16.Kapitel: Fremde Welten

Zwischen den Fronten

Zum ersten mal verschlief Hans die Versatzphase, es war nicht so, dass daran irgendetwas Besonderes wäre, aber es war schon ein seltsames Gefühl in dem einen Sonnensystem einzuschlafen und einige hundert Lichtjahre weiter wieder aufzustehen.

Die Planeten innerhalb des Bellikoos-Sektors lagen im Vergleich zum galaktischen Durchschnitt sehr dicht beieinander, das hatte natürlich nichts zu bedeuten aber es war tatsächlich einer der wenigen Sektoren, von dem aus man, mit unbewaffnetem Auge, noch einen guten Teil der bewohnten Nachbarplaneten ausmachen konnte. Insgesamt gab es in diesem Sektor etwa dreißig bewohnte Sonnensysteme, von denen wiederum über 40% eine Sauerstoffatmosphäre ausgebildet hatte. Das war dann allerdings etwas weniger als im Durchschnitt, aber selbst wenn fast alles Leben auf Kohlenstoff basierte, für die Atmung gab es schon wieder ein paar zusätzliche Varianten, unter denen die Natur wählen konnte. Auf Gidjr bestand die Atmosphäre zum überwiegenden Teil aus Schwefelwasserstoff, und die Organismen dort hatten sich ebenso perfekt an diese menschenfeindliche Umgebung angepasst.

Als die Schwerelosigkeit einsetzte, war  Hans aber sofort wieder wach, mit einem starken Bedürfnis sich irgendwo festzuhalten. Die Zentrifugalbeschleunigung während der Wende war so gering, dass sie kaum zu spüren war, trotzdem machte die kardanisch aufgehängte Liege jede Bewegung mit, was das Gefühl der Orientierungslosigkeit so kurz nach dem Aufwachen noch verstärkte.

Dann war die Wende abgeschlossen, die Welt stand wieder auf den Füßen und Hans erhob sich langsam aus seiner Koje. Mit den Triebwerken in Fahrtrichtung wurde der Flug des Frachters jetzt konstant abgebremst.

"Guten Morgen." Begrüßte Nadja den alten Transporterpiloten. Sie hatte das Wendemanöver sicherlich auf der Brücke mitgemacht und war danach zu ihm gekommen.

"Morgen." Gab Hans kurz zurück.

"Alles läuft planmäßig, Aton sendet gerade eine Anfrage an die Raumstation."

"Gut." Hans gab sich mal wieder sehr wortkarg, er war noch nicht ganz wach, das war etwas für das er immer ein paar Minuten brauchte. "Hat Anaconda seine Selbstdiagnose abgeschlossen?"

"Hat es, Hans. Es sagt, dass die Tragestruktur die Triebwerkseinheiten verstärkt werden muss. Das können wir unmöglich. Aber es gibt einen Gidjr, der so was macht."

"Besser als nichts! Wie stehen die Chancen?"

"Weiß ich nicht. Ich will nicht mit einem unregistrierten Schiff in eine Werft tanzen. Der Gidjr Pata Katun ist angeblich sehr diskret, verlangt aber auch, seinen Preis."

Pata Katun ist selbstverständlich kein Name, wie Menschen ihn verstehen würden, es war lediglich eine Transkription des elektromagnetischen Spektrums, welches der Gidjr zu ihrer Identifizierung ausstießen. Eine Besonderheit der Sprache der Gidjr war es, dass sie Wörter nicht wie der Mensch, durch eine zeitliche Frequenzmodulation ausdrückten, sondern ganze Sätze in einem Spektrum an Frequenzen verbargen. Einige von ihnen konnte die Emission eines Spektrums mehrere Tage aufrecht erhalten, ohne heiser zu werden.

"Versteh' ich. Aber Anaconda ist ein Trumpf, auf den ich nur ungern verzichten würde, wenn wir nach Neu Pietersburg fliegen."

"Ja, wo hast du Anaconda überhaupt her?"

Hans zögerte etwas aber Nadja handelte schließlich auch, illegal dann konnte er ihr eigentlich die Wahrheit sagen. "Um ehrlich zu sein: Wir haben Anaconda gestohlen, als wir auf Potea fliehen mussten."

"Dacht‘ ich mir fast." Entgegnete Nadja wenig überrascht. "Und was ist das für ein Schiff? Ohne Versatzantrieb ist das doch eigentlich ziemlich sinnlos."

Hans zuckte mit den Achseln. "So genau weiß ich auch, nicht, was das für ein Raumschiff ist. Ein Prototyp behauptet es."

Die Raumstation, an der sie knapp drei Tage später andockten, unterschied sich kaum von den anderen, die Hans bereits gesehen hatte, tatsächlich sahen alle Stationen einander ziemlich ähnlich. Das mochte auch, daran liegen, dass man künstliche Schwerkraft am Einfachsten erreichen konnte, wenn man eine ringförmige Struktur in Rotation versetzte.

"Glaubst du, dass wir Anaconda hier reparieren können?" Erkundigte sich Hans skeptisch. Was er sah, ließ ihn daran zweifeln. Die Station war in einem desolaten Zustand, die ehemals helle Lackierung blätterte schon von den Wänden, Rost war zu sehen.

"Dieser Teil der Station ist Menschen vorbehalten", erklärte Nadja nebenbei. "Die Gidjr kümmern sich nicht darum. In Ihrem Bereich sieht die Station besser aus."

Ursprünglich hatte sie nicht geplant gehabt die Station überhaupt zu betreten, doch waren sie zu dem Schluss gekommen, dass es mit Anaconda leichter fallen würde, auf Neu Pietersburg zu landen und die Besatzung der Tunguska aufzulesen. Sie waren dann nicht so sehr auf das Wohlwollen der Besatzungstruppen angewiesen. Hans hatte den Eindruck, dass die Russin ganz glücklich darüber war, ihn mitgenommen zu haben. Nur mussten sie jetzt erst einmal an Ersatzteile herankommen. Nadja behauptete zwar, man könne von den Gidjr fast alles bekommen, aber nach dem ersten Eindruck von der Station fragte sich Hans, ob das dann auch, halten würde.

Sie hatten auf ihrem Weg durch die Station kaum einen Menschen gesehen und selbst die wenigen, die ihnen über den Weg liefen, sahen nicht danach aus, als ob länger als unbedingt nötig hier bleiben würden. Der Einzige, der hier wohnte, war der Schleusenwärter, ein Einsiedler wie es schien. Er mochte die Menschen offensichtlich nicht besonders.

"Was?" Schrie er sie an, sobald sie in Sichtweite kamen, der Kontakt zu den Gidjr hatte ihm anscheinend nicht besonders gut getan.

"Wir müssen zu Pata Katun," gab Nadja zurück, ebenfalls mit erhobener Stimme, der Wärter war wohl fast taub schloss Hans messerscharf.

"Umziehen." Er hatte irgendetwas in seinen Computer getippt und deutete mit drei Fingern seiner linken Hand, zu einem Raum, der sich gerade gegenüber von seinem Pult befand, hinter dem er stand und nervös mit den Füßen wippte. Als Nadja sich daraufhin nicht von der Stelle rührte viel ihm wohl noch was Wichtiges ein, er kramte schnell noch zwei kleine Gegenstände aus einer Schublade und reichte Sie Nadja. "Ohren!" Schrie er beiläufig und vertiefte sich dann wieder in seinen Bildschirm.

Er brauchte auch, nicht mehr dazu sagen, man sah den Dingern schon, an welchen Zweck sie erfüllten. Mit einem Taschentuch wischte Hans den Stöpsel ab, den Nadja ihm reichte, und steckte ihn vorsichtig in seinen Gehörgang. Sofort waren Laute und Geräusche zu hören, schrilles Pfeifen und Knattern, etwa wie bei einem alten Mittelwelleempfänger zwischen zwei Sendern, man bekam Kopfschmerzen davon, wenn man zu lange zuhörte.

Jetzt verstand Hans, warum der Wächter so schrie, wenn er auch, so etwas trug, musste es verdammt schwer sein sich noch auf andere Stimmen zu konzentrieren.

Die Schleuse schloss sich hinter ihnen, und sie fanden sich in einer völlig anderen Welt wieder, fremdartig.

"Verschränk‘ die Arme." Riet Nadja Hans. "Es gilt hier als obszön, seine Tentakel baumeln zu lassen."

Hans musste unwillkürlich grinsen, folgte aber ihrem Beispiel.

Von der giftigen Atmosphäre trennte sie eine durchsichtige Kunststoffwand, sie teilte den Gang, der sie tiefer in die Raumstation führte in zwei Teile. Auf der einen Seite der steril anmutende, weiß getünchte Abschnitt in dem sich Nadja und Hans jetzt befanden, auf der anderen Seite, hinter der Trennscheibe die bizarre Welt der Gidjr.

Die Gidjrianer waren Einzeller, in ihrer Evolution hatten sie ein Zellskelett entwickelt, das ihre bis zu anderthalb Tonnen schweren Leiber tragen konnte. Unterschiedlichste Organellen hatten sich an die verschiedensten Aufgaben angepasst und doch gab es innerhalb der Außenmembran keine wirklich geordnete Struktur. Einige Gidjr ließen es sich nicht nehmen ihre Körper an die Scheibe zu drücken, um die vorbeigehenden Menschen anzuschauen. Jedesmal, wenn sie das taten sammelten sich an der Scheibe tausende kleiner schwarzer Punkte, die Sehorgane der Gidjr. Es war unmöglich zu sagen, was diese Wesen wirklich wahrnahmen, in ihren Zellkernen, die das Ausmaß von Wohnzimmersesseln erreicht hatten.

Jedesmal, wenn ein Gidjr sich an der Trennwand platt drückte, trat der Übersetzer in Aktion und filterte aus dem irritierenden Hintergrund eine mechanisch klingende Stimme hervor. Meistens war es nur ein sich monoton wiederholendes: "Schau, Schau, ..." Die beste Entsprechung der monotonen Emission des Gidjr.

Die Wände auf der Seite der Gidjr waren unvorstellbar bunt, wie Jahrmarktslutscher. Es gab keine offensichtlichen Schriftzeichen, aber Hans hätte auch, keine erkannt, wenn da welche gewesen sein sollten.

Hätte Nadja ihm nicht weitergeschoben, Hans wäre glatt stehen geblieben, um sich anzusehen, wie sich einer der Gidjr teilte, eine Prozedur, die einige Stunden in Anspruch nehmen konnte. Es war ein bewusster Prozess, in dem der Einzeller seine Organellen gerecht auf beide Hälften verteilte und nach Verdopplung seines Erbguts damit begann, sich in der Mitte einzuschnüren. Nach Abschluss der Teilung gab es dann zwei exakte Kopien des ursprünglichen Gidjrs, die sich mit einer für Zellen unglaublichen Geschwindigkeit davon machten.

"Dafür haben wir keine Zeit." Nadja drängte weiter und Hans musste ihr zustimmen. Sie mussten diesen Pata Katun schnell finden und ihn Anaconda reparieren lassen, das würde sie wahrscheinlich sowieso schon einen ganzen Tag kosten.

Sie erreichten Pata Katuns Büro nach kurzer Zeit. "Reparaturen" stand einfach an der Unterführung, die die beiden unter dem Bereich der Gidjr hinweg in das Büro führte. Die Wände waren ebenso schreiend bunt, wie die Straßen und Hans begann zu zweifeln, dass diese Spezies das überhaupt wahrnahm. Es war angenehm, dass das Geschrei und Gezirpe in seinem Ohr etwas nachließ, diese Übersetzer mussten dringend noch verbessert werden.

"Menschen, welch seltener Besuch. Menschen welch sel ..." Sagte der Übersetzer mit der metallischen Stimme. "Wie kann ich dienen? Wie kann ich ..." Es war gewöhnungsbedürftig jeden Satz anderthalbmal zu hören, bevor der Übersetzer merkte, dass keine Veränderung in der Modulation stattgefunden hatte.

"Wir haben ein Schiff  mit strukturellem Schaden, können Sie und helfen?" Fragte Nadja freundlich.

"Gerne. Gerne. Gerne ... Es bereitet mir große Genugtuung, Ihnen zu helfen. Es bereitet mir große Genugtuung Ihn ..."

"Ist es möglich, dass Sie das heute noch erledigen?" Nadja führte das Gespräch, Hans hielt sich zurück, sie kannte sich viel besser in diesem Sektor aus.

"Heute noch? Heute noch? Heu ... Das ist schwer. Das ist ... . Müsste Kosten etwas mehr ICU. Müsste Kosten etwas mehr ..."

"2.000 ICU. Ist das angemessen?" Hans hätte mit dem Dreifachen gerechnet, aber gut, so würde er die Kreditkarte der Vereinten Planeten nicht so strapazieren.

"20.000 ICU ist angemessen. 20.000 ICU ist ..."

Nadja schüttelte den Kopf, eine Gebärde, die Pata Katun nur von früheren Begegnungen mit Menschen kennen konnte, die Gidjr besaßen nicht mal einen Kopf. Unterhalb des Clusters von Augen formten sich drei Tentakel, eine recht unhöfliche Geste. Nadja und Pata Katun verhandelten zäh und ohne Erbarmen. Aber auch, ohne ein weiteres Wort zu wechseln. Zum Schluss stand Nadja breitbeinig und mit ausgestreckten Armen da und Pata Katun, wie von kleinen Haaren bedeckt.

"Sie sind gut im Verhandeln. Sie sind gut i ..." Gab der Gidjr schließlich zu. "5000 ICU. 5000 ICU. 5 ..." Jetzt konnte sich Hans ein Grinsen nicht verkneifen, als der Gidjr seine Haare zurückbildete und sich mit einer schnell nachgebildeten Hand eine ebenso nachgebildete Träne unter dem Augencluster abwischte.

"Ihr habt aber auch, hart verhandelt", gab Nadja respektvoll zurück und verschränkte wieder die Arme.

Es war angenehm zurück an Bord der Dobrotar zu sein. Die Reparaturen würden in einigen Stunden ausgeführt sein und dann würden sie sofort kehrt machen und Neu Pietersburg wie geplant in einem großen Bogen anfliegen. Die Starfarer und die Darwin würden ihre Ladung in einem anderen Sonnensystem abliefern und versuchen die Verluste dieser Mission klein zu halten. Es konnte immer mal passieren, dass man eine Ladung verlor, ein ganzes Schiff zu opfern, das lohnte sich nur bei ganz besonderer Fracht. Hans vermutete schon, dass diese Frau Waffen an die eine oder andere Seite in diesem Krieg verkaufte, aber er würde nicht fragen, und Nadja traute ihm bei weitem noch nicht genug, um ihn einzuweihen.

Hans saß auf der Brücke und beobachtete Nadja und ihre Mannschaft, sie trafen die Vorbereitungen und versuchten mit den bescheidenen Möglichkeiten, die ihnen zur Verfügung standen, die Kursdaten zu überprüfen, die Anaconda ihnen lieferte. Ganz vertrauten sie dem Speedster wohl auch, nicht, aber Schmuggler waren ja auch, von Natur aus etwas misstrauisch.

"Es scheint alles mit den Daten zu stimmen." Wandte sich Nadja an Hans, dieser nickte. Er hatte keine Ahnung von Navigation, Hans wusste nur, dass Anaconda ihn noch nie im Stich gelassen hatte.

"Reparatur abgeschlossen. Reparatur abge ...", meldete sich die metallische Stimme aus dem Übersetzer. Nadja würde jetzt das Geld überweisen und sobald Anaconda eine letzte Diagnose durchgeführt hatte, konnte es wieder losgehen.

"Anaconda, wie sieht's aus?" Fragte Hans lapidar.

"Ich gehe davon aus, dass Sie die Instandsetzung meinen, Hans. Zufrieden stellend, die Gefahr eines Hüllenbruchs konnte minimiert werden."

"Dann also los." Befahl die Russin Ihrer Mannschaft scharf, sie hatten schon viel zu viel Zeit auf diesem Planeten verbracht.

Die Triebwerke beschleunigten die Wasserstoffionen auf relativistische Geschwindigkeiten und spuckten diese dann in einem scharf fokussierten Strahl nach hinten aus. Es dauerte nur Sekunden, bis die Beschleunigung sie wieder mit einem g in die Sessel drückte, wenn alles glatt ging, konnten sie in fünf Tagen wieder im Pietersburgsystem ankommen.

Der Inhaber des Gasthofes war ein gewisser Rüdiger Klebsch, er klagte Michael und Jeremias sein Leid, die Frauen und Noah brachten schon mal die Pferde in den Stall. Rüdiger war sehr verwundert das behinderte Mädchen zu sehen, aber Jeremias erklärte ihm, dass Daphne vom Pferd gefallen sei. Das verwunderte den Mann ein wenig, aber er fragte nicht weiter nach, diese Sekte, wer sollte diese Menschen schon verstehen. Er kümmerte sich nicht weiter um das behinderte Mädchen.

Rüdiger Klebsch klagte, dass wegen der Blockade nur noch wenige Gäste vorbeischauen würden, er sprach ganz ordentliches Deutsch aber mit einem starken, fremd klingenden Akzent. Dann zeigte er ihnen die Zimmer, er schien in Ordnung zu sein, ein Weißer, dem langsam die Haare ausgingen mit dem Ansatz von einem Bierbauch, aber sonst schien er ganz fit zu sein.

Die Zimmer in der Herberge waren einfach und schlicht, wie alles was die drei auf diesem Planeten bisher gesehen hatten. Sie hatten alle Einzelzimmer, die in der zweiten Etage des Hotels auf einen gemeinsamen Flur mündeten, von wo ein Fahrstuhl und eine Treppe in die Lobby führten, in der dritten Etage gab es nochmal zehn Zimmer aber sie schienen heute die einzigen Gäste zu sein.

Anubis kam mitten in der Nacht und erschreckte Michael, Daphne und Melissa fast zu Tode, das Nywel weckte jeden persönlich, was im schummrigen Licht ein wirklich gruseliges Erlebnis war.

"Mein Clan wartet vor der Stadt, zurzeit herrscht keine Gefahr." Klärte es die Menschen schnell auf, die kaum Zeit hatten, wach zu werden, bevor das Nywel schon wieder in der Dunkelheit verschwand. Kurz darauf trafen sie sich auf dem Flur, eine einzige Glühbirne warf ein schummriges Licht in den schmalen Gang.

"Dann sind wir ja wieder vollständig", flüsterte Daphne.

Michael nickte. "Wann wollten Nadja und Hans denn wieder hier eintreffen?" Fragte er nachdenklich, sie waren doch schon ziemlich lange hier.

"Acht Tage waren ausgemacht, glaub' ich", antwortete Melissa und gähnte. "Das wär' morgen, aber wer kann das schon so genau sagen." Sie hatte es im Grunde nicht besonders eilig, von Jeremias wegzukommen.

Am nächsten Morgen machten sie sich auf zum Raumhafen, Pferde waren über Nacht gut versorgt worden und hatten sich schon einigermaßen von dem anstrengenden Ritt erholt. Es schien noch nicht viel los zu sein in der Stadt, als sie vom Hof der Herberge ritten.

Aber je näher sie zum Hafen kamen, desto bedrückender wurde die Stimmung. Roscher hatte überall seine Wachen postiert, aber man kümmerte sich nicht um sie, sie sahen harmlos aus. Wie Einheimische, die sich, wenn sie schon mal in der Stadt waren, auch, den Hafen ansehen mussten.

"Die haben den ganzen Hafen abgeriegelt!" Flüsterte Melissa leise, obwohl der letzte Wachtposten schon wieder einige Meter zurücklag.

"Sie erwarten, dass die Schmuggler hier herkommen werden." Spekulierte Daphne.

Plötzlich war ein paar Straßen weiter Geschrei zu hören, eine größere Menge von Personen musste sich dort versammelt haben.

"Was ist denn da los?" Fragte Michael.

Sie ritten langsam weiter, auf den Krach zu. Schon bald konnte man sehen, dass sich vor dem Haupttor des Hafens eine beträchtliche Menge von Menschen eingefunden hatte. Bisher war es noch nicht zu Gewalttätigkeiten gekommen, aber die Wachen vor den Toren hatten ihre Waffen von den Schultern genommen und waren schussbereit. Das konnte leicht ins Auge gehen.

Jeremias beugte sich zu einer Gruppe von fünf Männern und zwei Frauen hinunter, die am Rande der aufgebrachten Menge standen. Er wechselte einige Worte mit ihnen. Einer von ihnen sprach Deutsch, mit ihm unterhielt sich Jeremias weiter.

"Was geht hier vor, mein Herr?" Erkundigte er sich.

"Was hier vorgeht? Ha, Roschers Scherge Egli hat vor zwei Wochen den Hafen besetzt und seine Truppen patrouillieren seit dem in unserem System."

"Das ist nicht rechtens."

"Nein mein Freund, das ist es nicht. Deshalb sind wir hier, wir kommen jeden Tag und protestieren."

"Warum hat man das getan, mein Herr."

"Du kommst aus der Gemeinde was? Ha, das hört man an deiner Sprache." Der Fremde lachte kurz und redete weiter. "Die sagen es sei zu unserem Besten. Ha, die sagen ein Bürgerkrieg droht und sie wollen das verhindern. Scheiße nochmal, wenn die so weitermachen, bekommen die ihren Bürgerkrieg gleich hier." Jetzt so langsam hatte sich der Mann richtig in Rage geredet.

Einige Soldaten waren auf die Neuankömmlinge aufmerksam geworden und hatten beschlossen, für Ordnung zu sorgen.

"Was ist hier los." Und mit einem Seitenblick auf die Trachten der Reiter. "Will sich die Gemeinde jetzt auch, noch einmischen. Sie halten sich doch sonst auch, immer aus der Politik raus."

"Aber nein, mein Herr. Uns hat nur der Aufruhr angelockt, wir beabsichtigen nicht, uns einzumischen." Antworte Jeremias schnell.

"Das will ich auch, meinen, Sie sollten jetzt weiterziehen!"

"Wir reiten weiter!" Entschied Jeremias und wendete vorsichtig seinen hellbraunen Hengst. Immer darauf bedacht, dass das vor der Menschenmenge langsam unruhig werdende Tier niemanden verletzte. Er verabschiedete sich kurz in seiner eigenen Sprache von den Menschen und führte die anderen dann weiter durch die Stadt. Ein paar Straßen weiter, war von dem Aufstand schon wieder nichts mehr zu hören.

Daphne ließ sich neben Michael etwas zurückfallen, sie vertraute Jeremias zwar, aber dies wollte sie trotzdem nicht mit ihm besprechen.

"Warum wusste mein Vater nichts davon?"

Michael zuckte die Schultern, woher sollte er das wissen. "Die sind erst seit zwei Wochen hier, inzwischen müsste dein Vater wissen, was hier los ist."

Daphne nickte, wo Michael recht hatte, da hatte er recht. Aber eine Frage drängte sich ihr auf, wenn dieser Donavan die Wahrheit sagte, wenn die Regierung ebenfalls Waffen von Potea erhielt, konnte das die Unterstützung sein, von der Sarah gesprochen hatte. Wenn das stimmte, dann konnte sich das Kräftegleichgewicht sehr zuungunsten der Befreiungsarmee verschoben werden, und die Vereinten Planeten hatten womöglich noch keinen blassen Schimmer, wie kritisch die Situation in diesem Sektor war.

Sie ließ Betsy etwas Zügel und schloss rasch zu Jeremias auf. "Können wir zum Hotel zurück, ich möchte ein paar Recherchen machen."

"Ja, selbstverständlich," erlaubte Jeremias. "Nehmt euch aber vor den Soldaten in Acht."

 "Danke Jeremias. Michael, begleitest du mich?"

"Aber sicher."

"Was ist mit dir Melissa?"

"Nein, Daphne. Ich lass mir von Jeremias die Stadt zeigen, vielleicht finden wir auch, noch etwas Interessantes heraus.

"Bis nachher also."

Michael und Daphne wendeten ihre Reittiere, mit Rücksicht auf Jonas den alten Hengst konnten sie nicht ganz so schnell reiten, wie Daphne das lieb gewesen wäre, aber es dauerte nicht lange, dann hatten sie die Herberge wiedergefunden. In einer kleinen Stadt wie dieser konnte man sich kaum verirren.

Es war für Michael nicht leicht, Daphne von ihrem Pferd zu helfen, er war längst  nicht so kräftig, wie Jeremias, aber es ging, er würde nur in Zukunft etwas mehr für seine Muskeln tun müssen. Sie stellten die Pferde unter und versorgten diese, wie es ihnen in den letzten Tagen schon in Fleisch und Blut übergegangen war. Erst die Tiere, dann der Mensch, das hatte Sarah immer gesagt.

In Daphnes Zimmer klaubte sie ihren Rechner aus einer der Taschen und entfaltete das Display.

"Dann wollen wir mal!" Legte sie munter los, als Michael es sich mit einem Stuhl zu ihrer Seite bequem gemacht hatte.

"Huch, das ist ja wirklich ein technologiefeindlicher Planet hier, die einzigen Computer hier in der Gegend gehören zum Flughafen. Zu denen stell ich besser keine Verbindung her." Interpretierte Sie, gewohnt schnell, die Nachrichten, die über das Bild liefen.

Die Militärjunta auf Bellikoos hatte nach der Machtergreifung vor 12 Jahren den Sitz der vorherigen Regierung übernommen, ebenfalls ein undemokratisches Regime. Roscher war durch einen Putsch des Militärs unter dem Befehl von General Egli an die Macht gedrückt worden. Seit dieser Zeit wurde jede Opposition mit Gewalt unterdrückt. Der Widerstand hatte seine Kräfte über lange Zeit gesammelt so hieß es in den Daten, die über den Bildschirm liefen. Die Informationen waren jetzt wohl überholt, der Widerstand war in die Offensive gegangen. Nach den Daten, stand ein gewisser Herstead an der Spitze der Opposition, er war aber seit einem Jahr nicht mehr gesehen worden und an diesem Punkt endeten auch, die verfügbaren Informationen über die selbst ernannten Freiheitskämpfer.

"Jetzt wollen wir doch mal sehen, wer Interesse daran haben könnte, Roscher Waffen zu verkaufen." Sie ließ sich die Planeten anzeigen, die schon früher mit Waffenhandel in Verbindung gebracht worden waren, fast alle mit einem gewissen Mindeststandard in der Technologie. Es musste aber Verbindungen zu sicherheitsrelevanten Posten in den Vereinten Planeten geben, sonst hätte man den Roboter Isumùya nicht einschmuggeln können, da blieben noch immer fünfzehn Planeten übrig. Und es musste eine Verbindung nach Potea oder Situkubwa geben. Voilà, nur noch zwei Planeten die Verbindungen mit Potea unterhielten, das ging doch ganz fix.

"Die beiden Verdächtigen sind die Erde, die hat sicherlich überall ihre Finger drin, der andere Planet ist Gantor."

"Gantor? Da wohnst du doch?" erinnerte sich Michael.

"Ja", stimmte Daphne ihm zu. Gantor war ein Hightech-Planet, mit intergalaktischen Wirtschaftsbeziehungen, aber die Informationen, die Daphne über ihre Heimat hatte waren nicht besonders aufschlussreich. Es gab eine ganze Reihe von Konzernen, deren Profil den Waffenhandel mit Krisenregionen nicht ausschloss. Daphne starrte auf die Liste von Unternehmen, sie hätte nie gedacht, dass es auf Gantor so viele davon gab, einige waren untereinander verknüpft, andere waren selbstständig.

"So kommen wir nicht weiter!"

"Was ist mit den Blackbirds, kannst du da irgendwelche Verbindungen herstellen."

"Ja, das kann ich versuchen. Ich suche nach Besonderheiten in den Produktpaletten." Sie gab ein paar Suchbegriffe ein und ließ sich die Daten wieder anzeigen.

"Gute Idee Michael. Da bleibt nur noch ein Konzern übrig. Die "Transworld Military Equipment Company" oder ‚TransMEC', hat vor drei Jahren eine Gedankensteuerung für Kampfflugzeuge patentieren lassen, aber es gibt keine gravitativen Antriebe. Das ist wohl noch viel geheimer, als dass sie das gewagt hätten. Außerdem haben die vor einem Jahr die Potea Bergwerksbedarf GmbH übernommen." Sie sah Michael einen Augenblick tief in die Augen und lächelte. "Ich glaub' wir haben ihn!"

Sie gab Michael einen langen Kuss, es machte ihr große Freude, Rätsel zu lösen.

"Aber wie hängt das mit Isumùyas Angriff auf uns zusammen?"

"Lass mich mal überlegen. Donavan hat gesagt, dass er sich von einem seiner Partner getrennt hat und dass dieser meinem Vater gefährlich werden könnte. Dann muss er auch, hinter dem Anschlag stehen, soweit ist das wohl klar."

"Ja." Nickte Michael, soweit konnte er folgen.

"Wann stellt mein Vater für ihn eine Gefahr dar? Wenn er seine Geschäfte durchkreuzt! Nicht wahr? Da stand er aber kurz davor, wenn er Donavan erwischt hätte, das galt es zu verhindern. Auf der anderen Seite wär' es aber auch, von Nutzen gewesen, wenn Donavan geschnappt worden wäre."

"Hä?"

"Ein Konkurrent weniger. Es ist wahrscheinlich, dass dieser Typ die Blackbirds auch, an die Militärjunta verkaufen will. Das würde zumindest erklären, warum Donavan so wild darauf war meinen Vater davon zu unterrichten."

"Ach ja, richtig."

"Also muss der Roboter die Aufgabe gehabt haben meinen Vater so weit wie möglich zu unterstützen und dann Donavan zu töten, oder beide, falls nötig."

"Wow. Manchmal bewundere ich dein Gehirn."

"Danke Michael." Es bedeute Daphne etwas, dieses Kompliment von Michael zuhören, sie wusste nicht warum. Michael war nicht wirklich ihr Typ. Naja, das in der Wüste war eine besondere Situation. Aber er war ihr sympathisch, nicht besonders helle, aber ganz nett.

"Was habt ihr?" Erschreckt fuhren die beiden wieder hoch.

"Mel! Wie lange seit ihr schon wieder da?"

"Grad' gekommen." Sie trat in das Zimmer. "Also, was gibt's Neues?"

Hinter Melissa trat auch, Jeremias ins Zimmer, aber als er den leuchtenden Schirm des Computers sah, drehte er sich wie erschreckt wieder um. "Verzeiht. Aber das, das will ich nicht sehen."

Daphne packte den Computer schnell wieder in die Tasche, sie verstand dieses Verhalten nicht, aber sie respektierte es. Außerdem hatte sie ja auch, schon alles gelesen, was von Interesse war. "Schon gut, ich hab' ihn weggesteckt."

"Ich danke dir! Möchtest du uns nun sagen, was ihr gefunden habt."

"Ja, wir haben ein Unternehmen gefunden, das möglicherweise mit Waffenlieferungen an die Militärdiktatur in Verbindung steht."

"Das kann eine wichtige Information sein." Wandte Jeremias ein.

"Ja, aber viel wichtiger ist, dass Roscher an Blackbirds kommen könnte."

"Aha! Und was ist ein Blackbird, bitteschön?"

Daphne war sich plötzlich nicht mehr ganz sicher ob, sie Jeremias wirklich in alles einweihen sollte, sie hatten ihn doch nur um Hilfe gebeten, sie bis zum Flughafen zu bringen. Aber es war jetzt zu spät sich darüber Gedanken zu machen, sie Vertraute diesem Mann genug, um ihn einzuweihen.

"Der Blackbird ist ein Kampfflugzeug, neuester Technologie. Es wird mit Gedanken gesteuert und verfügt über einen gravitativen Antrieb."

"Waffen wie diese können gefährlich sein, in den falschen Händen."

"Ja, deshalb müssen wir diese Information meinem Vater zukommen lassen."

"Deinem Vater?"

"Ja. Mein Vater ist Sonderermittler bei den Vereinten Planeten." Es ging ihr ganz flüssig über die Lippen, obwohl sie selbst erst vor ein paar Wochen davon erfahren hatte. Sie war immer der Meinung gewesen, ihr Vater würde auf Situkubwa als Frachterpilot arbeiten, jedenfalls während der letzten fünf Jahre, nie hatte sie daran gezweifelt, dass an dieser Geschichte etwas nicht stimmen könnte. "Die Vereinten Planeten sind die Einzigen, die einen Krieg jetzt noch verhindern können."

Jeremias Gesicht wurde Ernst: "Wir bevorzugen es diese Leute Befreiungsarmee zu nennen. Aber an dem, was du sagst, ist etwas dran. Sollte Diktator Roscher an diese Waffen kommen, könnte er die Lufthoheit auf den umkämpften Planeten erringen."

 "Deshalb müssen wir unbedingt die Vereinten Planeten davon unterrichten." Betonte Michael laut, aber wie das zu bewerkstelligen war, das wusste er auch, noch nicht.

"Wo ist dein Vater jetzt?"

"Ich vermute er sucht die undichte Stelle in den Vereinten Planeten auf Alpha Centauri." Schätzte Daphne, aber ihr Vater konnte natürlich fast überall sein und irgendwelche Spuren verfolgen. "Und noch was, wir sollten auch, diesen Herstead suchen und ihn von der Gefahr unterrichten.

"Was? Wie sollen wir das machen?"

"Donavan!" Überlegte Daphne weiter. "Er hat die Rebellen mit Waffen beliefert, er muss uns weiterhelfen können. Wenn wir die Vereinten Planeten nicht rechtzeitig informieren, dann müssen wir wenigstens versuchen die Rebellen zu warnen."

Sie sah von einem zum anderen in die skeptischen Gesichter. "Kommt schon, wir müssen das Versuchen."

Michael war schon fast überzeugt. Melissa fragte sich, ob es etwas gab, das er nicht für Daphne tun würde. Sie wandte sich an Daphne: "Warten wir erst mal ab, was Hans dazu sagt, ja. Dann werden wir weitersehen. Ohne Hans können wir sowieso nichts unternehmen."

18. Kapitel: Der Widerstand