22.Kapitel: Im Krieg

Flucht

Michael schaute sich mit Denzel in den verschiedenen Räumen des Kontainers um. Viel gab es nicht mehr zu sehen. Das Meiste war, bei der Aufgabe der Station, mitgenommen worden. Zurückgelassen hatte man nur, was man extra hätte ausbauen müssen oder was aufgrund des Eigengewichts den Transport nicht mehr lohnte. Deshalb waren die meisten Räume bis auf ein paar einfache Möbel leer. Tatsächlich schienen die unteren Stockwerke mit den Generatoren und der Kommandozentrale noch die interessantesten zu sein.

"Habt ihr noch was gefunden?" erkundigte sich Daphne, als sie nach wenigen Stunden wieder auftauchten. Sie war froh etwas Gesellschaft zu haben, denn auch die Nywel waren auf Entdeckungstour gegangen und mit den anderen Beiden war absolut nichts anzufangen. Sie hatte hin und wieder versucht, ein Gespräch mit ihnen anzufangen aber außer, daß der Guerillero Zander und der Freiheitskämpfer Magnus hieß hatte sie nichts aus ihnen herausbekommen und im Moment schienen sie zu pennen. Daphne hackte lustlos auf der Komputerkonsole im Aufenthaltsraum herum, aber alles schien einwandfrei zu funktionieren, so daß ihr nichts zu tun übrig blieb.

"Nein nichts", antwortete Michael. "Alles was nicht Niet- und Nagelfest war haben die mitgenommen. Wir haben wohl noch Glück gehabt, daß die Station noch da war."

Daphne grinste, da hatte Michael wohl recht, bis die Vereinten Planeten eintrafen, würden sie sich noch ganz schön auf die Nerven gehen.

Zum Mittagessen brachte man Melissa und Hans in einen Speisesaal, wo sich bereits Donavan und dessen Leuten eingefunden hatten. Melissa beobachtete den Waffenhändler vorsichtig aus den Augenwinkeln, als sie sich neben Hans einen Stuhl zurechtrückte. Dieses arrogante Arschloch, er hatte noch gar nicht gemerkt, daß er hier ebenfalls ein Gefangener war. Herstead ging da keine Risiken ein, wer zu ihm stieß, mußte bleiben. Es gefiel ihr nicht so dicht neben ihm zu sitzen, aber wenigstens hatte Hans zwischen ihr und Donavan Platz genommen, das verschaffte ihr zumindest etwas Abstand.

"Schönen Tag zusammen", murmelte Donavan kalt und Hans sparte sich die Mühe darauf zu antworten.

"Was fällt euch eigentlich ein, hierher zu kommen?"

Hans drehte sich halb zum Waffenhändler um. "Was hast du für ein Problem?"

"Verdammt. Ihr habt hier nichts zu suchen."

"Das laß unsere Sache sein. Hast du Angst, wir könnten dein Ansehen hier untergraben?"

Donavan lachte höhnisch. "Geht’s noch? Alter."

Schweigend nahmen Melissa und Hans ihre Mahlzeit zu sich und zogen sich bald wieder zurück. Das hier war nicht die Gesellschaft, die irgendeinem von ihnen besonders zusagte. Aber diesmal begleitete man sie nicht zurück in ihre Zelle, Melissa erkannte den Weg als erste wieder.

"Was will Herstead denn jetzt von uns?" wandte sie sich an den jungen Soldaten, an dessen Namen sie sich nicht erinnern konnte, aber sie hatte ihn schon an ersten Tag ihrer Ankunft gesehen.

"Wird er ihnen selbst sagen, Mam", antwortete der junge Mann höflich. Schließlich erreichten sie Hersteads Büro, der Rekrut klopfte an die Tür und dann wurden sie hereingebeten.

"Ich hoffe, Sie hatten nicht allzuviele Unannehmlichkeiten."

"War auszuhalten", gab Hans kurz angebunden zurück, er mochte keinen Smalltalk.

"Um gleich zur Sache zu kommen. Wir werden Morgen unsere Offensive starten. Es bleibt keine Zeit auf Verstärkung aus den Nachbarsystemen zu warten. Von Donavan habe erfahren, daß auch Sie Erfahrungen mit diesen Blackbirds gemacht haben?"

Hans nickte, sie hatten ein Exemplar gesehen, soweit stimmte das schon.

"Gut. Donavan hält sich etwas zurück mit seinen Informationen, deshalb würde ich es vorziehen, wenn sie mitkommen würden."

"Wohin."

"Auf mein Schlachtschiff. Ich werde Sie nicht zwingen, kann aber versichern, daß es, wenn der Krieg beginnt hier im Bunker nicht mehr sicherer sein wird als an Bord des Kreuzers. Ich würde es begrüßen, wenn Sie mich begleiten würden."

Hans zuckte mit den Achseln und Warf einen Blick hinüber zu Melissa, er selbst würde schon aus reiner Neugierde mitkommen, aber er fühlte sich auch für die Frau neben sich verantwortlich und wollte diese Entscheidung nicht allein treffen.

Melissa nickte zögerlich. "Wenn es keinen Unterschied macht, können wir Sie auch Begleiten." Die letzten beiden Tage, in denen die einzige Abwechslung aus den Mahlzeiten mit Donavan bestanden hatten, mußten ihre Entscheidung beeinflußt haben.

"Dann freue ich mich, Sie in zwei Stunden an Bord der ‚Seeadler‘ begrüßen zu dürfen."

Sie flogen in einer Gruppe von fünf kleinen Transportschiffen, die in vielen Flügen die Mannschaften der Schlachtschiffe auf Kampfstärke brachten, gleichzeitig wurden die Truppen, die überall auf dem Planeten verteilt waren mobil gemacht, das alles musste so unauffällig wie möglich geschehen. Ohne Unterstützung waren Hersteads Truppen denen von Roscher zahlenmäßig unterlegen, sie mußten deshalb den Überraschungseffekt ausnutzen bis schließlich Verstärkung aus den Nachbarsystemen eintreffen würde.

Sie mußten nicht lange warten, bis Herstead sie empfing. Dafür, daß sie sich im Krieg befanden, wurden sie eigentlich ziemlich zuvorkommend behandelt. Womöglich versuchte Herstead bei seinen ausländischen Gästen einen guten Eindruck zu hinterlassen. Hans war schon wieder mißtrauisch geworden, nun, das lag in seiner Natur, wenn etwas zu glatt lief war etwas nicht in Ordnung. Aber er wünschte sich, er würde sich irren, und daß dieser Herstead dem System schließlich die Freiheit bringen würde, vielleicht war es ja einfach nur Gastfreundschaft.

"Sie sind nicht nur hier, weil ich von ihnen etwas über den Blackbird erfahren wollte." Begann Herstead sofort.

"Nein, das dachte ich mir schon", entgegnete Hans schnell.

"Ich will auch, daß Sie sehen, daß wir die Guten in diesem Kampf sind."

"Ja, so was hatte ich mir schon gedacht."

"Gut. Dann begleiten Sie mich jetzt auf die Brücke." Er ignorierte Hans Bemerkung und führte die beiden hinauf zur Brücke. Melissa und Hans waren inzwischen schon ganz gut an das Leben in der Schwerelosigkeit gewöhnt hatten sie doch schon so manche Stunde in diesem ungewöhnlichen Zustand verbracht. Sie hangelten sich hinter Herstead das Geländer entlang und immer in Sichtweite folgten ein paar Soldaten, die sie niemals aus den Augen ließen.

Die Kommandozentrale war schlicht eingerichtet, wie gewöhnlich war der Platz des Kommandeurs etwas erhöht, so daß er seinen untergebenen von seinem Sitz auch über die Schultern schauen konnte. Was fehlte war ein großer Frontschirm statt dessen besaß Herstead seine eigene Konsole, das gab ihm größere direkte Kontrolle über seine Truppen und konnte, wenn die Situation eintrat, einige Sekunden an Zeit sparen, wenn er seine Befehle direkt delegierte.

Melissa und Hans wurden gleich neben der Schiebetür zwei Plätze zugewiesen, wo sie sich anschnallen mußten. Auch sie hatten je ein Display auf dem sie die Ereignisse verfolgen konnten, aber sie waren hier nur zu Beobachtern verdammt. Die Schultergurte zogen sich selbständig fest und verhinderten ein hilfloses herumtreiben, wenn das Schlachtschiff Seeadler in die Verlegenheit kommen sollte schnell ausweichen zu müssen. Aus dem Bildschirm war die Formation zu sehen in der Hersteads Flotte sich postiert hatte, es blieb ihnen nicht mehr viel Zeit, denn diese Bewegungen konnten dem Gegner nicht auf Dauer verborgen bleiben. Nur allzu schnell würde man den Braten riechen und die eigenen Truppen in Alarmbereitschaft setzen, wenn sie das nicht sowieso die ganze Zeit waren.

"Triebwerke zünden!" befahl Herstead knapp und wechselte das Bild des Monitors. Dort war jetzt eine Karte des ganzen Planeten zu sehen. Insgesamt sieben Flotten der Befreiungsarmee befanden sich im Orbit und ihnen gegenüber standen 15 Einheiten der Gegner. Sie waren dem Feind unterlegen, aber Roschers Flotten besaßen nicht die selbe Stärke wie Hersteads, sie hatten eine Chance, wenn sie nur schnell genug waren, wenn die Überraschung groß genug ausfiel. Viele Wenn und Aber, manchmal war das alles worauf man sich verlassen konnte.

Nach einer halben Stunde waren die Triebwerke heiß und alle Schiffe setzten sich auf den Vorausgeplanten Routen in Bewegung, sie hatten jetzt höchstens eine weitere halbe Stunde, bis auch Roschers Schiffe voll einsatzfähig sein würden. Die Tage der Waffenruhe waren vorbei. Die Schlacht begann.

Daphne fühlte sich eigentlich gar nicht krank, aber die Übelkeit war in den letzten Tagen immer mit großer Regelmäßigkeit wieder aufgetaucht. Unter normalen Umständen wäre es jetzt mal an der Zeit einen Arzt aufzusuchen, aber die se waren keine normalen Umstände. Auch der alten medizinischen Ausrüstungen der Station wollte sich das Mädchen auch nicht hingeben, zumal keiner von ihnen eine Ahnung hatte, wie man damit umgehen sollte.

Dann fiel es ihr auf was nicht in Ordnung war, daran hätte sie eigentlich schon viel früher denken können, aber in dem ganzen Streß der letzten Wochen war ihr der Gedanke gar nicht gekommen.

"Michael!"

Michael saß mit Denzel am Tisch des Aufenthaltsraums und spielte Karten mit den beiden Soldaten und mit Denzel. Da der Junge schon fast seinen ganzen Vorrat an Streichhölzern verloren hatte, war er ganz froh über die Abwechslung.

"Was gibt’s denn?" Schnell kam er hinüber zu ihrem Bett und setzte sich zu ihr.

"Ich bin Schwanger?"

"Wu... ?" Brachte Michael überrascht hervor uneinig darüber, ob er nun wie oder wer fragen sollte, dabei konnte er sich beide Fragen eigentlich auch selbst beantworten. "Das kann doch nicht sein!" brach er aber schließlich hervor.

"Ich bin schon drei Wochen überfällig."

"Was willst du machen?"

"Wie? Was will ich machen? Ich glaub, wir haben da keine große Wahl."

Auch die anderen hatten das Gespräch mit angehört und standen inzwischen im Kreis um Daphnes Bett, das war dem Mädchen ein wenig unangenehm aber zu spät, Privatsphäre gab es hier sowieso nicht.

"Tschuldigung, war ‘ne dumme Frage. Verhütest du denn nicht?"

"Erstens: Warum ich? Zweitens ich hab’ ehrlich nicht dran gedacht. Ich war der Meinung ich würde meinen Vater suchen und nicht rumbummsen, na da kann man nichts machen. Und wieso nimmst du keine Pille?"

Michael zuckte die Achseln, darüber hatte er sich auch noch nie Gedanken gemacht.

Denzel mußte lachen. "Ihr habt Probleme. Ist doch egal wer Schuld hat. Laßt uns das doch lieber begießen", mit diesen Worten verschwand er, um irgendwo etwas trinkbares aufzutreiben.

"Willst du’s behalten?" Fragte Michael leise.

"Soll ich das allein entscheiden?"

Michael zuckte wieder die Achseln, das ging alles viel zu schnell, viel zu plötzlich. "Keine Ahnung, das kommt alles so plötzlich." Er fühlte sich ein wenig verwirrt, was sollte er bloß machen.

"Hast bestimmt noch acht Monate, um dich dran zu gewöhnen." Lachte Daphne, sie mußten all das nicht heute entscheiden, sie mußten erst mal überleben und konnten sich später den Kopf zerbrechen, wenn oder falls sie gerettet wurden.

Schließlich tauchte auch Denzel wieder mit ein paar Pappbechern auf. "Is’ nur dasselbe abgestandene Wasser wie immer, muß aber reichen."

Hinter ihm tauchten auch die beiden Nywel auf, die er sicher auf dem Weg irgendwo aufgegabelt hatte. Beide hielten sich in diesen rein menschlichen Angelegenheiten auffällig zurück, vielleicht noch mehr als sonst. Sie konnten damit nichts anfangen, aber sie beobachteten, wie es ihre Natur war.

"Was ist mit deiner Krankheit?" Erkundigte sich Michael besorgt.

"Die Chancen stehen fifty fifty, wenn ich das Kind behalte, werde ich frühzeitig einen Test machen müssen, damit ALS gestoppt werden kann noch, bevor es auftritt."

"Das geht?"

"Sicher, hat doch auch bei mir geklappt."

"Ganz nebenbei." Erkundigte sich Denzel und nippte an seinem Becher. "Was ist das für eine Krankheit?"

"Ich leide unter Amyotropher Lateralsklerose. Dabei gehen die Motoneuronen zugrunde, die die Nervensignale an die Gliedmaßen weiterleiten."

"Wie? Und die anderen Nerven bleiben intakt?"

"Ja, das hat mit einem Enzym zu tun, daß nur in dieser Art von Neuronen vorkommt, irgendwie funktioniert es bei mir nicht richtig, so daß die Zellen von freien Radikalen geschädigt werden können. Irgendwann versagen die Neuronen dann", beendete das Mädchen seine Ausführungen. Sie hatte sich viel über ihre Krankheit angelesen und hätte ihren Zuhörern durchaus einen ordentlichen medizinischen Vortrag halten können, aber sie verzichtete darauf, sie wollte schließlich noch Verständlich bleiben.

"Und wie kann das gestoppt werden?" Erkundigte Michael sich schließlich, er hatte bisher immer den Eindruck gehabt, sie würde nicht gern über ihre Krankheit sprechen, aber es schien eine Veränderung in ihr gegeben zu haben.

"Gentherapie." Warf Daphne das Stichwort in die Runde. "Mit Retroviren wurde ein funktionierendes Gen in die Zellen eingeschleust. Seitdem schreitet die Krankheit nicht mehr weiter fort."

"Ist das sicher?"

"Wenn ich das wüßte, Denzel. Alle paar Jahre laß ich ‘ne Untersuchung machen und bisher sind keine Verschlechterungen aufgetreten."

Sie leerten ihre Becher, dann ging jeder wieder seinen eigenen Problemen nach. Sie hatten viel Zeit nachzudenken. Der zweite Tag neigte sich dem Ende zu und während das Licht das durch die Glasfasern in die Räume geleitet wurde allmählich schwächer wurde, wurde dann das gelbe Licht der Neonröhren automatisch hochgedreht.

Michael hockte schließlich allein mit Daphne auf ihrem Bett und half ihr bei ihren Übungen. Es war schon ein paar Wochen her, seit sie das letzte mal gemacht hatte irgendwie waren sie immer so beschäftigt gewesen, daß sie keine freie Minute dafür gefunden hatte.

"Ich glaub du bist gelenkiger als ich." Bemerkte Michael nebenbei, als sie auf dem Rücken liegend ihr linkes Bein gestreckt fast bis zum Kopf heranzog, das rechte war dabei leicht angewinkelt.

"Dann fang doch auch mit Yoga an!" Lächelte sie zurück und versuchte sich vorzustellen, wie sie diese Übung mit ‘nem dicken Bauch machen sollte.

"Feuer frei!" Befahl Herstead.

Vierhundert Kilometer über der Planetenoberfläche verließen hunderte von Sprengköpfen die Startschächte. Die Vorwarnzeit war gering, vielleicht zwanzig Minuten. Hauptziel war nicht allein die feindliche Flotte, sondern vor allem auch die Beobachtungssatelliten. Diesen Schlag würden Roschers Truppen mit großer Gewißheit abwehren können. Beim nächsten Zug sollte es erheblich schwerer werden.

Melissa starrte auf den Monitor und verfolgte wie eine Wolke von Geschossen sich über die Planetenoberfläche ausbreitete. Es brauchte weniger als eine Minute, bis Roschers Schiffe ebenfalls eine Salve abfeuerten. Sie waren noch immer außer Sichtweite, hinter dem Horizont, aber Hersteads Schiffe näherten sich schnell. Er hatte alles auf eine Karte gesetzt, alle Verbände waren im Einsatz, er hielt nichts zurück.

Hersteads Raketen wurden nach der Hälfte der Wegstrecke fast vollständig von Roschers aufgerieben. Drei Satelliten waren zerstört und ein gegnerisches Schlachtschiff schwer beschädigt. In einem Fenster auf dem Bildschirm tauchten die ersten Lichtpunkte auf, die Außenkameras waren auf maximaler Vergrößerung. Viel dichter schien Herstead auch nicht herangehen zu wollen.

"Geschwader starten." Befahl er. Von jetzt an kommandierte jeder Kommandeur seine eigene Flotte, Herstead selbst stand mit seinen Schiffen vor Barcelona und hatte sich damit zweifellos die schwierigste Aufgabe aufgeladen, aber dafür war er schließlich auch zum Anführer gemacht worden.

Aus zwanzig Kreuzern wurden jeweils fünfundzwanzig Jäger gestartet, die vierzehn Blackbirds gingen in dieser Masse fast unter und doch hatte Herstead ihnen eine strategische Bedeutung zugedacht.

In der Verschnaufpause wandte sich Herstead schnell an seine Gäste, es würde zwei Minuten dauern, bis die Kampfhandlungen begannen.

"Zum Verständnis", begann er. Melissa fiel es schwer ihren Blick vom Bildschirm abzuwenden. Herstead hatte gerade über fünfhundert Menschen in den Krieg und viele davon in den Tod geschickt. Das Grauen stand ihr deutlich in den Augen. "Das erste Geschwader übernimmt mehrere Aufgaben. Sie werden die Verteidigung des Gegners schwächen und Raketen abfangen die man auf die Schlachtschiffe feuert. Dann geben sie den Blackbirds Geleitschutz, so daß diese ihre Torpedos in großer Nähe zum Gegner abfeuern können." Damit drehte er sich wieder in seinem Sessel um, gab weiter Befehle an seien Streitmacht und ließ sich einen kurzen Statusbericht von den anderen Flotten geben.

Die Kampfhandlungen zogen sich über viele Stunden hin, in denen es immer wieder kurze Pausen gab, in denen sich die versprengten Truppen wieder sammelten, nur um alsbald erneut aufeinander loszustürmen. Und zur selben Zeit stieß am Boden Hersteads Heer in die Nähe der Stadt vor, noch unbemerkt. Sie würden angreifen, sobald Herstead die Lufthoheit erlangt hatte. Bis zu dieser Stunde war in den Städten noch nichts zu spüren gewesen von den Kampfhandlungen, die in großer Höhe über den Köpfen der Einwohner ihren schrecklichen Verlauf nahm.

"Sie können sich zurückziehen", wandte sich Herstead schließlich wieder an seine Gäste, seine Zeugen. "Heute wird es noch nicht zu einer Entscheidung kommen."

Melissa war dankbar, hier endlich wegzukommen. Man führte sie und Hans in einen der Schlafsäle. Viele der Kojen waren bereits belegt, von Soldaten die sich vor ihrem Einsatz noch ein wenig Ruhe gönnen durften. Wie das in der Schwerelosigkeit möglich sein sollte, konnte sich Melissa nicht vorstellen.

Man zeigte ihnen die beiden Schlafsäcke, die für sie bereitgestellt worden waren, graue Säcke in denen man festgeschnallt vor dem Herumschweben im Schlaf bewahrt wurde. Dies war nun auch für Melissa eine neue Erfahrung, jedesmal, wenn sie die Augen schloß hatte sie das Gefühl in ein tiefes Loch zu fallen. Ihr wurde fast Schlecht, als sie es das zweite mal versuchte. Aber sie konnte ja auch nicht mit offenen Augen schlafen.

Nach einigen weiteren Versuchen hatte sie aber an die neue Situation gewöhnt, das Gefühl verschwand langsam, aber der Schlaf kam deshalb noch lange nicht. Melissa mußte immer wieder daran denken, daß da draußen ein Krieg tobte, und daß dabei viele Menschen starben. Und sie konnte das Gefühl nicht loswerden, daß sie ihren Beitrag zu diesem Krieg geleistet hatten, das war natürlich absurd, die Kampfhandlungen währen mit oder ohne sie ausgebrochen. Mit ihrem Besuch bei Herstead, waren sie höchstens der Tropfen gewesen, der das Faß zum Überlaufen brachte. Aber sich das einzureden, und diese nagende Schuld im Bauch zu spüren, das waren zwei völlig unterschiedliche Dinge, die partout nicht aufeinander wirken wollten.

Dann wurde das Licht im Schlafsaal gelöscht. Melissa kam es sogleich viel leiser vor. In der Stille lauschte sie auf das Atmen der anderen Soldaten, die sich diesen Saal mit ihnen teilten und auf das finstere Röcheln, daß von Hans kam, der gerade eine Koje weiter lag. Sie wußte nicht, ob dem alten Haudegen dies alles weniger ausmachte, oder ob er seine Gefühle nur besser verbarg. Melissa drehte sich in ihrem Schlafsack unruhig hin und her, aber das war in der Schwerelosigkeit völlig sinnlos, was ihr fehlte war eine feste Unterlage, die ihr Halt gab. Schließlich überwand sie sich mit dem Rücken zur Wand schweben zu Bleiben, es machte wirklich keinen Unterschied. Sie starrte in den schmalen Gang hinaus und versuchte zwanghaft an etwas anderes zu denken. Das funktionierte um so weniger, je mehr sie sich anstrengte.

Als sie eine dumpfe Erschütterung spürte wäre Melissa fast aus dem Bett gesprungen, wenn die Gurte sie nicht zurückgehalten hätten, gerade als sie am Einschlafen war. Dann folgte eine ebenso gedämpfte Explosion, aber es schien nichts ernstes zu sein, kein Alarm, keine Befehle folgten dem Einschlag, sie waren im Krieg, es war ganz normal, daß das ein oder andere Geschoß sie traf. Versuchte sie sich einzureden und merkte, daß sie auf einmal zitterte. Sie hätte gern nach Hans gerufen, aber sie traute sich nicht bei all den Soldaten, die mit ihnen im Raum waren, sie wollte sie nicht wecken. Möglichst nicht auffallen, sich ganz klein machen.

Jetzt erst vermißte sie die alte Uhr, das Erbstück ihres Vaters. Auch wenn sie regelmäßig verkehrt gegangen war und sie auch nicht sehr an dem Stück Metall gehangen hatte, in diesen Augenblicken hätte gern einen Blick darauf geworfen, um sich der langsam, viel zu langsam verstreichenden Nacht bewußt zu werden. Und um etwas zu haben woran sie sich festhalten konnte, das Metall, das in ihren Händen immer so schnell die Wärme des Körpers angenommen hatte.

Dann ging plötzlich die Tür auf und Melissa schloß schnell die Augen und tat so, als ob sie schlafen würde, sie hätte nicht sagen können, warum sie so handelte. Sie fühlte sich dadurch irgendwie sicherer, weniger angreifbar.

Aber sie hatte sich geirrt, als sie den Atem des Mannes in ihrem Gesicht spürte fühlte sich Melissa ganz und gar nicht mehr sicher. Sie schlug die Augen auf, im selben Moment als eine Hand sie fest an der Schulter packte. Der Mann hielt sich mit der anderen Hand an der Reling vor der Koje fest aber in der Dunkelheit konnte sie sein Gesicht nicht erkennen.

"Wach auf!" befahl er leise. Donavan, seine kalte gefühllose Stimme würde sie ihr Leben nicht wieder vergessen. Sie wollte Schreien, aber hielt sich dann zurück.

"Was wollen Sie?" fragte Melissa statt dessen und versuchte sich tiefer in ihre Koje zu drücken möglichst weit weg von diesem Mann.

"Später." Er löste behende ihre Gurte und zog die junge Frau aus dem Schlafsack, sie hätte Widerstand leisten können aber sie fühlte sich so wehrlos und ausgeliefert.

"Ihr zwei habt meinen ganzen Plan durcheinander gebracht!" Entgegnete Donavan wütend. "Also kommt jetzt, ich brauche euch."

"Ich versteh` kein Wort. Hat das was mit den Einschlägen zu tun?"

"Quark. Das Schiff hält viel mehr aus", wischte Donavan ihre Frage barsch beiseite. Dann rüttelte er auch Hans wach, brachte sich aber schnell in Sicherheit, als Hans im Halbschlaf mit seiner Pranke nach ihm langte.

"Was’n los?" grunzte er, es mochte sich nicht so anhören, aber Hans war sofort ganz Wach.

"Folgt mir. Ich muß mit euch reden."

Langsam hangelte sich Hans am Geländer entlang. "Wieso?"

"Nicht hier. Gehen wir hinaus auf den Gang."

Hans schien neugierig geworden zu sein, was Melissa nicht von sich behaupten konnte, am liebsten wäre die junge Frau zurück in ihren Schlafsack gekrochen oder noch besser irgendwohin, wo sie dieser Donavan nicht würde finden können. Aber noch mehr Angst hatte sie davor Hans zu verlieren, also folgte sie auf den Gang. Hinter ihnen schloß sich die Tür zum Schlafsaal leise, niemandem war ihr verschwinden aufgefallen.

Vor der Tür angekommen hätte Melissa es sich in diesem Augenblick am liebsten anders überlegt. Der Schuft, der da in seinen magnetischen Stiefeln auf sie wartete war derselbe, der ihr an Bord von Donavans Schiff die Augen verbunden und sie auf unmenschliche Weise gequält hatte. Nathan schien ihre Panik zu erkennen. "Das war nicht persönlich gemeint", sagte er. Nicht um sich zu entschuldigen, sondern bestenfalls als Rechtfertigung.

Melissa drängte sich dichter an Hans Seite.

"Also?" wandte sich Hans schließlich an Donavan.

"Wir müssen sofort die Vereinten Planeten verständigen! Eigentlich war der Plan Jason auf unserer Spur zu lassen, bis er selbst hier auftaucht, aber die Version habt ihr beide ja geschickt zunichte gemacht und jetzt sorgt ihr auch noch dafür, daß der Krieg um Wochen früher ausbricht."

"Was?" Das war doch zu kompliziert.

"Ihr seid ja so dämlich. Könnt ihr euch nicht einfach aus Angelegenheiten raushalten, die euch nichts angehen?" Er ließ den Beiden keine Zeit etwas zu entgegnen, sondern fuhr schnell fort: "Folgt mit jetzt!"

Mit Nathan im Nacken wagte Melissa nicht zu widerstehen, auch Hans schien im Moment kein großes Interesse zu haben, Widerstand zu leisten. Sie folgten Donavan in den Hangar, sie passierten einige Wachtposten aber es gab keine Probleme, man schien Donavan doch zu vertrauen, was Melissa etwas wunderte.

Sie bestiegen eines der Shuttles und verließen den Hangar, alles passierte schnell und ohne Zwischenfälle. Dann waren sie auf dem Weg zur Planetenoberfläche.

"Und?" Fragte Hans kurz aber bestimmt.

"Erklär’s ihnen!" befahl der Kapitän seinem Handlanger und lenkte das Shuttle zielsicher zu einem Ziel, das Melissa nicht zu erraten vermochte.

Nathan nickte und wandte sich zu Melissa und Hans um, die auf den Rücksitzen des kleinen Atmosphärengleiters saßen. "Ein Krieg war unvermeidlich, also machten wir unseren Schnitt und verkauften Waffen an die Rebellen. Aber leider ist und Jason dazwischengekommen. Wir konnten das nicht einfach hinnehmen, das versteht ihr doch." Er blickte Melissa plötzlich tief in die Augen, daß sie am liebsten im Sitz versunken wäre.

"Aber das ist nicht das Problem." Fuhr Donavan wütend dazwischen. "Herstead hat mein letztes Waffenschiff mit samt Besatzung konfisziert. Meine Leute sind jetzt irgendwo da draußen und wenn sie nicht für Herstead sterben, dann durch ihn. So wie die Lage steht, kann ich Ihnen nur helfen, wenn die Vereinten Planeten diesem Treiben so schnell wie möglich ein Ende setzen." Er drehte sich kurz um. "Ihr habt bessere Kontakte zu diesem Verein, deshalb erwarte ich, daß ihr mir helfen werdet."

"Und warum sollten wir das tun?" wollte Melissa wissen. Etwas Mut hatte sie schon wieder gefaßt angesichts der Tatsache, daß Donavan sich mit einer Bitte an sie wandte, auch wenn er sie eher als Befehl formuliert hatte.

"Verflucht sei nicht so einfältig. Das ist es doch was ihr die ganze Zeit versucht habt. Aber ihr könnt mir glauben, ich bin schon lange genug mit Herstead zusammen, er ist nicht viel anders als Roscher und er wird am Terror bestenfalls den Namen ändern. Ich hab’ das zu spät erkannt. Helft ihr mir freiwillig, oder muß ich euch zwingen?"

"Es sieht nicht so aus, als ob wir eine Wahl hätten", erwiderte Hans grimmig.

Donavan lachte und drehte sich wieder nach vorne. Das Rumpeln erinnerte sie daran, daß sie wieder in die Atmosphäre des Planeten eintraten.

"Nein, habt ihr nicht. Was anderes. Dieses Schiff von euch, kann es uns schnell hinter den Mond bringen."

"Anaconda? Ja das kann uns überall hinbringen."

"Gut, ein Jagdboot mit Versatzkapazität erwartet uns. Wir fliegen sofort nach Alpha Centauri. Die Zeit läuft uns davon."

Hans und Melissa verschwiegen, daß Daphne und Michael bereits unterwegs waren zu den Vereinten Planeten, sie würden die beiden dort vielleicht wiedersehen. Melissa war gespannt zu erfahren, wie es den beiden in vergangenen Tagen ergangen war.

"Wo ist Anaconda?"

Im Kampfgetümmel war es für den kleinen Raumgleiter nicht schwer durch das Radarnetz des Planeten zu schlüpfen. Die Bodentruppen wurden auf beiden Seiten noch immer zurückgehalten um zunächst einmal eine Entscheidung über die Luft und Raumhoheit herbeizuführen, der weiteren Verlauf der Kämpfe eine entscheidende Bedeutung zugemessen wurde.

Das letzte mal hatten sie Kontakt mit dem Speedster gehabt, als er noch an der Dobrotar angedockt war, aber seitdem hatte Funkstille geherrscht.

"Weiß nicht!" mußte Hans deshalb zugeben. "Aber wenn es sich noch irgendwo in diesem Sonnensystem befindet, kann ich es rufen."

"Tu’s! Wir werden auf einer Lichtung in der Nähe von Coruna landen."

Hans kramte den kleinen Sender aus der Tasche und drückte einmal kurz und kräftig, er hatte keine Ahnung, welche Botschaft der Zylinder absandte, vielleicht war es lediglich eine Positionsangabe, aber wie auch immer, er hatte ihn noch nie im Stich gelassen.

Sie landeten schließlich mitten im Urwald auf einem Felsplateau mit einem Durchmesser von ein- ober zweihundert Metern, an den Brandspuren konnte man deutlich sehen, daß diese Stelle häufig für Starts und Landungen benutzt wurde.

Einige Ranken versuchten das Plateau vom Rand her zu erobern aber die verkohlten Reste zeigten, daß bis vor kurzem noch reger Verkehr geherrscht hatte.

Sie verließen das Shuttle und warteten, wenn Nadja noch an der Raumstation angedockt war, dürfte es eigentlich nicht mehr lange dauern, bis Anaconda hier auftauchen würde. Andererseits hatte Sie beim letzten Mal gesagt, daß sie von den örtlichen Behörden gesucht werde, es könnte also auch sein, daß sie dieses System schon wieder verlassen hatte. Hans starrte in die Wolken und versuchte das Rauschen der Triebwerke in der Ferne zu erkennen.

Dann tauchte der Speedster endlich aus den Wolken auf, die Triebwerke waren stark gedrosselt, das Raumschiff schien wie ein Stein vom Himmel zu fallen.

Hans zuckte schon zusammen um sich vor der drohenden Katastrophe in Deckung zu bringen, als die Ionentriebwerke mit lautem Krachen zündeten und den Fall mit erbarmungsloser Gewallt stoppten. Als Anaconda schließlich aufsetzte war das Gestein rotglühend vor Hitze. Sie mußten warten, bis sich der Boden abgekühlt hatte.

"Gut, daß Sie mich endlich gerufen haben, Hans", begrüßte sie das Raumschiff, als er endlich im Pilotensessel Platz nehmen konnte. Melissa setzte sich schnell neben ihn, auf keinen Fall wollte sie mit Donavan und Nathan allein in der Passagierkabine bleiben.

"Wieso?" Wollte sie wissen und legte ihren Gurt an.

"Nadja ist verhaftet worden", klärte Anaconda die beiden auf.

"Was is’? Können wir endlich starten?" rief Donavan ungeduldig von hinten herauf.

"Und wie ich aus den Datenbanken des Schlachtschiffs entnehmen konnte sind auch die Starfarer und die Darwin in die Gewalt von Eglis Elitetruppe geraten", fuhr Anaconda unbeirrt fort.

"Verflucht! Wenn wir nicht bald starten, wird man uns auch schnappen", brüllte Donavan wütend die Leiter rauf.

"Halt die Schnauze Donavan!" Schrie Hans wütend nach hinten und dann wieder nach vorn gewandt: "Anaconda, unser Ziel ist ein Jagdschiff hinter dem Mond, bring’ uns dorthin."

"Positiv Hans. Schon unterwegs."

"Und sag, was mit Michael und Daphne ist", befahl er dann, als die starken Triebwerke sie wieder vom Boden hoben. Donavan war für wenigstens einen Augenblick so überrascht, daß er die Schnauze hielt, sie würden die Pause nutzen müssen, solange sie anhielt.

"Positiv Hans. Nach den Informationen, sind die Schiffe vor zwölf Tagen bei Gidjr aufgebracht worden. Man hat die Gefangenen auf den zweiten Planeten des Sonnensystems RRS-12-2243-F gebracht."

"Ist das alles?"

"Positiv Melissa. Ich habe nur die Logbucheinträge."

"Wird schon reichen," überlegte Hans.

"Habt ihr euch wieder eingekriegt?" meldete sich Donavan von unten. "Können wir endlich zu meinem Jagdboot fliegen?"

"Wir müssen Daphne und Michael retten", wandte sich Melissa an Hans, ohne auf Donavan zu hören. Es mußte doch irgendetwas geben, was sie für die Beiden machen konnten.

"Ja, aber nicht allein Melissa." Hans legte der Frau seine schwere Hand auf die Schulter. Er verstand, was sie für ihre Freunde empfand. Auch er würde lieber gleich aufbrechen, um sie zu retten, aber ihnen fehlten die Mittel. "Wir müssen zu den Vereinten Planeten, dort wird man uns anhören."

"Sag ich doch. Also los."

"Wir sind unterwegs Donavan! Halt endlich die Schnauze", erklärte Hans kurz, am liebsten würde er diesen Hektiker erwürgen.

"Kommen wir auch noch rechtzeitig?" stimmte Melissa nachdenklich zu und starrte in den dunklen Himmel, an dem die ersten Sterne das Sonnenlicht überstrahlten

"Wir machen so schnell es geht." Zu gern hätte Hans gesagt, daß sie Daphne und Michael früh genug würden retten können, aber er hatte nicht den leisesten Schimmer von den Verhältnissen unter denen man die Gefangenen in diesem Lager hielt.

Alles was ihnen blieb war, so schnell zu den Vereinten Planeten zu kommen wie möglich, und zu hoffen, daß es noch nicht zu spät war.

Sie liebte Michael nicht wirklich. Sicher, da waren hin und wieder diese Momente in denen sie sich zu ihm hingezogen fühlte, aber sie paßten doch überhaupt nicht zusammen. Sie war mehr intellektuell veranlagt und er... , wie sollte sie ihn nur Beschreiben. Nein, genau betrachtet paßten sie eigentlich nicht zusammen. Sie fühlte sich auch noch gar nicht bereit für eine feste Bindung. Klar sie hatten ganz ordentlichen Sex gehabt, aber das war doch keine Basis für eine Beziehung. Auf der anderen Seite war da jetzt dieses Baby, sie wollte sich davon in ihrer Entscheidung nicht beeinflussen lassen, sie hatte noch genug Zeit, wenn sie hier bald rauskommen würden, um die Schule zu beenden und das Kind dann auch allein aufzuziehen. Aber war das Fair gegenüber Michael, es war schließlich auch sein Kind, auch wenn nur ihr deswegen schlecht war. Sie würde über diese Sache mit ihm reden müssen.

"Was denkst du?" erkundigte sich Michael und stellte ihren Becher mit Wasser auf den Tisch.

Sie konnte nicht tagelang im Bett liegen, nur weil sie nicht laufen konnte, also bat sie Michael und Denzel von Zeit zu Zeit sie irgendwohin mitzunehmen und ihr die Station zu zeigen.

"Schon gut", murmelte das Mädchen und nahm einen großen Schluck, sie hatten die Trinkwasseraufbereitung wieder in Gang gesetzt, das hatte die täglichen Rationen qualitativ nicht unwesentlich verbessert, wenn auch die Quantität noch immer dürftig war.

Sie waren jetzt schon sechs Tage auf dieser verlassenen Station, sie hatten die Sonden abgeschickt und warteten. Die Vorräte näherten sich unaufhaltsam ihrem Ende. Sie hatten begonnen die Rationen zu halbieren aber für mehr als zwei weitere Tage reichte es auf keinen Fall. Zweifellos würde man auch eine Weile ohne Nahrung auskommen, immerhin gab es genug Trinkwasser, aber man merkte wie die Stimmung langsam gereizter wurde, schon zweimal mußten die Nywel die Soldaten mit Gewalt auseinanderbringen, um diese daran zu hindern sich gegenseitig umzubringen.

"Gibt’s was neues?" Wollte Daphne schließlich von Michael wissen. Sie erwartete nichts.

Michael schüttelte den Kopf, es gab nichts neues. Inzwischen waren sie dazu übergegangen den Funkverkehr im Orbit abzuhören, aber außer daß die Lebensmittel für das Lager immer noch regelmäßig abgeworfen wurden gab es von dort keine Neuigkeiten, keine Hinweise auf die Vereinten Planeten, geschweige denn die Rebellen.

"Ich frage mich, ob Melissa und Hans mit ihrer Mission erfolgreicher waren?" dachte Daphne laut und ob sie noch so lange überleben würden um die beiden wiederzusehen.

Michael grinste gezwungen: "Ich bin sicher, denen geht‘s jetzt besser als uns."

"Da gehört auch nicht viel dazu nicht wahr." Daphne lächelte zurück, wo war sie da nur reingeraten. Vor ein paar Monaten war sie noch zur Schule gegangen und hatte sich nur eine kleine Pause von den Prüfungsvorbereitungen erhofft, zwei Wochen vielleicht, um ihren Vater zu sehen. Jetzt war sie schon Monate unterwegs, von einem Stern zum nächsten und hatte Jason nur äußerst kurz zu Gesicht bekommen. Und jetzt, jetzt war die Frage, ob sie überhaupt jemals wieder ein bekanntes Gesicht wiedersehen würde. Das Mädchen verkniff sich die Träne, die sich ihr ins Auge drängte. Heulen hatte nun wirklich keinen Sinn, davon wurde es nicht besser.

"Ist schon in Ordnung", flüsterte Michael und rückte dichter zu ihr hin um ihre Hand zunehmen, "Es wird schon alles wieder gut werden." Sie hatte ihre Gefühle nicht vor ihm verbergen können, vielleicht kannten sie sich schon viel zulange.

"Wär‘ schön, wenn ich dir glauben könnte."

"Früher warst du nicht so pessimistisch."

"Früher bin ich noch nie in einer Situation wie dieser gewesen." Noch nie hatte Daphne sich so hilflos gefühlt wie hier auf diesem kalten Felsen irgendwo in der Unendlichkeit des Weltraums, inmitten feindlicher Mächte.

"Weißt du, was uns von den Tieren unterscheidet?" Versuchte Michael das Mädchen ein wenig abzulenken.

"Ne ganze Menge. Meinst du was bestimmtes?"

"Wir haben unsere Hoffnung. Wir wissen, daß ein Schmerz, oder sowas, nicht ewig anhalten wird. Unser Zeitgefühl unterscheidet uns von den Tieren."

"Nett gesagte Michael, aber in den letzten Tagen verliere ich mein Zeitgefühl, je länger wir hier festsitzen, desto weniger kann ich daran glauben, daß das alles irgendwann wieder zuende sein soll. Ich will zurück nach Hause." Dann zog sie Michael dichter zu sich heran und drückte ihn fest an sich. Wenigstens er war noch da, seine Nähe machte es ein wenig leichter. Sie weinte nicht, aber sie spürte seinen Körper dicht bei ihrem.

Sie erreichten das Jagdboot ohne von den anderen Kriegsschiffen belästigt worden zu sein, hinter denen sie vorbeigerast waren. Das Jagdboot war ein spindelförmiges Raumschiff, daß zu zwei Dritteln nur aus Antrieb bestand, die Besatzung war klein höchstens zehn oder fünfzehn Personen. Viel von dem verbleibenden Platz wurde von Raketen und Torpedos eingenommen, ein dutzend Abschußkanäle konnte Melissa zählen als langsam herumflogen um auf der Steuerbordseite die offene Ladeluke zu erreichen. Und gegen den schwarzen Hintergrund des Mondes glaubte Melissa das Glühen der Triebwerke zu sehen, die schon erwartungsvoll im Leerlauf liefen und das Jagdboot schon langsam vorwärts drücken zu schienen, aber das war eine optische Täuschung aufgrund ihrer eigenen Relativbewegung.

Anaconda setzte fast treibend im Laderaum auf und verursachte so gut wie keine Schäden an den Innenwänden, die eigentlich nicht auf den Beschuß mit Ionen ausgelegt waren und auch keine hitzebeständige Keramikverkleidung besaßen.

Sie waren kaum angedockt, als sich die Schotten schlossen und sie sich in Bewegung setzten. Melissas Gleichgewichtssinn täuschte sie nicht, als er meldete, daß es mindestens anderthalb g sein mußten, man konnte zwar gehen, aber spätestens jetzt wußte sie, daß sie niemals 90 Kilo wiegen wollte.

Ein Gemisch aus Sauerstoff und Stickstoff wurde in den Laderaum gepumpt, es waren nur etwa 12% Sauerstoff aber es war ausreichend, um ohne zusätzlichen Schutz bis zur Luftschleuse zu gelangen. Man verschwendete im Laderaum keinen wertvollen Sauerstoff, der bei einer Notdekompression einfach in den Weltraum verpuffen würde.

Sie schleppten sich bis zur Schleuse, wo sie schon erwartet wurden.

"Schön Sie wiederzusehen", begrüßte der Verwegen aussehende Mann Donavan, ohne die anderen weiter zu beachten, sie hatten im Moment anderer Sorgen.

"Sorgen Sie dafür, daß die Beiden untergebracht werden", befahl Donavan und schob Melissa und Hans mit sanfter Gewalt in die für fünf Personen doch recht enge Schleusenkammer.

"Jawohl."

Dann schlossen sich die Schiebetüren hinter ihnen, ein paar Sekunden später war die Luft ausgetauscht, und sie konnten den Raum auf der anderen Seite wieder verlassen.

"Ist der Kurs gesetzt?"

"Jawohl, Alpha Centauri."

"Dann trödeln wir nicht länger." Schnell folgte der Schmuggler seinem ersten Offizier und Nathan drängte Melissa und Hans hinterher. Den Kommandostand erreichten sie über eine kurze Leiter. Sämtliche Sessel waren hier wie Liegen ausgelegt, um selbst bei hohen Beschleunigungen benutzt werden konnten.

Nathan wies die beiden an, sich auf zwei der Liegen niederzulassen, wenn sie weiter beschleunigten würde es schwer werden sich auf den Beinen zu halten und Verletzungen wären dann nicht ausgeschlossen. Auch die anderen nahmen jetzt ihre Plätze ein, dann drückte sie der zunehmende Schub in die Kissen. Die Kontrollen waren zu den Seiten der Liegen angeordnet, so daß sie bedient werden konnten, ohne die Arme heben zu müssen, Informationen erhielt die Besatzung über leichte LCD-Brillen, es sah aus wie Touristen die mit dunklen Sonnenbrillen an irgendeinem fernen Strand in der Sonne brutzelten.

Schnell erreichten sie drei und dann bis zu fünf g, das Atmen wurde anstrengend, aber Melissa wagte es nicht sich zu beklagen. Konzentriert sog sie die Luft durch Nase und Mund ein und mit einem Schnaufen wieder aus, allzulange würden sie das ja wohl nicht aushalten müssen.

"Wie lange bleiben wir im Radarschatten?" Preßte Donavan hervor.

"Noch zwei Minuten. Sir."

"Sechs g. Ich will einen Vorsprung haben, wenn wir hinter dem Mond auftauchen."

"Jawohl Sir."

Im selben Moment, als der Navigator die Kontrollen berührte wurden sie noch fester in ihre Sitze gepreßt, aber Melissa verstand, warum sie diese Qualen erleiden mußten. Sobald das Jagdboot den Radarschatten des Mondes verließ würden sie auf jedem Scanner der kämpfenden Schiffe auftauchen, je größer die Geschwindigkeit zu diesem Zeitpunkt war, desto größer ihre Überlebenschance. Die Gespräche waren jetzt fast völlig verstummt, alle waren mit dem Atmen völlig ausgelastet.

"Verlassen Schatten!" mühte sich der Navigator ab. Unnötiger weise, weil Donavan dieselben Informationen auch auf seiner Brille sehen konnte.

"Radar?" erkundigte sich Donavan abgehackt.

"Nichts!"

Es dauerte einfach ein paar Sekunden, bis man sich unten im Kampfgetümmel entschieden hatte was mit dem fliehenden Jagdboot geschehen sollte.

"Kontakte", meldete der Radarbeobachter plötzlich, dreißig Sekunden später. "Sieben, Kollisionskurs."

"Gegenmaßnahmen!"

"Ausgelöst."

"Neue Kontakte. Vier. Gegenmaßnahmen ausgelöst."

"Acht, Fünf, Vier, Zwei." Zählte der Beobachter die übrigbleibenden Raketen, bevor er wieder nach Luft schnappen mußte. "Zwei Einschläge, 20 Sekunden."

Augenblicke später schlossen sich ein paar Gurte um Beine und Brust der Anwesenden.

"Gegenmaßnahmen!" befahl Donavan kurz.

"Ausgelöst." Und Sekunden später. "Versagt. Einschläge in 5 Sekunden."

Dann schlugen die Raketen durch die Außenhaut des Jagdbootes, zweimal schüttelte sich das Schiff unter dem Aufprall. Zwei mal donnerten die  Explosionen durch die Hülle des Schiffes.

"Schaden?"

"Hüllenbruch in Triebwerkssektion Alpha. Eingedämmter Hüllenbruch in Triebwerkssektion Gamma."

"Was ist mit Alpha?"

"Totalverlust, lege Zufuhr lahm, Beschleunigung auf fünf g gedrosselt."

"Gamma?"

"Überhitzt, unkritisch."

"Na war doch gar nicht so schlimm", Drückte Donavan an Hans und Melissa gewandt zwischen den Zähnen hervor, bevor er tief Luft holen mußte. "Wenn das schon alles war haben wir gute Aussichten unser Ziel zu erreichen."

Irgendwie war ihm anzumerken, daß auch ihn die letzten Sekunden sehr mitgenommen hatten, es hätte auch anders ausgehen können. Aber vorbei war es noch nicht, sie mußten noch einige Stunden beschleunigen, bevor sie endlich die minimale Fluchtdistanz erreichen würden, da konnte noch viel passieren.

24. Kapitel: Befreiung