Maschinen vom Hafengelände und wenn sie sich darum gekümmert hätten, so hätten sie gesehen, wie die Frachter, deren Ladung sie jetzt trugen in die Ferne des Weltalls davonrauschten, den Sternen entgegen.

Dies schien eine Reise wie jede andere zu werden, nur dass sie diesmal zu dritt waren. Es war ein einsamer Job, denn Kopiloten waren eher die Ausnahme als die Regel. Viele Piloten erzählten von der Freiheit und Ungebundenheit, aber es gab feste Terminpläne die eingehalten werden mussten. Die einzige Freiheit, die man hatte, das waren die ein bis zwei Wochen, die man Menschenseelenalllein in diesem Ungetüm verbrachte. Die Pilotin war schon seit drei Jahren in diesem Job tätig. Sie empfand das nicht gerade als Traumberuf, aber es war besser als in einem Büro zu versauern. Sie träumte davon ein Abenteuer zu erleben, oder einen Mann kennen zu lernen, nicht dass sie einen bräuchte, der Sie von diesem feuchten Planeten herunterholen würde, aber das waren nur Träume. Wollte man nicht immer mehr, als man erreichen konnte.

Im Aufenthaltsraum gab es einen großen Videoschirm, es war nicht gerade eine Kinoatmosphäre, die dieser verbreitete, aber für Spiele und Filme reichte es allemal. Außerdem war es möglich Videokonferenzen zu halten, wenn mehrere Transporter im Konvoi marschierten, was selten genug vorkam.

"Habt ihr gehört, dass Jason verschwunden ist?" Erkundigte sich Melissa beiläufig, als die Pause zwischen den Gesprächsfetzen wieder zu lang zu werden drohte. Sie traf damit einen wunden Punkt, denn im Urwald liegen zu bleiben gehörte zu den Albträumen eines jeden einsamen Piloten.

"Nein, was ist passiert?" erkundigte sich Hans schnell.

"Ich weiß nichts Genaues, nur Gerüchte aus der ‘Bar zum morschen Container', aber angeblich soll er letzte Woche nicht in Mjidogo angekommen sein."

"Wie kann das sein, so ein Transport verschwindet doch nicht einfach", mischte sich Michael ein, er war noch nicht so lange dabei, um so ein Ereignis richtig beurteilen zu können. Er wusste nicht was es hieß im Wald aussteigen zu müssen, um irgendeine lächerliche Kleinigkeit in Ordnung zu bringen, die einem draußen im Dschungel das Leben kosten konnte.

"Nein Mitch, aber der Wald ist sehr unübersichtlich und nur wenige sind bereit den langen Pfad zu benutzen. Es ist leichter eine Abkürzung zu nehmen, aber dabei kann man eben auch, mal verloren gehen."

Sie waren jetzt gerade ein paar Stunden unterwegs, die Stadtmauern lagen hinter ihnen und um sie herum breitete sich der Regenwald aus. Unter den Baumkronen regnete es nicht, kein Wasser jedenfalls, nur tote Tiere, aus den bis zu 500 m Baumriesen, die hier wuchsen. Das Getier am Boden war, außer für einige Überlebenskünstler der hiesigen Tierwelt, absolut letal.

"Wird man seinen Transport wiederfinden?"

""Ich glaube nicht, dass irgendjemand nach ihm sucht. Schau aus dem Fenster, die Bäume stehen selten dichter als hundert Meter beieinander, aber bei einem Durchmesser von fünf Metern, den Sträuchern und dem Nebel ist es schwer zu sagen, was einen auf den nächsten zwei Kilometern erwartet. Er wird sich selbst helfen müssen!

Michael hatte an Melissas Worten gehangen wie an einer Predigt, so langsam verstand er mehr von diesem Beruf und vielleicht auch, welchen Preis man für dieses winzige Stückchen Freiheit zahlen musste.

"Jason ist ein erfahrener Pilot, er wird wieder auftauchen. Erinnerst du dich an Gavin, den Wurm." wandte sich Hans mit einem langen Satz an Melissa.

"Ja, ich erinnere mich, da hat er seinen Spitznamen bekommen, er war dünn wie ein Wurm."

Michael  lauschte gespannt als sich die beiden erfahrenen Piloten unterhielten, Hans war heute gesprächiger als sonst. Irgendwie bedauerte Michael aber, dass er Melissa nicht schon früher kennen gelernt hatte.

"Ich glaube es genügt für heute, gute Nacht." Verabschiedete sich die Pilotin schließlich und damit verschwand auch, Melissas Bild.

"Du übernimmst die erste Wache, Michael. Der Boden ist schlecht. Ich lös‘ dich in fünf Stunden ab," knurrte Hans.

"Gut", antwortete der junge, aber Hans war schon auf dem Weg zu den Schlafkojen.

Michael kletterte hinunter in das Cockpit, machte es sich im Kopilotensessel bequem und schaute sich noch einmal um, ob er auch, die Luke zu den Wohnräumen geschlossen hatte. Anschließend schaltete er die Außenkommunikation ein, sofort war die Kanzel erfüllt von Gekreische und Gezirpe der Tiere, die draußen um ihr Überleben kämpften. Michael hörte sich dies häufig an, wenn er allein war, er schaltete um auf Notbeleuchtung, das rote Licht erhellte mit Mühe die Instrumente.

Langsam gewöhnten sich seine Augen an die Dunkelheit, im Wald war es stets schummrig, und mit der hereinbrechenden Nacht senkte sich tiefe Dunkelheit über den kleinen Konvoi. Michael starrte in die Dunkelheit und beobachtete ein paar Leuchtkäfer, die vor dem schwarzen Vorhang tanzten. Gelegentlich verschwand einer der hellen Flecken, sei es, dass der Käfer erschöpft sei, oder weil ihn sich ein größerer Käfer zur Nahrung ausgewählt hatte, wer konnte das schon sagen. Michael unterschied zwischen Käfern, kleinen Tieren und den großen Tieren, die man nur sehr selten zu Gesicht bekam. Da sich bisher noch kaum ein Forscher in diesen Wald getraut hatte, war das zweifellos auch, ziemlich gleichgültig.

Daphne landete den Airhopper vor dem elterlichen Haus und drückte den Knopf für den Kran, der ihren Rollstuhl aus dem Heck des Hoppers hob. Das junge Mädchen war seit ihrem fünften Lebensjahr an den Rollstuhl gefesselt. Amyotrophe Lateralsklerose gehörte zu einer Gruppe der alten Krankheiten, welche die Medizin noch nicht besiegt hatte, aber es gab Fortschritte. Daphne würde an dieser Krankheit nicht sterben.

Imelda DeRochelle, ihre Mutter, kam ihr entgegen, wie jeden Tag hatte sie schon vor der Tür auf die Rückkehr ihrer Tochter gewartet. Sie arbeitete seit der Diagnose der Krankheit nur noch halbtags und gab vor ihre Tochter unterstützen zu müssen, aber eigentlich wusste Frau DeRochelle ganz gut, wie unabhängig und selbstständig Daphne war. Sie begann, den Rollstuhl auseinander zu falten.

"Ich kann das alleine, Mama." Klagte das Mädchen vorwurfsvoll, wie gewöhnlich, wie jeden Tag. Daphne wusste ganz genau, dass sie damit auf taube Ohren stieß, das gehörte zum Ritual.

"Ich weiß, Daphne. Wie war die Schule?" Ignorierte ihre Mutter den Protest. Daphne seufzte, da konnte man nichts machen.

"Wie soll's schon gewesen sein, wir wiederholen alles für das Abitur, es ist langweilig." Klagte sie, eindeutig unterfordert.

Frau DeRochelle ließ es sich nicht nehmen ihre Tochter ins Haus und vor den Küchentisch zu schieben. Auch wenn Daphne sehr selbstständig war, sie war doch trotz allem ihr Kind, sie merkte sicher gar nicht, dass Daphne diese Sonderbehandlung nicht gefiel.

Sie trug das Mittagessen auf, nicht gerade Daphnes Lieblingsspeise, aber angeblich gesund.

"Du hast Post von deinem Vater." Verkündete Sie schließlich und schob eine Datenkarte über den Tisch. Nachrichten aus anderen Sonnensystemen brauchten stets mehrere Tage um ihren Empfänger zu erreichen, die Post charterte häufig Speicherplatz auf kommerziellen Frachtern, das war zwar günstig, aber man durfte sich nicht wundern, wenn ein Brief auch, mal länger als eine Woche unterwegs war.

Daphne schob ihren Teller beiseite und beendete die Mahlzeit vorzeitig. "Oh, schon wieder." Die Ironie in ihrer Stimme war nicht zu überhören, dann kramte sie den Pocketcomputer aus der Seitentasche ihres Rollstuhls. Nach dem einschalteten überprüfte dieser Computer sofort die Umgebung nach Netzanschlüssen und Datenträgern, zu denen sofort eine Funkverbindung hergestellt wurde. Eine Sekunde später bot der Rechner an, die Nachricht anzuzeigen.

"Was schreibt er denn?" Fragte Imelda DeRochelle, während sie begann, das Geschirr in die Spülmaschine zu sortieren.

"Es geht ihm gut, ich soll mir keine Sorgen machen und ich könne ihn im nächsten Monat nicht besuchen." Fasste Daphne kurz die Nachricht zusammen. Die Enttäuschung war ihr deutlich anzusehen, in den vergangenen Jahren war es immer möglich gewesen, dass sie ihren Vater wenigstens während der Ferien besuchen konnte.

"Arbeitet er noch auf Situkubwa als Frachterpilot." Lenkte Imelda DeRochelle ab, wofür ihr Daphne dankbar war, es hatte sowieso keinen Zweck sich über die Absage zu ärgern.

"Der Absender ist Malaikapia auf Situkubwa vor etwa zweieinhalb Wochen, demnach ist er wohl noch dort." Das Mädchen machte eine kurze Pause und blickte von ihrem Display auf. "Wie lange ist Papa jetzt eigentlich schon weg?"

"Es müssen im nächsten Sommer fünf oder sechs Jahre sein?"

"Ich war damals zu jung, um zu kapieren, was zwischen euch los war, und ich glaube ich wollte es auch, gar nicht so genau wissen." Sie wusste was als Nächstes kommen würde, sie hatte ein heikles Thema angeschnitten.

Frau DeRochelle ließ sich ihr Gegenüber auf einem der Küchenstühle nieder. "Manchmal bin ich mir da auch, nicht ganz sicher." Seufzte Sie und stützte ihren Kopf auf die linke Hand und redete weiter, "Jason gab mir immer das Gefühl, ich würde ihn zu sehr bedrängen, ihm seine Freiheit nehmen, denkst du, das ist die Basis für eine gute Beziehung?"

"Nein Mama. Ich glaub nicht." Daphne drehte sich um und verließ das Zimmer, "ich muss noch Hausaufgaben machen." Sie wollte auch, heute noch nicht wissen, warum sich ihre Eltern getrennt hatten und sich schon gar nicht für eine Seite entscheiden.

Sie schloss die Tür hinter sich, in diesem Haus waren alle Zimmer ebenerdig angelegt, das machte es leicht für sie.

Sie kam aber kaum dazu ihre Schulsachen auszupacken, als ihre Mutter ins Zimmer stürzte. "Was?" Brachte sie nur hervor, aber ihre Mutter hatte schon angefangen zu reden.

"Jason wird vermisst!" Rief sie aufgebracht. "Er ist von seiner letzte Tour nicht wieder zurückgekommen, seit einer Woche wartet man schon auf ihn."

Das war ungewöhnlich, Jason DeRochelle galt stets als zuverlässig und zusammen mit dem Brief, den Daphne erhalten hatte, war das Anlass genug, sich ein wenig aufzuregen. Aber war das so schlimm, dass sie gleich wie eine Furie in ihr Zimmer stürzen musste.

"Woher hast du das?"

"Eine Nachricht von der Polizei in Situkubwa." Sie drückte eine zweite Datenkarte auf den Tisch, als ob Daphne mit bloßen Augen sehen könnte, was diese mitzuteilen hatte.  "Sie sagten, sie müssten mich informieren, aber ich solle mir keine Gedanken machen. Was für Idioten, jetzt mache ich mir doch erst recht Sorgen."

 "Ich war immer der Meinung du würdest ihn gar nicht mehr lieben."

"Was hat das denn damit zu tun?"

"Hm, na ja", man musste seine Eltern nicht immer verstehen oder. "Was hältst du davon, wenn ich mal hinfliege und mich persönlich mit der Polizei unterhalte." Überlegte sie dann, wer konnte schon wissen, ob da vielleicht wirklich etwas nicht stimmte.

"Und was ist mit deiner Schule?"

"Das geht schon in Ordnung, ich werde mit der Schulleitung sprechen."

"Ich sollte dich begleiten, du kannst doch nicht allein, durchs Weltall düsen."

"Mama! Ich brauch' wirklich keinen Babysitter. Ganz abgesehen davon, hast du hier deine Arbeit, du kannst nicht einfach zwei Wochen Urlaub nehmen." Zwei Wochen waren das Mindeste, was man für den Besuch eines anderen Sonnensystems einplanen musste, knapp eine hin und eine zurück.

"Aber du kannst?"

"Ich kann, ich bin immer noch die Klassenbeste. Man wird wohl ein paar Tage auf mich verzichten können."

Es fiel Daphne nicht schwer sich von der Schulleiterin in einer Familienangelegenheit ein paar Tage frei geben zu lassen, aber für Imelda DeRochelle war es nicht so leicht ihr Töchterchen einfach ziehen zu lassen. Aber, so dachte Daphne, das war ihre Möglichkeit ihr zu zeigen, dass sie selbstständig war und nicht auf die Hilfe angewiesen. Bei jedem anderen als ihrer Mutter hätte sie mit einem Wutausbruch reagiert, wenn man sie wie einen hilflosen Krüppel behandelte, bei ihrer Mutter war sie daran gewöhnt.

"Holst du mir meinen Koffer vom Schrank?"

2. Kapitel: Ein beunruhigender Fund