15.Kapitel: Notlandung

Fremde Welten

Tiefe Nacht war hereingebrochen, als sich die Rettungskapsel mit einem Knirschen in den Kieselstrand bohrte, ein Ruck ging durch die kleine Kabine, dann verloschen die Strahltriebwerke.

"Die Strömung hat uns abgetrieben," übersetzte Geb den kurzen Ausbruch Anubis. "Wir werden uns deshalb trennen, während wir Nywel zum Hafen gehen, werdet ihr Menschen mit Anubis die nächste Siedlung aufsuchen und dort um Hilfe bitten. Wir werden Nadja und ihre Leute benachrichtigen."

Ohne die Last die Menschen mitzuschleifen, waren die Nywel nicht so behindert, sie konnten wesentlich weitere Strecken in kürzerer Zeit zurücklegen als die Menschen, denen jede Bewegung in der erhöhten Anziehungskraft ohnehin schon schwer fiel.

"Was soll das heißen?" Erkundigte sich Michael etwas verwirrt.

Das Nywel schaute ihn an, es mag wohl Verwunderung gewesen sein, nachdem Geb doch eigentlich alles gesagt hatte, aber Michael kannte die Gebärden der Nywel nicht.

"Hab' ich was ausgelassen", gab es kurz zurück. "Ihr geht mit Anubis und hofft, dass ihr in der Siedlung einen Weg findet, uns zum Hafen zu folgen. Gehen wir zusammen, brauchen wir mindestens 20 Tage, alleine nur fünf." Er bezog sich dabei auf die Rotationsperiode dieses Planeten, der zwar etwa doppelt so groß war wie die Erde, sich dafür aber 1,4-mal langsamer drehte als diese, sodass fünf Tage hier einer Erdwoche entsprachen. Sie könnten es gerade so zur Rendezvouszeit bis zum Weltraumhafen schaffen. Dann verließen er und alle anderen Nywel, mit Ausnahme von Anubis, die Rettungskapsel.

"Wir brechen Morgen auf", befahl Anubis und streckte sich über die frei gewordenen Sitze, es war nicht ersichtlich, ob er so etwas wie schlafen würde, aber er rührte sich erst einmal nicht mehr. Nichtsdestotrotz war das Nywel noch immer eine leise Bedrohung für Daphne Melissa und Michael. Es dauerte eine Weile, bis sie genug Ruhe fanden, um selbst ein wenig zu dösen.

Am nächsten Morgen wurden Sie von einem Fischer geweckt, die sich ihrem Lager genähert hatte, die Sonne warf ihre ersten Strahlen über den Horizont, eine frische Brise wehte vom Meer her über den Strand.

Anubis begrüßte den Mann in einer fremden Sprache.

"Dieser Fischer wird uns zu seinem Dorf führen", erklärte es seinen Begleitern kurz. Bellikoos war einer der wenigen Sektoren, in denen Deutsch nicht die wichtigste Sprache war, was nur den Schluss zuließ, dass die Besiedlung nicht durch die großen Auswanderungswellen erfolgt war.

Die Haut des Fischers war vom Wetter gegerbt und dunkel, fast schwarz, aber er trug lange, zu einem Zopf gebundene, blonde Haare. Des Weiteren hatte er eine Latzhose an, die aus einem robusten indigoblau gefärbten Gewebe bestand. Ein rustikal wirkendes kariertes Hemd saß ihm locker um die Schultern, die Ärmel waren hoch aufgerollt, sodass man die kräftigen Muskelpakete spielen sehen konnte. Hohe schwarze Stiefel schützten seine Füße vor dem salzigen Wasser, und ein öliger Lappen hing aus seiner Gesäßtasche.

Der Fischer und das Nywel wechselten einige weitere Worte.

"Er sagt, dass er unsere Rettungskapsel vom Wasser aus gesehen hat. Er schlägt vor, uns in seinem Boot mitzunehmen," übersetzte Anubis.

"Das ist doch sehr freundlich." Nickte Melissa.

"Ich werde sein Angebot annehmen." Das Nywel hatte ohnehin nichts anderes vorgehabt, auch, wenn Mel ihm nicht zugestimmt hätte. Er wechselte wieder einige Worte in der fremden Sprache. Diese Nywel mussten wirklich ein Talent für Sprachen haben. Schließlich half es dem Fischer, das Boot festzuhalten während Melissa hineinkletterte, dann verluden sie Daphnes Rollstuhl, und sie selbst wurde von Anubis in den schwankenden Kahn gesetzt. Es roch stark nach dem frischen Fang, der schon teilweise ausgeweidet war, das Netz bedeckte fast den ganzen Rumpf in einem großen Haufen.

Dann schob Anubis das Boot in tieferes Wasser und sprang zu den anderen. Der Fischer zog die Reißleine des Motors, einmal, zweimal, beim dritten mal begann der Außenborder, langsam loszutuckern. Ohne einen großen Unterschied zwischen Stillstand und langsamer Fahrt zu machen, schob der kleine Propeller sie voran, zuerst ein Stück aus Meer hinaus und dann die Küste entlang in Richtung Nordosten.

Der altersschwache Außenborder des kleinen Fischerbootes brachte sie nur langsam voran, aber dicht an der Küste entlang kamen sie ihrem Ziel allmählich näher. In der Zwischenzeit begann der Fischer ein leises Lied zu summen, während er das Ruder gemächlich hin und her bewegte.

Sie erreichten das Dorf nach einer dreistündigen Fahrt in dem schaukelnden Fischerboot, das in der auflaufenden Flut sanft in Richtung Küste gedrückt wurde. Der Tidenhub, den die beiden kleinen Monde hervorriefen, war recht gering und doch, für den winzigen Außenbordmotor war es eine Herausforderung.

Neu Pietersburg war erst vor einigen hundert Jahren besiedelt worden, sodass es eigentlich noch keinen großen Fischreichtum in den Meeren geben sollte, doch die Siedler hatten sich hier etwas einfallen lassen. Einige Kilometer entlang der Küste waren große Netze gespannt worden, die verhinderten, dass die ausgesetzte Fischpopulation sich unkontrolliert in den Ozeanen verteilte, ein zweiter Grund für die Fische in Küstennähe war es aber, dass es nur hier Nahrung für sie gab. Es war zu erwarten, dass noch einige weitere Jahrhunderte vergehen mussten, bis sich auf diesem Planeten ein funktionierendes Ökosystem einstellen würde.

Zwei weitere Fischerboote erreichten das Ufer fast zur selben Zeit mit ihnen und man half sich schließlich gegenseitig, Boote und Fang an Land zu bringen. Hier war vom Wasser bis zu den Dünen ein breiter Sandstrand ausgebreitet, einige weitere Boote lagen dort und Netze waren an Holzkonstruktionen zum Trocknen aufgehängt. Eine Fischerin, die kurz vor ihnen eingetroffen war, hatte einen so guten Fang gemacht, dass sie allein kaum in der Lage war ihre vollen Körbe zu schleppen. Anubis half ihr und winkte auch, Michael heran.

"Hilf!" Befahl es kurz und drückte Michael einen der Bastkörbe in die Hände. "Auf den Strand." Michael gehorchte und trug die Kiste zu den beiden Schlitten, die weit oben am Strand standen. Auch Melissa war ins Wasser gesprungen und versuchte ihrem Fischer zu helfen, das Boot auf die Kiesel zu ziehen, er lächelte sie freundlich an.

"Moja mbili tatu!" Zählte er und lachte als Mel nicht verstand. Beim nächsten mal hatte sie kapiert, auf ‘tatu' zogen sie beide mit vereinter Kraft.

Nach kurzer Zeit war es geschafft noch ein Fischerboot war inzwischen eingetroffen und insgesamt sieben Kisten mit frischem Fisch waren unter den Dünen angehäuft worden, erschöpft und glücklich ließ sich Mel neben dem Boot ihres Fischers in den groben Sandstrand fallen und betrachtete die Szene. Nicht alle Fischer waren von dunkler Hautfarbe, wie der, der sie abgeholt hatte, eine der beiden Frauen und ein junger Mann sahen tatsächlich sehr blass aus und ihre rotblonden Haare wiegten sich im Wind, Melissa vermutete, dass es sich hier um Geschwister handeln könnte. Die Kleidung der Menschen war einfach und zweckmäßig, der Natur und der Arbeit angepasst. Über die Dünen hinweg erspähte sie einige Dächer, das musste die Siedlung dieser Leute sein. Sie fragte sich, wie viele hier wohl leben mochten.

"Mwali, utatosha nguo npya," sagte der Fischer, als er zurückkam zum Boot. Sie schaute ihm verständnislos in das wettergegerbte Gesicht.

"Ich versteh kein Wort, aber du wirst schon recht haben", antwortete Sie und streckte die Hand aus, damit er ihr aufhelfe.

Durch den rutschenden Kies und den Pfad durch die Dünen war es für Daphne unmöglich in ihrem Rollstuhl voranzukommen, das Ding war einfach nicht geländegängig.

Anubis wechselte einige Worte mit den Fischern, worauf diese Daphne mitsamt ihrem Rollstuhl auf einen der Schlitten setzten, ganz oben auf die Fischkörbe. Schwankend ging es los. Daphne musste lachen, was für eine Fahrt. Sie hielt sich fest und hoffte, dass die wackelige Konstruktion halten würde. Daneben wechselten sich die Fischer in rascher Folge die Kisten zu halten, sie lachten und schwatzten, bald ging das Gerede in ein Lied über, in dessen Takt die beiden Schlitten durch den Sand gezogen wurden.

Melissa stapfte, sie hatte sich ihrer Schuhe entledigt und genoss Barfuß den Sand zwischen den Zehen, hinterher, sie näherten sich dem Dorf. Das Dorf war größer als es aus der Ferne den Anschein hatte, den Hauptteil machten hier die Scheunen und Ställe aus und einige große Gemeinschaftshäuser.

Sie ließen die mit Gras bewachsenen Dünen hinter sich, Melissa wischte sich den Schweiß von der Stirn, in der erhöhten Schwerkraft durch den weichen Sand zu wandern war sehr anstrengend. Vor ihnen lag jetzt eine weite Ebene, Felder mit Pflanzen, die wie Mais und Getreide aussahen, es wahrscheinlich auch, waren, Weiden auf denen sich Rinder, Kühe und auf einigen auch, Pferde tummelten. Eine Herde Schafe wurde gerade auf ein frisches Stück Land getrieben.

"Das kommt mir vor wie im Märchen." Melissa wagte kaum laut zu sprechen, als wollte sie diesen Traum nicht zerstören.

"Diese Form des Lebens war auf der Erde im vorindustriellen Zeitalter weit verbreitet." Erläuterte Daphne von ihrem Schlitten herunter, Michael und Melissa hatten inzwischen zu ihr aufgeschlossen.

"Es sind Bauern, nicht war." Michael hatte so etwas noch nie vorher gesehen, auf Situkubwa gab es überhaupt keine Landwirtschaft und die Nahrungsmittel, die importiert wurden, stammten allesamt aus rein industriellen Anbaumethoden.

Daphne nickte. "Ja Michael, aber heutzutage ist das sehr selten."

"Wir haben uns dazu entschieden, so zu leben."

Daphne wäre vor Schreck fast von der Kiste gefallen, auf der andern Seite ging ein groß gewachsener Mann.

"Ich wollte Sie nicht erschrecken." Dabei legte er die rechte Hand auf die Herzgegend und verbeugte sich leicht.

"Mein Name ist Jeremias. Mein Vater ist der Älteste und schickt mich die Fremden zu treffen."

Daphne vermutete sofort, dass Ältester ein Ehrentitel war. Sie hielt sich mit der linken am Korb fest, um das Gleichgewicht zu halten, dann tat sie ihm seine Geste nach. "Ich heiße Daphne DeRochelle und dies sind meine Freunde Melissa Yukawa und Michael Hasselblad, das Nywel dort nennt sich Anubis."

"Wer ist Ihr Führer?" erkundigte sich Jeremias weiter.

Daphne zögerte eine Sekunde. "Ich denke, Anubis könnte man so bezeichnen."

 "Wir sehen uns dann später noch." Jeremias verbeugte sich erneut und ging dann nach vorn zu Anubis.

"Was haltet ihr davon?" wandte sich Daphne an ihre Freunde.

Michael zuckte die Achseln. "Das kommt mir alles etwas seltsam vor."

"Ja, andere Länder andere Sitten."

Im Dorf half man Daphne von den Körben herunter und setzte ihren Rollstuhl zusammen, auf den festgetretenen Sandwegen kam sie ganz gut zurecht.

Anubis kam wieder zu ihnen.

"Man bietet euch frische Kleidung, danach werden wir mit diesen Menschen essen. Wartet hier!"

Anubis hielt wachsam die Umgebung in den Augen und kümmerte sich nicht sonderlich um seine Schützlinge, in der Zwischenzeit wurden Fische weggebracht, womöglich zum Ausnehmen und räuchern. Der Platz leerte sich, aber nach einigen Minuten tauchte Jeremias wieder auf.

"Folgt mir bitte."

Sie folgten ihm zu einem der Holzhäuser, die um den offen Platz herumstanden, auf dem sie gehalten hatten. Die Häuser waren von flacher Bauweise, mit spitzem Dach und kleinen Fenstern. Jeremias wartete unter der zweiflügeligen Tür.

"Ihr werdet Wasser vorfinden und in Kürze bringen wir euch saubere Kleidung." Er öffnete die Tür des Hauses. "Dieses Haus steht im Moment leer. So lange ihr bei uns weilt, werdet ihr hier leben."

Es fiel nicht sofort auf, aber die Sprache, in der Jeremias sprach war schon etwas veraltet, es war die Betonung und der Dialekt, der den Ohren der Gäste ungewohnt vorkam. Jeremias verabschiedete sich und erklärte, dass man sie bald zum Essen abholen würde. Während es Anubis vorzuziehen schien, in der Tür stehen zu bleiben, um die Umgebung weiter im Auge zu behalten, begannen Melissa, Daphne und Michael das Haus zu erkunden. Dem Flur schloss sich ein Aufenthaltsraum an, von wo aus man die Schlafräume erreichte, die Möbel waren robust, aus massivem Holz gearbeitet, zweifellos Handarbeit. In jedem der sechs Schlafräume standen zwei niedrige Betten mit dicken Matratzen und jeweils auch, zwei Stühle und Nachttische. In drei Räumen standen große Keramikschüsseln mit frischem warmen Wasser, ein Stück Seife lag daneben und Handtücher hingen über den Stühlen.

"Das ist zwar nicht so bequem wie eine Dusche, aber genau das brauche ich jetzt." Melissa scheuchte Michael und Daphne aus ihrem Zimmer und schloss die Tür. Dann genoss sie das Wasser auf ihrem Körper, der Lappen war etwas hart, kratzig, aber nicht unangenehm, sie genoss, wie der Stoff ihre Haut massierte.

Ein Teil des Wassers war wegen der ungewohnten Art des Waschens daneben gegangen, aber jetzt fühlte sich die junge Frau wieder erfrischt und sauber, wieder richtig wohl nach der engen stickigen Zeit in der engen Rettungskapsel.

Als es klopfte, schlang sie sich eines der großen Handtücher um den Körper und öffnete die Tür.

"Ja, was gibt's denn?"

Melissa verstand natürlich nicht, was die Frau sagte, als sie ihr einen Satz neuer Kleider reichte, aber sie sah deutlich, wie sie ein Lachen unterdrücken musste, als sie die Pfütze auf dem Boden sah. Die Frau verabschiedete sich mit der hier üblichen Verbeugung und Melissa tat es ihr so gut es ging nach, ohne dabei ihr Handtuch zu verlieren.

Die Kleider waren schlicht, eine Art Tracht, so wie es aussah. Von unten nach oben ein paar weißer Kniestrümpfe aus Schafwolle, nicht dass Melissa das hätte beurteilen können aber Schafe gab es hier jedenfalls genug. Ebenso war auch, die Unterwäsche aus Schafwolle, Höschen, BH und ein Unterrock, ungebleicht und etwas rau. Die Sachen waren vielleicht eine Spur zu weit, passten sonst aber sehr gut. Melissa ließ das hellblaue Kleid über ihren Kopf gleiten, mit langen Armen und hoch geschlossen war es nicht gerade das aufregendste, was die Menschheit bis dahin gesehen hatte. Melissa brauchte einige Zeit, bis sie die vielen kleinen dunkelblauen Holzknöpfe in die Knopflöcher gefriemelt hatte. Zuerst wollte sie die weiße Schürze weglassen, entschied sich dann aber doch dafür sie umzulegen, zum einen gab die Schürze einen Kontrast zum schlichten Kleid, auf der andern Seite schien sie auch, zur Tracht zu gehören.

Sie trafen sich alle wieder im Aufenthaltsraum. Daphne sah fast aus, wie ihre Zwillingsschwester, nur dass ihr Kleid blütengelb war, Michael trug eine dunkle Hose, möglicherweise aus Leinen oder Hanf, ein weißes Hemd und darüber eine Weste in Material und Farbe identisch mit der Hose. Sie fand, dass der junge Mann recht gut in diesem Outfit aussah.

"Ihr seht aus, wie Schwestern", wiederholte Michael ihre Gedanken und lächelte.

Dann trat Anubis zu ihnen, es trug nichts, wie immer. "Sie sind so weit. Kommt mit." Stellte es fest. Und ging zur Tür voran, wo Jeremias schon auf sie wartete.

"Ich hoffe, Sie mussten sich nicht zu sehr eilen?" fragte er, sich wiedereinmal verbeugend.

"Ich hoffe, Sie mussten nicht zu lange auf uns warten", erwiderte Melissa ebenfalls den Oberkörper vorneigend.

Jeremias zog die Mundwinkel leicht empor, ein sehr vorsichtiges Lächeln. "Folgen Sie mir bitte. Ich geleite Sie zum Speisesaal."

Er schritt leichten Fußes voran in Richtung auf das größte Haus, das an den Dorfplatz anschloss.

"Sie essen immer alle zusammen?" Erkundigte sich Daphne, die mit ihrem Rollstuhl zu ihm aufschloss.

"Ja, das ist bei uns üblich, wieso fragen Sie?"

"Oh, ich bin nur neugierig. Das stelle ich mir sehr gemütlich vor, alle zusammen, man redet, tauscht Neuigkeiten aus."

"Es ist im Wesentlichen praktisch, weil nicht jeder sein eigenes Essen zubereiten und hinterher wieder abwaschen muss, es spart Ressourcen."

"Ja, das stimmt."

"Das Reden ist selbstverständlich auch, wichtig", fügte Jeremias hinzu, "es hält die Gemeinde zusammen."

"Ich möchte nicht aufdringlich wirken," mischte sich Melissa ein. "Aber in was für einer Gemeinde leben Sie hier eigentlich."

"Ist schon in Ordnung." Er öffnet einer der beiden riesigen Flügeltüren, die in den Saal führten. "Ich werde Ihnen ihre Fragen gerne beantworten. Doch zunächst werde ich Sie den Ältesten vorstellen, es wäre nett, wenn sie sich recht tief verbeugen würden, die Damen dürfen auch, einen Knicks machen, wie es Ihnen beliebt."

In dem Saal waren lange Reihen von Tischen und Bänken aufgestellt, beladen mit Obst, Gemüse, frischem Brot und selbst gemachter Butter, goldig gelb. Daneben gab es Schinken und Käse, eben alles, was für ein kräftiges Frühstück so benötigt wurde, nicht zu vergessen die großen braunen Hühnereier und Töpfe mit Marmelade aus den verschiedensten Früchten. Am Ende der Halle stand eine Reihe von Bänken und Stühlen senkrecht zu den andern, ein breiter Gang führte durch die Reihen dorthin. Viele Menschen von eher dunkler Hautfarbe saßen an den Tischen und betrachteten die Gäste. Einige hatten wohl schon von ihnen gehört, dass sie heute Morgen mit den Fischern gekommen waren, andere schienen etwas überrascht Fremde zu sehen. Es wurde viel geredet, aber als sie die Tafel der Ältesten erreichten, wurde es still, jeder der Anwesenden wollte hören, worum es ging.

Jeremias baute sich vor der Tafel auf und vollbrachte eine wirklich tiefe Verbeugung. Die Gäste taten es ihm gleich.

"Älteste," begann er, "dies sind Anubis, der Nywel." Ein Raunen ging durch die Menge, Nywel kamen selten hierher. "Dies sind seine Begleiter, Michael Hasselblad, Melissa Yukawa und Daphne DeRochelle."

Einer der Männer erhob sich. Michael konnte nicht recht einschätzen, wie alt dieser Mann wirklich war, seine dunkle Haut war rau und vom Wetter gegerbt und seine Haare waren schon fast vollständig grau, aber er schien noch ganz fit zu sein.

Der Mann verneigte sich ebenfalls mit einer Hand auf dem Herzen. "Seid Willkommen in unserem bescheiden Hause. Seid unsere Gäste für diesen Tag, oder solange Ihr unserer Gastfreundschaft bedürft."

Anubis trat einen Schritt nach vorn neben Jeremias und verbeugte sich erneut, es legte die beiden rechten Hände auf die linke Brust, obwohl bezweifelt werden darf, dass er dort sein Äquivalent zum Herz besaß.

"Wir danken für Ihre Gastfreundschaft."

"Was führt euch zu uns", erkundigte sich der Älteste schließlich.

"Das Raumschiff Tunguska, mit dem wir kamen, ist im Meer versunken. Ich möchte deshalb Ihre Hilfe erbitten, uns zum Weltraumhafen zu bringen." Das Nywel fasste die Katastrophe, die sie auf den Planeten gebracht hatte, in äußerst knappen Worten zusammen. Der Älteste nickte, es stand zu vermuten, dass er schon Bescheid wusste.

"Ihr könnt euch darauf verlassen, dass wir euch helfen werden." Fällte er die Entscheidung, die schon vorher feststand, die zweiundzwanzig Männer und Frauen zu seinen Seiten nickten zustimmend.

"Wir sind Ihnen zu Dank verpflichtet." Verbeugte sich Anubis erneut und es war erstaunlich, wie er in dieser Geste der Unterwerfung nicht einen Deut seines Stolzes und seiner Bedrohlichkeit verlor.

"Wir kommen vielleicht darauf zurück." Dann nickte der Älteste kurz seinem Sohn zu, welcher sich wieder an die Gäste wandte. Die vielen Menschen, die hier zur ersten Mahlzeit des Tages zusammengekommen waren, nahmen ihre eigenen Gespräche wieder auf.

Jeremias nahm mit ihnen am Kopfende der Tafel Platz und füllte die Becher mit dem heißen Tee. "Wenn Sie noch Fragen haben, scheuen Sie sich nicht, sie zu stellen."

"Was machen Sie hier?" begann Michael etwas plump.

"Vor etwa 200 Jahren entschieden sich unsere Vorfahren ein einfaches naturverbundenes Leben zu führen. Sie erkannten aber, dass dies auf der Erde nicht möglich sein würde."

"Und da haben sie diesen Planeten besiedelt?" Ergänzte Melissa, Jeremias nickte.

"Ja, der Versatzantrieb war damals erst wenige Jahrzehnte alt, aber unsere Ahnen erkannten, dass wir unsere Träume nur damit würden erreichen können. Es dauerte 70 Jahre, bis wir Neu Pietersburg gefunden hatten und ohne eine Flotte von Nywelschiffen hätten wir diesen Ort nie gefunden.

"Ihre Ahnen haben wirklich die Schiffe der Nywel gesehen?" unterbrach ihn Daphne aufgeregt. Nur ganz wenige Menschen hatten je eine solche Gelegenheit bekommen.

"Ja, als das Schiff unserer Vorväter, die "Arche", im Jahre des Herrn 2182 in das Territorium der Nywel eindrangen, wurden sie von ihnen geentert und wieder hinausbegleitet, es war ihr Glück, dass sie keinerlei Waffen an Bord hatten. Der erste Kontakt mit diesem Volk hätte weniger glimpflich ausgehen können." Er warf einen Blick auf den Nywel, der bei ihnen am Tisch saß, sicher hätte es seinen Teil zur Geschichte beitragen können aber Anubis schwieg, behielt teilnahmslos die ganze Halle in seinen scharfen Augen.

"Dieser Planet ist wie die Erde, nur Leben gab es kaum." Wechselte Jeremias wieder das Thema.

Auf Neu Pietersburg produzierten die Bakterien und Mikroben, die nur hier lebten, noch immer einen wesentlichen Anteil des Sauerstoffs. Sie waren aber nicht zum irdischen Aufbau des Lebens kompatibel, sodass bisher keine Komplikationen aufgetreten waren. Klärte sie Jeremias weiter auf.

Im Laufe des Gespräches erfuhren sie noch vieles voneinander, schließlich aber wandte sich Jeremias an Anubis, der sich bis dahin zurückgehalten hatte, es schien die Menschen stets zu beobachten.

"Sie möchten, dass wir Ihnen helfen zum Weltraumhafen zu kommen, Anubis."

"Ja, deshalb erbitten wir ihre Hilfe."

"Und wir gewähren sie. Wir werden in drei Tagen aufbrechen." Er wandte sich an die ganze Gruppe. "Wir werden auf Pferden reiten, können Sie das?"

Melissa, Daphne und Michael schüttelten ihre Köpfe, bis vor einigen Stunden hatten sie niemals freie Pferde gesehen, lediglich Daphne konnte sich an einen Besuch in einem Zoo erinnern, in welchen einige Tiere der Erde gezeigt wurden.

"Das kam mir in den Sinn," fuhr Jeremias fort. "Wir werden also die verbleibende Zeit damit verbringen, es euch beizubringen."

"Aber ich kann doch nicht reiten!" Warf Daphne etwas überrascht ein, erwartete aber schon irgendwie, dass Jeremias das bedacht haben würde.

Tatsächlich nickte dieser: "Ja, deshalb werden Sie und ich nach der Mahlzeit unseren Sattler aufsuchen. Ich bin sicher, es  wird sich eine Lösung finden."

Nach dem Frühstück schließlich suchten Jeremias und Daphne den Sattler auf, den anderen wurde in dieser Zeit schon einmal die Ställe gezeigt.

"Ich glaube ich werde Probleme haben auf einem Pferd das Gleichgewicht zu halten." Zweifelte Daphne, während sie sich von Jeremias schieben ließ. Es war sonst nicht ihre Art die Arbeit anderen zu überlassen, sie betrachtete das als die Aufgabe eines Teiles ihrer Selbstständigkeit, bei Jeremias gestattete sie sich allerdings eine Ausnahme. Er war natürlich etwas zu alt, aber nichtsdestotrotz sehr attraktiv.

Der strenge Ledergeruch war das Erste, was Daphne in dem Haus auffiel. Die Türen waren groß und weit, sodass man auch, mit einer Kutsche in die Werkstatt fahren konnte, viel Licht flutete durch sie in den Raum. An den Wänden hing allerlei Werkzeug zum Gerben und bearbeiten des Leders, auf einem Tisch lagen dicke Nadeln und Sehnen. Der Sattler war ein wenig rundlich, er kam wohl nicht oft dazu, seine Sättel zu testen. Seine wachen Augen schauten durch eine altmodisch wirkende Nickelbrille und sein rundes Gesicht glänzte vom Schweiß der schweren Arbeit. Eine beinahe verschlissene Lederschürze schützte seinen Bauch, vor den scharfen Werkzeugen, dicke Stiefel seine Füße vor den Hufen der Pferde. Er legte ein breites Grinsen auf, als er die beiden in sein Reich treten sah, einer der Schneidezähne fehlte.

"Grüße!" Lachte er. "Ich hörte, Ihr braucht meine Hilfe." Er verneigte sich kurz, ebenso erwiderte Jeremias seinen Gruß.

"Einen schönen Tag, Ken Saro. Dies ist Daphne DeRochelle, unser Gast."

"Grüße, schöne Frau DeRochelle," wandte er sich an das Mädchen. Er schien zwar Deutsch zu sprechen, aber es war wohl nicht seine Muttersprache, er sprach langsam und mit starkem Akzent. Dies war sicher auch, der Grund, warum Jeremias und Ken Saro sich im Folgenden erst einmal in ihre Sprache unterhielten, gelegentlich glaubte Daphne ein englisches oder französisches Wort herauszuhören, aber sonst verstand sie nichts.

Während die beiden sprachen, schaute sie sich etwas näher um. An der Wand gegenüber vom Werkzeug waren eine Reihe der Erzeugnisse aufgebaut, einige Reitgerten, Zügel, zwei Sättel und Zaumzeug aus dunklem Leder und glänzendem Stahl. Sie streichelte über das glatte Leder des Sattels, weich und warm schien es ihr. Ein Satz Zaumzeug hing tief genug, sodass sie es vom Haken nehmen konnte, von schwarzem Leder und schwer lag es in ihren Händen.

"Ken Saro lässt Ihnen ausrichten, dass Sie einen guten Geschmack haben."

"Was?"

"Dieses Halfter ist sein Lieblingsstück. Er hat es bisher noch nicht hergeben wollen, ganz gleich, was ich ihm dafür geboten habe."

Daphne lächelte etwas verlegen und begann das Zaumzeug vorsichtig wieder aufzuhängen.

"Nein. Behalten Sie Halfter. Schöne Frau Daphne. Ich schenke Ihnen."

"Oh," überrascht blickte das behinderte Mädchen hinüber zu Jeremias. "Das kann ich auf keinen Fall annehmen!" Sie würde niemals ein Mitleidsgeschenk annehmen, dafür war Daphne viel zu stolz.

"Sie müssen." Gab Jeremias lachend zurück. "Sie wollen Ken Saro sicher nicht beleidigen."

"Wenn er nur Mitleid mit mir hat, dann beleidigt er mich mit diesem Geschenk!" Gab Daphne zurück, sie fühlte sich im Recht.

"Nun mal langsam. Glauben Sie etwa, es würde sich immer nur um Ihre Behinderung drehen." Das waren scharfe Worte auf die Daphne erst einmal nichts zu erwidern wusste. "Wenn Ken Saro Ihnen ein Geschenk machen möchte, dann ist das seine Sache. Es steht ihnen nicht zu, seine Motive in Frage zu stellen."

Daphne machte den Mund auf, um etwas dagegen zu sagen, aber Jeremias ließ sie nicht soweit kommen.

"Ich werde nicht von Ihnen verlangen sich zu entschuldigen, aber Sie werden dieses Geschenk jetzt annehmen. Nebenbei bemerkt, Ken Saro macht seinen Freunden regelmäßig Geschenke, das hat nichts mit Ihrem Leid zu tun!"

Jetzt nickte Daphne verlegen, sie hatte einen Fehler gemacht, es war das erste mal, dass sie dafür derartig angefahren worden war.

"Ich sehe, Sie haben verstanden!" Jeremias legte ihr das schlichte schwarze Halfter in den Schoss, die ganze Werkstatt spiegelte sich winzig klein in den glänzenden Nieten.

"Vielen Dank, es ist wirklich ein sehr schönes Stück." Bedankte sich Daphne leise bei Ken Saro.

"Mein Vergnügen." Entgegnete Ken Saro und sagte noch etwas zu Jeremias.

"Ken Saro schlägt vor einen Sattel mit einer Lehne auszustatten und einen Gurt daran zu befestigten."

Daphne nickte.

Die Dobrotar durchquerte unbehelligt die Ebene der Ekliptik, in welcher die Planeten eines Sonnensystems liegen, sie waren mit viel zu großer Geschwindigkeit durch die Blockade gerast, als dass eine Verfolgung von Aussicht gekrönt sein könnte.

"Meinst du, dass die Kinder zurechtkommen werden?" Erkundigte sich Hans noch immer frustriert darüber, dass er ihnen nicht hatte helfen können.

"Ja." Sicherte Nadja ihm zu. "Unsere Langstreckensensoren haben doch gemeldet, dass ein Rettungsboot zu Wasser gelassen wurde. Ich bin sicher, sie haben sich schon auf den Weg zum Hafen gemacht."

"Das weiß ich, ich meinte, ob sie keine Probleme mit einem Suchtrupp bekommen könnten."

"Oh, das ist schon möglich, aber dafür ist ja Anubis bei Ihnen. So wie ich das Pflichtbewusstsein der Nywel kenne, wird es nicht zulassen, dass Ihnen ein Leid geschieht."

Diese Antwort beruhigte den alten Frachterpiloten etwas, blieb zu hoffen, dass Nadja ihre Nywelkenntnis nicht im Stich ließ. "Welches System steuern wir an?" wechselte Hans also das Thema.

"Wir sind unterwegs nach Gidjr. Der ist zweifellos sicher. Die Gidjrianer würden sich eine Besatzung niemals gefallen lassen. Eine sehr selbstbewusste Spezies."

"Ich bin mir nicht sicher, ob ich schon einmal von diesen G... . Wie war nochmal der Name?"

"Gidjr," wiederholte Nadja, wobei sie die Betonung auf das j legte und das r tief im Rachen rollen ließ. Vielleicht mit etwas zu viel Inbrunst, denn eigentlich war dies nur das Geräusch, das die Gidjrianer beim Essen von sich gaben.

"Sie haben eine gewisse Ähnlichkeit mit den Ndimi, mit längerem Körper und in Hellgrün. Sie unterhalten sich mit elektromagnetischen Wellen und Atmen ein giftiges Gemisch aus Schwefelwasserstoff und Sauerstoff." Gab sie eine kurze Beschreibung des fremden Volkes.

Die Gidjr betrieben noch keine eigene interstellare Raumfahrt, scheuten sich aber nicht mit den anderen Völkern der Galaxis reichen Handel zu treiben und so lange sie alles kaufen konnten, sahen diese Wesen auch, keine Notwendigkeit die Weiten der Milchstraße zu durchstreifen. Dass Gidjr nun in den Grenzen des Bellikoos-Sektors lag, hatte auch, mit dieser Gleichgültigkeit zu tun, es war ihnen nicht wichtig einer politischen Region zugeordnet zu werden oder nicht. So ist es dann auch, verständlich, dass die Gidjrianer beharrlich die Vorstöße der Vereinten Planeten ablehnten, wenn diese alle Jahre wieder versuchten sie zu einer Mitgliedschaft zu überreden.

"Wann werden wir versetzen?"

"Morgen Mittag erreichen wir die minimale Entsatzdistanz, aber ich geb' immer noch ein paar Stunden dazu."

Hans nickte, das war gut verständlich, wer wollte schon bei einer misslungenen Versetzung mit einem Planeten vermanscht werden.

"Du brauchst dir keine Sorgen wegen Verfolgern zu machen!"

"Mach' ich nicht, Nadja. Ich denke nur an die Kinder. Wann können wir wieder zurück sein?"

"Fünf Tage, Untergrenze. Kann leicht passieren, dass wir auf Gidjr aufgehalten werden", mischte sich Aton in ihr Gespräch ein. Bisher hatte es ruhig an seiner Computerkonsole gesessen und hatte ein Auge auf die Radarechos der feindlichen Schiffe gehabt, aber diese stellten keine Bedrohung mehr da und machten, nachdem sie sich wieder gesammelt hatte auch, keine Anstalten ihnen zu folgen.

"Ja," stimmte Nadja zu. "Aber in sechs bis sieben Tagen schaffen wir es sicher." Sie fasste Hans bei der Schulter. "Hey, es ist nicht deine Schuld, dass dein Schiff schaden genommen hat. Wir werden deine Freunde und meine Mannschaft von diesem Planeten runterholen. Und ich mach' das auf meine Kosten, obwohl du eigentlich dafür bezahlt hast dort abgesetzt zu werden."

"Danke." Hans war sich nicht ganz sicher, was sie damit meinte, vielleicht gar nichts.

"Ich muss euch dann aber auf dem nächsten Planeten absetzen, den wir anfliegen."

"Ja, das ist nur fair."

Sie ließ ihre Hand von seiner Schulter gleiten, Hans genoss die Berührung. Nadja hatte wie es schien etwas für den alten Transporterpiloten übrig, obwohl er bestimmt zehn Jahre älter war, er fühlte sich geschmeichelt. Hans legte seine Hand auf Nadjas, bevor diese sie zurückziehen konnte. Warm und lebendig hielt er sie in seinen großen Händen. Was war es nur, dass diese Gesetzlose an ihm fand, fragte er sich und dachte daran, dass sie beide gar nicht so verschieden waren. Es gab da eine Vergangenheit, die ihn damals gezwungen hatte auf Situkubwa unterzutauchen, aber er wollte jetzt nicht daran denken.

Ihr Kuss schreckte ihn aus seinen Gedanken. "Lass uns in mein Quartier gehen", schlug Nadja dann vor, als sie seine Aufmerksamkeit wiedererlangt hatte. Hans wusste mit plötzlich mehr nicht, was er sagen sollte. Konnte er jetzt mit ihr schlafen? Während Daphne Michael und Mel auf dem fremden Planeten in Lebensgefahr schwebten. Er ließ sich von Nadja mitziehen, aber er hatte ein ungutes Gefühl dabei, als ob er seinen jungen Freund im Stich lassen würde. Dabei gab es gar nichts, was er jetzt machen konnte.

"Ich kann das nicht." Gab Hans leise zu. "Nicht so lange die Kinder in Gefahr sind."

Sie ließ seinen Arm los und nickte. "Ich glaube, ich verstehe."

Hans seufzte unter anderen Umständen hätte er ihr Angebot sicher nicht ausgeschlagen, aber unter diesen Bedingungen. Nein, das war nicht gut.

Daphne saß auf dem Pferd und versuchte das Gleichgewicht zu halten, das war jetzt das dritte mal, dass sie sitzen lernen musste, würde das denn nie aufhören. Das erste mal, da war sie ein Baby gewesen, das war normal, dann nach Ausbruch der Amyotrophen Lateralsklerose, als die Muskeln langsam versagten und jetzt wieder. Der Gurt gab ihr nur wenig Unterstützung, eine Hilfe und er verhinderte, dass sie stürzte, aber nicht viel mehr. Dabei war Sie bis jetzt noch nicht einen Schritt vorangekommen. Es war inzwischen schon später Nachmittag und die Sonne versteckte sich hinter einer dünnen Schicht Wolken.

"Das schaut gut aus." Lobte Jeremias, als er mit Melissa und ihrer Stute vorbeikam. Einen gewissen Trost fand Daphne in dem Anblick Melissas, die auch, noch sehr unsicher auf ihrem Pferd saß.

"Ja, du lernst sehr schnell", stimmte die Frau zu, die Daphnes Pferd an kurzen Zügel hielt, es war ebenfalls eine Stute, von hellbraunem Fell und blonder Mähne, ein ruhiges Tier, das geduldig still hielt, vielleicht spürte, dass sie noch nicht sicher auf ihrem Rücken war.

Daphne wagte sich vorsichtig umzuschauen, Michael musste schließlich auch, irgendwo herumstehen. Tatsächlich schräg hinter ihnen am anderen Ende der Koppel stand sein Hengst Jonas, schon ein paar Tage älter und von sehr ruhigem Gemüt und Michael hing darauf wie ein nasser Sack.

"Das kannst du aber besser." Versuchte sein Lehrer ihn aufzubauen, sofort streckte sich Michael wieder und ließ sich langsam den Zaun entlang führen.

"Es ist wohl an der Zeit, wollen wir nicht auch, ein paar Schritte gehen?" Erkundigte sich die Frau zu Daphnes Seite vorsichtig, Sie, war groß gewachsen mit kurzem krausen Haar, ihre braunen Augen schauten frech aus dem fast schwarzen Gesicht.

"Oh, ich weiß nicht?"

"Dann also los! Nimm die Zügel." Jetzt hatte das Mädchen keine Hand mehr frei, um sich im Zweifelsfalle abzustützen. Vorsichtig hielt sie das Leder der Zügel zwischen den Fingern.

"So ist's richtig, Daphne. Betsy hört jetzt ganz auf dich. Gebe ihr etwas Zügel und sage ihr, was zu tun ist."

Daphne nickte, unsicher, ob sie schon so weit war. "Hüh." Sagte sie zaghaft.

"Lauter Daphne. Betsy weiß ja gar nicht, ob du es ernst meinst." Ermunterte die sie die Frau, die sich ihr als Sarah vorgestellt hatte.

"Hüh!" Befahl das Mädchen, mit einem Ruck setzte sich die Stute in Bewegung, sodass Daphne reflexartig an den dicken Knauf des Westernsattels griff.

"Hände weg vom Sattel. Halte die Zügel locker und frei. Betsy soll doch auf deine Zügelkommandos reagieren, das kann sie nicht, wenn die Kommandos nicht eindeutig sind."

Daphne stabilisierte sich, streckte den Rücken und ließ den Knauf langsam wieder los. Betsy stand wieder, wie eine Statue, eine stoische Ruhe ging von diesem Tier aus.

"Hüh!" Diesmal war Daphne vorbereitet, in Schritttempo setzte das Pferd einen Huf vor den anderen, Daphne hatte das Gefühl jeden Augenblick zu stürzen. Aber die Frau führte Daphne sicher in größer werdenden Kreisen in der Koppel herum, nach ein paar Minuten wurde das behinderte Mädchen sicher auf ihrem lebendigen Untersatz, sie lernte tatsächlich reiten, wer hätte das gedacht.

Auch in den nächsten Tagen trainierten sie fleißig an ihren Reitkünsten. Jeremias konnte sich aber nicht weiter um seine Gäste kümmern, andere Aufgaben und Pflichten benötigten seine Anwesenheit. Wie er wortreich mitgeteilt hatte, musste er auch, dafür sorgen, dass genug Proviant, Zelte und alles was sonst für die Reise so nötig war zusammengetragen und vorbereitet wurde.

"Was ist eigentlich mit Anubis, ich hab' ihn nicht reiten sehen." Es war der Abend des zweiten Tages, Melissa hatte Rückenschmerzen und konnte kaum noch sitzen, seit zwei Tagen hatten sie von morgens bis abends auf den Pferden gesessen. Sie beobachtete Michael, wie er sich erschöpft und durchgeschwitzt aus seinem Sattel schwang.

"Anubis läuft", antwortete Daphne und bremste ihre Betsy mit einem energischen: "Brrr!" Die aufs Wort aus dem Trab zurück in den Schritt viel. Dabei musste sich das Mädchen noch immer am Knauf festhalten, aber sie fühlte sich schon ziemlich sicher. Melissa zog die Zügel leicht an und drückte ihre Stiefelspitzen nach vorn in die Flanken ihrer Stute Hannah, welche ebenfalls in die langsamere Gangart viel. Den Galopp würden sie Morgen angehen, Melissa ging das alles viel zu schnell, aber sie hatten keine Wahl, wenn sie den Hafen rechtzeitig erreichen wollten, dann mussten sie reiten.

Schnell holten die beiden Frauen Michael ein, der sein Pferd langsam und mit sichtlichen Schmerzen im Gesäß in Richtung Stall führte.

"Was ist? Hast du schon aufgegeben?"

"Ich hasse Pferde. Wenn mir der Gaul in den Arsch treten würde, würde das bestimmt genauso weh tun."

Daphne musste grinsen, Michael hatte von Anfang an Probleme ruhig auf seinem Pferd zu setzen, was sich unangenehm in einem wunden Hintern äußerte.

Selbstverständlich war es nicht damit getan, die Pferde nach dem Reiten wieder auf die Koppel zu stellen. Zuerst mussten sie gebürstet und gestriegelt werden, die Hufe wollten nachgesehen sein und dann mussten die Tiere mit frischem Wasser und Heu versorgt werden, das gehörte alles dazu. Auch wenn Michael sich hin und wieder fluchend über seinen schon etwas betagteren Hengst Jonas äußerte, so konnte er sich doch der engen Beziehung, die sich zwischen Mensch und Tier aufbaute, nicht wirklich zu entziehen. Es war ganz anders mit einem lebendigen Wesen zusammenzuarbeiten, als den Airhopper abends in die Garage zu stellen.

Melissa hatte das Gefühl diesen strengen Stallgeruch im Leben nicht wieder loszuwerden, sie brauchte eine richtige Badewanne, nicht nur einen Lappen und einen Trog. Dabei kam hinzu, dass sie an diesen Abenden stets so erschöpft war, dass sie mühe hatte die Karaffe zuhalten.

Sie legte die Reitkappe beiseite und strich die ihre feuchten strähnigen Haare zurück, den ganzen Tag zu reiten war eine Höllenanstrengung. Mit Mühe quälte sich Melissa aus den hohen Reitstiefeln, sie hätte auch, Michael zu Hilfe rufen können, fühlte sich aber auch, dafür schon zu schwach, trotzdem in ihren Reitsachen konnte sie auf keinen Fall zum Abendessen gehen. Sie pellte sich aus der engen braunen Hose und legte die gesteppte Reitweste beiseite, die bei Stürzen etwas Schutz geben sollte, das Hemd klebte an ihrem Körper. Sie fragte sich, wie sie das wohl eine ganze Woche lang durchhalten sollte. Sie gähnte genüsslich. Am Vorabend war Sie beim Abendessen beinahe eingeschlafen, dem wollte die junge Frau diesmal mit einem Eimer kaltem Wasser vorbeugen, es half tatsächlich.

"Wie kommt es eigentlich, dass ihr diesen Lebensstil gewählt habt?" Fragte Melissa beim Abendessen, sie trug wieder die übliche Tracht, hatte aber auch, die vom Waschen noch feuchten Haare mit einem Haarband zurückgebunden.

"Unsere Ahnen auf der Erde waren damals sehr reich, aber sie hatten den spirituellen Rückhalt verloren, sie dachten, ein einfaches Leben könnte diesen zurückbringen."

"Das klingt nicht besonders überzeugt."

"Es hat auch, nicht wirklich funktioniert Frau Yukawa. Unsere Väter und Mütter stellten strenge Regeln auf, für das Verhalten, die Trachten und verboten den Einsatz von Technologie."

"Warum leben Sie noch nach diesen Regeln, wenn sie nicht funktioniert haben?"

"Aber nein. Die Regeln funktionieren, nur die Ziele waren unerreichbar. Religion und Spiritualität haben nichts mit dem Lebensstil zu tun, den man sich aufzwingt, sie kommen aus den Herzen selbst. Wir leben heute nach den Alten, weil wir einsehen, dass wir ohne die ganze Technik mit denen sich die Menschen überfrachten gut zurecht kommen. Es steht aber jedem frei zu gehen und ein anderes Leben zu wählen, das ist ein Maß an Freiheit, das viele Menschen, die mit Pocketcomputern und all dem Schnickschnack, nicht einmal in der Lage, sind in Betracht zu ziehen."

Es war eine Freiheit, die Melissa in Betracht zog. "Was ist mit Fremden, nehmt ihr welche auf?"

"Ja, aber das ist sehr selten. Hin und wieder versucht jemand auszubrechen ein neues Leben anzufangen, aber wir werden nicht zulassen, dass unser Lebensstil darunter leidet. Wer zu uns gehören will, muss sich anpassen. Das ist auch, ein Grund, warum wir hier noch immer die Sprache unserer Ältesten in Ehren halten und nur wenige Deutsch oder Englisch sprechen."

"Ist das nicht intolerant?" Warf Michael vorsichtig ein, er wollte ihre Gastgeber schließlich nicht beleidigen.

"Nein." Wandte sich Jeremias direkt an Michael. "Im Gegenteil, als Gäste empfangen wir hier jeden freundlich und von Herzen. Wir führen hier eine ganz besondere Art des Lebens und fürchten, dass diese Gemeinschaft, die wir hier haben zerbrechen könnte, wenn wir uns nicht sehr deutlich von anderen abheben. Sie sind doch sicher in einer großen Stadt aufgewachsen Herr Hasselblad?"

Es war Michael noch immer unangenehm so förmlich angesprochen zu werden, aber zum Du kam Jeremias nur während des Reitunterrichts. Er nickte.

"Jeder kämpft mit Händen und Füßen nach Individualität und Freiheit." So drastisch hatte Michael das noch nie gesehen, aber Jeremias fuhr fort, ohne auf ihn zu warten. "Dieser ständige Kampf macht euch zu Marionetten des öffentlichen Lebens euer Individualismus zwingt euch zu roboterhafter Imitation eurer Idole. Ich verbrachte einige Jahre auf der Erde, in Berlin um genau zu sein, ich wollte damals selbst rebellieren, aber die Erde hat mich krank gemacht. Alle waren so tolerant, dass es die verschiedenen Kulturen einfach zerrieben hat, und es gab einmal sehr viele davon. Ich bin damals zu dem Schluss gekommen, dass man mit der Toleranz sehr vorsichtig sein muss, sie sollte zum Respekt für den Anderen führen, nicht zu seiner Assimilation." Jeremias war so klug seine Ausführungen erst einmal sacken zu lassen, bevor er weitersprach.

"Deshalb bleibt unsere Gemeinde ein abgeschlossener Kosmos. Aber jeder von außerhalb soll und darf so sein und bleiben, wie er ist. Aber wenn sich jemand entschließt unser Leben zu teilen, dann ist das mehr, als nur Bewohner derselben Stadt zu sein. Wenn jemand mit uns leben will, dann kann dies nach den Regeln unserer Gemeinde passieren."

Alle am Tisch waren tief beeindruckt von dieser Rede, Daphne war sich nicht sicher, ob sie in jedem Punkt zustimmen würde, nein ganz bestimmt war das zu radikal. Aber Jeremias hatte seinen Standpunkt zweifellos deutlich gemacht. Es herrschte eine Weile Stille.

In diese Stille hinein trat das Nywel, niemand hatte ihn vermisst, es nahm ohnehin nur selten an ihren gemeinsamen Mahlzeiten teil, dass er aber jetzt plötzlich zwischen den langen Reihen von Bänken und Tischen auf sie zukam, erregte dann doch eine gewisse Aufmerksamkeit. Anubis hielt erst vor ihrem Tisch und neigte seinen kräftigen Oberkörper zu Jeremias hinüber, sodass dieser vor den bedrohlichen Reißzähnen unwillkürlich zurückweichen musste, Anubis ignorierte dies.

"Militär ist auf dem Weg hierher, etwa eine halbe Standardstunde hinter mir." Raunte es dem Sohn des Ältesten zwischen den Zähnen entgegen.

Jeremias nickte, nur die Nächsten am Tisch hatten die Meldung mitbekommen, außer Michael, Melissa und Daphne höchstens noch ein oder zwei Einheimische, die Gespräche verstummten sofort.

Jeremias stand sofort auf und ging zu seinem Vater, wobei ihm die Augen des ganzen Saales folgten, es dauerte ein paar Minuten, bis er zurückkam, er wechselte im Anschluss noch ein paar Sätze mit Sarah der Reitlehrerin, die ebenfalls schnell aufstand und den Saal verließ.

"Wir werden Sie verbergen, das Nywel muss verschwinden, es fällt in unserer Mitte zu sehr auf."

"Ja", stimmte das Nywel zu und war schon wieder auf dem Weg nach draußen.

"Zu Ihnen. Wir haben beschlossen euch nicht zu verstecken, weil Sie mit Wärmesuchern aufgespürt werden könnten." Daphne wollte ihn gerade auf seinen Widerspruch aufmerksam machen, als er fortfuhr.

"Sie werden in der Masse unsere Gemeinde untertauchen."

"Aber wir sind zu hellhäutig." Warf Melissa ein. "Wir fallen doch auf wie bunte Hunde."

"Richtig, ich habe deshalb Sarah geschickt, Farbe zu holen. Sie sollte gleich zurück sein. Frau DeRochelle, Sie sollten sich, zu den Anderen auf die Bank setzten, Ihr Rollstuhl fällt zu sehr auf."

Mit Michaels und Jeremias Hilfe wechselte Daphne zu den anderen auf die Bank und gab schnell Anweisungen, wie der Rollstuhl zerlegt werden konnte, als dieser in seine Einzelteile zerlegt und versteckt war tauchte Sarah wieder auf. In den Händen trug sie einige kleine Keramiktöpfe, in denen sich braune Pulver in den verschiedensten Nuancen und Schattierungen befanden.

"Ich male gern in meiner Freizeit", erklärte Sarah kurz und platzierte die Farbtiegel auf dem Tisch. "Deine blonden Haare versteckst du besser unter einem Kopftuch, Daphne." Wandte Sie sich an das Mädchen und reichte ihr einen breiten Seidenschal, zumindest sah er so aus wie Seide, der gut zu dem gelben Kleid passte, das Sie trug.

Dann nahm sie einen weißen Lappen, tauchte diesen in ein frisches Glas Wasser und begann einige der Pigmente in einem der sauberen Töpfchen zusammenzureiben. Dann setzte Sie sich neben Daphne ans Ende der Bank.

"Gut schau mich an."

Sorgfältig trug sie die Farbe auf, beginnend bei der Stirn, vorsichtig um die Augen um nichts von der Farbe in Daphnes Augen zu wischen. Auch die Ohren vergaß sie nicht, obwohl die mit unter dem Kopftuch verschwinden würden, dann machte sie mit Nase Mund und Wangen weiter. Zum Schluss folgten Hals und Hände. Zufrieden begutachtete sie ihr Werk und nickte. Dann wandte sie sich Melissa zu, zuletzt folgte Michael. Es dauerte nicht lange und alle drei besaßen eine sehr natürlich wirkende Hautfarbe die sie auf den ersten, vielleicht sogar zweiten Blick, als Einheimische durchgehen lassen würde.

Schnell verdunstete das restliche Wasser und dann spürte Michael, dass die Farbe einen leichten Juckreiz auslöste, sein ganzes Gesicht, sein Hals bis zu den Ohren vermittelten ihm ein leicht brennendes Gefühl, als ob die Haut sich zusammenziehen würde.

Plötzlich wurde die Tür aufgestoßen, und eine Gruppe von Soldaten betrat mit forschem Schritt den Saal. Erst vor der Tafel der Ältesten stoppten Sie. Ein Mann mit den höchsten Rangabzeichen trat vor, neben ihm ein Nywel, beide verbeugten sich flüchtig.

Michael saß dummerweise mit dem Rücken zu der Szene und musste sich ganz schön den Hals verrenken, um alles beobachten zu können.

"Ältester." Rief der Offizier. "Wir haben einen Frachter beobachtet, der vor ihrer Küste niedergegangen ist."

Der Älteste war inzwischen aufgestanden und sah den Eindringlingen grimmig in die Augen.

"Sie stören den Frieden unserer Gemeinde."

"Nur so lange wie unbedingt nötig Ältester. An Bord des Frachters befanden sich Schmuggler und Piraten, es ist möglich, dass einige Besatzungsmitglieder überlebt haben."

"Das geht uns nichts an, Fremder."

"Es sei denn, Sie verstecken diese Personen!" Die Stimme des Mannes war plötzlich kalt und drohend. "Sie wissen, mit welcher Strafe Sie rechnen müssen, wenn Sie den Widerstand unterstützen?"

"Ich sagte, dass uns eure Angelegenheiten nichts angehen. Ich wünsche, dass Sie und Ihre Soldaten unseren Boden verlassen!"

Man konnte deutlich sehen, wie der Nywel die Luft in dem Raum durch seine Trachäen in Brust und Schultern einsog, um selbst geringste Mengen an Duftstoffen herauszufiltern.

"Wenn Sie nichts zu verbergen haben Ältester, dann werden wir bald wieder gehen."

Man sah, wie er leise einige Worte mit dem Nywel wechselte, dessen Geruchssinn mittlerweile eine dreidimensionale Karte des Raumes erstellt haben musste, die seiner visuellen in nichts nachstand.

"Ein Nywel war hier!" Platzte der Offizier mit einem Male heraus. "Sie haben doch keine Nywel in ihrer Gemeinde oder?"

Der Älteste schüttelte langsam den Kopf. "Zu uns können all diejenigen kommen, die Abstand von der Welt da draußen brauchen, unabhängig von Spezies und Religion."

"Aber ich sehe fast nur Schwarze!"

"Unsere Vorfahren stammten aus dem reichen Süd- und Ostafrika, sie bilden noch immer die Mehrheit unserer Gemeinde."

Der Soldat gab dem Nywel ein kurzes Zeichen, worauf dieser mit raubtierhafter Geschwindigkeit seinen Arm ausstreckte und auf Michael, Daphne und Melissa deutete. Der Soldat warf einen abschätzigen Blick auf den Ältesten. "Dort war vor kurzem ein Nywel der Kriegerkaste. Ich liege wohl richtig, wenn ich annehme, dass er zur Besatzung des Frachters gehörte."

Der Älteste machte keine Anstalten etwas zu erwidern, es hätte auch, keinen Sinn gehabt.

"Ich mache Ihnen keinen Vorwurf." Fuhr der Offizier scheinheilig fort. "Wir leben in schwierigen Zeiten und ich habe Wichtigeres zu tun als mich mit ihrer Sekte herumzuärgern. Sollten Sie mich nochmal anlügen, dann werden Sie allerdings die Konsequenzen tragen müssen." Er warf dem Ältesten einen überlegenen Blick zu. "In zwei Monaten werden sie nicht mehr so glimpflich davonkommen." Er lachte. "Dann machen wir den Widerstand platt." Er lachte hämisch, als er mit seinen Soldaten im Gleichschritt den Saal verließ.

Die Tür blieb offen hinter ihnen. Es herrschte einen Augenblick Stille in dem Saal, einige mochten sich fragen, ob es eine richtige Entscheidung war die Fremden aufzunehmen und ihnen Unterschlupf zu gewähren, das zumindest sah Michael in den versteinerten Gesichtern der anderen.

"Sie werden uns noch eine Weile beobachten", erklärte Sarah mit gedämpfter Stimme. "Aber dann lassen sie uns wieder in Ruhe."

Jeremias nickte zustimmend. "Wir werden morgen wie geplant aufbrechen, man wird uns wohl eine Weile folgen, aber wenn sie nichts Verdächtiges feststellen lassen sie uns ziehen."

"Oh, eine Sekunde. Das hört sich so an, als hättet ihr schon Erfahrung gesammelt?" Warf Daphne verblüfft ein.

"Ja, bis zum Beginn der Blockade haben wir politisch verfolgte aus diesem Sektor herausgeschmuggelt. Aber Roscher hat uns schon seit einer Weile in Verdacht."

Daphne war einen Augenblick sprachlos, da waren sie ja an die Richtigen geraten.

"Wer ist Roscher?" Wollte Michael wissen.

"Dieser Mann ist der Kopf des Regimes, das diesen Sektor terrorisiert", erklärte Sarah leise, als ob sie Angst hätte, dass man sie abhören würde.

"Und in zwei Monaten?" Erinnerte sich Melissa an die letzten Worte des Soldaten. "Wisst ihr auch, was damit gemeint ist."

Sarah schüttelte den Kopf. "Nein. Das kann ich nicht deuten. Es gibt aber Gerüchte, dass Roscher bald Unterstützung für eine umfassende Offensive gegen die Befreiungsarmee bekommt. Das kann böse Enden, im Moment sind die Rebellen fast überall im Rückzug."

Sarah sprach nicht weiter. Der Diktator Roscher schien die Oberhand in diesem Sektor zu behalten und wenn er jetzt noch Unterstützung bekam, konnte alles wofür sie gekämpft hatten verloren sein.

Sie brachen früh am Morgen auf, Ken Saro hatte in den letzten beiden Tagen noch kleinere Modifikationen an ihren Ausrüstungen vorgenommen, jetzt war alles so perfekt, wie es für die Reise sein konnte. Neben den Satteltaschen führte die kleine Gruppe noch zwei weitere Pferde mit sich, die Zelte und Lebensmittel trugen, auch, Wasser und Heu für die Pferde mussten sie mitnehmen. Geführt wurden sie von Jeremias und Noah, den sie erst an diesem Morgen kennen gelernt hatten, er war hochgewachsen und trug sein langes schwarzes Haar in Rasterlocken. Das Gras, das hier wuchs, konnten die Pferde zwar fressen, aber es war streckenweise nur sehr spärlich vorhanden. Überhaupt gab es auf diesem Planeten noch nicht viel Vegetation, einige der mitgebrachten Gräser breiteten sich schnell aus, aber nur in der Nähe des Dorfes waren bereits größere Büsche gepflanzt worden. Es mussten schon sehr widerstandsfähige Gräser sein, denn es fiel kaum Regen auf diesem Planeten, wenn überhaupt, dann nur in den Sommermonaten, in denen die Hitze der Sonne ausreichte, genügend Meerwasser zu verdunsten. Es würden noch viele Jahrhunderte vergehen, bis Bäume und Wälder ihren Teil zum Klima beitragen würden.

"Ich versteh' nicht, wie sich hier kein höheres Leben entwickeln konnte?" Michael blickte sich um, der Kontinent machte keinen sehr lebensfeindlichen Eindruck.

"So was dauert Milliarden Jahre, vielleicht ist hier noch nicht genügend Zeit verstrichen", spekulierte Daphne. "Immerhin gibt es bereits Sauerstoff das deutet in der Regel auf Photosynthese oder verwandte Prozesse hin."

Michael nickte, es war ja nicht so, dass er in der Schule gar nicht aufgepasst hätte.

"Ich mache mir Sorgen, dass sich die verschiedenen Lebensformen in die Quere kommen könnten", warf Melissa nachdenklich ein.

Es wurde ein langer Vormittag durch die eintönige Steppe, um die Pferde nicht zu erschöpfen ritten sie die meiste Zeit im Schritttempo. Die Sonne stand schon hoch im Zenit, als Jeremias stoppte. Sie würden eine Stunde rasten, die Pferde versorgen und selbst eine Mahlzeit einnehmen. Das Gelände begann in der Ferne hügeliger zu werden, das Reiten würde dort schwerer fallen.

Es gab auf diesem Planeten nichts, was die Tiere erschrecken konnte, nachdem sie die Sättel und des Zaumzeugs los waren, tummelten sich die Tiere in der Umgebung des Lagers, reinigten ihre Haut im trockenen Sand und fraßen vom dürren Gras.

Bis zum Abend passierte nichts Aufregendes, sie hatten das Bergland erreicht und genossen den sternklaren Himmel. Einige bewegte Lichtpunkte waren mit guten Augen zu erkennen, das mussten die Schiffe Roschers sein, die diesen Planeten seit kurzem besetzt hielten.

"Was wollen die hier?" Fragte Daphne in die Runde. "Dieser Planet kann doch unmöglich so wichtig sein."

"Ist nicht wichtig," entgegnete Noah mit seiner sonoren Stimme. "Ist günstig gelegen, am Rand. Ist Haupthandelsroute."

"Der ganze Handel des Sektors soll hier durchgehen?" Michael konnte sich das beim besten Willen nicht vorstellen."

"Nein, bei weitem nicht, aber es sind mehr als 10%, damit gehört Pietersburg zu den größten Häfen des Sektors," ergänzte Jeremias. Er wirkte in der Wildnis viel offener und hatte sich unter Noahs Einfluss sogar schon zum "Du" überreden lassen

"Werden alle Routen blockiert?" Wollte Melissa wissen.

"Wir bekommen nicht mehr viele Nachrichten, können aber mit gewisser Wahrscheinlichkeit davon ausgehen."

"Habt ihr eine Vorstellung davon, was die Vereinten Planeten mit der Blockade erreichen wollen." Selbstverständlich wusste Daphne selbst, was die Blockade einer Krisenregion bedeutete, man wollte dem Konflikt die Grundlage nehmen. Aber sie wollte es von Jeremias hören, er schien sich trotz des abgeschiedenen Lebens ganz gut auszukennen.

"Es werden nur Waffenlieferungen abgefangen. Nahrungsmittel und andere Friedensgüter dürfen passieren. Nach den Gerüchten, die wir vom Hafen bekommen, ist es Ziel der Blockade den Widerstand zu schwächen und so einen Bürgerkrieg zu verhindern." Er neigte sich vor, als könnte es einen geheimen Lauscher geben und senkte seine Stimme. "Es gibt aber auch, Gerüchte, dass die Vereinten Planeten ihren Einfluss auf die derzeit herrschende Diktatur nicht verlieren will!" Ersetzte sich zurück und zuckte mit den Schultern. "Nichts Genaues, weiß man nicht!"

"Wenn ich das richtig verstehe, dann sitzen wir hier mitten in einem sich anbahnenden Bürgerkrieg fest."

"Richtig Michael, das stimmt." Jeremias legte sich auf seiner Decke zurück. "Aber es ist jetzt Zeit zu ruhen, wir werden Morgen wieder zu früher Stunde aufbrechen."

"Wo ist eigentlich Anubis geblieben?" Melissa zog ihre Decke bis hinauf zum Kinn, die Nacht hatte eine kühle Brise mitgebracht.

"Das Nywel wird sich nicht blicken lassen, solange wir von denen da oben beobachtet werden." Gab Michael zurück und gähnte, sein Hintern schmerzte noch immer, aber die Erschöpfung würde ihn trotzdem schlafen lassen.

Auch die nächsten beiden Tage vergingen unspektakulär, Anubis sahen sie nicht, nur das reflektierte Licht der Raumschiffe, die nicht Aufgaben sie zu beobachten, es war unangenehm, aber es behinderte die Reisegruppe nicht. Am vierten Tag ihrer Reise sahen sie in der Ferne den Hafen am Horizont auftauchen. Es war ein kleiner Hafen, nur die nötigsten Gebäude und Anlagen für den Umschlag der wenigen Güter, die auf diesem Planeten ankamen, oder von hier aus in die umliegenden Sonnensysteme exportiert wurden.

Es schien dort kaum etwas zu passieren, im Gegensatz zu Situkubwas Hafen, wo ständig Shuttle und Frachter landeten und abhoben schien dieser Hafen wie ausgestorben. Das konnte aber auch, mit der Blockade zusammenhängen. Es dauerte mehr als drei Stunden, bis sie das erste Shuttle abheben sahen. Ein kleiner Punkt an fernen Himmel, aber wenigstens ein Zeichen, dass der Hafen nicht aufgegeben worden war, noch nicht.

Als aus der Hochebene in das lang gestreckte Tal des Hafens kamen verloren sie  ihn erst einmal wieder aus den Augen. Sie würden die Anlage erst am frühen Nachmittag erreichen, gab Noah ihnen zu verstehen.

Das breite Tal musste den anfliegenden Schiffen eine ideale Markierung sein, wahrscheinlich konnte man die langsam auseinander laufenden Hänge der Plateauberge schon aus einer niedrigen Umlaufbahn erkennen, das konnte glatt eine teure Funkleiteinrichtung einsparen. Am Ende des Tals hatte man den Hafen errichtet und dahinter erstreckten sich wieder endlose karge Ebenen. Pflanzen schien es hier so gut wie gar keine zu geben, lediglich an einer Quelle hatten sich bereits Gräser angesiedelt, der Wind musste die Samen bis hierher in die Einöde getrieben haben.

Es wurde tatsächlich später Nachmittag, bevor sie die Stadt erreichten, sie trug keinen Namen und wurde einfach nur ‘der Hafen' genannt, ein Hinweis auf die geringe Rolle, die er im Leben dieser Menschen spielte, die sich einem einfachen Leben verschrieben hatten.

Trotzdem hatte sich eine Stadt rund um den Hafen gebildet, so wie es überall der Fall war. Weitläufige Straßen und flache Häuser verteilten sich um das Hafengelände, der einzige Ort, an dem der Boden künstlich befestigt worden war. Sie fanden schnell einen Gasthof, der sich selbstverständlich auch, um die Pferde kümmerte. Auf einem Planeten wie diesem war das so normal wie eine Wasserstofftankstelle für Airhopper.

Was hatte sich ihr Vater nur dabei gedacht, sie auf diesem Planeten in Sicherheit zu glauben, fragte sich Daphne, als Touristen wären sie hier aufgefallen wie bunte Hunde. In den Trachten der Gemeinde aber beachtete man sie nicht weiter.

Vielleicht hätte man sich auch, nicht um bunte Hunde gekümmert. Die Leute hier gingen ihren eigenen Problemen nach, nicht erst seit der Blockade hatten sie davon mehr als genug. Es war kein einfaches Leben auf diesem Planeten, nicht einmal in der Nähe des Hafens.

17. Kapitel: Zwischen den Fronten