9.Kapitel: Zurück am Anfang

Mehr Hinweise

Der Fahrstuhl brachte Daphne und Michael in die dritte Etage des Wohnblocks. Und Helen Hasselblad, Michaels Mutter zögerte nur unmerklich, als sie ihren Sohn mit dem Mädchen vor ihrer Tür stehen sah.

"Kommt doch rein, schön dich mal wieder zu sehen Michael. Du könntest dich ruhig öfter mal melden."

"Hallo Mum, das ist Daphne DeRochelle. Daphne, das ist meine Mum."

"Ich freue mich, Sie kennen zu lernen, Frau Hasselblad."

"Ja, ich mich auch, jetzt kommt aber rein." Die beiden Frauen schüttelten sich kurz die Hand, bevor Frau Hasselblad vorausging, ins Wohnzimmer.

"Arbeitet Dad noch?"

"Ja Michael, aber er muss auch, bald zurück sein. Wollt ihr etwas trinken, ich könnte Limonade machen."

"Sehr gerne Frau Hasselblad."

"Nenn mich einfach Helen. Michael, bring' deine Freundin doch ins Wohnzimmer."

Daphne wurde etwas rot, als sie das hörte.

Das Wohnzimmer war der größte Raum in der Wohnung, die Glasfront war teilweise beiseite geschoben und vergrößerte so den Raum nochmals um die Fläche des Balkons. Die Möbel waren klobig, sahen aber sehr bequem aus.

Es dauerte nur einen Augenblick, bis Frau Hasselblad aus der Küche kann, trug sie ein Tablett mit Gläsern, in denen eine gelbe Flüssigkeit hin und her schwappte und eine Schüssel mit Keksen befand sich ebenfalls darauf.

"Also, Michael, dann erzähl mal, was ihr so die letzten Wochen getrieben hat, man hat ja gar nichts mehr von die gehört!"

Michael musste unwillkürlich grinsen. "Das ist eine lange Geschichte Mum. Wir sind durch die halbe Galaxis gedüst, um ein paar Waffenhändlern das Handwerk zu legen."

Helen Hasselblad viel beinahe die Kinnlade hinunter, als Michael und Daphne sie in einer Kurzfassung in die Geschichte einweihten.

"Ihr müsst ja wahnsinnig sein, euch da einzumischen?" Brachte sie nur noch hervor.

"Is' ja gut, Mum. Wir haben jetzt alles der Polizei erzählt, die werden sich von nun an darum kümmern."

Erleichtert tat die besorgte Mutter einen tiefen Seufzer. "Da bin ich aber froh!"

Frau Hasselblad gewöhnte sich schnell an das behinderte Mädchen und überwand ihre Unsicherheit im Laufe der Unterhaltung. Aber schließlich mussten Michael und Daphne wieder aufbrechen, denn sie wollten schließlich noch den letzten Scram nach Mjidogo nehmen.

"Kommt ruhig mal wieder vorbei, wenn ihr die Zeit findet."

"Werden wir versuchen Mum."

Sie waren schon ein Stück den Flur runter, als sie hörten, wie die Haustür sanft ins Schloss gedrückt wurde.

"Deine Mutter gefällt mir."

"Danke, dann können wir ja Heiraten oder?"

"Ach, du!"

Als sie aus dem Fahrstuhl stiegen, wurden die beiden schon erwartet. Drei  finster aussehende Menschen standen da, mit langen schwarzen Mänteln, unter denen man bei jeder ihrer Bewegungen die Handfeuerwaffen hervorlugen sehen konnte.

"Ihr werdet jetzt besser mit uns kommen!"

"Was?"

"Du hast mich gut verstanden, Daphne DeRochelle. Du und dein Freund hier, solltet besser keine Tricks versuchen, ihr könntet gesundheitliche Schäden davontragen."

"Was wollen Sie?"

"Ich werde euch zu meinem Boss bringen, er wird euch schon sagen, wofür er euch braucht. Das heißt,  eigentlich brauchen wir nur das Mädchen." Er richtete seine Waffe auf Michaels Schädel und entsicherte.

"Aber sie wird möglicherweise gefügiger sein, wenn wir dich auch, mitnehmen", fügte er hinzu und bedeutete mit der Waffe, dass er vorangehen sollte. Einer der Männer schob das Mädchen. Der Typ, der geredet hatte, bildete die Nachhut.

"Kann er uns orten, Anaconda?"

"Negativ Hans. Wir können das Objekt nicht detektieren und genau so wird auch, sein Radar von den Bäumen gestört."

Schließlich setzt sich der Hopper wieder in Bewegung und beinahe wäre das unbemerkt geschehen, denn als er seinen Maser einholte, verschwand das Fluggerät wieder vollständig unter den undurchdringlichen Bäumen.

"Da bewegt er sich," rief Melissa, plötzlich, als ein Baum am Rande des Sichtfeldes sich rührte.

"Positiv, ich verfolge das Objekt." Verkündete Anaconda und sie spürten, wie sich das Raumschiff langsam in Bewegung setzte.

Der Weg führte sie zurück in den stillgelegten Ladebereich von Mjidogo, wo noch vor ein paar Wochen die Containerträger abgefertigt wurden. In diesen Tagen allerdings waren die beiden Plätze verweist und mehr als ausreichend, um zwischen den Kränen einen Hopper zu verstecken.

"Wo können wir denn da Landen?" Wandte sich Melissa an Hans.

"Hinter der Hafenmeisterei, sollte genug Platz sein."

"Und wie sollen wir trocken in den Ladebereich kommen?"

"Wir werden unter dem Vorbau der alten Hafenmeisterei landen und dann sehen wir weiter."

Vorsichtig, sich von der anderen Seite nähernd, das angeflogene Gebäude schluckte einen großen Teil ihres Fluglärms, kamen sie heran. Unbemerkt.

Anaconda verbrannte den Beton als sich der Speedster unter das überhängende Dach des Hauses setzte, sodass Melissa und Hans beim Aussteigen aufpassen mussten, um nicht mit den Sohlen auf dem heißen Boden hängen zu bleiben. Auch die Eingangstür hatte unter dem Ionenbombardement gelitten und benötigte nur noch einen leichten Fußtritt von Hans, um aus ihren Angeln zu kippen.

"Glaubst du nicht, dass uns irgendjemand für diesen Schaden zur Verantwortung ziehen wird?"

"Ach Quatsch, Mel. Das verfällt doch sowieso. Mit unserer Hilfe nur ein bisschen schneller."

In den Umkleideräumen hingen tatsächlich noch einige von den orangen Regenanzügen, das war zwar sehr auffällig, aber es schien die einzige Möglichkeit zu sein sich gegen den Regen zu schützen.

"Wo müssen wir denn suchen, Hans?" Flüsterte Melissa, als sie durch die Vordertür spähten.

"Da bei dem Kran." Deutete Hans auf das Fluggerät, das dort im Regen stand.

Sie erreichten den verwaisten Airhopper unbehelligt, aber es war nichts Verdächtiges daran zu entdecken.

"Was machen Sie da?" Rief eine Stimme von oben.

Hans riskierte einen Blick in die Höhe und blickte in die Mündung einer Strahlenpistole, nicht sehr effektiv bei größeren Distanzen, aber auf den ersten Metern konnte sie ganz nette Löcher durch einen Körper brennen und sie war leise.

"Hallo Jason. Ich freu' mich auch, dich wiederzusehen."

"Hans? Melissa? Ich hätte euch beinahe erschossen." Jason schwang sich sportlich von seinem Hochsitz herab und Hans bewunderte, wie er geschmeidig vor ihnen landete, so gelenkig war er selbst in seinen besten Tagen nicht gewesen.

"Habt ihr meine Nachricht nicht erhalten. Das hier ist doch kein Spiel, in dem jeder Laie mitmischen kann."

"Wir haben deine Nachricht erhalten, aber findest du nicht, dass du uns hättest einweihen sollen?"

"Sehr witzig, ich wusste doch nicht, wem ich vertrauen kann."

"Und jetzt traust du uns?"

"Ich bin mir nicht sicher Mel. Aber Daphne scheint euch zu vertrauen."

"Dann könntest du uns ja jetzt erklären, was hier los ist."

"Nicht hier, ihr kommt besser mit, wo es sicherer ist."

Er schob die beiden mit unsanft auf den Rücksitz seines Hoppers und startete die Turbinen.

"Wie hast du uns bemerkt?" Wollte Melissa neugierig wissen, als sich der Hopper wieder in die Lüfte schwang.

"War nich' besonders schwer, als wir aus dem Wald raus waren, ihr habt ja euer Radar wie ein Leuchtfeuer auf mich gerichtet. Nebenbei, was ist das für ein komisches Schiff. Das ID-Signal macht mir Sorgen, da sind ‘ne Menge Nullen drin."

"Eine längere Geschichte," wich Hans aus, "aber ich frage mich, wieso es die Abfrage nicht bemerkt hat."

"Ein Militärcode, der Schiffscomputer wir dabei umgangen, so was ist Vorschrift, hat mir aber nicht weitergeholfen, das Schiff ist nirgends aufgeführt."

"Es ist ein Prototyp, den wir auf Potea mitgenommen haben."

Inzwischen war der Hopper schon wieder tief in den Wald eingedrungen und raste mit überhöhter Geschwindigkeit zwischen den Baumriesen dahin.

"Trivar ist nur einer unserer Stützpunkte, im Moment versteckt sich meine Einheit hier im Wald." Er machte eine strategische Pause und fuhr dann fort: "Wir haben seit einigen Monaten eine undichte Stelle, ich hoffe nur, dass ihr da nicht mit drinhängt, ich würde es hassen euch töten zu müssen." Er versuchte, sich an einem lächeln, aber die Situation war sehr ernst, das sah man ihm an.

Ohne abzubremsen, lenkte Jason den Airhopper in ein Loch im Boden und raste mit für Melissas Nerven viel zu hoher Geschwindigkeit durch einige verzweigte Tunnel und stoppte vor einer schweren Stahltür, die dann beiseite glitt und sich hinter ihnen schnell wieder schloss.

"Genial findet ihr nicht, die Gänge wurden von der TMC gegraben und jetzt benutzen wir sie."

Vor ihnen erstreckte sich ein breiter Tunnel, ein ehemaliger Hauptschacht, wie Melissa aus Erfahrung urteilte, in einer sanften Kurve wand er sich durchs Gestein,  und das andere Ende versperrte eine Gerölllawine. Das Lager konnte seinen provisorischen Charakter nicht verbergen, erst kürzlich musste ein großer Teil der Zelte aufgebaut worden sein, drei weitere Hopper waren am Rand des Tunnels abgestellt worden.

Wenigsten zehn Leute, aus verschieden Teilen der Galaxis schienen mehr oder weniger ihren Aufgaben nachzugehen, saßen an Computerkonsolen oder stellte weitere Zelte auf, zwei schienen gerade das Essen über einem offenen Feuer zuzubereiten. Mit einem Stich ins Herz bemerkte Hans, dass Isumúya in eines der Zelte verschwand.

"Steigt aus. Wir wollen doch mal sehen, ob wir unsere Freunde nicht mit einer Drohne versorgen können."

"Die Schlachtschiffe?"

"Genau die, Mel, wir wissen, dass sie ins Trivar-System fliegen, aber der Hauptplanet Trivar selbst ist nicht ihr Ziel. Ursprünglich hatten wir geplant auf Potea einen der Blackbirds mit einer Wanze zu versehen, aber die Wanzen sind entweder entdeckt worden oder die Flieger nie ins Trivar-System gekommen. Aber diese Drohne sollte klein genug sein ihrer Aufmerksamkeit zu entgehen. Wenn sie sich vor dem Versatz an eines der Schiffe hängen kann, werden wir herausfinden, welchen der Planeten sie anfliegen."

"Gibt es so viele Planeten im Trivar-System?"

"Zwölf, Hans und viele Monde, wir können kaum alle absuchen."

"Aber ihr könnt doch die Signale der Drohne nicht von hier aus verfolgen, oder?"

"Natürlich nicht, wir müssen zurück nach Trivar und warten, bis wir eine Nachricht von der Sonde bekommen. Kommt jetzt, wir wollen doch zusehen, wie die Sonde startet."

Er folgte Isumúya in das Zelt, Melissa und Hans folgten mit einem mulmigen Gefühl. In dem Zelt waren einige Monitore zu sehen und Computerkonsolen, eine Frau und ein Nywel, betrachteten ihre Anzeigen und tippten hin und wieder ein Kommando, sie schienen die Gäste zu ignorieren. Jason stellte sich neben Isumúya und betrachte den Bildschirm, auf welchem die Schiffe zu sehen waren.

"Seht euch das an, eines scheint noch auf jemanden zu warten, wir warten mit der Drohne noch ein bisschen, sollen die ruhig zu erst ihre Geschäfte erledigen."

"Countdown abgebrochen", meldete die Frau kurz.

"Was passiert da", Melissas Herz schlug schneller als sie der Person in dem langen Mantel näher kam, aber es war nicht mehr so bedrohlich, wie früher, irgendwann würde sie Jason fragen müssen, wer dieser Isumúya war.

"Ein Shuttle nährt sich Zielobjekt 2." Bemerkte das Nywel, mit den dünnen Fingern seiner vier Arme, die Radaranlage bedienend, die anscheinend Daten von der Flugüberwachung in Situkubwa erhielt.

"Shuttle ist aufgenommen worden, Zielobjekt 2 beschleunigt aus dem System."

"Starten Sie die Drohne, Jenny."

"Countdown wird fortgesetzt."

"Wieso vertraust du uns auf einmal?" Erkundigte sich Melissa, während die Digitaluhr ihre Zählung wieder aufnahm.

"Ich bin mir nicht sicher, Mel. Aber es dürfte nicht mehr von Bedeutung sein. Wir werden jetzt nach Trivar fliegen, und die Typen hops nehmen, es ist besser wir verzichten auf ein paar Leute im Hintergrund, als dass wir am Ende gar nichts mehr haben, so wie im Moment alles zusammenfällt."

"Wir müssen Michael und Daphne Bescheid sagen, sonst machen sich die beiden Sorgen."

"Geht klar, Hans. Aber die Kinder werden da nicht weiter mit hineingezogen. Ich möchte, dass sie außer Reichweite dieser Bande bleiben."

"Das wird Ihnen nicht gefallen."

"Das ist mir scheißegal! Ich hab' schon eine Fahndung nach euch laufen, wenn Daphne und dieser Michael einer Polizeistreife über den Weg laufen, dann werden sie erst mal festgesetzt, das scheint mir am Sichersten, euch nicht?"

"Dann kann ja nichts mehr passieren, die beiden wollten sowieso zur Polizei."

Daphne und Michael wurden gebeten aus den Shuttle zu steigen, die Landebucht, sah ähnlich aus, wie diejenige, aus der sie nur ein paar Tage zuvor Melissa geholt hatten, nur war diese mit 13 Blackbirds gefüllt.

"Hey, schubsen Sie mich nicht, ich brauch' meinen Rollstuhl."

"Sicher Kleine."

Unsanft setzte der Rabiate das Mädchen in den Rollstuhl, den einer seiner Komplizen aus dem Heck geholt hatte.

"Würden Sie uns erklären, was Sie von uns wollen?"

"Das kommt früh genug Kleine."

Mit einem Fahrstuhl wurden die Gefangenen in einen weiß getünchten Raum geführt und als sich die Tür hinter ihnen schloss, war es kaum möglich in dem makellosen Raum vorn und hinten zu unterscheiden.

Michael klopfte die Wände ab, aber es war schwer selbst die Tür wiederzufinden.

"Wie konnten die wissen, wo wir sind?"

"Man muss uns gefolgt sein."

"Wie denn, meinst du, die haben schon Bilder von uns."

"Wir waren bisher nicht gerade besonders vorsichtig, oder?"

Da musste Michael ihr recht geben, sie hatten sich äußerst dilettantisch bei ihren Nachforschungen angestellt. Aber das hieß doch eigentlich nur, dass sie kaum Fortschritte gemacht hatten und nicht, dass sie sich verraten hätten.

"Ich versteh' das nicht, wie können die uns bemerkt haben, wir haben doch bisher kaum etwas mit denen zu tun gehabt."

"Vergiss nicht, dass wir ständig das öffentliche Computernetz benutzt haben, wir waren wirklich nicht besonders vorsichtig, ich selbst hätte ja unsere Spur zurückverfolgen können. Oh Gott, was war ich dämlich!"

"Das konntest du doch nicht ahnen."

"Ich hätte daran denken müssen Michael, aber ich war so eingenommen von meinen eigenen Fähigkeiten, dass ich gar nicht daran gedacht habe, dass die andere Seite uns schon längst auf den Fersen ist."

"Was meinst du?"

"Du glaubst doch nicht, dass der Vorfall auf Trivar ein Zufall war, falscher Ort falsche Zeit, oder so was. Stell' dir vor, als wir den Flug nach Trivar gebucht haben, muss bei denen doch ein rotes Licht aufgegangen sein. Meinst du nicht, die haben nur darauf gewartet, uns dort aus dem Verkehr zu ziehen."

"Aber Isumúya hat das verhindert."

"Ja, kein Wunder, dass mein Vater wollte, dass wir uns da raushalten, wir haben seine Operation ja nach und nach auffliegen lassen."

"Wie konnte denn dein Vater wissen, wo wir sind?" Er trat wütend gegen die Stelle, wo er die Tür vermutete, aber alles was Michael erreichte war ein schmerzender Zeh.

"Er hat unsere Bewegungen sicher auch, verfolgt, sonst hätte unsere Reise wohl schon viel eher in diesem Verlies geendet."

Sie schob ihren Rollstuhl zu Michael hinüber, der am Boden saß und sich den schmerzenden Fuß rieb.

"Das ist jetzt das andere Bein oder?"

"Ja, ich geb' mir alle Mühe mit dir gleichzuziehen."

"Da wirst du aber noch ‘ne menge Türen eintreten müssen, im Übrigen ist die da drüben gewesen." Daphne deutete auf die gegenüberliegende Wand.

"Und das hättest du mir nicht eher sagen können?"

Michael zog seinen Schuh aus und bewegte seinen großen Zeh, er schien noch zu sein, wo er hingehörte.

Der Schmerz hatte nachgelassen, aber jetzt machte sich Resignation in Michael breit, ohne etwas machen zu können, war Gefangenschaft nochmal so schlimm. Schließlich öffnete sie die Tür wieder und der Mann, der Sie gekidnappt hatte, stand im Rahmen.

"Donavan möchte euch sehen."

"Wir wollen aber Donavan nicht sehen", widersprach Daphne trotzig.

"Das ist völlig egal Kind, ich frage euch nicht, was ihr wollt!"

Zwei Männer nahmen den Jungen in einen stählernen Griff, der seine Muskeln gepeinigt aufschreien ließ.

Als sie schließlich den Konferenzraum erreichten, waren seine Arme schon ganz taub.

Neben dem Typen, der sich Donavan nannte, war eine Kamera aufgebaut, seine Begleiter drückten ihn in einen der unbequemen Stühle, die um den ovalen Tisch standen, und ließen endlich seine Arme los. Es blieb ihm nichts anderes übrig als eine Weile, seine rebellierenden Bizeps zu massieren.

Daphne wurde neben ihm geparkt, ihr Nacken war gerötet. Beinahe konnte man den Handabdruck erkennen, übrig von der brutalen Gewalt, mit der man das Mädchen festgehalten hatte. Aber ein blutiger Kratzer an seinem Arm zeigte auch, warum das nötig gewesen war, oder umgekehrt, Michael vermochte hier nicht zwischen Ursache und Wirkung zu unterscheiden.

Dann begann Donavan mit seiner kalten Stimme zu reden, Michael musste sich unwillkürlich schütteln.

"Ich freue mich dich kennen zu lernen Daphne DeRochelle. Dein Vater hat mir schon viel Ärger bereitet. Deinen Freund hier kenne ich nicht so gut, du solltest dich hüten ihn entbehrlich zu machen." Ein Schauer lief über Michaels Rücken, und er vergaß seine brennenden Arme.

"Was wollen Sie von uns?"

"Ganz schön stürmisch, junge Frau. Ich will nur, dass ihr eine kleine Botschaft für deinen Vater vorlest."

"Niemals!"

"Entscheide dich nicht, bevor du nicht die Konsequenzen kennst, Daphne DeRochelle." Seine Stimme war schneidend.

"Tust du nicht brav, was man von dir verlangt. Dann werden wir dir und deinem Freund sehr weh tun müssen und dein Vater bekommt die Botschaft trotzdem. Nur wird sein Prinzesschen dann nicht mehr so hübsch aussehen."

Es war an Daphnes Reihe, sich die Nackenhaare aufzustellen und einen Schauer über den Rücken laufen zu lassen.

"Wer zum Teufel sind Sie?"

"Das klingt wenigstens nicht mehr ganz so abweisend", grinste Donavan eisig. "Man nennt mich Donavan und dein Vater verfolgt meine kleine Unternehmung schon seit einiger Zeit, ich muss sagen, er hat keine Ahnung, wie wenig er wirklich von uns weiß."

"Sagen Sie's uns doch."

"Wo denkst du hin Junge, das wäre doch Zeitverschwendung. Das Gleiche hat mich auch, dieser Hans gefragt, bevor er und diese junge Frau geflohen sind. Ich bin gespannt, ob du weniger zimperlich bist, wenn ich dir sagen werde, dass du stirbst." Er machte eine effektvolle Pause und durchbohrte Michael mit seinen blauen Augen. "Genug des Vorgeplänkels. Gib Ihr den Zettel. Das Mädchen soll vorlesen."

Der Mann, der weiterhin hinter ihnen Stand drückte dem Mädchen einen Zettel in die Hand und ergriff mit der anderen wieder ihren Nacken, als sie Anstalten machte ihn fallen zu lassen.

"Au, lassen Sie das."

"Lies!" Er drückte ihr den Arm vors Gesicht und trat aus dem Aufnahmebereich der Kamera heraus, nach einem griff von Donavan, zeigte diese mit einem roten Lämpchen ihre Aufnahmebereitschaft.

"Lieber Jason DeRochelle,

Wie du hier siehst, habe ich dein hübsches Töchterchen. Wenn du also Wert darauf legst, sie einigermaßen vollständig wiederzusehen, solltest du auf weitere Aktionen gegen mich verzichten." Daphne schluckte, ihr Hals fühlte sich seltsam trocken an, dann fuhr sie fort. "Wenn dies vorbei ist, werde ich sie dir zukommen lassen. Mit lieben Grüßen dein Donavan."

Die Kamera wurde abgeschaltet.

"Was heißt das, wenn dies vorbei ist?"

"Das, junge Frau, geht dich eigentlich nichts an. Aber aus Dankbarkeit werde ich dir sagen, dass wir in wenigen Wochen fertig sein werden, dann kann uns dein Vater gestohlen bleiben." Er machte wieder eine Pause, musste das irgendwo geübt haben. "Obwohl ich mir noch nicht sicher bin, ob wir ihn am Leben lassen sollten."

Dann brachte man die Beiden zurück in ihr Gefängnis. Keinen Deut freundlicher als vorhin.

"Was wird dein Vater tun?"

"Ich hab' wirklich keine Ahnung, wie Papa regieren wird. Aber als Agent der Regierung darf er sich doch nicht erpressen lassen, oder?"

Dieses ‘oder' klang in Michaels Ohren so verzweifelt und hilflos, wie noch kein anderes Wort in seinem Leben.

Er hockte sich neben das Mädchen und nahm ihre Hand.

"Er wird uns hier rausholen!" versicherte Michael. "Bestimmt." Aber ganz wohl fühlt er sich nicht bei diesen Worten.

Die Drohne fing langsam scheinbar in Zeitlupe aus ihrem Silo irgendwo im Wald zu kriechen, sie war in Wirklichkeit nicht größer als der Unterarm eines Menschen, aber die Kamera war so nahe dran, dass es wirkte, als würde hier eine riesige Rakete abgeschossen. Die Drohne beschleunigte mit zunehmender Geschwindigkeit und als der Countdown +35 Sekunden erreichte, verschwand sie in der Wolkendecke.

"Kommt, es wird Zeit die Reisevorbereitungen zu treffen."

"Wir sollen mit?"

"Sicher, ich habe euch Fragen zu stellen, Mel. Es ist zu spät für euch noch auszusteigen, ihr gehört jetzt dazu."

Melissa nickte und verstand.

"Jaté, lass in Malaikapia die Raumschiffe startklar machen, wir werden in ein paar Stunden aufbrechen. Die anderen sollen so bald wie möglich nachkommen, unsere Gäste werden mit mir sofort losfliegen"

Das Nywel nickte: "Jawohl, Sir."

Es dauerte nur kurze Zeit, bis  sie mit Jasons Hopper wieder unterwegs waren. Der Regen prasselte gegen die Scheiben und perlte von der imprägnierten Oberfläche ab, während sie auf die Kuppelstadt zuflogen.

"Wie seid ihr darauf gekommen, dass ihr mich verfolgen müsst?

"Wir haben Daisy gefunden, mit dem großen Loch in der Seite, wir dachten, du wärst in Schwierigkeiten?"

"Und da stellt ihr gleich die ganze Galaxis auf den Kopf?"

"Immerhin schulde ich dir noch was?"

"Wie? Was denn Hans?"

"Hast du vergessen, wie du mich aus der Prügelei geholt hast?"

"Das ist sechs Jahre her."

"Ja, aber es hat mein Leben verändert."

"Und dann dachtest du, du müsstest mich retten." Jason lachte.

"Wir hätten sicher schnell aufgegeben, wenn wir nicht deine Tochter getroffen hätten. Sie hat uns sehr geholfen."

"Ja, Daphne ist sehr gescheit", man konnte seinen Stolz aus der Stimme heraushören. "Aber sie sollte gar nicht hier sein. Sie hat euch nicht zufällig gesagt, warum sie gekommen ist."

"Doch, Daphne hat gesagt, dass sie nach deinem mysteriösen Brief wissen wollte, was los ist."

"Ich hab' nur einmal eine Nachricht geschickt und das war ins Krankenhaus von Trivar. Aber ihr haltet euch ja sowieso nicht an gute Ratschläge.

 "Nein, den Brief meinen wir nicht, die Nachricht, die du ihr nach Hause geschickt hast."

"Ich war das nicht, Mel. Schon seit Monaten nicht!" Es klang schuldbewusst, sicher war Jason bewusst, dass er seine Tochter in den letzten Jahren sträflich vernachlässigt hatte.

Sie schwiegen einen Moment und Melissa beobachte förmlich, wie es hinter Jasons Stirn arbeite, während dieser die Puzzlestücke zusammenfügte.

"Dann wollte irgendjemand, dass sie herkommt. Ihr habt gesagt, sie sei bei der Polizei?"

"Ja, da wollten Michael und Daphne erzählen, was wir in den Stollen der TMC gefunden haben."

"Es war sehr leichtsinnig von euch, da reinzugehen."

"Is' doch gut gegangen."

"Diesmal Mel. Ihr habt viel Glück gehabt in den letzten Tagen."

Dem konnten Melissa und Hans nur noch kleinlaut zustimmen.

"Wir werden die Beiden jetzt bei der Polizei abholen, Donavan ist hinter meiner Tochter her."

Wütend schlug Jason auf den massiven Schreibtisch Chief McCarthys. Melissa, die hinter ihm stand, zuckte zusammen, dieser Mann war verdammt sauer.

"Ich sagte ausdrücklich, Sie sollten diese Kinder festsetzen. Was soll das, McCarthy?"

"Ich weiß nicht, wovon Sie reden, Herr DeRochelle. Die beiden Jugendlichen sind nicht bei mir gewesen."

"Ich weiß, dass meine Tochter Ihnen eine Mitteilung machen wollte, erzählen Sie mir nicht, sie sei nicht hier gewesen."

"Herr DeRochelle, wenn Sie sich nicht beruhigen, dann werde ich Sie aus meinem Büro entfernen lassen. Die Jugendlichen sind nicht bei mir gewesen, wenn Sie in diesem Revier waren, dann haben sie mit einem meiner Mitarbeiter gesprochen, aber ich habe keinen Bericht darüber. Sehr schön, würden Sie mich jetzt bitte arbeiten lassen."

"Ich muss jetzt nach Trivar, aber wenn ich wiederkomme, werden wir noch ein Wörtchen mit einander zu reden haben. Und wenn die beiden noch bei Ihnen auftauchen, dann halten Sie sie fest. Ist das klar?"

"Ich habe Sie verstanden, DeRochelle."

Als er wieder in den Hopper stieg murmelte er: "Ich glaub ihm kein Wort." Und an Hans gewandt: "Wollten die beiden noch woanders hin?"

"Sie haben uns nichts gesagt, aber zwischen den Linienbussen ist viel Zeit, vielleicht haben sie sich die Stadt angesehen, oder sie haben Michaels Eltern besucht, die leben auch, hier in der Stadt." Hans schlug die Tür hinter sich zu und legte den Gurt an. Melissa nahm auf der Rückbank platz.

Jason hing sich sofort an sein Telefon und erkundigte sich nach Michaels Eltern, Sekunden später hatte er Helen Hasselblad an der Strippe.

"War ihr Sohn heute bei Ihnen?" Befahl Jason kurz, ohne sich vorzustellen.

"Ja", antwortete Frau Hasselblad etwas verunsichert.

"Ich arbeite im Auftrag der Regierung, hat er erzählt, ob er vorher bei der Polizei war?"

"Michael hat wirklich erzählt, dass er von der Polizei gekommen sei, wieso? Er hat doch nichts angestellt oder?"

"Nein, hat er nicht. Vielen Dank." Er drückte die Trenntaste, bevor Frau Hasselblad noch irgendetwas erwidern konnte. Er wollte gerade wieder aus dem Hopper steigen als sein Telefon klingelte, er hatte es noch gar nicht wieder in die Tasche gesteckt.

"DeRochelle! Was?"

"Wir haben eine Nachricht von Donavan bekommen, die sollten Sie sich ansehen."

"Überspielen Sie!" Befahl er kurz und steckte das Telefon zurück in die Halterung im Hopper, sofort erwachte der Bildschirm zum Leben. "Daphne", flüsterte Melissa von der Rückbank und lehnte sich nach vorne, um besser sehen zu können.

"Lieber Jason DeRochelle,

Wie du hier siehst, habe ich dein hübsches Töchterchen. Wenn du also Wert darauf legst, sie einigermaßen vollständig wiederzusehen, solltest du auf weitere Aktionen gegen mich verzichten." Das verängstigte Mädchen schluckte, dann fuhr sie fort. "Wenn dies vorbei ist, werde ich sie dir zukommen lassen. Mit lieben Grüßen dein Donavan."

Das Bild wurde schwarz und dann vom Gesicht der jungen Frau ersetzt, welche zuvor die Drohne gestartet hatte.

"Sie sollten möglichst bald zum Flughafen kommen, Sir."

"Ich komme so schnell wie möglich, Jenny. Schicken Sie ein Team zum Polizeirevier, ich will, dass McCarthy festgenommen wird, das ist unsere undichte Stelle."

"Ist unterwegs, Sir."

Fünf Minuten später wurde der Polizeichef in Handschellen aus dem Revier geführt, befriedigt gab Jason Gas und brachte den Hopper auf Kurs zum Flughafen.

"Der alte Polizeichef, ist auf der Erde ums Leben gekommen", erklärte er geistesabwesend, Melissa beugte sich über die Rückenlehne und hing gespannt an Jasons Erklärung, die dieser beinahe unbewusst abzugeben schien.

"Das war vor einem halben Jahr und die Überprüfung ergab nichts Ungewöhnliches. Es war wirklich ein Herzinfarkt, bei einem Skiurlaub, hat uns bei seinem Körperumfang auch, nicht besonders gewundert. Seine Akte war völlig in Ordnung, noch nicht einmal verdächtig gut. Und als die Zusammenarbeit mit McCarthy einfacher wurde, hm ..."

Melissa legte ihm ihre Hand auf die Schulter und spürte seine Anspannung. "Hey, wir werden deine Tochter da rausholen, Jason." Versuchte sie ihn aufzumuntern.

"Ja, das werden wir, Mel. Das werden wir!" Entschlossen schob er den Gashebel nach vorn und beschleunigte den Hopper.

11. Kapitel Antworten