11.Kapitel: Antworten

Jason

"Lade Betriebssystem." Anacondas Stimme klang unmoduliert und metallisch.

"Lade Backup. Reinitialisiere Systeme. Systemcheck." Langsam kehrte die angenehme Melodie in Anacondas Stimme zurück.

"Rekonstruiere letzte Sekunden vor Systemausfall." Und dann mit all der Kraft, die in der mechanischen Stimme lag:

"Wachen Sie auf! Hans!" Das dunkle Flugdeck vibrierte, von der gewallt der Stimme, aber sie verfehlte ihre Wirkung nicht, benommen und mit fürchterlichen Kopfschmerzen schlug Hans seine Augen auf, sollte er jetzt nicht Tod sein?

Die Schwerkraft betrug inzwischen mehr als 0,1 g, das war die Hälfte der Schwerkraft des Mondes. War es möglich, dass sie den Trip durch die Atmosphäre überlebten, so aber doch bestimmt nicht den Aufprall auf der Oberfläche, aber Hans hatte in diesem Augenblick andere Dinge im Kopf. Einen Augenblick später erstrahlten Anacondas Scheinwerfer durch den dunklen Hangar. Hans sah sich um, Daphne hielt sich mit aller Kraft, an der Luke des Spacespeedsters und versuchte mit der anderen nach Michael zu greifen, der noch bewusstlos, wie in Zeitlupe zu Boden sackte.

"Was ist passiert?" Fragte das Mädchen, als sie entdeckte, dass sich Hans wieder aufrappelte.

"Das wüsste ich auch, gern." Er bückte sich nach Melissa und tastete nach der Halsschlagader, ihr Herz schlug und der Brustkorb hob sich in einem langsamen Atemzug, sie war ohnmächtig.

"Anaconda, was ist passiert?" Erkundigte er sich bei dem Schiff und tastete nach Jason, reflexartig griff dieser nach der Hand, die seinen Hals berührte, und schlug die Augen auf. "Was!" Er war noch nicht klar genug im Kopf um eine Frage zu stellen.

Wenn die Kopfschmerzen in Michaels Kopf ihn nicht umbrachten, dann war es bestimmt der Stich ins Herz, er schlug die Augen auf und griff nach Daphnes Hand, unbewusst. Erst dann merkte er, dass er noch am Leben war, ein sehr beruhigendes Gefühl. Michael blickte um sich. "Was ist los?"

"Ich muss Sie bitten, einzusteigen." Verlangte Anaconda. "Die Lebenshaltungssysteme in diesem Teil des Schlachtschiffes haben versagt, als ich die EMP-Rakete gezündet habe."

"Das ist doch egal", murmelte Jason, etwas benommen, aber ihm war schon bewusst, in welcher Situation sie sich befanden, und dass sie hier raus mussten, bevor sie ein zweites mal Bekanntschaft mit dem Tod machen würden. Er schob Daphne und Michael ins Innere des Speedsters und griff nach Hans, der die bewusstlose Melissa aufgehoben hatte, zusammen betraten sie das mattblaue Schiff. Die Luke schloss sich hinter ihnen.

"Öffne sofort die Schleuse und bring´ uns hier raus!" befahl Jason knapp.

"Negativ, Jason. Ich kann die Schleuse nicht öffnen, solange die Bordcomputer off-line sind. Und möchte, wenn Sie erlauben, anmerken, dass wir noch circa fünf Minuten bis zum Aufschlag haben."

"Das ist sehr beruhigend", schrie Hans das Schiff wütend an und begann in die Pilotenkanzel zu klettern.

"Ich muss Sie hiermit informieren, dass wir den Hangar nicht verlassen können, die Gase um das Schiff sind schon zu heiß."

"Dann hättest du uns aber auch, nicht mehr wecken brauchen, Anaconda." Grollte Hans und legte den Gurt an.

"Negativ. Ich sagte nicht, dass wir hier nicht herauskommen, aber Sie müssen sich zwei Minuten gedulden."

"Warum zum Teufel?" Jason war auf den Kopilotensessel geklettert, die drei anderen hatte er in die Schlafkojen gepackt.

"Meine Beschleunigungssensoren detektieren, dass dieses Schiff beim Eintritt in die Atmosphäre einen Drehimpuls erhalten hat, in 1 Minute 30 Sekunden wird sich die Schleuse in den Windschatten gedreht haben."

"Das hilft uns nicht viel weiter, wenn wir sie nicht öffnen können." Rief Daphne von unten.

"Ich kenne jetzt die Codes für die Raketen, ich werde die Tore aufsprengen, wenn ich damit meine Kompetenzen nicht überschreite, Hans?"

"Tu, was du für richtig hältst, Anaconda." Antworte Hans, ohne nachzudenken, er hatte inzwischen kapiert, dass man sich auf dieses Schiff verlassen konnte.

"Danke Hans, würden Sie bitte die Augen schließen, Sie werden sonst geblendet!"

Sekunden später schoss die erste Rakete an ihnen vorbei, gegen elektromagnetische Impulse waren diese Raketen abgeschirmt, und die brutale Gewalt, des zündenden Antriebs, hatte sie einfach aus der Verankerung des toten Kampffliegers gerissen. Anaconda schwebte einige Zentimeter über dem Deck, als die erste Rakete in der Schleuse detonierte, die Zweite folgte sogleich hinterher. Es war selbst für die starken Triebwerke Anacondas nicht leicht, sich gegen die in die dünne Atmosphäre hinausgerissene Luft zu stemmen, aber als der Druckausgleich hergestellt war, begann sich das Schiff auf das klaffende Loch zuzubewegen.

Hans schlug die Augen wieder auf, das glühende Gelbgrün der brennenden Gase schlug ihnen entgegen, aber es wurde zusehend schwächer, während sich das Schlachtschiff drehte, sie würden es tatsächlich schaffen, aus dem verdammten Schiff heraus zu kommen.

Ein grausames Kreischen schreckte die Fliehenden auf, als Anaconda die zerfetzten Ränder des Schleusentors streifte.

"Keine Schäden an der Hülle!" verkündete der Speedster lakonisch, sich mit rasch steigender Geschwindigkeit entfernend. Um sie herum, ein Korridor von brennenden Gasen, aber sie waren endlich frei.

Über die Monitore beobachteten Jason und Hans, wie das Schlachtschiff auf die gefrorene Oberfläche Alkahiras krachte. Es war kein spektakulärer Anblick. Aus dieser Höhe wirkte das Schiff nur noch wie ein Spielzeug. Als das Schiff aufprallte, riss es einen Krater ins Eis und sprang noch einmal auf, bevor es eine ganze Strecke über die weiße Oberfläche des Mondes schlitterte. Was man von oben nicht sehen konnte, war, dass die Frontpartie des Schiffes völlig zerstört war und sich eine Welle von Explosionen durch das Schiff fraß, als sich das Methaneis durch die Hitze und den im Schiff noch vorhandenen Sauerstoff entzündete.

"Es ist Zeit, dass du uns erzählst, was passiert ist!" Wandte sich Jason an Anaconda. Sie waren schon bald wieder außerhalb der Gashülle des Mondes und das Wrack unter ihnen ein dunkler Fleck im ewigen Eis.

"Der Roboter versuchte Sie zu töten, ich detektierte ihn als Quelle einer elektromagnetischen Welle, die Herzrhythmusstörungen verursacht. Ich entschied, eine der EMP-Raketen zu benutzen, um den Roboter auszuschalten. Wobei ich mich selbst natürlich auch, kurzfristig außer Betrieb setzte. Ich habe doch meine Kompetenzen nicht überschritten? Hans."

"Isumúya war ein Roboter?" fragte Hans ungläubig, ohne auf die Frage Anacondas einzugehen.

"Positiv Hans. Nach Zündung der Rakete fehlt mir nach ersten Schätzungen eine Minute, den Rest kennen Sie."

"Isumúya war ein Prototyp, der in Zukunft gefährliche Einsätze durchführen sollte. Er hat mir die Fahrstuhltüren geöffnet. Aber insgesamt war das wohl ein Reinfall!" Zürnte Jason. "Er muss für die Leute auf diesem fremden Schlachtschiff gearbeitet haben."

"Das verstehe ich nicht", meldete sich Melissa von unten, sie war schon wieder voll bei der Sache. "Wieso hat er dann auf Donavans U-Boote geschossen und Unmengen seiner Leute umgelegt, als er Hans und mich da rausgeholt hat?"

Jason überlegte eine Weile, bevor er antwortete.

"Vielleicht war es damals noch nicht seine Aufgabe euch zu töten." Er sprach leise, tief  in seine Gedanken versunken.

"Als wir bei Donavan waren, hat er auch, erzählt, dass es gefährlich werden könnte." Warf Daphne schnell ein, das war ihr in all der Aufregung fast entfallen. "Aber ich glaub' es war die mitgehörte Unterhaltung, die der Auslöser war."

Jetzt hatte Daphne die Aufmerksamkeit, die sie von ihrem Vater gerne öfter erfahren hatte. "Erzähl mir davon."

"Haben wir ja schon fast. Melissa, du warst doch dabei."

"Ja, also es hörte sich so an, als ob er Probleme mit diesem Mann hatte. Donavan wollte ihm keine weiteren Blackbirds verkaufen." Fasste Melissa knapp zusammen.

"Der Fremde drohte Donavan, dann gingen die beiden wieder."

Jason nickte. "Ich hoffe, das hilft uns weiter", murmelte er in Gedanken versunken versuchte er die neuen Informationen in das Puzzle einzubauen.

Dann meldete sich plötzlich Anaconda zu Wort: "Ich fange einen Com-Laser auf. Soll ich das Signal durchstellen, Hans?"

"Ja, sofort. Woher kommt die Nachricht?"

"Donavans zweites Schlachtschiff, beginne mit Wiedergabe: ‚Das war verflucht knapp Jason, beinah hätte ich mir Sorgen um euch gemacht. Aber lassen wir das, es gibt da ein paar Dinge, die wir jetzt klären müssen, also pass´ gut auf, ich werde diese Botschaft nicht wiederholen.

Die Blackbirds sind für die Rebellen im Bellikoos-Sektor bestimmt. Ich weiß, dass die Vereinten Planeten die amtierende Militärdiktatur unterstützen, weil sie der Meinung sind sie könnten einen Bürgerkrieg verhindern. Das ist falsch, der Bürgerkrieg ist längst ausgebrochen, das Militärregime verhindert lediglich, dass Nachrichten darüber an die Öffentlichkeit kommen. Meine Ladung wird den Rebellen einen kleinen Vorteil verschaffen, vielleicht sogar für ausgeglichene Verhältnisse im Sektor sorgen.

Dein alter Freund Donavan.‘ Ende der Aufzeichnung."

"Du kennst Donavan?"

"Ja Daphne, wir haben vor 12 Jahren zusammen für die Vereinten Planeten gearbeitet, dann war er mit einem Vorgesetzten nicht einer Meinung und hat den Dienst quittiert, vor ein paar Monaten erst haben wir erfahren, dass er hinter diesem illegalen Waffenhandel steckt." Wiederholte Jason, was er zuvor auch, schon Hans und Melissa erzählt hatte.

"Und was wirst du jetzt unternehmen?" erkundigte sich Hans.

"Ich muss feststellen ob etwas dran ist an dem, was Donavan gesagt hat und dann muss ich rausfinden, wo wir eine undichte Stelle haben. Es muss jemanden geben, der genug Einfluss hatte uns diesen Roboter unterzumogeln."

Seine Aufgaben standen fest. "Und für euch muss ich ein sicheres Plätzchen finden, wo ihr bleiben könnt, bis ich meine Untersuchung abgeschlossen habe. Ich möchte nicht, dass ihr nochmal als Druckmittel gegen mich verwendet werdet."

Des Admirals Schiffe befanden sich in einem Orbit um den Mond als Anaconda im Hangar aufsetzte, das fremde Schlachtschiff verließ das Planetensystem mit schweren Schäden auf der anderen Seite. Und Donavans verbliebenes Schlachtschiff hatte inzwischen auch, voll beschleunigt, die Rettungsaktion hatte sie viel Zeit gekostet. Inzwischen waren beide Schiffe schon außer Reichweite und nicht mehr einzuholen und Unterstützung noch Stunden entfernt, hilflos mussten sie mit ansehen, wie Donavan sich ihrem Zugriff entzog.

"Was ist da unten passiert, DeRochelle?" Der Admiral, war sichtlich wütend und fletschte sein beeindruckendes Gebiß.

"Wir hatten uns im Landebereich der Basis verschanzt, aber Donavans Shuttle ist nicht gelandet."

Dann klärte Jason den Admiral über die Vorfälle auf dem Schlachtschiff auf. Sein Unmut wechselte bald mit Erstaunen, als er von dem Mordversuch erfuhr. "Haben Sie eine Ahnung, was dahinter stecken könnte?"

"Es wäre möglich, dass wir hier einer bisher unbekannten Partei in die Quere gekommen sind, die Interesse daran haben muss Donavan auszuschalten aber gleichzeitig nicht will, dass sie enttarnt wird. Admiral"

"Das hört sich verworren an." Gab der Nywel zu.

"Ich glaub' auch, nicht, dass Donavan uns den Roboter untergemogelt hat, er kann unmöglich Verbindungen zu den Vereinten Planeten haben"

Das Admiral imitierte eine menschliche Geste, indem er nickte. Dem war im Augenblick nichts hinzuzufügen, alles Weitere würde im Bericht stehen. Hans fiel aber auf, dass Jason nichts von Donavans Nachricht erwähnt hatte. Er würde schon seine Gründe haben, wahrscheinlich musste er erst einmal selbst herausfinden, wie die Verknüpfungen zwischen den Vereinten Planeten und Bellikoos aussahen, bevor er das alles publik machte.

Die drei Schiffe machten sich auf den Weg zum Planeten Trivar, es gab hier nichts mehr zu tun, sie hatten diese Schlacht verloren. Man würde später noch Experten schicken, die sich das Wrack auf Alkahira ansehen würden, aber es war da nicht mehr viel Sehenswertes übrig geblieben. Mit etwas Glück war es vielleicht möglich die Überreste des Roboters zu rekonstruieren und etwas über seine Herkunft zu erfahren, aber das stand erst einmal auf einem anderen Blatt.

13. Kapitel: Neue Ziele