19.Kapitel: Gefangennahme

Neue Freunde, neue Gefahren

Melissa zog durch die Straßen Barcelonas, es war ihr nicht ganz geheuer so allein in der fremden Stadt aber an jeder Straßenecke stand das Militär und beobachtete das Treiben. Vielleicht waren sie es, die dieser Stadt diese gefährliche Note gaben. Sie brauchte schleunigst ein paar Klamotten, die sei hier untertauchen ließen. Es war wirklich ein Jammer, dass ihre Sachen jetzt auf dem Meeresboden von Neu Pietersburg lagen und von den Fischen gefressen wurden. Das war aber noch besser als selbst von den Fischen gefressen zu werden.

Sie fand einen leichten dunkelblauen Hosenanzug, den sie mit einem dünnen Ledergürtel um die Hüften betonte, bei diesem feuchtschwülen Wetter war das mehr als ausreichend. Mit diesem Outfit fiel die junge Frau jetzt nicht mehr auf als andere Frauen in der Stadt. Sie fühlte sich etwas besser aber es war noch immer eine fremde Stadt. Melissa beschloss zum Hotel zurückzukehren, und dort auf Hans zu warten. Vielleicht hatte er ja schon irgendetwas herausgefunden. Zumindest aber würde sie sich in seiner Nähe sicherer fühlen.

Plötzlich stockte sie, nur ein paar Meter weiter stand Donavan und unterhielt sich mit einem anderen Mann. Sie drehte sich schnell um, was sollte sie jetzt bloß machen. Sie musste unbedingt Hans benachrichtigen, aber dann wäre Donavan wahrscheinlich schon wieder über alle Berge. Besser war es vielleicht ihm zu folgen, sodass sie ihn später wiederfinden konnten. Vorsichtig schaute sie sich wieder nach dem Waffenhändler um, er stand höchstens fünfzig Meter weiter an einer belebten Straßenecke, unentdeckt von den Soldaten, die das Treiben beobachteten, dann ging er mit dem Fremden weiter und verschwand in einer Seitenstraße. Melissa folgt ihm vorsichtig, zwei Straßen weiter, herrschte schon viel weniger Betriebsamkeit. Sie vergrößerte den Abstand, auf keinen Fall wollte sie schon wieder in seine Finger geraten.

Vorsichtig schaute Sie um die Ecke in eine schmale Seitengasse. Die beiden stiegen gerade in einen Airhopper. Melissa drückte sich rasch zurück, kein Mensch war in der Nähe, jetzt bloß nicht entdeckt werden. Sie lauschte, wie die Turbinen des Hoppers anliefen, zu gern würde Sie wissen, wo Donavan jetzt hinfliegen würde, aber von hier aus konnte sie das nicht feststellen.

Sie kehrte langsam zurück, nachdem der Hopper über den Dächern der Stadt verschwunden war. Sie war nicht entdeckt worden.

Zurück in Hotel wartete Hans schon in seinem Zimmer auf seine junge Begleiterin. Er war nicht gerade begeistert, von den wenigen Informationen, die er in den Bars sammeln konnte. Aber als er hörte, was Melissa beobachtet hatte, lebte er sichtlich auf.

"Vielleicht kommen wir irgendwie an die Luftüberwachung ran", murmelte er nachdenklich, dann ließ er den Zimmerrechner eine Verbindung zur Dobrotar aufbauen, es dauerte nur kurze Zeit, bis sich Liam am anderen Ende der Leitung meldete. "Einen Augenblick, wir können die Leitung sichern." Sagte er kurz, hoffentlich zog das nicht schon die Aufmerksamkeit der Überwachungssysteme auf sich. Nach zwei Minuten verschwand das Wartezeichen wieder, diesmal war es Nadja selbst, die an Bildschirm erschien."

"Hallo." Begrüßte sie die beiden kurz. "Ich werde seit ein paar Stunden überall gesucht, es sieht so aus, als hätte mich irgendjemand auf Gidjr gesehen."

"Ist die Leitung sicher?" Vergewisserte sich Hans vorsichtshalber.

"Ja, Anaconda hilft uns beim Verschlüsseln."

"Wir haben Donavan gesehen. Kann Anaconda an die Daten der Luftüberwachung rankommen?"

"Positiv Hans", meldete sich das Raumschiff.

"Wir suchen einen Airhopper." Hans gab schnell die Position durch, an der Melissa den Hopper hatte starten sehen."

"Durchsuche Datenbank. Positiv, gesuchtes Objekt ist zum angegebenen Zeitpunkt beobachtet worden." Im selben Augenblick ersetzte Anaconda das Bildsignal auf dem Wandschirm durch eine Karte der Stadt, auf der der aktuelle Luftverkehr zur festgelegten Zeit eingetragen war. Neben vielen hellorangen Punkten leuchte ein Objekt in knalligem Rot.

"Wo ist er hingeflogen, Anaconda?"

Sogleich fingen die Punkte an sich zu bewegen, wobei der rote Punkt zusätzlich eine feine rote Linie hinter sich herzog, aber einige Kilometer hinter den Stadtgrenzen verschwand der Punkt wieder.

"Wo is' er geblieben?"

"Das Zielobjekt ist an dieser Stelle unter die Radarerfassung abgetaucht. Ich gehe davon aus, dass die Route mit Kurswechseln zwischen den Wäldern fortgesetzt wurde. Akquiriere Landkarten. Hier sind mögliche Pfade, die einem Airhopper genug Platz bieten würden." Die Karte schrumpfte etwas zusammen, um ein größeres Gebiet zeigen zu können, dann leuchteten fünf Pfade auf, die von dem Punkt ausgingen, wo der Hopper verschwunden war.

Hans schaute sich die Karte eine ganze Weile an, bevor er wieder den Mund öffnete. "Welcher Weg führt ins Gebiet der Rebellen?"

Da blieben plötzlich nur noch zwei Pfade übrig, aber das Bild blieb nur Sekunden stehen, dann erschien Nadja wieder auf dem Bildschirm.

"Ein Suchprogramm versucht unsere Verschlüsselung zu knacken, wir müssen abbrechen." Und im selben Moment war der Bildschirm dunkel.

"Und was jetzt?"

"Jetzt besuchen wir Donavan", entschied Hans, ohne lange nachzudenken. "Coruna oder so hieß die Stadt, bei der der Pfad endete", erinnerte er sich. Ein paar Tastendrücke später hatte er wieder eine Landkarte auf dem Bildschirm und zeigte auf die Stadt, die er schnell wiedergefunden hatte. Coruna war ein kleines Kaff wenige Kilometer hinter der Grenze. Nur an den genauen Weg konnte er sich nicht erinnern, und auf dieser Karte waren die in Hotel abzurufen war waren keine Wege eingezeichnet die über die Grenze führten, das war auch, so eine Art von Zensur.

"Und wie wollen wir über die Grenze kommen?"

"Mir fällt schon was ein." Gurgelte Hans tiefe Stimme in Gedanken, ihm war doch immer irgendwas eingefallen. Und seine grauen Zellen ließen ihn auch, diesmal nicht im Stich.

Die Idee, sich von einer Schieberbande über die Grenze bringen zu lassen gefiel Melissa gar nicht, aber sie konnte sich gegen Hans nicht durchsetzen und hatte auch, keine bessere Idee, um unbemerkt über die Grenze zu kommen. Also musste sie Hans in das "Daydream" begleiten, ob ihr das gefiel oder nicht. Sie hätte bei Jeremias bleiben sollen, fernab von all diesem Abschaum.

Die Talentshow war noch in vollem Gange, als Hans mit Melissa einen Platz an der Bar suchten, er bestellte zwei Wasser. Der Barkeeper lachte ihn fast aus, als er ihn wiedererkannte, aber er besorgte das Wasser.

"Danke." Sagte Hans bemüht freundlich, als der Mann hinter dem Tresen die beiden Gläser rüberschob.

Auf der Bühne tanzten ein paar junge Mädchen in grellen Klamotten, angestrengt bemüht den Ton zu halten, einfach grauenvoll, eine Beleidigung sowohl für die Ohren als auch, für die Augen.

Gegen den Krach ankämpfend schrie Hans den Barkeeper an. "Ich will den Geschäftsführer sprechen."

"Keine Chance Kumpel", schrie der zurück und wandte sich erst mal einem anderen Gast zu.

Aber als er wieder vorbeikam, langte Melissa keck über den feuchten Tresen und bekam den Mann am Arm zu fassen. "Hi," trällerte sie, dass der Barkeeper nicht anders konnte als stehen zu bleiben.

"Hallo?" ging er sofort auf das Angebot ein. Er hatte nicht bemerkt, dass sie und Hans zusammengehörten.

"Es ist wirklich wichtig, dass wir ihn sprechen." Rief sie, es war nicht leicht die eigene Stimme bei dem herrschenden Krach noch nett klingen zu lassen.

Der Barkeeper warf schnell einen Blick zwischen ihr und Hans hin und her. Dann schüttelte er den Kopf, wahrscheinlich wegen dem Altersunterschied. "Schon gut. Kann ja mal fragen." Brüllte er über den Lärm. "Worum geht's denn?"

Aber Hans schüttelte den Kopf, das war nun wirklich nichts, was er durch die ganze Bar schreien wollte. "Nicht hier", schrie er zurück, statt dessen rieb er Daumen und Zeigefinger aneinander, dieses Zeichen wurde überall verstanden, der Mann grinste wissend und entschuldigte sich kurz darauf bei einem seiner Kollegen.

Melissa drehte sich um und schaute sich die drei Mädchen auf der Bühne an. In leuchtenden Anzügen hüpften, die wie irre über die Bühne. Hauptsache auffallen, um mehr schien es nicht zu gehen. Die Musik kam irgendwo aus dem Hintergrund und hörte sich trotzdem noch schlecht an. Aber hier bekam jeder seine Chance. Hauptsache zehn Minuten Unterhaltung für das Publikum. Sonst schien es ziemlich egal zu sein, was man hier vorführen wollte.

Endlich ging die zusammengequälte Showeinlage zu Ende und wurde mit einem kurzen Anstandsapplaus von der Bühne geschickt. Die nächste Darbietung bestand aus einem Jongleur, der mit allem herumwirbelte, was er in die Finger kriegen konnte, Keulen, Ringe und schließlich sogar brennende Fackeln. Wenigstens war die Musik leiser geworden, sodass der Barkeeper nicht mehr so brüllen musste, als er schließlich wieder auftauchte.

"Ihr habt Glück, er is' gut gelaunt und will euch sehen." Er wiederholte das Reiben von Damen und Zeigefinger, dann lachte er. "Dafür ist der Alte immer zu haben." Er wies den beiden schnell den Weg zwischen den Tischen hindurch bis zu dem Tisch, wo sein Boss sich niedergelassen hatte, es machte den Eindruck, als würde er nie wieder aufstehen. Der Barkeeper verabschiedete sich mit dem lapidaren Hinweis, er müsste sich wieder um seine Bar kümmern.

Melissa und Hans durften sich großzügig auf die Stühle gegenüber vom Barbesitzer setzen. Zu seinen beiden Seiten hatte der dicke Mann zwei Frauen drapiert und man musste es bei seiner Leibesfülle wirklich so nennen, als man sie da so an ihn gelehnt liegen sah. Warum mussten diese Kerle jedes kleine abscheuliche Detail erfüllen, das das Klischee vorschrieb, fragte sich Melissa und musterte den Mann genau. Dicke goldene Ringe drückten sich um die kurzen wulstigen Finger. Die schwere Goldkette war gerademal eine Markierung des Ortes, wo man den Hals suchen sollte, übrig war von diesem so gut wie nichts mehr. Seine Finger kreuzten sie mit Mühe vor dem massigen Bauch, dann bewegte er sein Kinn ein wenig nach vorn und begann mit unerwartet tiefer Stimme zu sprechen. Er kam sogar noch tiefer, als Hans musste Melissa zugeben und der hatte nun wirklich eine sehr tiefe Stimme.

"Ihr wolltet mich sprechen." Seine Stimme hob sich stark vom umgebenden Geräuschpegel ab, sodass er trotzdem einigermaßen zu verstehen war, obwohl er seine Stimme nicht sonderlich anhob. Die Stimme hatte etwas Anziehendes musste Melissa unweigerlich eingestehen, fast wie Hans, aber der Körper, dieser Körper der für drei gereicht hätte.

"Ich würde lieber nicht hier darüber sprechen", entgegnete Hans. Melissa ließ ihre Blicke zwischen den beiden hin- und herschweifen. Es kam ihr vor, wie ein Kampf unter Titanen. Beide mit ihren tiefen Stimmen in dem gedämpften Licht des Lokals und auf der Bühne wirbelten wenigstens ein halbes dutzend Fackeln durch die Luft.

Der dicke Barbesitzer nickte, nicht richtig natürlich, es war viel zu anstrengend den aufgeblasenen Kopf zu bewegen, der Mann nickte nur knapp mit den Augenliedern, er hatte offensichtlich Erfahrung mit solchen privaten Unterredungen. Mit kurzen Bewegungen seiner Arme schickte er die beiden Mädchen weg und tippte etwas in eine Konsole, die in der Lehne seiner Bank eingelassen war. Gleich darauf senkte sich der Lärmpegel um sie herum, ein Antischallgenerator dämpfte das Umgebungsgeräusch, indem er die Schwingungen analysierte und passende Gegenschwingungen erzeugte, die sich mit dem Originalschall gegenseitig aufhoben. Ebenso mussten jetzt auch, ihre Stimmen für den Rest der Bar gedämpft werden.

"Besser?" fragte den Besitzer wohlgefällig und atmete schnaufend die stickige Luft ein, das reden viel ihm offensichtlich nicht besonders leicht.

"Ja", antwortete Hans.

"Worum geht's?"

"Ich habe gehört, dass sie Menschen über die Grenze helfen", versuchte sich Hans vorsichtig an sein Anliegen heranzutasten. Melissa schaute zu dem Dicken, sie kannte noch nicht mal seinen Namen.

"Und?" hauchte der.

"Bring' uns nach Coruna", forderte Hans den Barbesitzer kurzerhand auf, was nutzte es schon, wenn sie noch lange drumherumredeten.

Der Mann zog die Mundwinkel hoch, es sollte wohl ein Grinsen sein. "Ihr glaubt, ich kann das?"

Melissa war sich nicht sicher, ob das jetzt ein Scherz war oder ob sich der Mann noch nicht sicher war, ob er ihnen trauen sollte. Aber Hans konnte die Reaktion besser einschätzen.

"Soll nicht dein Schaden sein."

Das war es, was der dicke Mann hören wollte, eigentlich genau, wie der Barkeeper angedeutet hatte. Das heisere Stöhnen, das den schwammigen Körper erschütterte, musste das bestätigende Lachen sein, es war schon beinahe gruselig.

"Fünftausend."

Jetzt war es an Hans herzlich zu lachen, soviel war nicht mehr auf seiner Karte. Jason würde ihn auseinander nehmen, wenn er erfuhr wie er mit dem Geld der Vereinten Planeten umgegangen war. Er schüttelte den Kopf. "Nein, für so viel Geld kaufen wir uns selbst einen Grenzposten." Er war sichtlich in seinem Element.

Der Koloss wabbelte rhythmisch unter dem dünnen Stoff, der ihn bedeckte. Er hatte ebenfalls seinen Spaß an einer Verhandlung, bei der ihm der Gegenüber nicht gleich in den feisten Hintern kroch. "Versuchs nur", gab er zurück und funkelte Hans erwartungsvoll an. Es ging dem Riesen nicht um das Geld, davon hatte er genug und es vermehrte sich auch, sicherlich schon so gut wie von alleine.

"Zweitausend", bot Hans ihm an, als sei es ein Ultimatum. Er grinste Überlegen, als sei es sein Lokal, in dem diese Verhandlungen stattfanden. Er wusste gut, worum es ging, und er hatte auch, schon Anubis ausgehalten, dieser Fettsack konnte ihn nicht erschrecken.

Hans Vorteil war aber zweifellos, dass ihn das Sprechen lange nicht so anstrengte, wie seinen Gegenüber, der schon nach jedem Satz schwer keuchte, selbst das Atmen schien für ihn sehr anstrengen zu sein. Melissa beobachtete den Barbesitzer genau, er musste bald aufgeben oder einen Herzinfarkt bekommen. Welcher wahnsinnige Arzt unterstützte nur diese grauenvolle Karikatur eines Menschen, hielt ihn mit so unbarmherziger Vehemenz am Leben und verschrieb ihm nicht endlich mal eine Abmagerungskur.

Diesmal hatte auch, Melissa die Situation richtig eingeschätzt, um sein Gesicht nicht zu verlieren, lachte der Gigant herzhaft und schrill, dass er schon blau anlief. "Abgemacht", stöhnte er schließlich heiser. Hans lächelte kurz triumphierend zu Melissa hinüber, dann rang er sich aber dazu durch sich bei dem Dicken zu bedanken. "War eine Freude mit Ihnen zu handeln", sagte er artig, was bei seinem Gegenüber einen erneuten Erstickungsanfall auslöste.

"Ebenfalls", gab er bemüht zurück und atmete erst ein paarmal, bevor er weitersprach. "Wohin nochmal?"

"Coruna", wiederholte Hans, es war eine ganze Menge Anspannung von ihm gewichen, das merkte Melissa erst jetzt, als alles vorbei war.

"Wann?" Langsam kehrte wieder die rosa Farbe zurück in sein Gesicht, das schon bedenklich ins Blaue gegangen war. Das Rosa sah auch, nicht sehr gesund aus, aber bei weitem nicht so bedrohlich.

"So schnell wie möglich?"

"Probleme mit Roscher?" Er erwartete keine Antwort und Hans hätte ihm auch, keine gegeben, es war schon ganz in Ordnung, wenn er sich seinen eigenen Reim machte, dann musste Hans sich nicht auch, eine Geschichte ausdenken, er schwieg erst mal und wartete ab.

"Geht mich auch, nichts an", winkte der Barbesitzer auch, schnell ab. Er war für Hans viel zu durchsichtig, was man bei dieser Körperfülle kaum für möglich hielt. Er tippte noch mal ein paar Knöpfe auf der Konsole, worauf eine der beiden leicht bekleideten Frauen wieder auftauchte. Er flüsterte ihr irgendetwas Unverständliches zu, dann verschwand sie wieder. "Ihr Mann kommt gleich." Verkündete der Dicke schließlich, dann langte er umständlich nach einem Glas, das auf dem Tisch vor ihm stand, und führte es an seine runden Lippen. Das Fett hatte wirklich jeden Winkel seines Körpers ausgestopft, es war unmöglich zu schätzen, wie alt er wohl sein mochte, Faltenbildung war so einfach nicht möglich.

Mit einem Schluck leerte er das Glas bis zur Neige, als ob sein Inneres ebenso geräumig wäre wie sein Äußeres, dann drehte er seinen Schädel ein wenig in Melissas Richtung. "Willst du sie verkaufen", erschreckte er die junge Frau überraschend. Sie wusste gar nicht, was sie sagen sollte. Aber Hans schüttelte schnell den Kopf. "Nein."

"Schade. Hätte schon Verwendung gehabt."

Melissa fragte gar nicht erst, was das bedeuten sollte, sie wollte es auch, nicht erfahren. Ihr war die Situation jetzt etwas peinlich, hoffentlich konnten sie hier schnell verschwinden. Es dauerte ihr viel zu lange, bis endlich der Mann auftauchte, den der Klops hatte rufen lassen. Der Gedanke verkauft zu werden, gefiel ihr ganz und gar nicht.

Schließlich setzte sich eine verwegen dreinblickende Gestalt zu ihnen. Sie musterte Melissa, als ob er sich beim Fleischer befinden würde, sie spürte förmlich, wie ihr Wert geschätzt wurde. Hilfesuchend schaute sie zu Hans hinüber. Der hatte noch gar nicht bemerkt, wie seine Partnerin bewertet wurde, aber als er ihres Blickes gewahr wurde, legte er versichernd seine Hand auf ihr Bein. Er zeigte damit den anderen auch, gleich die Besitzverhältnisse, da gab es nichts mehr zu verhandeln.

Der Mann der sich zu ihnen gesetzt hatte trug eine schwarze Lederhose und eine passende Lederjacke, unter der sich auffällig deutlich eine Waffe abzeichnete. Ein schwarzer Rollkragenpullover und feste Stiefel rundeten das Bild ab. Das Gesicht des Mannes war schlecht rasiert und zwei böse Narben zogen sich über die linke Wange hin, bis fast zum Auge, er musste sich einmal mit dem falschen Gegner angelegt haben. Das Haar zeigte erste Anzeichen von Grau, aber viel älter  als Anfang vierzig konnte er nicht sein.

"Nennt mich Juan", stellte er sich grob vor, mit einer leicht kratzenden Stimme. Entweder rauchte er viel, oder seine Stimmbänder waren genauso vernarbt wie sein Gesicht.

"Hans. Das ist Melissa." Gab der alte Frachterpilot zurück, dieser Mann war gefährlicher als der Barbesitzer, Hans würde aufpassen müssen, dass er Melissa nicht entführte.

"Bezahlung im Voraus", verlangte Juan, aber das Überraschungsmoment zog bei Hans nicht, er schüttelt den Kopf, wenn er das Geld jetzt schon rausrückte, dann konnte er Melissa auch, gleich verschenken.

"Fünfhundert vorher, Rest danach." Er machte nicht den Eindruck als würde er davon abweichen. Der Barbesitzer lachte erneut, er wusste auch, warum Hans es so haben wollte, dann nickten seine Augen wieder und Hans überwies das Geld. Damit waren sie diesem Juan ausgeliefert, bis über die Grenze.

Es war eine kalte windige Nacht, die in die nackte Haut biss, wo immer sich eine freie Stelle fand. Daphne saß dick in ihre Decken gehüllt über der Navigationskarte, ein sehr einfacher Computer, der beliebige Ausschnitte des Weltalls darstellen konnte. Callista hatte die Karte eingesteckt als sie geentert worden waren und hatte sie seit dem immer dicht am Körper getragen. Sie hatte Glück gehabt, dass man sie nur nach Waffen durchsucht hatte.

Callista hatte die Anzeige auf die Sterne im Bellikoos-Sektor reduziert, sowie die hellsten Sterne, die darüber hinaus zu sehen sein müssten.

"Zuerst müssen wir mal Sternbilder identifizieren", schlug die Navigatorin vor, aber das war schon leichter gesagt als getan, ohne ein Fernrohr war es sehr schwer die relativen Positionen der Sterne zu bestimmen. Und erst wenn sie ein paar dieser Daten hatten, würden sie mit der Karte Rückschlüsse auf ihre Position machen können.

Daphne änderte den Blickwinkel der Karte, so wie es aus dem Zentrum des Sektors erscheinen sollte, dann warf sie einen Blick ins kalte Firmament. "Schade, dass wir da oben nicht auch, die entfernten Sterne ausschalten können."

Der letzte Schimmer des rötlichen Sonnenlichts verschwand gerade hinter dem Horizont. Immer mehr Sterne wurden sichtbar. Bellikoos war ein Sternehaufen von ganz ordentlichen Ausmaßen, es würde nicht leicht werden, eine bestimmte Konstellation auszumachen.

"Wenn wir die Sternposition auf einer Folie markieren, können wir die relativen Positionen bestimmen", schlug Daphne schließlich, nach einiger Zeit des Überlegens vor. Sie erntete erst mal Unverständnis.

"Die Folie, in der das Essen abgeworfen wird, wenn wir die hochhalten, kann einer von uns die Sterne markieren, die Abstände müsste die Karte dann verarbeiten können."

Callista nickte zustimmend. "Mhm. Das könnte gehen. Michael und ich holen das Zeug und am besten noch ein paar Nadeln zum Markieren."

Daphne sah wieder hinaus in die Nacht, so viele Sterne. Einige schienen Sternbilder zu bilden, Gruppen von Sternen, die in ihrer Helligkeit mehr oder weniger Gemeinschaften bildeten. Ein paar dieser Konstellationen in jede Himmelsrichtung sollten eine leidliche Positionsbestimmung möglich machen, dann blieb nur zu hoffen, dass sie ihren Stern identifizieren konnten, er müsste dann schließlich in der Nähe der ermittelten Koordinaten liegen. Aber war das alles nicht nur eine Beschäftigungstherapie. Was für einen Sinn hatte es die eigene Position zu bestimmen, es gab schließlich keine Möglichkeit diese Information irgendjemandem mitzugeben.

Vielleicht war das alles sinnlos, sie würden auf diesem Planeten einfach sterben. Aber solche Gedanken schon in der zweiten Nacht zu haben. Daphne schüttelt unwillkürlich den Kopf, als wollte sie den Gedanken mit Gewalt von sich schleudern. Sie würden sehen, was ihnen die Position sagte, wenn sie sie hatten, aber sich würden nichts erfahren, wenn sie es nicht wenigstens versuchten. Darauf lief es hinaus, nicht wahr. Man musste einfach weitermachen, mit dem, was man machen konnte.

"Woran denkst du?" erkundigte sich Denzel, der sich neben dem Mädchen auf dem kalten Stein niedergelassen hatte, mehrere Lagen von Fell und Folie schützten sie beide vor der grellen Kälte, die das kleine Plateau verströmte.

"Ich frag mich, was das alles hier nutzt. Warum frieren wir uns hier die Knochen ab?"

"Ja, ich glaub ich weiß, was du meinst." Er zog seine Decke enger um die Schultern. "Es gibt da eine Geschichte, die mir dazu einfällt. Vielleicht kennst du sie ja auch, schon." Dann begann er zu erzählen: "Einmal traf ich einen Betrunkenen, er schien etwas zu suchen und torkelt mit großer Hartnäckigkeit um die Laterne herum. Also hab' ich ihn gefragt, was er denn suche und er sagte: Ich habe meine Schlüssel verloren. Und wo? Fragte ich, da sagte er: dort auf der Straße. Ich wunderte mich und fragte: Warum suchst du nicht auf der Straße? Da sagte der Mann: Da ist es zu dunkel."

Daphne sah Denzel von der Seite an und lächelte, als er ihr einen kurzen Seitenblick zuwarf.

"Verstehst du was ich sagen will?"

"Ja, ich denke schon. Wir müssen da anfangen, wo wir etwas erreichen können." Wiederholte sie ihren Gedanken von eben.

"Genau, das wollte ich sagen. Dazu gehört im Moment unsere aktuelle Position und morgen das Treffen mit den Guerilleros und den Freiheitskämpfern, alles Weitere wird sich dann ergeben."

Daphne nickte, das war alles sehr pragmatisch. Was ihr fehlte, war eine Perspektive. Sie konnte sich nur einreden, dass ihr Vater sie irgendwann finden würde, so wie er Michael und sie schon einmal gerettet hatte. Aber das war ein schwacher Trost und nicht unbedingt sehr wahrscheinlich.

Das Mädchen war froh, als Michael und Callista endlich wieder auftauchten, etwas zu tun, das würde sie eine ablenken. Insofern war es ganz gleich, was sie taten. Hauptsache es geschah irgendwas.

Es brauchte eine ganze Reihe von Versuchen, bis sie eine praktikable Lösung gefunden hatten, aber dann ging es ganz flott voran. Sie befestigten die Folie zwischen Holzlatten, die sich am Boden aufgestützt gut halten ließen. Während Denzel und Michael nun die Plane ruhig hielten, markierten Daphne und Callista Sterne, vorzugsweise solche von großer Leuchtkraft. Ihr Vorteil war, dass sie sich irgendwo im Bellikoos-Sektor befinden mussten, das schränkte die Möglichkeiten stark ein und ließ selbst bei diesen groben Methoden ein wenig Hoffnung auf Erfolg. Wollte man eine Position irgendwo in der Milchstraße bestimmen, musste man schon genauere Instrumente zu Sternbeobachtung haben. Man konnte ja nie wissen, vielleicht blieben sie ja auch, lange genug auf diesem Schneeball, um solche Methoden zu entwickeln.

"Wir werden ein Maß brauchen, um die Sternbilder auszumessen." Bemerkte Callista schließlich, als sie eine weitere Folie aufrollte, 14 Sternbilder hatten sie insgesamt aufgenommen, je mehr, desto besser würden sich die Fehler und Ungenauigkeiten ausmitteln.

"Da nehmen wir einfach die Breite einer dieser Latten", schlug Denzel schnell vor, sie brauchten nur ein relatives Maß, die Karte konnte dann Vergrößern und verkleinern, bis ein passendes Sternbild gefunden war. "Aber das machen wir morgen, wenn wir mehr Licht haben."

Zum Lager musste Denzel Daphne nicht weit tragen, dunkel war es fast überall in der Umgebung des Lagers. Lediglich vor den Hütten brannte ein funzeliges Licht und von denen hatten schon hier und da einige ihren Dienst versagt. Aber auf dem Plateau hatte man eine ungehinderte Sicht, die nicht von den Silhouetten der Baracken behindert wurde.

Plötzlich blieb Michael wie angewurzelt stehen und starrte in den Himmel. "Ich hab' grad' ‘nen Satelliten gesehen."

Mit dem Finger zeigte er auf den orangen Lichtpunkt, der ein Stück über dem Horizont still zu stehen schien. Wenn der Satellit jetzt noch von der Sonne beschienen wurde, dann musste er ziemlich hoch stehen. Es könnte auch, ein Stern sein, aber er flackerte nicht in der Atmosphäre, das sprach dagegen.

"Vielleicht die Raumstation." Spekulierte Denzel.

Daphne nickte, in einem der Lagrangepunkte konnte man eine Raumstation ohne viel Energieaufwand halten. Das würde dann auch, mit einer sehr großen Höhe der Raumstation übereinstimmen. Von irgendwoher musste ja auch, täglich die Versorgung organisiert werden. Aber eigentlich war eine so hoch stehende Station dafür nicht besonders geeignet. Aber das war nicht ihr Problem, dachte Daphne, sie mussten sich erst mal um ihren eigenen Kram kümmern.

Aber spät in der Nacht kamen all die Gefühle wieder hoch, all die Hoffnungslosigkeit, die ihr hier entgegenschlug. Sie konnte nicht einschlafen und einfach für ein paar Stunden vergessen.

Michael hörte seine Freundin leise weinen, sie glaubte wohl, er würde das nicht bemerken. Leise rollte er sich aus seinem Bett und hockte sich neben das ihre, er war sich nicht sicher, was er sagen sollte, deshalb nahm er vorsichtig ihre Hand.

"Ich habe Angst", flüsterte das behinderte Mädchen leise und Michael spürte, wie sie seine Hand fester hielt.

"Ja, ich auch, ", gab er langsam zu. "Aber es wird alles gut werden." Er wollte nichts Falsches sagen. Im Halbdunkel konnte Michael gerade erkennen, wie sich das Mädchen mit der anderen Hand die Tränen aus den Augen wischte. "Leg dich zu mir. Ich will dich in meiner Nähe haben."

Michael widersprach nicht, er selbst konnte in der dunklen Nacht etwas Nähe gebrauchen, und Daphne war die Einzige, die ihm diese Nähe geben konnte. Dann musste er lachen. "Haben wir eigentlich nur in Krisen Sex?"

Daphne lachte, und Michael spürte, wie sich ihre Anspannung löste, das Bett war kaum breit genug aber eng beieinander gekuschelt war es mehr als ausreichend.

"Sieht so aus", flüsterte Daphne und küsste Michael zaghaft. "Das wird ‘ne schlechte Angewohnheit werden." Dann küsste sie ihn härter, ihre Zungen berührten einander. "Lässt du mich oben liegen?" Fragte Sie leise. Michael nickte in die Dunkelheit, wo ihre Augen sich von der Nacht umher abhoben. Dann bemühte er sich, sich mit ihr zu drehen. Schließlich war es geschafft, schwer lag ihr Körper auf dem seinen. Dann lagen sie eine Zeit ganz ruhig, aber sonst rührte sich nichts in der Baracke, sie waren nicht allein, aber wenigstens im Moment für sich selbst.

Daphne umarmte ihn fest und rieb ihren Körper gegen den seinen, er genoss den ruhigen Akt, ihre festen kleinen Brüste auf der seinen und die Massage, die ihr Unterleib seinem Schwanz gab. Sie küssten lange und ausgiebig, während er ihren Körper sanft liebkoste. Sie redeten nicht, waren ganz still. Michael wollte am liebsten nie wieder loslassen, und er spürte an ihrem festen Griff, dass sie genauso empfand.

Dann hielt sie in ihrer ruhigen Bewegung inne, ihre kurzen Fingernägel bohrten sich sanft in Michaels Rücken, sie schien das nicht zu bemerken, und Michael gab keinen Ton von sich. Er küsste sie und genoss ihr Gewicht und auch, den Schmerz, er spürte, wie er kam und hätte sein Finger gern auch, in ihren Rücken gebohrt aber statt dessen fasste er ihren Hintern und presste sich noch etwas dichter an ihren warmen Körper. Möge doch dieser Augenblick nie vergehen.

"Lass uns liegen bleiben", flüsterte Daphne dicht neben Michael Ohr. "Nur noch ein Weilchen."

Dann küsste sie ihn wieder und verhinderte, dass er ja sagen konnte, schließlich stützte sich das Mädchen an seinen Schultern ab und begann sich langsam hin und her zu bewegen. Michael spürte, dass es noch nicht vorbei war und dabei machte er gar nichts. Er genoss es. Daphne war sanft und bestimmt, sie wusste, was sie wollte und wie sie es sich holen konnte. Selbst jetzt hatte das Mädchen alles unter Kontrolle.

An ihren langsamen und gleichmäßigen Atemzügen merkte Michael später, dass das Mädchen eingeschlafen war. Mit ihrem Gewicht auf seinem Bauch, würde das für ihn nicht ganz so leicht werden, er lächelte, wenn sie sich im Schlaf bewegte, würde sie aus dem schmalen Bett fallen. Michael lauschte ihren gleichmäßigen Atemzügen und spürte ihren ruhigen Herzschlag an seiner Brust, dann schlief er ebenfalls ein.

Am folgenden Morgen lag Daphne dich an ihn gedrängt neben ihm, sein rechter Arm war eingeschlafen. Vorsichtig küsste er sie auf ihre Wange, wenn er sie nicht wach bekam, würde ihm sein Arm absterben.

"Was ist denn?" Murmelte sie schlaftrunken, sie gehörte nicht zu denen, die nach dem Aufwachen gleich wieder hellwach waren.

"Du drückst mir den Arm ab", flüsterte Michael leise.

"Oh." Sie stützte sich kurz auf, sodass Michael seinen tauben Arm unter ihr wegziehen konnte. Dankbar schüttelte Michael seinen Arm und massierte seine Finger, die waren schon ganz taub geworden. Dann öffnete und schloss er seine Faust in rascher Folge, bis das Gefühl langsam zurückkehrte.

"Danke," sagte Daphne, "für die Nacht."

"Danke, für den Arm", gab Michael zurück und spreizte die Finger, es ging schon fast wieder. Da nahm Daphne seine taube Hand und begann zu massieren. "Lass mich das machen. Ich weiß, wie man das Blut in Bewegung bringt."

Neben den Mannschaften der beiden Frachter kamen auch, noch fast dreißig Männer und Frauen, die schon länger in diesem Lager aufhielten. Acht kamen von der Guerilla, zweiundzwanzig von den Freiheitskämpfern, das waren nicht viele verglichen mit den fünfhundert Insassen, die hier im Moment lebten, aber es war ein Anfang, es waren erheblich mehr als sich gestern nach der Auseinandersetzung angekündigt hatten.

Schnell wurden die Liegen so umgeräumt, dass sie einen Kreis bildeten, in dem sich die Sprecher niederlassen konnten, die anderen standen darum herum und warteten was besprochen werden würde. Was in den nächsten Stunden passieren würde, konnte ihre Lage auf diesem Planeten entscheidend mitbestimmen. Und wenn diese Männer und Frauen wieder mit den anderen aus ihren Gruppen sprachen, vielleicht konnten sie dann wenigstens hier etwas erreichen, was bisher nicht möglich schien. Daphne schaute hinüber zu Michael, der neben ihr saß und selbst in die Runde dieser Menschen blickte. Ohne ihn wäre dieses Treffen nicht zustande gekommen. Er hatte das nicht geplant, aber irgendetwas leitete diesen Jungen, wenigstens manchmal.

"Können wir anfangen?" wollte Denzel mit scharfer Stimme wissen, das Geplapper verstummte, es wurde ruhig in der Baracke. "Gut. Wir haben uns heute getroffen, um ein geregeltes Zusammenleben zu ermöglichen. Das war wie mir scheint in der Vergangenheit nicht der Fall." Er schaute in die Runde, einige nickten zustimmend, einige brummten missmutig, noch nicht ganz überzeugt.

"Willst du jetzt die Führung übernehmen", rief eine verwegen aussehende Frau, die Denzel fast genau gegenübersaß. Sie gehörte zur Guerilla und schien unter den Anwesenden ein gewisses Ansehen zu haben. Ihre langen rotblonden Haare waren hinten zu einem strähnigen Zopf zusammengebunden, ihre braunen Augen funkelten wild. Sie trug einen Kampfanzug, der nur noch fern an seine ursprüngliche Funktion erinnerte, viele Flicken hielten den Stoff zusammen und die linke Beintasche war ausgerissen. Ihre schweren Stiefel waren noch ganz ordentlich, aber beim rechten hatte sie das Schnürband durch Fallschirmseile ersetzen müssen. Sie war schon länger hier gefangen, das sah man deutlich. Das Gesicht der Frau war vom kalten Wind zerfurcht, sie konnte, nicht älter als ende Dreißig sein. An ihrer Unterlippe haftete noch alter Schorf, vom letzten Kampf vielleicht.

"Nein, daran habe ich kein Interesse. Ich will das hier überleben."

Die Frau nickte zornig, aber sie machte eine Handbewegung, dass er weiterreden sollte.

"Ich will, dass ihr mit diesen kleinen Machtkämpfen aufhört, dann können wir das schaffen. Zusammen."

"An uns liegt das sicher nicht", ging die Frau dazwischen, obwohl ihre Gruppe gegen die Befreiungsarmee deutlich unterlegen war. "Die da wollen uns fertig machen." Und dabei sah sie den Mann an, der für sie die Opposition verkörperte."

"Oh nein, Gudrun. So nicht. Ihr wollt die ganze Bevölkerung in den Krieg reinziehen, das werden wir nicht mitmachen", antwortete der Mann mit ebenso viel Wut in seiner Stimme, es war ein wunder, dass doch so viele gekommen waren.

"Ja, Ihr tötet sie lieber bei euren Angriffen und lasst zu, dass sie von Roscher versklavt werden."

"Die Guerilla tötet Unschuldige, damit die Überlebenden euch unterstützen." Der Mann trug eine Uniform in fast ebenso miserablem Zustand wie der Anzug der Frau, einige Knöpfe fehlten der Jacke schon, aber die Schulterklappen wiesen den Träger als Oberfeldwebel aus. Seine blauen Augen hielten unter dichten schwarzen Augenbrauen wacht, ließen sich kein Detail entgehen. Die Haare auf dem Kopf lichteten sich aber schon, und ein paar Geheimratsecken dominierten seine hohe Stirn. Stiefel trug er keine mehr, die hatten selbst gemachten Schuhen aus dem einheimischen Wurmfell weichen müssen.

"Ruhe", schrie Denzel dazwischen. "Es interessiert mich nicht, ob ihr euch lieber selbst umbringt. Aber das könnt ihr machen, wenn wir hier wieder raus sind. Hier sitzen wir im selben Boot." Er schaute von der Einen zum Anderen. "Seht ihr das nicht!"

Selbstverständlich sahen das beide ein, aber sie konnten nicht nachgeben vor dem jeweils anderen. Ihr Hass auf den Diktator Roscher war nicht größer als die Wut auf einander. Und der gemeinsame Gegner hatte diese Abscheu erst hervorgebracht. Keine Seite war mit den Methoden der anderen einverstanden. Und Roscher profitierte davon, er konnte seine Truppen schonen, ein paar gut gezielte Einsätze und seine Kontrahenten würden aufeinander losgehen, taten das vielleicht auch, schon, wo immer sich die Gelegenheit bot. Egli brauchte mit seinen Truppen nur noch die zerstreuten Reste aufmischen, so würden sie den Bürgerkrieg nicht gewinnen, ganz gleich, welche Waffen ihnen zur Verfügung standen. Wenn sie zu Beginn der Auseinandersetzung noch einen Vorteil gegenüber Roscher hatten, so schmolz dieser dahin je länger dieses Gezanke andauerte.

"Und?" Wollte der Mann wissen, er versuchte die Frau zu ignorieren, aber das viel ihm nicht leicht.

"Lasst uns zusammen arbeiten, dann überleben wir!" Das war alles, was Denzel zu sagen hatte, es war ihre einzige Chance, die einzige, die sie hatten. "Wir können das schaffen, aber nur zusammen. Ich weiß nicht, ob es eine Möglichkeit zu Flucht gibt, ich weiß nicht was mit uns passiert, wenn Roscher den Krieg gewinnt. Aber wenn wir bis dahin nicht zusammenarbeiten, dann haben wir schon verloren, dann verrecken wir hier." Er lachte kurz. "Und es wäre nicht besonders schade um euch."

"Wer soll uns führen? Nicht Hagen!" wollte die Frau wissen, es wäre ein Kampf wert, das wusste Denzel und Daphne sah es in seinen Augen. Hagen musste der Feldwebel sein, dachte Daphne bei sich, sie blickte hinüber zu dem Mann, der sich vorsichtig seiner Männer vergewisserte, er schien einen Hinterhalt zu erwarten.

"Niemand." Sagte Denzel entschlossen. "Die Entscheidungen treffen wir gemeinsam. Keiner wird führen." Er versuchte seinen Worten mehr Gewicht zu geben, indem er den beiden tief in die Augen schaute. "Ihr gewöhnt euch besser daran miteinander zu reden."

"Nein. Auf keinen Fall!" fuhr Gudrun auf. "Wir werden nicht mit denen zusammenarbeiten." Sie stand und zeigte mit ausgestreckter Hand auf den Oberfeldwebel Hagen. Der sich angesichts dieser Drohung ebenfalls erhob, aber langsam, er zeigte keine Gemütsregung. "Das Gleiche gilt für die Freiheitskämpfer", sagte er dann entschlossen.

Denzel stand ebenfalls auf, jetzt bestand große Gefahr für ihn, zwischen die Fronten zu geraten. "Halt. Wir sind hier nicht zusammengekommen, um uns zu zerfleischen. Ihr seid doch gekommen, weil ihr reden wolltet, oder nicht." Er stellte sich zwischen die beiden. "Setzt euch. Wir müssen das friedlich klären."

Er hatte Glück, die beiden Streithähne gehorchten ihm, wenigstens dieses eine mal. Es war den Versuch wert gewesen, aber im Moment hatte Daphne nicht den Eindruck, als ob sich die beiden Seiten noch aufeinander zubewegen würden. Eigentlich hatten sie doch dasselbe Ziel, nur mit den Mitteln des anderen waren sie nicht einverstanden. Aber darum ging es hier doch gar nicht, sie wollten ihre Gefangenschaft überleben, menschenwürdig. War das so schwer einzusehen.

"Schließt endlich Frieden. Eure Differenzen spielen hier doch gar keine Rolle. Wenn ihr euch hinterher wieder umbringen wollt, ist mir das Scheiß egal. Aber solange wir zusammen hier festsitzen müssen wir da nicht zusammenhalten. Könnt ihr das nicht einsehen?" Warf das Mädchen ein. Einige der Umstehenden, schienen zu nicken, aber die beiden Anführer oder Unterhändler, oder was immer ihre Position war. Sie blickten versteinert.

"Das Mädchen hat recht. Gudrun, Hagen", betonte Denzel. "Wenn ihr verdammtnochmal glaubt, euer Gesicht zu verlieren dann treffen wir uns heute Abend wieder hier", bestimmte er dann, vielleicht war es sinnvoll beiden Seiten eine Pause zu gönnen in der sie Abwägen konnten.

Gudrun nickte, dann nach ein paar Sekunden auch, Hagen. Man einigte sich auf Sonnenuntergang, dann gingen die beiden Parteien vorsichtig darauf bedacht der andern beim Verlassen der Baracke nicht in die Quere zu kommen.

"Danke Daphne", stöhnte Denzel den Kopf in seinen Händen. "Vernunft kann so eine schwierige Sache sein."

"Was ist eigentlich los mit denen?" wollte Michael schließlich wissen, nachdem er die ganze Besprechung aufmerksam verfolgt hatte. "Die wollen doch dasselbe, nämlich Roscher stürzen."

"Ja, Michael. Das stimmt schon, aber die beiden verfolgen verschiedene Wege. Und der Weg scheint wichtiger zu sein als das Ziel. Die Guerilleros versuchen Roscher Regime zu schwächen, wo immer sie können, die kämpfen aus dem Hinterhalt, legen Fallen und sabotieren, wo immer sie können." Er machte eine Pause zum Luftholen. "Das hat auch, vielen Zivilisten das Leben gekostet, ihr Leben ist den Guerillas egal. Auf der andern Seite stehen die selbst ernannten Freiheitskämpfer, straff organisiert unter dem Befehl von Herstead. Sie kämpfen offen gegen Roscher mit klaren Fronten, und sie verlangen von den Zivilisten sich auf eine Seite zu stellen, neutral kennen die auch, nicht."

"Auf welcher Seite stehen du und Nadja?" erkundigte sich Daphne, das war ihr aus dem Vortrag nicht ganz klar geworden.

Denzel lachte. "Wir sind Schmuggler wir stehen auf keiner Seite. Wer bezahlt, wird beliefert. Wir sind bestenfalls gegen Roscher, aber dazu gehört nicht viel. Jeder ist Roschers Feind, der seinen Interessen in die Quere kommt."

"Wie stehen die Chancen, wenn sich die Opposition gegenseitig bekämpft."

"Schlechter jeden Tag. Daphne. Die Befreiungsarmee hat bis vor einigen Monaten noch gute Fortschritte gemacht, aber das lässt nach. Wenn Egli die Waffen bekommt von denen ihr erzählt habt, dann wird die Rebellion sterben."

Daphne nickte. Ja, darauf lief es wohl hinaus, die Rebellion und Michael und sie mit ihm. Die Vereinten Planeten würden nicht zu ihrer Rettung kommen.

"Genug davon, wir müssen noch die Sternkarten auswerten. Es könnte gut sein, ein paar Ergebnisse vorzeigen zu können, wenn wir uns heut Abend treffen."

21. Kapitel: Unter Rebellen