18. Kapitel: Der Widerstand

Gefangennahme

Santiago de la Estrella war ein Trippelsternsystem, die fünf Planeten umkreisten den Stern der G-Klasse, die beiden anderen Sterne kreisten in großer Entfernung umeinander und hatten zudem noch ein Halo aus größeren und kleineren Planetoiden. Vielleicht hatte es dort auch, einmal Planeten gegeben, die aber von der Gravitation den beiden Sonnen zerrissen worden waren. Für den bewohnten zweiten Planeten der Hauptsonne spielte das Doppelsternsystem aber nur eine unbedeutende Rolle. Die drei Sonnen vollführten eine gemeinsame Kreisbewegung um den gemeinsamen Schwerpunkt, an dem sie sich in weniger als einer milliarde Jahren Treffen würden. Aber schon einige million Jahre vor dieser Katastrophe wäre das System nicht mehr bewohnbar. Das war alles noch weit in der Zukunft, im Moment waren die Rebellen das einzige Problem, dass dieses Sonnensystem hatte. Nun zumindest, wenn man nach den Aussagen der regierenden Militärdiktatur ging.

Nachdem was Hans von Nadja erfahren hatte, gab es hier zwischen drei und fünf Stützpunkte der Rebellen, das änderte sich von Zeit zu Zeit mit der Menge an Truppen, welche die Regierung für dieses Gebiet erübrigen konnte. Anders als auf Neu Pietersburg wo die Bevölkerung die aktuelle Regierung nicht unterstützte hatte sich auf Santiago eine Polarisierung vollzogen, es gab weite Landstriche, die offen die Diktatur unterstützten und wieder andere, die sehr darunter litten, dass sie mit den Rebellen sympathisierten.

Ein Drittel der Planetenoberfläche war von Wasser bedeckt, sodass man eigentlich nicht von zwei getrennten Kontinenten sprechen konnte. Diese Landmassen waren über eine Landbrücke verbunden, die von den sich bewegenden Kontinentalplatten allmählich immer schmaler wurde, aber im Moment erstreckte sie sich noch über einen Viertelradius des Planeten. Eine Raumstation schwebte geostationär über dieser Landbrücke und befand sich momentan in Hand der Regierung. Die andere befand sich auf der anderen Seite des Planeten, ihr Status war auch, nach dem Eintritt in das System nicht eindeutig zu klären, möglicherweise war sie aufgegeben worden. Bei einer in zwei Lager gespaltenen Bevölkerung hieß das, dass nun die Regierung den Handel kontrollierte. Man konnte sich leicht denken, zu wessen Lasten das ging. Es stand also zu erwarten, dass die Rebellen früher oder später einen Angriff auf die Raumstation starten, oder die andere Raumstation reaktivieren mussten. Also, alles in allem nicht unbedingt der günstigste Moment diesem System einen Besuch abzustatten.

"Haben wir die Erlaubnis zum Andocken?"

"Ja Käpt'n. Oberes Dock, Schleuse Zwei", antwortete Anubis. Nadja vermied es in den Aufnahmebereich der Kamera zu treten, sie hatte diesen Planeten schon früher einmal besucht, und es war nicht auszuschließen, dass sie von irgendjemandem erkannt werden konnte. Außerdem wollte sie die Pause nutzen, um eine Andockschürze um die Schleuse anbringen zu lassen, wer wusste schon, wann man das mal wieder würde brauchen können.

Man schien sie nicht weiter zu beachten. Ein Händler, mehr nichts Besonderes, aber sie würden sich etwas einfallen lassen müssen, um mit Anaconda in das von den Rebellen kontrollierte Gebiet vordringen zu können. Sicherlich würde man es nicht gerne sehen, wenn sie nach Lust und Laune zwischen den Grenzen hin und her pendelten.

Sie dockten zwei Tage später an der Raumstation an. Inzwischen hatte Anaconda alle in den zugänglichen Datenbanken verfügbaren Daten heruntergeladen und zeigte sie auf dem großen Hauptschirm.

"Die Grenzen zwischen den Gebieten sind nicht ganz klar. Je nach Quelle gibt es da Unterschiede von einigen hundert Kilometern", erläuterte Nadja die breiten Linien zwischen den Territorien.

"In welchem Hafen können wir landen?" Wollte Hans wissen und schaute sich die drei Häfen des Planeten an, die auf der Karte gekennzeichnet waren.

"Dieser Hafen hier ist in der Hand der Rebellen, wenn wir dahin fliegen, würde man uns wahrscheinlich sofort abschießen", erklärte Nadja weiter. "Die anderen beiden Häfen sind unter der Kontrolle des Militärs, da könnten wir landen und müssten dann weitersehen. Ich denke, Barcelona III könnte eine gute Wahl sein. Da wird ein Großteil des Handels abgewickelt", überlegte sie weiter. "Von dort aus könnt ihr Kontakte knüpfen."

Nadja selbst konnte nicht mit hinunter gehen, die Gefahr, dass sie erkannt wurde, war einfach zu groß. Sie konnte nur Warten. Das hieß dann aber auch, dass Melissa und Hans wieder auf sich allein gestellt waren.

Einige Stunden später landete das Zubringershuttle auf dem zugewiesenen Landefeld. Am Liebsten hätte Hans zwar Anaconda genommen, aber das schien allmählich zu risikoreich zuwerden.

Die Luft war feucht und schwül, die Temperatur musste um die dreißig Grad liegen, normale Verhältnisse in einer subtropischen Region wie dieser.

Das Landefeld war weitläufig betoniert, aber man sah durch die hohen Zäune die das Hafengelände einfassten die fremdartige Vegetation, die sich einen erbitterten Kampf mit dem Beton lieferte. Nur wenige Meter hinter dem Zaun war der Boden teilweise aufgerissen und die einheimischen blaugrünen Pflanzen brachen hier und da hindurch. Einige Bauarbeiter waren damit beschäftigt die Pflanzen zu entfernen und den Beton auszubessern, eine Sisyphusarbeit, waren sie einmal um das riesige Gelände herum, konnten sie wieder von vorn anfangen.

Die Flughafenhalle brummte vor Leben, in manchen Regionen schien der Krieg eine wahrlich belebende Wirkung auf die Wirtschaft zu haben. Aber das galt immer nur so lange, bis das Land ausgeblutet war, dann würde das alles zusammenbrechen.

Sie mussten wieder die Passkontrolle passieren, der Uniformierte, der sie empfing, war unfreundlich und schlecht rasiert. Er schien kein besonderes Interesse an ihnen zu haben und ließ sie alsbald passieren.

"Wie geht's jetzt weiter?"

"Weiß ich noch nicht Mel. Wir werden uns ein wenig umschauen."

Die Stadt, in die sie hinaustraten, war laut und modern, ganz anderes als das Dorf, aus dem sie gerade gekommen waren. Die ganze Hauptstraße entlang waren Geschäfte und fliegende Händler aufgereiht, diese Stadt macht wirklich nicht den Eindruck, als ob auf diesem Planeten Kriegszustand herrschen würde. Getrübt wurde der friedliche Eindruck von den Soldaten, die in kleinen Gruppen an fast jeder Straßenecke standen und das Treiben scharf beobachten. Diese Soldaten waren zwar auf der einen Seite das Ziel von möglichen Anschlägen, aber auf der anderen vermittelte ihre Präsenz und Wachsamkeit auch, ein Gefühl der Sicherheit, es bedurfte schon viel Geschick, um an diesen wachsamen Augen vorbeizukommen.

"Wir suchen uns erst einmal eine Herberge. Dann hör' ich mich in den Bars um", entschied Hans, nachdem sie die Straße ein Stück heruntergewandert waren. Einige der Händler waren sehr aufdringlich, sie konnten hier nur bedingt frei sprechen. In einer der ruhigeren Seitenstraßen entdeckte Mel ein kleines Hotel. Etwas abgelegen vom Trubel der Straße schien es ganz gut geeignet zu sein, sich hier ein paar Tage niederzulassen.

"Ja, das könnte gehen." Die Schiebetüren glitten lautlos beiseite, als Hans eintrat, das Foyer war schwach beleuchtet, ein paar brauen Sessel waren um die Tische gruppiert. Die Rezeption befand sich zur Rechten und eine Reihe von Punktstrahlern erleuchteten die Theke mit einem warmen angenehm hellen Licht.

"Einen wunderschönen guten Tag." Begrüßte sie der Mann, mit breitem Lachen das Gästebuch hervorsuchend. "Was kann ich für Sie tun?"

"Zwei Zimmer bitte."

"Jawohl, zwei Zimmer."

Der Portier schob ihm die beiden Schlüsselkarten über den Tisch. "Wissen Sie, wie lange Sie bleiben werden?"

"Zwei, drei Tage."

"Dann wünsche ich Ihnen einen angenehmen Aufenthalt."

Melissa und Hans stiegen in der dritten Etage aus. "In einer Stunde bei mir." Bestimmte Hans kurz, als er mit Melissa aus dem Aufzug stieg, das war genug Zeit zum Duschen, danach konnten sie besprechen, wie es weitergehen sollte. Wahrscheinlich würde Hans Mel erst mal losschicken müssen, um sich ein paar ordentliche Klamotten zu kaufen, mit diesen Trachten fiel sie viel zu sehr auf.

"Ich hab' mir vom Portier Bargeld geben lassen", erklärte Hans, als sie sich nach einer Stunde in seinem Zimmer trafen. Die hell getünchten Wände gaben dem Raum eine scheinbare Weite, die er nicht besaß, mit einem Doppelbett, einem Sekretär, dem Kleiderschrank und den beiden Stühlen war der Raum eigentlich schon fast überfüllt.

"Damit kannst du erst mal was zum Anziehen kaufen, ich schau mich in den Kneipen um, vielleicht erfahr' ich was."

Hans gab ihr das Geld, es war ein ungewohntes Gefühl. Papiergeld war nur noch auf sehr wenigen Planeten in Gebrauch, eine Geldkarte konnte man an jeder Ecke wieder aufladen, das war viel praktischer. Der Vorteil von Bargeld war, dass es nicht mit dem Besitzer in Verbindung gebracht werden konnte, sicher, das behaupteten die Banken auch, von der Geldkarte, aber wer vertraut schon der Bank, wenn man nicht mal weiß, auf welchem Planeten sie ihren Hauptsitz hat. Fünfhundert ICU, das war eine menge Geld, aber auf der Karte der Vereinten Planeten war noch immer etwas übrig, damit würden sie noch ein Weilchen mit hinkommen.

"Du glaubst, das reicht?"

"Es muss. So viel haben wir nicht mehr."

Als sie Hans Zimmer verlassen hatte, ließ er sich erst einmal aufs Bett fallen. Worauf hatte er sich da wieder eingelassen, es war doch nicht seine Aufgabe diesen Krieg zu beenden, das sollte doch eigentlich die Völkergemeinschaft machen. Ganz zu schweigen davon, dass er keine Ahnung hatte, wie sie das anstellen sollten, Daphne dachte, sie bräuchten nur Donavan finden und ihn freundlich fragen. Nun, vielleicht stimmte das sogar, aber verflucht nochmal wie sollten sie einen Waffenschmuggler finden, der auf irgendeinem von zwanzig Planeten in diesem Sektor stecken konnte, wenn er denn überhaupt noch hier war und sich nicht schon längst ans andere Ende der Galaxis abgesetzt hatte.

Und wenn sie dann endlich Bescheid wussten, dann könnten sie zu Jason gehen und ihm alles sagen. Jason, Daphnes Vater, er würde alles weitere Regeln, die Waffenlieferungen stoppen und den Frieden. Nein, den nicht, Frieden würde er nicht bringen können, bestenfalls eine weitere Eskalation verhindern. Hans raffte sich wieder auf. An manchen Tagen fühlte er sich wirklich zu alt für sowas. Er ging zuerst zum Portier, der konnte ihm sicher ein paar nette Kneipen und Bars nennen, die er aufsuchen konnte. Gegen ein kleines Trinkgeld sprudelte der Mann förmlich über von guten Ratschlägen.

"Ja, das "Daydream". Das sollten sie ausprobieren, da ist immer was los. Aber Sie müssen mit den Huren aufpassen, die sind da extra teuer. Und wenn das nichts ist, dann Versuchen Sie halt das ‘Blue', das ist eher was für die Gemütlichen." Hans erhielt eine ganze eine Reihe von Tipps, bevor der Redeschwall wieder stoppte. Er bedankte sich, so genau hatte er es gar nicht wissen wollen, jetzt hatte er eine ganze Liste von Plätzen, die er abklappern konnte und eine ebenso lange Aufzählung von Geschlechtskrankheiten, vor denen man sich hier in Acht nehmen sollte.

Der Laden befand sich nur zwei Häuserblocks die Straße runter, er würde es einfach zuerst ausprobieren, so wie der Portier diesen Schuppen angepriesen hatte, bekam er sicher Provision. Egal, es war immerhin ein Anfang.

Eine nostalgische Neonreklame flimmerte träge über dem Eingang, ein dunkles Loch, das erst mal in den Keller führte. Ein Rausschmeißer, breit wie eine Wohnzimmerschrankwand musterte Hans im Vorbeigehen, hielt ihn aber nicht weiter auf. Die Bar war in schummriges Licht getaucht leicht ins Rötliche gehend. Der Portier hatte recht, selbst jetzt am frühen Nachmittag war der Laden schon gut besucht. Nur mit Mühe fand Hans noch einen Platz an der Bar, zwei Tänzerinnen und ein Stripper arbeiteten im Scheinwerferlicht auf einer kleinen Bühne. Von dort aus ragte ein Laufsteg weit in den Raum. Zu den Seiten des Stegs waren runde Tische aufgebaut und davor eine kleine Tanzfläche und gegenüber der Bar, hier hatte man von einer etwas erhöhten Position einen guten Überblick über die ganze Räumlichkeit.

"Einen Fruchtsaft", schrie Hans den Barkeeper an. Der Stripper erreichte langsam den Höhepunkt seiner Darbietung und der Saal, insbesondere die anwesenden Frauen, kochte vor Begeisterung.

"Rum, Wodka ...?" Wollte der Barkeeper wissen, aber Hans schüttelte den Kopf. "Zu Früh", schrie er.

Der Barkeeper lachte und stellte ihm einen Pott Orangensaft vor die Nase. "Pur!" lachte er, bevor er sich dem nächsten Gast zuwandte.

Hans probierte vorsichtig, noch recht frisch, gar nicht mal so übel. Er nahm einen größeren Schluck und wandte sich dann wieder zur Bühne um, der nackte Mann verließ gerade die Bühne, begleitet von wilden "Dakapo" rufen, aber er bekam wohl kaum genug Geld, um sich nochmal umzudrehen. Außerdem wartete hinter der Bühne schon das nächste Talent auf seine große Chance.

"Ein Wettbewerb", erklärte Hans ein Nachbar.

"Worum geht's?" wollte Hans wissen und gab sich mäßig interessiert, nicht übermäßig neugierig. Er würde das Gespräch ganz langsam in die richtige Richtung lenken.

"'ne Talentshow. Die wollen alle entdeckt werden."

Hans nickte, nahm einen Schluck aus seinem Glas. "Von wem?"

"Da." Der Mann zeigte irgendwo in die Menge. "Der Typ in dem dunklen Anzug." In dem schlechten Licht wirkten alle Anzüge dunkel aber Hans nickte trotzdem als würde er den Mann sehen. "Is' auch, der Besitzer des Daydream. So'n Talentabend is' nämlich billiger wie Profs."

Er meinte damit die Professionellen, der Applaus für die nächste Darbietung unterbrach ihre Unterhaltung für einige Augenblicke. Eine junge Frau trat auf die Bühne, in engem Lederkleid und künstlich vergrößerter Brust versuchte sie sich an einem Lied. Sie war gar nicht mal so schlecht, aber die Begleitmusik war für die junge Frau zu laut, sie kam nicht dagegen an.

"Die is' schon das dritte mal hier. Wird immer besser, hat aber noch nicht gereicht."

Hans lauschte der Sängerin ein paar Minuten, bevor er sich die Mühe machte wieder zu antworten. "Die Musik ist für sie zu laut", sagte er schließlich. Diese handgemachte Musik war doch etwas anderes als die mit Computer und Technik auf Harmonie und strengen Takt getrimmten Töne, die sonst so häufig versuchten das Ohr des Hörers zu schmeicheln.

Jetzt war es an dem anderen Mann zustimmend zu nicken. "Da ham ‘se recht."

"Der Typ," Hans deutete in die Richtung, wo er den Organisator vermutete. "Hat der schon viele entdeckt?" Er war sich nicht sofort bewusst, warum sein Nachbar lachen musste.

"Ha, ja. Entdecken tut er meist die jungen Frauen. Sonst is' die Aussicht hier eher schlecht." Der Mann reckte sich nach seinem eigenen Drink, mit viel Alkohol, der Mann hatte wohl auch, schon einiges intus. "Is' eh' nur Tarnung der Laden."

Das hatte Hans fast schon erwartet, wenn man den Typen in diesen Bars glauben konnte, dann war sowieso jeder Barbesitzer in irgendwelche dunklen Geschäfte verwickelt, blieb festzustellen, ob der Mann zu seiner Rechten den üblichen Gerüchten aufsaß, oder ob er mehr wusste. Er würde vorsichtig weiterforschen.

"Tarnung?" Fragte er unschuldig.

"Klar, der Typ handelt mit Menschen." Das war nun ganz und gar nicht was Hans erwartet hatte, der Mann neben ihm bemerkte das Erstaunen in seinen Augen. "Bist wohl noch nich' lange hier wa'? Wer genug Geld hat, lässt sich von ihm in Sicherheit bringen, wer nicht, der verkauft halt sich selbst."

Hans nahm einen weiteren Schluck und warf dem Mann einen fragenden Blick zu, sollte er doch weitererzählen.

"Traurig was? Manche verkaufen ihre Kinder, damit wenigstens die von hier wegkommen." Der Mann erzählte von den Schiebern, die Menschen über die grüne Grenze zwischen den beiden Gebieten hin und herbrachten und den Armen auch, noch das letzte Geld abverlangten. Das würde sich erst ändern, wenn dieser Krieg sein Ende gefunden hätte. Egal, welche Seite gewinnen würde.

Das war eine schlimme Vorstellung, aber es half Hans nicht weiter, er war noch immer auf der Suche nach einer Verbindung zu den Rebellen. Und die Schiebereien mit Gewalt zu verhindern, war das die Lösung, wahrscheinlich auch, nicht. Hans leerte sein Glas und verabschiedete sich, hier schien er nicht weiterzukommen.

Nach diesem Reinfall suchte Hans den zweiten Tipp des Portiers auf, das ‘Blue'. Das war eine weit weniger aufwendig gestaltete Kneipe. Hier fand auch, keine Talentschau statt, statt dessen spielte eine kleine Band am Ende des Raumes. Neben der Bar war kaum Platz für die Tische, die man an der Wand aufgestellt hatte, es war eine gemütliche Kaschemme nach Hans Geschmack, nicht zu groß, gedämpftes Licht. Die Atmosphäre konnte man schon fast als familiär bezeichnen. Hans bestellte wieder einen Fruchtsaft und erhielt, diesmal ohne Kommentar, etwas das stark an Pfirsich erinnerte.

Hans ließ seine Augen durch das Dämmerlicht schweifen, ein Paar knutschte in einer Ecke, die Band setzte gerade zu einem neuen Stück an. "Netter Laden." Raunte er seinem Nachbarn zu. Der rülpste irgendetwas, wollte sich aber allem Anschein nach nicht unterhalten.

"Guter Versuch." Bemerkte der Barkeeper, mit einem Lappen den Tresen wischend. "Das ist ‘Blue' der Eigentümer. Nun raten Se mal, warum er diesen Spitznamen trägt."

Hans grinste verstehend, besonders weit her war es nicht mit seinem Englisch, aber dafür reichte es gerade noch.

"Se sind neu hier was? Hab' Se noch nie hier gesehen."

"Bin zum ersten mal hier."

Jetzt war der Barkeeper an der Reihe zu nicken. "Rufen Se, wenn Se was brauchen." Verabschiedete sich der Mann und wandte sich einem anderen Gast zu.

"Zum ersten mal im ‘Blue', oder zum ersten mal in Barcelona?" Wollte dann Hans Nachbar zur Linken wissen, der wohl bemerkt hatte, dass seine Antwort in diesem Punkt etwas unpräzise gewesen war. Hans war sofort vorsichtig, mit Leuten, die zu neugierig waren, war er immer sehr vorsichtig.

"Barcelona." Gab Hans zurück und musterte seinen Nachbarn, er musste über sechzig sein, weiße Haare, faltiges Knautschgesicht und eine Tasse Kaffee vor sich auf dem Tresen. Das weiße Hemd war bis zur Brust aufgeknöpft und die ebenfalls weißen Brusthaare lugten vorwitzig hervor, breite Hosenträger hinderten seien Hose am wegrutschen. "Sie scheinen schon länger hier zu sein."

Der Alte lachte. "Nein, so lang' nun auch, wieder nicht. Würde ich auch, niemandem raten, das ist eine gefährliche Gegend hier."

"Wegen dem Krieg?"

"Schhh! Das sollten sie hier nicht so laut sagen, offiziell ist das nur eine Unruhe."

Hans nickte. "Wegen der Unruhe?" korrigierte er sich.

Der alte Mann lachte kurz. "Hört sich schon besser an. Ja, die Unruhen, die machen der Regierung hier schwer zu schaffen. Aber ich höre in letzter Zeit so Gerüchte, dass die Unruhestifter Verstärkung bekommen."

"Haben Sie keine Bedenken das alles einem Fremden zu erzählen", wollte Hans wissen, noch verdächtiger als zu große Neugier war eigentlich nur noch Redseligkeit.

"Sie sind sehr vorsichtig was? Aber mir macht das nichts, ich bin keine Gefahr für die Regierung. Auf meine alten Tage halte ich die Ohren auf und tratsche die Gerüchte weiter, die man mir so erzählt." Er grinste und nippte an seinem Kaffee. "Ich bin keine Gefahr", wiederholte er. "Ich sag ja nur das, was man mir erzählt."

Hans nickte wieder, da konnte man doch einfach mal ein bisschen zuhören. "Ich geb' ‘nen Kaffee aus, und Sie weihen mich ein, was ich als Neuling so wissen sollte", schlug er vor.

Der Alte nickte. "Abgemacht." Er winkte dem Barkeeper zu. "Noch einen Kaffee. Bitte."

Der Barkeeper schenkte großzügig nach. "Na mein Alter. Haste wieder einen gefunden, dem du deine Geschichte erzählen kannst." Der Alte ignorierte ihn großzügig und nahm einen Schluck.

"Sie sollten nicht länger als nötig hier bleiben. Nach dem was ich hier so höre, könnten die Unruhestifter bald zuschlagen, möglich, dass die Verhältnisse auf Santiago sich dann etwas ändern."

Hans horchte aufmerksam auf die Worte des Alten, das passte ganz gut ins Bild und es bedeutete auch, dass sie schon sehr dicht an Donavan dran sein mussten, denn einen anderen, der die Rebellen unterstützte, konnte es ja wohl kaum geben. Mit Santiago de la Estrella hatte Nadja offensichtlich mitten ins Schwarze getroffen.

Auch das Vertrauen des Alten schien langsam zu wachsen, so ganz sicher war er seiner Sache wohl doch nicht, es konnte aber auch, sein, dass er sich nur etwas wichtig machen wollte. Der Alte neigte sich rüber zu Hans und senkte seine Stimme: "Ich habe aber auch, reden hören, dass die Regierung ihre Waffen aufrüstet. Dann wird es eng hier. Dann haben wir bald einen wirklichen Krieg auf diesem Planeten." Er lehnte sich wieder zurück und nahm einen Schluck aus seiner Tasse.

Auch das war fast zu erwarten gewesen, dieser alte Mann musste wirklich seine Ohren überall haben, der wusste ja fast so viel wie Hans selbst. Ob er auch, wusste, wo Donavan zu finden wäre? Aber das konnte Hans nicht fragen, er spielte hier nur den interessierten Gast, er wollte keine so direkten Fragen stellen. Aber was er erfahren hatte, war schon interessant genug. Beide Seiten würden ihre Fronten in Kürze mit den Kampfflugzeugen aufgerüstet haben, dann fühlten sich beide Seiten der jeweils andern überlegen fühlen und losschlagen. Eine Katastrophe für all die Menschen, die dann zwischen die Fronten geraten würden.

Sie mussten Donavan finden, es ging von nun an nicht mehr denn je darum Donavan schnell zu finden und von ihm zu erfahren, wer die Militärdiktatur mit Waffen unterstützte. Danach konnte nur noch die Schlagkraft der Vereinten Planeten schlimmeres Verhindern. Hans leerte sein Glas mit einem Zuge und beglich die Rechnung. Er hatte viel erfahren jetzt würde er Kontakte knüpfen müssen zu Leuten, die tiefer mit drinsteckten, das war eine Aufgabe für verdeckte Ermittler, wie Jason vielleicht, nichts für alte Transporterpiloten.

Die Starfarer und die Darwin wurden aufgehalten, noch bevor sie das System Gidjrs verlassen konnten. Alles hatte gut ausgesehen, sie waren 10 Stunden nach der Dobrotar gestartet und hatten nach zweieinhalb Tagen knapp die innere Sicherheitsgrenze für einen sicheren Entsatz passiert als sie ein Funkspruch erreichte.

"Stoppen Sie sofort die Triebwerke, sie stehen unter Arrest."

Der Verfolger war nur wenige tausend Kilometer hinter ihnen in das System gesprungen, militärische Schlachtschiffe konnten wesentlich geringere Mindestdistanzen verwenden, wenn sie in ein System versetzten. Und es gab Möglichkeiten das Versatzfeld schneller abfallen zu lassen, was es ihnen möglich machte viel dichter an ihr Ziel heranzusetzen. Bei einem normalen Schiff hätte die Starfarer großen Schaden genommen, als der Raum so dicht hinter ihr ausgetauscht wurde, so aber fehlte nur hier und da ein Atom, das war noch zu verkraften.

"Sir, man hat Torpedos abgefeuert. Einschlag in zwanzig Sekunden."

Denzel beugte sich über das Radar und sah die beiden sich schnell nähernden Punkte, die in wenigen Sekunden ihre Triebwerke zerfetzen und sie wahrscheinlich noch nebenbei töten würden.

"Triebwerke runterfahren, Kanal öffnen." Befahl Denzel, der Kapitän der Starfarer.

Die Schwerelosigkeit setzte langsam ein, als die Triebwerke allmählich den Schub reduzierten, man konnte so starke Maschinen unmöglich von einem Augenblick auf den anderen anhalten. Die Torpedos hielten jetzt einen konstanten Abstand, bereit jederzeit wieder zu beschleunigen, wenn Denzel den Versuch machen sollte, die Triebwerke wieder anzufahren.

"Wir ergeben uns!" Erklärte Denzel kurz und winkte der Frau an der Kommunikationsanlage zu, sie solle den Kanal wieder schließen. Springen konnten sie jetzt sowieso nicht mehr, sie würden die Torpedos so kurz hinter ihnen einfach mitreißen, und die würden dann getrennt vom Mutterschiff ihre zerstörerische Arbeit fortsetzen.

"Verdammt, was wollen die?"

"Das ist ein Schiff aus Eglis Eliteeinheit!" Bemerkte der Radarbeobachter kurz. Das erklärte zumindest, warum sie ihren Eintritt so exakt hatten abpassen können, aber woher wussten die überhaupt, dass sie hier waren, in diesem System.

Daphne und Michael saßen in ihren Sesseln und waren noch ganz geschockt von dem Ereignis.

"Wie konnten die wissen, dass wir hier sind?" wollte Daphne wissen.

"Jemand muss uns verraten haben", grunzte Denzel wütend, etwas anderes war nicht vorstellbar.

"Kann uns jemand eine Wanze angeheftet haben, als wir angedockt waren?"

"Ja, Mädchen schon möglich. Aber nicht sehr wahrscheinlich, wir haben niemanden rangelassen, an den Frachter." Er dachte einen Augenblick nach. Daphne schaute in sein tiefschwarzes Gesicht mit den wachen braunen Augen und dem krausen Haar. Er dachte über ihre Bemerkung nach, sie sah es fast arbeiten hinter seiner Stirn.

"Was ist mit der Dobrotar. Quatsch, dieses Schiff, was euer Freund hier hat reparieren lassen. Ich wette, die haben uns seit dem auf dem Kieker."

Da war was dran, das war zumindest eine Möglichkeit.

"Ich versteh das nicht, warum sollten die das tun?" Wollte Michael wissen.

"Die Gidjr sind Geschäftsleute, zahl ihnen genug, und sie verkaufen ihre eigen Stammzelle." Seufzte Denzel nur. Hätte Nadja das nicht auch, wissen müssen, oder hatte sie gedacht, sie könnte einem Gidjr vertrauen. Es wäre dann aber Denzels Aufgabe gewesen sie auf ihre Unvorsichtigkeit hinzuweisen, oder nicht.

"Zum Warum. Na ja, die Gidjr wollen nicht in die Vereinten Planeten. Vielleicht hat Roscher ihnen ein Protektorat angeboten. Es tröstet mich fast, dass sie daran keine Freude haben werden."

Denzel verzog die Lippen zu einem wütenden Grinsen und warf einen Blick auf das Radar. Die Torpedos hingen unbeweglich hinter ihnen, aber das Schlachtschiff näherte sich jetzt langsam. Sie würden zuerst an der Darwin andocken, danach wäre die Starfarer dran. Man würde sie alle gefangen nehmen und die Frachter beschlagnahmen. Was dann geschah, konnte niemand wissen, zu wenige hatten bisher die Gelegenheit bekommen darüber zu reden, eine Ewigkeit im Kerker, vielleicht eine Hinrichtung, wer konnte das schon sagen.

Nach langem Warten dockte das Schlachtschiff schließlich an der Starfarer an. Sie hatten keine Chance mehr, außer vielleicht ihr Heil in einem heldenhaften Tod zu suchen, wenn sie die Soldaten beim Entern des Schiffes überfielen, was für ein Blödsinn.

Die Übermacht an Soldaten stürmte die Brücke mit tödlicher Präzision, in Sekunden war alles vorbei. Die schwarzen Uniformen mit den goldenen Knöpfen und Abzeichen, sahen nicht aus als würden sie ihren Trägern irgendwelchen Schutz bieten, oder irgendeine andere als repräsentative Zwecke erfüllen. Aber es war diese Verhöhnung dessen, was man sonst für üblich hielt, die Eglis Eliten zu den gefürchtetsten in diesem Sektor machte. Alles was die Truppen an Hilfsmittel brauchten waren ein paar Stiefel mit Hochdruckdüsen, die sie sicher in der Schwerelosigkeit arbeiten ließen und die gedrungenen Strahlengewehre, die ihre Energie drahtlos aus einem in schwarzes Leder verpackten Kasten am Gürtel der Soldaten erhielten.

Denzels Leute waren hilflos, in der herrschenden Schwerelosigkeit konnten sie kaum mehr tun, als sich irgendwo festzuhalten und ihren Abtransport abzuwarten. Eine gewisse Faszination ob dieser Akkuratesse konnte Daphne nicht verhehlen, als sie beobachtete, wie die Brücke übernommen wurde.

Dann war wieder alles ruhig, nur einen Augenblick, bis sich der Fahrstuhl wieder öffnete und ein Mann hereintrat, beziehungsweise schwebte, der sich durch seine Schulterklappen zweifellos als Vorgesetzter kennzeichnete.

"Ich freue mich, dass wir keine Gewalt anwenden mussten." Er sah sich unter der Besatzung um und fixierte schließlich zielsicher Denzel.

"Sind Sie der Kapitän dieses Frachters."

"Ja, das bin ich."

"Ich muss Ihnen vorwerfen, mit der Verräterin Nadja zusammenzuarbeiten, man hat Sie vor drei Tagen mit ihr auf Gidjrs Station gesehen."

Es würde wenig helfen, das zu leugnen. "Ich war der Meinung, Gidjr sein ein freier Planet."

"Seit Monaten nicht mehr. Gidjr steht unter dem Protektorat der Vereinten Planeten. Ich nehme sie hiermit fest. Ein Gericht wird klären, ob Sie wegen Hochverrat hingerichtet werden, oder wegen Kollaboration in ein Arbeitslager kommen." Nach diesen Worten drehte der Mann sich um und verließ die Brücke. Und man brachte die Gefangenen hinüber in das Schlachtschiff, wo man sie in einen Raum sperrte.

"Was wird jetzt passieren?" wandte sich Daphne an Denzel, sie hielt sich an ihrer Pritsche fest, um nicht umherzuschweben und schaute sich in dem Raum um. Es war nicht viel Platz für die 12 Personen, die hier zusammengepfercht worden waren, aber für jeden ragte eine unbequeme Bank aus der Wand, die für die Hochbeschleunigungsphasen nur sehr dürftig gepolstert waren. Der Mensch konnte zwar Beschleunigungen bis zu zehn g überstehen, aber ohne eine weiche Liege konnten selbst die Üblichen drei schon zu einer Qual werden.

"Ich denke man wird uns in irgendein dunkles Loch werfen, und wenn irgendwann einmal jemand Lust und Zeit hat, dann wird sich auch, ein Richter finden, der uns zu irgendeiner Strafe verurteilt. Aber glaub mir, das macht letztendlich keinen großen Unterschied, ob wir hingerichtet werden oder in einem Arbeitslager verrecken."

Na das waren ja mal hoffnungsvolle Aussichten, dachte Daphne bei sich. "Hast du schon aufgegeben?"

"Du kennst diese Leute nicht so gut." Damit wandte sich Denzel erst mal seinen Leuten zu, Daphne warf einen Blick hinüber zu Michael, der sich mit den Beinen an der Pritsche festhielt und die Decke anstarrte.

"Hey, hast du auch, schon aufgegeben."

"Puh, nee. Nich' so schnell. Uns fällt schon was ein. Uns is' doch immer was eingefallen."

Er schien sich noch nicht allzu viele Sorgen zu machen, vielleicht hatte Michael auch, nur keine Lust darüber zu reden. Sorgen machte sich Daphne im Moment nur, weil ihr Rollstuhl nicht unter ihrem Bett lag, das war etwas, was sie wirklich hilflos machte. Sie versuchte zu überlegen, was jetzt noch zu tun sei, aber Denzel hatte recht, sie kannte Roschers Regime nicht. Sie hatte keine Ahnung, was sie als Nächstes erwartete. Alles, was sie jetzt hatte, war die Hoffnung, dass jemand sie retten würde, aber wer konnte das schon sein. Sie war unterwegs gewesen ihren Vater zu benachrichtigen, und Hans war auf der Suche nach Donavan und Eglis Truppen waren ihm wahrscheinlich auch, schon auf den Fersen. Es sah so aus als wären sie auf sich allein gestellt, vielleicht ein wenig so wie in der Wüste Poteas, da waren sie doch auch, allein zurecht gekommen, nun ja, zumindest ein paar Stunden. Es würde sich irgendwann eine Möglichkeit ergeben, sie durfte nur die Hoffnung nicht aufgeben.

"Ob sie Hans auch, schon haben?" fragte Michael leise von der anderen Seite.

"Glaub ich nicht, die sind vor uns abgeflogen, das hätten wir merken müssen."

"Warum."

"Das hätte man auf dem Radar gesehen", wollte Daphne erklären, aber Michael ging schnell dazwischen. "Nein, ich meine, warum hat man sie ziehen lassen, wenn man sie schon überall sucht?"

"Keine Ahnung, vielleicht wollen die wissen, wo sie hin will. Würdest du dir so eine Chance entgehen lassen? Sie führt die doch direkt zu den Rebellen."

Eine Lautsprecheransage machte die Gefangenen darauf aufmerksam sich anzuschnallen, es war eine automatische Computerstimme, die wohl auf dem ganzen Schiff zu hören gewesen war. Aus den Seiten der Liegen wurden jetzt ein paar Gurte ausgefahren. Es war nicht ganz leicht die Gurte in der Schwerelosigkeit anzulegen aber, bevor die Beschleunigung einsetzte, hatte Sie es dann doch geschafft. Das Schiff wendete und nahm Fahrt auf in Richtung irgendeiner unbekannten Welt, wo sie man sie einkerkern wollte, bis sich jemand bequemte über ihr Schicksal zu entscheiden oder eben auch, nicht.

Nach ein paar Stunden verringerte man den Schub wieder auf ein g, da sie schon so weit von Gidjr entfernt gewesen waren, musste dies die Bremsphase sein. Als die Gurte wieder gelöst wurden, rutschte Daphne nach hinten an die Wand, ohne ihren Rollstuhl blieb ihr kaum etwas anderes übrig, wie sollte das nur werden, wenn sie mehrere Wochen irgendwo weggesperrt wurden, sie hatte wirklich keine Lust sich ständig tragen zu lassen.

Essen gab es keines in den anderthalb Tagen, die sie in ihrem Gefängnis verbrachten. Und waschen konnten sie sich auch, nicht. Nur eine Kloschüssel gab es, die auf Knopfdruck aus der Wand geschoben wurde, aber es war nicht sehr angenehm die Toilette zusammen mit 11 anderen Personen benutzen zu müssen, wenn es noch nicht einmal eine Trennwand gab, die vor den Blicken der anderen schützte. Selbst dann nicht, wenn wirklich niemand hinschaute. Wenigstens konnten die vier Frauen der beiden Mannschaften durchsetzen, dass sich schließlich auch, die Männer für ihr Geschäft hinsetzten, aber sie hatten hart dafür kämpfen müssen.

Am Morgen des folgenden Tages lud man sie in dem Gefangenenlager ab, ein kalter Planet, viel zu weit entfernt von einem roten Riesen, der als dicker Fleck am Himmel stand und wenig Wärme bis hierhin schickte. Nur der Planet selbst hatte noch etwas Hitze in seinem Inneren. Das ließ die Temperatur am Tage niemals unter minus fünf Grad sinken, aber in der Nacht konnte es auch, kälter werden. Die Hütten bezogen ihre Wärme ebenfalls aus der Tiefe, aber es kostete viel Mühe, die alten Anlagen am Laufen zu halten.

Denzel musste Daphne den ganzen Weg tragen, niemand hatte sich die Mühe gemacht ihren Rollstuhl zu holen, man kümmerte sich nicht um die Gefangenen, die wurden hier nur abgeliefert, wie Vieh zur Schlachtbank, es war ganz gleichgültig, wie sie ankamen.

Sie passierten etwa zehn der dreißig in Reih' und Glied stehenden Hütten, bevor die Wachen ihnen bedeuteten, dass die nächste ihre sei. Daphne zitterte in der Kälte, und Michael vergrub seine Hände tief in den Hosentaschen. Dann ließen die Wachen sie allein, es gab auf diesem trostlosen Planeten keinen Grund zu bleiben. Wohin sollten die Gefangenen schon fliehen, es gab hier gar nichts, nur kalte Steine und primitives Leben, das tagsüber aus tiefen Wohnhöhlen kroch, um sich an der Sonne zu wärmen, die flechten Fraß oder hin und wieder auch, mal einen der Insassen anknabberte.

Die Hütte aus grauem Wellblech und (keine Rechtschreibvorschläge) mussten sich die beiden Mannschaften mit gut zwanzig anderen Teilen, die nicht gerade erfreut waren, Zuwachs zu bekommen. Aber sie hatten keine Wahl, rausschmeißen konnten sie die Neuen schließlich auch, nicht.

Man räumte die leeren Betten am Ende des einzigen Raumes, es roch nach Schweiß und nach Schwefel aus den defekten Ventilen der Erdwärmeanlage. Die Wände waren mit den Fellen der hiesigen Tierwelt behängt um die Wärmeisolierung zu verbessern aber mehr als siebzehn, an guten Tagen auch, mal neunzehn Grad Celsius schaffte die alte Anlage nicht mehr. In wenigen Tagen würden sie genauso abgerissen aussehen wie die anderen auch, behängt mit den Häuten dieser unbekannten Wurmart und dreckig, weil das wenige Wasser kaum zum Trinken reichte.

Man bot ihnen viel für ihre sauberen Kleider aber es war ja nicht nötig den Prozess des Verfalls noch extra zu beschleunigen, sie würden erst noch lernen müssen, welche Sachen es sich zu tauschen lohnte.

Denzel half Daphne auf das letzte Bett, gleich neben dem von Michael.

"Das ist grauenvoll", flüsterte das Mädchen ihrem Freund zu und schaute sich in der Hütte um, hier sollte sie nun gefangen sein, gefesselt an das Bett. Nicht, dass sie das Bedürfnis hatte sich aus der Hütte zu wagen und sich irgendetwas abzufrieren.

Michael nickte nur, was sollte er dazu sagen. Unter seinem Bett fand er einen dreckigen Nachttopf, das war alles, was dieser Planet an sanitären Anlagen zu bieten hatte und ein paar Meter hinter der Hütte war ein tiefes Loch von einer noch viel älteren Erdwärmeanlage, wo man seine Notdurft dann entsorgen konnte.

Das Erste was Michael am nächsten Tag tat war seinen Lederweste gegen zwei warme Wurmdecken einzutauschen, ein guter Tausch, eine der Decken reichte er Daphne, wenigstens würden sie in der kommenden Nacht nicht nochmal frieren.

Das Leben im Lager spielte sich aber nicht allein in den Hütten ab, es gab durchaus mehr als das. Einmal am Tag wurden Nahrungsmittel abgeworfen. Die dann nach einer strengen Hierarchie verteilt wurden, die Neuen standen natürlich ganz unten, was sie bekamen, reichte kaum, um satt zu werden.

Michael stand vor der leeren Palette zu seinen Füßen, die beiden Rationen in seinen Händen. Das würde für Daphne und ihn gerade so reichen, aber wie lange konnten sie das überleben. Er warf einen Blick auf die Bretter, ein paar Seile hingen noch daran und die Folie, die die Nahrungsmittel auf dem Flug geschützt hatte. Den Fallschirm hatten sich andere unter den Nagel gerissen. Aber er würde auch, mit Holz und Seilen was anfangen können, er musste einfach, wenn er in dieser Einöde nicht wahnsinnig werden wollte. Er klemmte sich also die Bretter und ein paar Seile unter die Arme und machte sich auf den Rückweg zur Hütte. Ein eisiger Wind blies ihm ins Gesicht und er hatte Mühe die Decke festzuhalten, die er sich jedesmal um die Schultern schlang, wenn er die Hütte verließ. Erst gestern hatte man sie hier ausgesetzt, Daphne hatte Recht, es war grauenvoll.

Als er zu den Hütten zurückkehrte, sah er einen Auflauf dieser zerlumpten Menschen, war es nicht schon schlimm genug, mussten die sich auch, noch gegenseitig bekriegen? "Was ist hier los?" wollte Michael von Denzel wissen, den er etwas abseits entdeckte.

"Weißt du, neben den Freiheitskämpfern gibt es noch eine Gruppe von Guerilleros. Beide sind hier zusammengepfercht und können einander nicht ausstehen", erklärte Denzel kurz die Situation. "Die werden sich noch gegenseitig umbringen, wenn die nicht gegen Roscher kämpfen können."

Michael nickte und ging in die Hütte, die Besatzungen der beiden Frachter nahmen im Moment noch eine neutrale Position ein, es würde sich zeigen, wie lange sie das durchhalten konnten.

"Was willst du den damit?" wollte Daphne wissen, als Michael seine Ladung neben seinem Bett fallen ließ, das Mädchen saß aufrecht im Bett und hatte ihre Decke bis unter die Achseln hochgezogen.

"Weiß ich noch nicht. Aber ich muss irgendwas bauen." Er gab ihr die Nahrungsration und steckte seine eigene zwischen Bettgestell und Matratze, er konnte das Zeug jetzt beim besten Willen nicht essen.

"Danke. Wie wär's mit ‘nem Paravent?" Daphne wickelte den Riegel aus und schob sich das gepresste Essen zwischen die Zähne. Es war zäh und roch leicht ranzig, aber es hatte sicher keinen Sinn auf was Besseres zu warten.

"Was?"

"Eine Wand, damit wir etwas mehr Privatsphäre hier reinkriegen."

Michael zuckte die Achseln. "Ja, vielleicht. Ein paar Nägel fehlen mir noch."

"Damit kann ich leider nicht dienen. Aber schau mal, was ich hier habe."

Die Knochen sahen seltsam aus, dünne spitze Nadeln, die von einem zentralen Wirbel ausgingen. "Das ist ein Teil des Skeletts dieser Würmer, die können damit ihre Haut aufspannen, um größer zu wirken. Die Nadeln kann man zum Nähen verwenden."

Daphne drehte einer der Nadeln aus dem knorpeligen Gelenk, der Knochen war noch nicht sehr alt und etwas blutig, rotes Blut, das darauf hinwies, dass der Wurm Sauerstoff atmete. Sie reichte den Knochen weiter an Michael. "Sind ziemlich stabil, aber zum Nageln reicht's wohl nicht."

Michael bohrte den Knochen probehalber in das weiche Holz, aber er brach schnell ab. "Nein, das geht nicht. Aber ich werde mit den Seilen einen Rahmen zusammenknoten, wenn wir noch ein paar Felle auftreiben können, dann bekommst du deinen Sichtschutz."

Dann brachte er die Nachttöpfe raus, seinen und den von Daphne. Gut, dass die Dinger wenigstens einen Deckel hatten. Daphne wollte sich eigentlich dafür bedanken, aber Michael winkte schnell ab. "Lass das lieber, wenn wir länger bleiben, redest du dir nur den Mund fusselig."

Draußen waren die beiden Gruppen immer noch am Streiten, Denzel war verschwunden, zwei Männer kämpften miteinander, nachdem die Argumente beider Seiten wohl nicht mehr ausgereicht hatten. Es würde verletzte geben oder gar Tote, aber ohne einen  Arzt war das schon fast egal, eine Entzündung konnte hier ganz genauso den Tod bedeuten wie ein Stich ins Herz mit diesen langen dünnen Nadeln, die sich so gut zum Nähen eigneten.

Mit Erde und einem Stück Plastikfolie wischte Michael die Töpfe aus, das war wirklich unter aller Würde. Und widersprach ganz sicherlich den Richtlinien der Vereinten Planeten, die selbst nach vielen hundert Jahren nicht wesentlich von der Genfer Konvention abwichen. Genf, irgendwo auf der Erde, noch nie war Michael dieser Planet so fern gewesen wie in diesen Augenblicken.

Er ging zurück zu den Streitenden, beide Seiten feuerten ihren Mann nach Leibeskräften an, es würde ganz bestimmt Tote geben. Michael nahm die beiden Blechtöpfe und schlug sie mit aller Gewalt gegeneinander. Mit den Beulen in den Töpfen würde er leben können, mit diesem Menschen war das schon was anderes. Seine Wirkung verfehlte der Krach aber nicht. Für einen Augenblick herrschte Ruhe und die Augen der Menschen, es mochten über hundert sein, starrten auf den jungen Mann, der mit den beiden Scheißtöpfen dastand, eine alte Decke eines Wurmes um die Schultern und mit kalten blaugefrorenen Lippen auf sie einschrie.

"Verflucht! Ihr seid doch keine Feinde. Roscher hat uns das angetan, ihn müsst ihr bekämpfen."

Dann ging Michael zurück in seine Hütte und ließ die verdutzten Leute hinter sich stehen, er war kein Held und er konnte auch, keine Reden halten, aber irgendwann war doch das Maß voll.

Er ließ sich auf sein Bett fallen und starrte das Wellblech an der Decke an, einen leichten grünlichen Schimmer hatte es bekommen, wo die Wärme der Abluft den Flechten gute Lebensbedingungen bot.

"Hast du da grade geschrien?"

"Ja." Seufzte Michael. "Die töten sich lieber, als dass sie einen Ausweg suchen." Es war die eigene Resignation, die aus seinen Worten sprach, er war dabei seine Hoffnung zu verlieren, das Einzige, was ihn durch alles was sie zusammen überlebt hatten getragen hatte.

Daphne hätte ihn in diesem Moment gern in den Arm genommen, hätte ihm gern etwas Trost gegeben, aber sie konnte nicht rüber zu ihm und wusste nicht, wie sie es sagen sollte. Sie sah rüber zu dem Jungen, er starrte noch immer an die Decke und schien nicht zu bemerken, dass ihr eine Träne die Wange herunterrollte, sie wischte sie schnell weg.

Einige Minuten später, es hätten auch, Tage sein können, kam Denzel zu ihnen, mit ihm die Navigatorin der Darwin.

"Ich hörte was du grade gemacht hast." Sagte der Kapitän zu Michael und setzte sich ans Fußende von Daphnes Bett.

"Und?"

"Und? Na ja. Die beiden waren nicht besonders glücklich, das von einem Kind zuhören." Er lachte. "Aber es gibt den ein oder anderen, der sagt, dass du recht hast."

"Wundervoll", entgegnete Michael ironisch und fuhr fort die Decke zu mustern.

"Ja, Michael. Wir haben drei oder vier Leute, die was ändern wollen."

Jetzt erst setzte Michael sich auf und sah der Frau in die Augen, die das gerade gesagt hatte. "Vier von hundert, das ist aber noch kein guter Schnitt."

"Nein Michael, aber es ist ein Anfang." Sagte die Frau. "Willst du dabei sein, wenn wir uns treffen."

Michael nickte, was hatte er da nur wieder angestellt, der zweite Tag war noch nicht um in dieser Hölle und er brachte schon ganze Gesellschaftsstrukturen zum Einstürzen. "Gut, dann treffen wir uns morgen früh hier bei euch", beschloss Denzel und wollte sich gerade abwenden, als ihm noch was einfiel. "Oh, noch was. Callista hier hat eine Sternkarte mitgebracht, wir werden heute Nacht versuchen unsere Position zu bestimmen. Kennst du dich mit Koordinatentransformation aus?"

Daphne nickte etwas überrascht, das sollte gerade wiederholt werden, als sie aufgebrochen war, ihren Vater zu finden, es würde schon irgendwie gehen. "Gut, dann wirst du uns helfen."

Als die beiden sie wieder verlassen hatten, lächelte das Mädchen zu Michael hinüber. "Siehst du, es geht schon wieder aufwärts."

Michael musste lachen. "Ja, wir sind einfach nicht kaputt zu kriegen was?"

20.Kapitel: Neue Freunde, neue Gefahren