21.Kapitel: Unter Rebellen

Im Krieg

Sie kannten den Planeten, auf dem sie festsaßen. Das machte es leicht, anhand der jetzt bekannten Sternenkonstellationen, die eigene Position auf diesem Felsen festzustellen. Das Ergebnis war ernüchternd, fünfhundert Kilometer, das war nicht viel, im Vergleich mit den tausenden Quadratkilometern, die ihr Planet umfasste. Aber verglichen mit dem was Menschen in einer kalten Eiswüste schaffen konnten war es unmöglich, ohne ausreichende Nahrung, geschweige denn die nötige Ausrüstung gegen die Kälte und die natürlichen Hindernisse, die sich ihnen in den Weg stellen würden. Es war eine gewaltige Strecke.

"Mit einem Hopper könnten wir das in zwei Stunden schaffen," seufzte Daphne leise und rieb sich die kalte Wange, sie würde Erfrierungen bekommen, wenn sie ihr Gesicht noch länger gegen den kalten Wind hielt. Das Mädchen drehte sich rasch zu Michael um, der gerade zum dritten mal die Karte mit den Sternbildern verglich. Als ob da noch ein paar Kilometer rauszuholen wären. Aber das war Blödsinn, sie würden hier nicht wegkommen. Sie hatten sich umsonst Hoffnungen gemacht, und die Guerilleros würden sie wahrscheinlich lynchen, wenn sie erfuhren, dass sie sich völlig umsonst auf einen Waffenstillstand mit den Freiheitskämpfern eingelassen hatten.

"Und mit einem Shuttle in weniger als einer Halben." Sagte Denzel in die Stille, die eingetreten war, durchschnitten nur von den Windböen, die über den kalten Felsen kratzten.

"Das ist nicht dein ernst?" rief Callista dazwischen.

"Und ob. Wenn das nächste Shuttle landet, können wir zuschlagen." Es klang sehr entschlossen. "Wir sind mehr als genug hier, selbst gegen die Strahlenwaffen. Wir müssen nur etwas Überzeugungsarbeit leisten."

Daphne zuckte heimlich die Schultern, na das sollte dann doch wohl auch, kein Problem mehr sein, so weit wie sie schon gekommen waren mit den beiden verfeindeten Gruppen. Das Mädchen hatte sowieso schon den Eindruck, dass Denzel mit den beiden ohnehin bald machen konnte, was er wollte. Sie wehrten sich zwar stets mit Händen und Füßen, aber letztendlich hatten sie seinen Argumenten immer nachgeben müssen.

"Das ist ein Selbstmordkommando," fauchte Gudrun dann auch, als sie sich am späten Vormittag des nächsten Tages wieder trafen. Aber sie schien dem Plan nicht grundsätzlich abgeneigt zu sein, immerhin hatten sie hier nichts zu verlieren, höchstens ein paar weitere kalte Tage. Wer würde das nicht gegen etwas Abwechslung eintauschen wollen.

"Wir haben keine Waffen." Warf Hagen ein, aber auch, das war kein Argument gegen das Vorhaben, nur eine Anregung zur Diskussion.

Das Klima hatte sich mit Denzels letztem Vorschlag dramatisch geändert. Zum ersten mal gab es in dieser Einöde einen gemeinsamen Feind, gegen den sie mit vereinten Kräften vorgehen mussten. Das war es, was diese Leute brauchten. Nur darüber konnten sie, wie es schien, ihre persönlichen Differenzen wirklich vergessen. Die Männer und Frauen waren das Kämpfen gewohnt. Gudrun und Hagen hatten die Erfahrung ihre Leute auch, in aussichtslosen Gefechten sicher zu führen. Gefangene wurden nur von gut einem dutzend Wachen begleitet und der einzige Grund, warum bisher noch nichts passiert war, war, dass es bis jetzt auch, noch nie ein Ziel für einen solchen Versuch gegeben hatte.

"Ich bin einverstanden!" Stimmte Gudrun schließlich dem Plan zu und auch, Hagen nickte. Sie zwei würden mit Denzel zusammen die weiteren Schritte planen und darauf achten, dass niemand übervorteilt wurde. Sie würden sich schon irgendwie zusammenraufen.

Es wurde auch, kurz diskutiert, ob man mit dem gekaperten Raumschiff nicht gleich zur Lagrangestation fliegen sollte, aber man entschied sich dagegen, immerhin befand sich zur selben Zeit auch, ein Schlachtschiff im Orbit. Die Chance dem zu entkommen war ohnehin nicht die größte, aber dicht über dem Boden konnten sie dem Radar vielleicht lange genug entgehen, um die Sonde zu starten. Was danach mit ihnen passieren würde, konnte natürlich niemand sagen.

"Wir müssten das Shuttle nach der Landung in den Weltraum schicken", schlug Daphne schließlich vor. "Dann halten sie das für einen normalen Fluchtversuch. Sie schießen das Shuttle ab, dann haben wir wieder unsere Ruhe."

Der Vorschlag wurde mehrheitlich angenommen, das könnte sogar klappen.

"Gut," schloss Denzel schließlich die dritte Konferenzrunde. "Dann brauchen wir uns nur noch eine Taktik überlegen und uns auf die Lauer legen."

Niemand konnte sagen, wann die nächsten Gefangenen hierher gebracht werden würden, es könnte Tage oder gar Wochen dauern. So war jedenfalls zu erfahren, dass die Zeiträume zwischen zwei Einlieferungen bisher immer zwischen fünf Tagen und zwei Wochen gelegen hatten. Wenn man davon ausging, dass Eglis Truppen dieses Tempo aufrecht erhielten, dann müsste das Lager in ein paar Monaten überfüllt sein. Und es hieß auch, dass sie nicht allzu lange auf ihre Chance würden warten müssen.

Dann begann das Warten. Aus den Planken wurden Knüppel und Speere gemacht. Mehr schlecht als Recht, aber tödlich nichtsdestotrotz. Man stellte Wachen auf, die die Umgebung des Lagers überblickten. Die Shuttle landeten immer an fast derselben Stelle, in einer Ebene, die gut überschaut werden konnte, aber sie bot keinen Raum für einen Hinterhalt, man würde warten müssen, bis die Soldaten ins Lager kamen, dort war die Situation eine andere.

Zwischen den Baracken konnte man sich leicht verstecken und mit alten Planen und Paletten wurden bald zusätzliche Verstecke geschaffen, das war noch nicht einmal besonders auffällig und selbst wenn Verdacht geschöpft werden sollte. Wenn die Angreifer nur schnell genug waren, musste es dann schon zu spät sein.

Man hatte auch, beschlossen, dass Daphne mitkommen musste, wenn sie es wirklich schaffen sollten, das Shuttle in ihre Gewalt zu bringen. Sie war schließlich die Computerspezialisten. Aber Daphne bestand auch, darauf, dass Michael mitkommen sollte. Wenn sie die Raffinerie erreichten, würden sie nicht zurückkommen, dann wollte sie doch wenigstens mit ihrem Freund zusammen sein und hoffen, dass die Rettung kam, bevor ihnen die wenigen Vorräte ausgingen, die sei mitnehmen konnten. Michael stimmt dem Mädchen zu, er würde sie unter keinen Umständen allein lassen, nicht nach all dem, was sie durchgemacht hatten.

Am nächsten Morgen wurden Hans und Melissa früh von ihrem Gastgeber geweckt und nach einem guten gemeinsamen Frühstück zeigte Felix ihnen den Weg zu den Rebellen. Ellie gab Melissa einen von ihren Schleiern. Es war für sie ungewohnt, die Welt nur durch den schmalen Schlitz für die Augen zu sehen, es schränkte das Gesichtsfeld ein, aber sie gewöhnte sich daran, oder musste es zumindest, wenn sie sich hier einigermaßen frei bewegen wollte. Eine komische Gesellschaft war ihr das.

Sie redeten nicht mehr über den gestrigen Abend und das schien Felix und Ellie auch, ganz recht zu sein, mit ihrem Kummer mussten sie allein fertig werden. Früher oder später, wenn dieser Krieg vorbei war, konnten sie das Haus wieder aufbauen und vielleicht nochmal von vorn anfangen. Sie würden diese schwere Zeit nicht vergessen. Es würden wieder bessere Zeiten kommen.

Sie erreichten den Unterschlupf nach nur einer halben Stunde, es war ganz anders, als Melissa sich das vorgestellt hatte. Sie war sich nicht sicher, was sie erwartet hatte, aber doch sicher kein Herrenhaus mit breitem Treppenaufgang und hohen Fenstern.

"Das war mal unser Rathaus", erklärte Felix. "Kommt mit. Wir werden sehen, ob sie uns empfangen wollen."

Hans und Melissa folgten ihm die Treppen hinauf. In den dicken Wänden steckten überall Splitter von Granaten und Bomben, die die dicken Wände aber nicht hatten durchdringen können. Einige Fenster waren zerbrochen und mit Folien abgeklebt aber sonst schien die Substanz des Hauses noch ziemlich intakt zu sein.

Hinter dem breiten Portal wurden sie von einer Gruppe schwer bewaffneter Soldaten empfangen, gemein aussehende Individuen, die schon so manchen Einsatz überlebt hatten.

"Was wollt ihr?" fragte einer von ihnen, während die anderen anlegten, man konnte nie vorsichtig genug sein.

"Meine Freunde hier haben wichtige Informationen."

"Die wären?" er wandte sich an Hans, und die Kanonen folgten seinen Blicken.

"Roscher wird in etwa drei Wochen seine Offensive gegen die Rebellen starten und er hat Zugang zu hoch entwickelten Waffen," brummte Hans tiefe Stimme, das war schon fast alles, was sie wussten. Aber er würde es dem Boss doch lieber selbst sagen, dieser Herstead musste dann schließlich entscheiden, was zu tun war.

"Ja, das könnte wichtig sein," er machte noch einen Schritt auf Hans zu und seine Leute zielten noch etwas eindringlicher. "Es könnte auch, eine Falle sein."

"Entscheiden Sie das?" entgegnete Hans, die Konfrontation mit Anubis hatte ihm mehr Angst gemacht. Dieser Soldat würde da mit seinen Leuten noch etwas üben müssen.

"Folge mir!" Befahl der Anführer der Wachen, sofort schloss sich der Kreis hinter ihnen. Es blieb gar keine andere Wahl, als zu folgen, nur Felix blieb zurück. An ihm hatten sie kein Interesse.

Melissa und Hans wurden eine Treppe hinunter geführt bis in die Kellergewölbe des Rathauses, sehr weitläufige Kellergewölbe, die schon seit langer Zeit zu stabilen Bunkern ausgebaut worden waren. Demnach waren sie hier wirklich im Herz des Widerstands, der schon vor geraumer Zeit vorbereitet worden war. In den Monaten, die der Bürgerkrieg jetzt tobte, konnte man so einen Keller nicht bauen.

Schließlich mussten sie noch einen Scanner passieren, der sie computertomografisch durchleuchtete und feststellte, dass sie nicht bewaffnet waren und auch, keine Bomben am oder im Körper trugen, dann wurden sie weitergeführt. An einigen schweren Stahltüren vorbei, bis sie schließlich an einer davon anhielten.

"Halt!" befahl der Anführer, aber da standen sie bereits. Noch immer waren die entsicherten Waffen auf sie gerichtet, und Melissa wurde langsam nervös aber sie traute sich nicht was zu sagen, man würde sie ja doch nur ignorieren. Das war ihr aber gerade jetzt genau genommen auch, sehr recht.

Der Wächter klopfte kurz an und trat dann ein, als er von einer durch den Stahl stark gedämpften Stimme darum gebeten wurde. Melissa und Hans mussten draußen warten, aber schließlich ging die Tür wieder auf und man schob sie mit sanfter Gewalt in den Raum. Melissa erkannte den Mann sofort wieder, es war derjenige, den Donavan in Barcelona III getroffen hatte, der zweite Mann, der sich in seinem Sessel zu ihnen umdrehte, war Donavan selbst. Melissa blieb fast das Herz stehen, als sie in seine kalten Augen blickte und daran dachte, wie er sie an Bord seines Schiffes gequält hatte. Jetzt war sie erst richtig froh, dass er ihr Gesicht nicht sehen konnte. Ja, sie hatte gewusst, dass sie ihn wiedersehen würde, aber sie hatte nicht geahnt, welche Emotionen das in ihr hervorrufen musste.

"Welch eine Überraschung." Sagte die kalte Stimme des Mannes. "Hätte nicht gedacht, dich wiederzusehen. Hans, wenn ich mich recht entsinne. Und das muss wohl deine kleine Freundin sein." Er zog ihr brutal den Schleier vom Gesicht. "Ja. wusst' ich's doch. Melissa!"

Dann wandte er sich an den Mann, der hinter dem großen Schreibtisch aufgestanden war, vor ihm lagen einige Karten, die aber gerade schwarz geschaltet waren, damit die Gäste nicht sehen konnten, was gerade besprochen worden war.

"Darf ich Vorstellen," höhnte Donavan weiter. "Das ist Ulrich Herstead. Ulrich, das sind Melissa und Hans. Mischen sich mit Vergnügen in anderer Leute Angelegenheiten."

Herstead nickte. "Genug jetzt Donavan. Ich glaube du hast dich ausreichend profiliert." Dann wandte er sich an seine Soldaten. "Danke. Sie können zurück auf ihren Posten."

Herstead war ein großer Mann von kräftiger Statur, er trug eine weiße Uniform mit silbernen Knöpfen aber außer seinen Rangabzeichen auf den Schultern trug er keinen Schmuck wie Orden oder so was. Solcher Mumpitz war, was für Leute die das nötig hatten. Er musste ein paar Jahre älter sein als Hans, bald sechzig möglicherweise, sein Gesicht zeigte die ersten tiefen Falten, was seinem kantigen Gesicht aber nur mehr Härte verlieh und es nicht alt machte. Seine Haare waren schwarz ohne eine einzige graue Strähne und sehr kurz geschnitten.

Er musterte seine Gäste eindringlich, bevor er ihnen die freien Sessel anbot, die die Möblierung in dem spartanischen Büro vervollständigten. "Sie sind gekommen, wie man mir sagte, weil Sie mir etwas mitzuteilen hätten."

"Ja," erwiderte Hans, ohne zu zögern. "Wir haben mitbekommen, dass Roscher in einem Monat, nein inzwischen sind es nur noch drei Wochen, gegen die Rebellen vorrücken will. Wir dachten uns, dass Sie das interessieren würde."

"In der Tat. Woher wissen Sie das?"

"Melissa hier hat gehört, wie einer seiner Offiziere damit gedroht hat."

"Aha." Er sah der Frau tief in die Augen. "Und was haben Sie gehört?"

"Ich habe ..." Begann Melissa eingeschüchtert von der Autorität. "Er hat gesagt, Roscher würde in einem Monat die Rebellen platt machen." Brachte sie dann aber doch noch hervor.

"Das nenne ich ziemlich deutlich." Er wandte sich an Donavan. "Du hast so was auch, schon befürchtet, nicht wahr?"

"Ja, Herstead. Aber ich hätte nicht gedacht, dass das so schnell gehen würde."

"Ich glaube, Sie wissen dann auch, schon," fuhr Hans fort, "das Roscher Blackbirds von Potea bekommt."

"Wir hatten noch keine Beweise dafür, aber wir haben das in unseren Szenarios eingeplant."

"Wir sind uns ziemlich sicher, dass es die entsprechenden Verbindungen gibt. Die TransMEC ist der Hersteller der Blackbirds und könnte sie auch, an Roscher verkaufen," erläuterte Hans weiter.

Herstead lehnte sich in seinem Sessel zurück und schien eine Weile zu überlegen. "Es ist gut jetzt Gewissheit zuhaben, wir können unsere Planungen danach ausrichten." Verkündete er schließlich. Die Informationen waren keine weltbewegenden Neuigkeiten aber sie brachten doch etwas Sicherheit in eine Strategie, in der bisher nur Vermutungen vorgeherrscht hatten.

"Sie verstehen sicherlich, dass ich Sie nach dem was Sie hier gesehen haben nicht mehr gehen lassen kann, nicht wahr?" wandte sich Herstead schließlich wieder an seine Gäste. Hans nickte, das war zu erwarten gewesen.

"Ihre Informationen werden hilfreich sein."

Dann berührte er die Karte, die zuoberst auf dem Tisch lag, sofort war wieder eine Darstellung Santiagos zu sehen mit einer ganzen Reihe von roten und blauen Punkten und den Grenzen zwischen den Territorien, die Hans ansatzweise wiedererkannte.

"Ist das eine gute Idee?" wollte Donavan wissen.

"Das ist meine Entscheidung. Donavan. Die beiden sind große Risiken eingegangen, um uns diese Nachrichten zu bringen. Wenn du damit nicht einverstanden bist, steht es dir frei zu gehen."

Donavan lehnte sich in seinem Sessel zurück und funkelte wütend mit den Augen, er war es offenbar nicht gewohnt, sich so zurechtweisen zu lassen. "Ich vertraue den beiden nicht."

"Und ich vertraue dir nicht. Dann seid ihr quitt," gab Herstead scharf zurück, Hans sah ihm an, dass er keine große Lust hatte, mit diesem vorlauten Waffenschieber über seine Handlungsweise zu diskutieren. "Unter diesen Voraussetzungen müssen wir vor Roscher in die Offensive gehen, sonst verlieren wir unseren Vorteil." Er machte eine kurze Pause um sich zu vergewissern, dass er wieder Donavans Aufmerksamkeit hatte.

"Wie groß ist die Schlagkraft unserer Blackbirds?"

"Blackbirds sind in erster Linie schnell und wendig. 12 Raketen oder 10 Raketen und zwei 15mm Geschütze, aber die Geschütze helfen nur gegen andere Flugzeuge, bei Großkampfschiffen sind die wirkungslos. Eine Möglichkeit wäre noch eine oder mehrere der Tripelhalterungen gegen Torpedowerfer auszutauschen. Dann müssten die Blackbirds immer wieder zu Basis zurück, um nachzuladen." Er wandte sich an Hans. "Für ein Kampfschiff braucht man häufig mehr als sieben Torpedos, ganz zu schweigen von denen die abgefangen werden." Dann drehte er sich wieder zu Herstead um. "Ich weiß wirklich nicht, wieso die das alles mit anhören müssen."

"Genug Donavan. Du bist auch, nicht unbedingt nötig, um diesen Krieg zu gewinnen. Ich erfahre nur gern aus erster Hand, was meine Waffen taugen. In zehn Minuten werde ich meinen Stab zusammenrufen, um die neue Situation zu erklären. Ich will dich und diese beiden mit dabei haben." Er machte eine dramatische Pause, um die Wirkung seiner Worte auf Donavan einschätzen zu können und dem folgenden etwas mehr Gewicht zu verleihen. "Ich erwarte von dir, dass du deine Kommentare unterlässt."

Er stand auf und berührte einen Sensor am Rand der Arbeitsfläche. Wenige Augenblicke später standen zwei Soldaten in der Tür, mit Gewehren in Bereitschaft. "Sie wünschen, Sir?"

"Obergefreiter Jens. Sie werden unseren beiden Gästen ein Zimmer herrichten lassen," befahl er kurz.

"Jawohl! Sir", antwortete der Angesprochene reflexartig.

Als die beiden wieder gegangen waren, führte Herstead sie in den großen Konferenzsaal. Wie in einem Kino war hier Platz für bis zu hundert Menschen, die von den ansteigenden Ebenen eine gute Sicht auf den Wandschirm hatten, vor dem ein schmales Pult stand. Die Ränge waren gerade mal zur Hälfte gefüllt aber jeder einzelne der anwesenden Offiziere sah dafür ziemlich wichtig aus.

So wie Hans die Leute einschätzte, als er hinter Herstead den schmalen Gang zwischen ihnen durchschritt, mussten das die Vertreter der einzelnen Waffengattungen sein und je tiefer sie kamen, desto bedeutender wurden die Rangabzeichen. In der ersten Reihe saßen dann auch, nur noch die Generäle die Herstead direkt unterstanden. Etwas abseits stand ein weiterer Tisch, an dem zwei Soldaten gerade ein paar zusätzliche Stühle platzierten. Kurz wies Herstead seine Gäste an, dort Platz zu nehmen. Dann stieg er die Stufe zu seinem Pult hinauf und begann damit, seinen Streitkräften die neue Situation zu erläutern.

"Unsere Befürchtungen haben sich wiedereinmal bestätigt," hob er an. "Roscher wird demnach bald über die Blackbird-Technologie verfügen. Das macht es für uns unerlässlich sofort mit unserer Offensive zu beginnen."

Sogleich erhob sich Protest unter den anwesenden Offizieren. Aber Herstead winkte ab. "Ich will nicht hören, dass wir noch nicht bereit sind. Was ich von Ihnen erfahren will ist, wie wir es trotzdem schaffen können!"

Das warten war das schlimmste, wie immer. Vor allem jetzt, wo Michael und Daphne wirklich nichts mehr zu tun hatten als zu warten. Warten, dass ein Shuttle eintraf. Warten, dass man die Besatzung überwältigen konnte.

Der erste Tag schleppte sich dahin.

Daphne lag auf ihrem Bett, die hinter dem Kopf verschränkt und die Ellenbogen zur Decke, keine sehr bequeme Haltung, aber so musste sie sich wenigstens nicht all das Elend um sich herum ansehen. Wie sehr wünschte sie sich in diesen Momenten zu Hause in ihrem eigenen Zimmer zu sein, wo sie ihre Privatsphäre hatte. Hier war alles öffentlich, ganz egal ob man pinkeln musste oder krank war, in diesen Hallen lebten und starben die Menschen. Daphne versuchte nicht loszuheulen, das brachte sowieso keine Erleichterung, und vor den Anderen wollte sie sich auch, keine Blöße geben.

Sie fühlte sich schlecht, der Magen tat ihr weh, das musste an diesen trockenen Riegeln liegen, und auch, das abgestandene Wasser tat auch, nicht grade zum eigenen Wohlbefinden bei. Sie hoffte nur, dass sie nicht krank wurde, denn einen richtigen Arzt gab es hier nicht, bestenfalls ein paar Laien und keinerlei medizinische Versorgung. Sie versuchte nicht daran zu denken aber das war nicht so leicht, wenn das Ziehen im Bauch, nicht aufhören wollte. Und es gab auch, wenig Alternativen in dieser Umgebung woran sollte man schon denken, wenn es keine Stimuli gab.

"Was ist?" erkundigte sich Michael besorgt, aber Daphne schaute nicht zu ihm rüber, sie wollte sich nicht unterhalten.

"Nichts", log das Mädchen, ein wenig zu unfreundlich. "Lass mich einfach …" zufrieden, in Ruhe. Sie brachte den Satz nicht zu Ende, sie wusste sehr gut, dass das falsch war. "Entschuldige Michael. Ich kann einfach nicht mehr."

"Ja, schon gut." Er war ihr nicht böse. "Ich geh' dann mal spazieren."

Sie lauschte, wie sich seine Schritte entfernten und war ihm dankbar, sie musste allein sein, etwas Zeit für sich haben, sich über Dinge klar werden. Sie wusste nicht warum. Es war einfach die Situation, in der sie sich befanden. Es war so schrecklich anders, als alles was sie jemals erlebt hatte.

Und sie fragte sich, ob sie hier sterben würde. Selbst überrascht von dem Gedanken ließ sie die Ellenbogen sinken und starrte gegen die Decke, das war zum ersten mal eine reelle Möglichkeit, sie konnten hier im Lager wirklich sterben. War das wirklich so schlimm? Für ihre Mutter ja. Für ihren Vater, ganz ehrlich, sie hatte keine Ahnung aber sie ging schon davon aus. Michael, ja er würde bestimmt trauern. Und was war mit ihr selbst, es ging doch nicht um die anderen, es war ihr Leben. "Was bedeutet das für mich?" Formulierte Sie wortlos ohne die Lippen zu bewegen, und sie spürte, wie sie ihren Glauben in Frage zu stellen begann.

Sie konnte die Frage nicht beantworten, es bedeutete nichts. Danach würde nichts kommen, kein Paradies, auch, keine Wiedergeburt oder was sich die Menschen auch, immer ausgedacht hatten, aber darum ging es auch, gar nicht. Es bedeutete nichts. Der Sinn ihres Lebens bestand nur in dem, was sie hineinlegte, sonst war da nichts weiter. Sie zog die Mundwinkel hoch, das konnte selbstverständlich alles oder nichts bedeuten, das lag an ihr. Es war ein gutes Gefühl das zu erkennen. Sie war es, die es in der Hand hatte, was ihr Leben bedeuten würde. Sie allein, sie war allein. Ihr Leben ihr Sinn. Es war komisch, aber sie fühlte sich plötzlich auf eine seltsame Art befreit.

Es war ein altes Zitat, dass man den Körper einsperren konnte, aber nicht den Geist. "Meinen Körper könnt ihr fesseln aber nicht meinen Geist." In diesem Gefängnis erkannte sie die Bedeutung und mehr noch, die Erkenntnis erstreckte sich auch, auf ihre Behinderung. Jetzt konnte sie die Tränen nicht mehr zurückhalten, aber es waren keine Tränen der Trauer. Daphne erkannte nur, dass sie einen sinnlosen Kampf geführt hatte, gegen sich selbst.

Dann musste sie sich auf die Seite drehen und schaffte es grade noch den Nachttopf unter dem Bett hervorzuziehen, bevor sie sich übergeben musste. Doch, es wäre wirklich schade, wenn sie hier sterben würde, sie konnte noch so viel erreichen in ihrem Leben. Und gerade mit der neu gewonnenen Freiheit.

Es war vielleicht nur ein kurzes Gefühl, eine Emotion, aber es half, wenigsten für eine gewisse Zeit und später würde sie sich immer an diese Gedanken erinnern können. Mit etwas Wasser spülte sie den komischen Geschmack im Mund runter und wischte sich dann die Augen wieder trocken, es würde wieder besser werden, es musste einfach.

"Sagst du mir jetzt, was los ist?"

Michael war wieder da, sie hatte ganz die Zeit vergessen. "Mir ist schlecht." Gab sie zu, sie wollte nicht über die anderen Sachen reden. Nicht jetzt und nicht hier.

"Bist du krank?" Erkundigte sich Michael besorgt.

Daphne setzte sich auf. "Hoffentlich nicht."

"Das hoffe ich aber auch. Hier sollte man sich besser nichts einfangen."

"Kann man sich wohl nicht immer aussuchen."

"Nein, leider nicht."

Sie lächelte gezwungen, sein Mittleid wollte sie nicht. Aber dann lächelten auch, ihre Augen, es war schön Michael in der Nähe zu haben und so schlimm war etwas Mittleid schließlich auch, nicht. "Komm, setzt dich zu mir. Meine Finger frieren mir gleich ab."

Michael tat wie ihm geheißen, Daphne umarmte ihn fest und steckte ihre klammen Finger tief unter sein Hemd, Michael legte seine Hände über die ihren. "Ja, ganz kalt." Sagte er leise und hielt sie fest, bis sie wieder warm geworden waren und noch länger.

Am Nachmittag fühlte sich Daphne schon wieder viel besser, vielleicht war es für ihren Körper nur ungewohnt lediglich einmal am Tag eine Mahlzeit zu bekommen, die zudem auch, stark an Presspappe erinnerte. Nun, wenn das alles war, dann würde sie sich dran gewöhnen müssen.

Aber die Übelkeit kehrte am nächsten Tag wieder, dieser Tag war aber nicht wie der gestrige, es blieb keine Zeit zum Nachdenken, welch ein Glück. Es war noch früher Vormittag, als sie die Triebwerke eines Shuttles aus der Ferne kommen hörten. Es ging also los, ihre einzige Chance jemandem von ihrer verzweifelten Situation zu unterrichten.

Michael und Daphne mussten Warten, bis die Besatzung überwältigt war.

Daphne ging es nicht eben besser bei dem Gedanken, dass man die Besatzung des Raumschiffes töten würde, wenn man versuchte sie zu überwältigen. Sie versuchte sich zu beruhigen, indem sie sich einredete, dass diese Leute sie auf diesem Planeten auch, ohne weitere Gewissensbisse verrecken lassen würden, aber auch, das verschaffte ihr keine Erleichterung. Es war einfach nicht richtig, Menschen sollten einander einfach nicht umbringen. Aber was konnte Sie schon dagegen unternehmen, nichts! Sie befanden sich im Krieg und Menschen starben im Krieg, das war kein Trost, und es machte das Sterben nicht leichter. Sie wünschte sich nur noch dies alles schnell hinter sich zu bringen und zurückzukehren nach Gantor, nach Hause, wo sie sich geborgen und sicher fühlte. Es war so einfach all dies in den Nachrichten zu sehen, selbst mittendrin zu stecken war etwas völlig anderes.

Es musste eine Ewigkeit vergangen sein, als sich schließlich Stimmen von draußen näherten, eine von ihnen kam Daphne ungewöhnlich bekannt vor. Es war der hohe Singsang eines Nywels.

"Anubis?" riet Daphne aufs Geratewohl, als das Nywel in die Hütte trat. Diese behaarten Wesen waren verdammt schwer, auseinander zu halten.

"Kommt. Wir werden keine Zeit verlieren," befahl Anubis. Es wär' ja auch, zu viel verlangt von einem Nywel der Kriegerkaste eine Reaktion zu erwarten, die Wiedersehensfreude auch, nur entfernt zu vergleichen gewesen wäre. Das Nywel hob das behinderte Mädchen aus dem Bett und verließ mit ihr, schnellen Schrittes, das schummrige Innere des Verschlages. Michael folgte ihnen in respektvollem Abstand.

"Nadja, wie kommst du hierher?"

Die Schmugglerin stand mit ihrer Gruppe von fünf Nywel und ihrem Navigator Liam, umringt von den anderen Gefangenen. Nicht nur wegen den Nywel, die hier ein sehr seltener Anblick waren. Vor allem schien es darum zu gehen mit den eigenen Taten in der kurzen Auseinandersetzung zu prahlen.

"Wie ihr, vermute ich mal", antwortete die Schmugglerin an Daphne gewandt, aber die Erklärung, die sie abgab, war genauso für all die anderen Anwesenden bestimmt. Ihr warmer Atem machte feine Wolken, die sich in der kalten Luft schnell auflösten. "Mein Schiff haben sie an der Raumstation von Santiago konfisziert. Gegen die Übermacht hatten wir keine Chance." Dann wechselte sie schnell das Thema. "Jetzt kommt aber, Denzel hat mir von diesem Plan erzählt, wir sollten nicht zu viel Zeit verschwenden."

"Die Nywel haben nicht schlecht zugepackt, als sie unseren Hinterhalt bemerkt haben," fiel Denzel anerkennend ein, während sie schon auf dem Weg zum Shuttle waren. Genau genommen wollte Daphne das gar nicht so detailliert wissen, es war schon schlimm genug sich von einem Nywel tragen lassen zu müssen.

Ihr wurde fast schlecht, als sie die roten Blutspuren im Schnee zwischen den Baracken sah, dieselben Krallen, die sie jetzt trugen, hatten das angerichtet. Die Leichen waren schon beiseite geschafft worden, man würde sie irgendwo in der Kälte liegen lassen, vergraben war im Permafrostboden nicht möglich. Ihr schauderte bei dem Gedanken, aber sie konnte sich nicht dagegen wehren. Ihre Fantasie schien sich förmlich selbstständig zu machen.

Schließlich erreichten sie das Shuttle. Daphne musste sich die Hand vor den Mund pressen, um sich nicht übergeben zu müssen. Vor dem Shuttle lagen die beiden Piloten, sie waren wirklich grausam zugerichtet. Schnell wandte Daphne sich ab, das war einfach zu viel für sie.

Man hatte sich überraschend schnell geeinigt, dass auch, zwei der Nywel mitfliegen sollten. Abgesehen davon, dass man einem Zähne fletschenden Nywel keinen Wunsch abschlagen konnte, lag das aber auch, daran, dass man von ihrer Beteiligung an dem Überfall, stark beeindruckt gewesen war. Es könnte aber auch, daran gelegen haben, dass man stillschweigend darüber einig war, nicht allzu viele Nywel auf einem Haufen im Lager zu haben. Was auch, immer die wirklichen Gründe waren, es war nicht wichtig, solange die Nywel ihren Willen durchsetzten.

Anubis setzte Daphne unsanft in die Passagierkabine, dann bestieg er zusammen mit Geb die Pilotenkanzel, außerdem musste jeweils ein Vertreter der Befreiungsarmee und der Guerillero dabei sein und Denzel stieg auch, noch mit ein. Dann verstauten sie noch einen Sack mit Nahrungsmitteln und die Wasserrationen die entbehrt werden konnten. Das würde bei sieben Personen niemals für eine ganze Woche reichen und so lange würden sie bestimmt warten müssen. Ihre einzige Hoffnung war, dass es auch, in der verlassenen Station noch genießbare Konserven gab. Wenn nicht, dann würden sie ein paar Tage hungern müssen, bis endlich Hilfe eintraf. Das konnten sie sicher aushalten, aber was war, wenn keine Hilfe kam, besser gar nicht drüber nachdenken. Daphne rückte sich in ihrem Sitz zurecht und schloss den Gurt, immer eins nach dem anderen, sie hatten noch mehr als genug zu tun.

Vorsichtig beäugte Michael die beiden Bodyguards, den Guerillero und den Soldaten der Befreiungsarmee. Man hatte sich nicht die Mühe gemacht sie in der Eile vorzustellen, aber dafür hatten sie ja auch, noch viel Zeit, die sie miteinander verbringen wollten. Im Moment war sich Michael nicht sicher, dass er diese grobschlächtigen Gestalten wirklich näher kennen lernen wollte. Beide waren groß und muskulös, was man selbst noch durch die dicken Felle, die sie über ihren zerrissenen Uniformen trugen noch deutlich sehen konnte. Ganz ohne Zweifel waren das keine Diplomaten, sondern Haudegen, die anpacken würden, wenn's darauf ankam. Und beide waren hier, um die Interessen ihrer Gruppe durchzusetzen. Mit Gewalt, wenn nötig. Außerdem sahen die Beiden nicht so aus, als könnten sie sich gegenseitig besonders gut leiden, früher oder später würde dieser Hass offen ausbrechen.

Die zwei Nywel holten das Letzte aus dem Landegleiter, sodass sie die Raffinerie schon nach zwanzig Minuten am Horizont auftauchen sahen. Es war ein großer Komplex aus Rohren und Zylindern, die nur einem einzigen Zweck dienten, nämlich Wasserstoff aus dem Eis des Planeten zu gewinnen. Seit über siebzig Jahren hatte diese Anlage kein Mensch mehr betreten, aber man sollte eigentlich erwarten können, dass die Systeme das in diesem Klima einigermaßen unbeschadet überstanden hatten. Es machte ohnehin keinen Sinn, sich darüber Gedanken zu machen, das Shuttle musste schleunigst wieder in den Weltraum geschossen werden. Und dann waren sie ohnehin hier gestrandet.

Sie landeten vor zwei von Reif bedeckten Containern, die am ehesten den Eindruck machten, als ob man hier hereinkommen würde, all die Anlagen, die sie überflogen hatten, waren nur für die Wasserstoffgewinnung von Bedeutung. Schnell luden sie ihre dürftigen Vorräte aus und Anubis schickte das Shuttle auf den vorprogrammierten Kurs, der dem im Orbit wartenden Schlachtschiff eine verzweifelte und hoffnungslose Flucht vorgaukeln würde. Und sollte man sich wirklich die Mühe machen, das Shuttle einzufangen, dann würde es einfach explodieren.

Während des kurzen Fluges hatte Geb die Sicherungen der Triebwerkskontrolle mit dem Radar kurzgeschlossen, kam dem Shuttle jetzt irgendetwas zu nahe, dann würden die Triebwerke überhitzen, bis die Reaktoren der Belastung nicht mehr standhielten. Wieder blieb ihnen nur die Hoffnung, dass das ausreichen würde, Eglis Truppen von ihrem wahren Vorhaben abzulenken. Es gab so viele Unsicherheiten bei diesem Unternehmen, aber sie hatten keine Wahl, sie mussten es einfach versuchen. Zum Aufgeben war es jetzt sowieso zu spät.

Die Tür war nicht besonders gesichert. Warum auch, wer sollte auf diesem kalten Felsen versuchen, hier einzubrechen. Sie durchquerten die Schleuse, die vor langer Zeit mal dazu gedient hatte, die kalte Luft draußen zu halten. Das war aber lange her, die Kälte war in den Jahren bis in den letzten Winkel der Anlage gekrochen und hatte alles so konserviert, wie es verlassen worden war.

Hinter der Schleuse befand sich ein etwa drei Meter breiter und fünf Meter langer Gang, an dessen rechter Seite eine Reihe von Spinden standen, zwanzig Stück und jeder einzelne mit einer Namensplakette des ehemaligen, wahrscheinlich seit vielen Jahren verstorbenen, Besitzers. Selbst wenn noch irgendeiner dieser Menschen leben sollte, er oder sie musste heute uralt sein. Es war ein komisches Gefühl die ganzen Schilder zu sehen, irgendwie fühlte sich Michael wie auf einem Friedhof, so tot kam ihm hier alles vor.

Alles war von einer feinen Reifschicht überdeckt, das Wasser in der Luft, das sich an den kalten Gegenständen niedergeschlagen hatte. Michael wischte drei oder vier der Plaketten ab, unbekannte Namen standen da schwarz auf weiß. Die Spinde waren verschlossen, dass man sie nur mit einem Fingerabdruck auf einen kleinen Sensor öffnen konnte.

"Da vorn ist eine Konsole," zeigte Daphne und Denzel trug das Mädchen zu der schwarzen Paneele, sie wischte das Eis beiseite, der wie Schnee zu Boden rieselte, aber das Display war so tot wie die ganze Station.

"Wir müssen die Generatoren zum Laufen bringen." Erwiderte Denzel.

Michael rüttelte an einem der Spinde, und das Schloss gab nach, die Kälte hatte das dünne Blech spröde gemacht. "Seht euch das an. Hier hängen noch die Thermoanzüge der Mannschaft," rief Michael. Etwas in der Richtung war am Ausgang der Station zu erwarten gewesen, wo sollte man die Sachen auch, sonst aufhängen. Es war eine willkommene Entdeckung, denn die Kälte begann schon ganz langsam auch, durch die Wurmfelle zu kriechen.

Einzig den Nywel schien die Kälte nichts auszumachen, sie stellten schlicht die Haare auf, sodass sich ein isolierendes Luftpolster bilden konnte.

Die dunkelgrauen Anzüge waren dick gepolstert und aus einem einzigen Stück gefertigt, sodass schließlich nur noch die Gesichter aus den Kapuzen herausschauten. Mit den dicken Fäustlingen war die Bewegungsfreiheit etwas eingeschränkt, aber dafür dauerte es auch, nicht lange, bis die Körperwärme die Anzüge aufgeheizt hatte.

Sie drangen tiefer in das Gebäude ein, die Vermutung lag nahe, dass die Generatoren irgendwo im Untergeschoss liegen mussten. Es war einfach der Platz, an dem man zuerst nach diesen Sachen suchen würde. Sie konnten sich aber nach den Fluchtplänen richten, die neben jeder der Türen hingen. Viele der Türen waren unverschlossen und führten in private Kabinen die Küche oder Aufenthaltsräume, aber schließlich fanden sie auch, den Treppenaufgang und ein Blick über das Geländer offenbarte ihnen, dass sich das Gebäude noch wenigstens über zwei Stockwerke in die Tiefe des Felsens erstreckte.

Eine Etage tiefer stand eine der Stahltüren sperrangelweit offen, wie auf den ersten Blick zu sehen waren, standen hier die Computerkonsolen, mit denen früher einmal die ganze Anlage gesteuert worden war. Der Raum war kleiner als man sich das für eine so große Anlage vorgestellt hatte, aber auch, er war völlig schwarz und das einzige Licht kam durch die Lichtleiter, die das kalte Sonnenlicht bis hier nach unten brachten. Sie mussten die Anlage in Gang bringen, bevor die Nacht hereinbrach, dann würde es nämlich stockfinster werden.

Noch eine Treppe tiefer fanden sie schließlich die drei Stromgeneratoren, es waren alte Brennstoffzellen, die aus großen Gastanks mit Wasserstoff und Sauerstoff gespeist wurden. Schnell fanden sie auch, die Ventile, die vor vielen Jahren gewissenhaft geschlossen worden waren, aber nach 75 Jahren befand sich trotzdem nur noch eine kleine Restmenge in den Tanks. Michael klopfte gegen die analogen Barometer aber mehr als fünf Bar wollten die nicht anzeigen. Ehemals waren es wohl dreihundert gewesen, das zumindest war der maximal mögliche Ausschlag. Aber die Tanks waren groß und länger als ein paar Tage wollten sie schließlich auch, nicht bleiben, sie würden sich im Verbrauch, halt etwas einschränken müssen.

Denzel drehte mit aller Kraft an den Ventilen aber die Kälte hatte die Dichtungen einfrieren lassen, erst als sie ein Brecheisen fanden und sich mit vereinter Kraft bemühten gab das Rad schließlich nach, mit einem Zischen, begann das Gas in die erste Brennstoffzelle zu strömen. Dann öffneten sie auch, das zweite Ventil, das mindestens eben so fest verfroren war. Es dauerte ein paar Minuten, in denen die miteinander reagierenden Gase die Zelle aufheizten, sie hatten Glück, dass die Membranen keinen Schaden genommen hatten, dann aber begann am Kopfende die erste grüne LED zu leuchten, es gab wieder Strom in der alten Raffinerie.

Daphne wartete vor dem schwarzen Bildschirm des Computers, aber noch reichte der Strom nicht aus, sie musste sich noch etwas gedulden.

"Und?" fragte Michael, der sich neben dem Mädchen auf einen zweiten Stuhl sinken ließ. In den steifen Anzügen konnte man kaum sitzen, es wurde Zeit, dass sie die Heizung wieder in Betrieb nahmen.

"Geduld, so schnell geht das nicht."

An der Brennstoffzelle bildete sich das erste Tauwasser, sie wurde langsam heißer und neben dem ersten Statuslämpchen begannen weitere aufzuleuchten, die Anlage schien für ihr Alter in gutem Zustand zu sein. Nach nur fünf Minuten erfüllte sich der Bildschirm mit Leben.

"Welche Systeme brauchen wir?" Fragte Daphne und schaute sich zu den anderen um.

"Lebenserhaltung und Kommunikation", schlug der Guerillero vor, der sich unangenehm nahe über Daphne gebeugt hatte und jeden ihrer Hangriffe skeptisch beäugte. Bisher hatten sich die beiden auffällig zurückgehalten, was aber dennoch nichts an der Tatsache änderte, dass man immer spürte, dass sie einander lieber jetzt als später umbringen würden.

"Richtig", stimmte der andere zu.

"O.K." Daphne berührte die entsprechenden Symbole und schickte Energie in die alten Systeme, während die angezeigte Wattzahl des Generators weiter anstieg. Daphne wechselte zu den Kommunikationssystemen, aber erhielt nur eine Anzahl von Fehlermeldungen, die über den Bildschirm fluteten.

"Der Saft reicht noch nicht", erklärte sie und ließ in einem kleinen Fenster die Wattzahl anzeigen, die jetzt schon etwas langsamer anstieg, sie mussten das Maximum bald erreicht haben. Und mit der Zunahme an verfügbarer Energie initialisierten sich weitere Systeme, immer mehr der roten Fehlermeldungen verschwanden und wurden teilweise von blauen Statusmeldungen abgelöst.

"Na bitte. Interne Kommunikation steht schon wieder. Wir haben auch, schon die  externe Funkanlage, soll ich auf Empfang gehen?"

"Ja, lass mal sehen, was wir reinbekommen", schlug Denzel vor.

"Einen Moment! Ist das sicher?" erkundigte sich der Freiheitskämpfer skeptisch.

"Ja," erwiderte Daphne. "Ich kann auf passiven Empfang gehen, dann senden wir kein Erkennungssignal."

"Gut. Dann so", stimmte der Mann zu.

Michael war gespannt, ob sie irgendwelche Funksprüche würden auffangen können, insbesondere wollte er wissen, ob das Ablenkungsmanöver funktioniert hatte. Daran würde sich entscheiden wie lange sie hier ungestört würden arbeiten können aber auch, ob die im Lager Zurückgebliebenen darunter würden leiden müssen.

Es dauerte nur Sekunden, bis der Computer die Trägerfrequenzen gefunden hatte. Auf dem Monitor wurde angezeigt, welche Kommunikationspartner derzeit im Funknetz angemeldet waren, es fand also keine Verschlüsselung statt, wozu auch. Sechs Gegenstellen wurden angezeigt: eine Raumstation LO-1, dann das Schlachtschiff Aquila und vier Jagdflugzeuge.

"Kontakt in zwei Minuten." Tönte es dumpf aus dem Lautsprecher, während auf dem Bildschirm das zugehörige Objekt, einer der Jäger, von grün nach Blau wechselte. In einem zweiten Fenster rollte dabei die Mitschrift der Funksprüche vorbei. Gut, dass der Bildschirm so groß war, es wurden langsam immer mehr Fenster.

Jäger 1: "Sollen wir eine Rakete scharf machen, Sir?"

Schlachtschiff Aquila: "Negativ. Zwingen Sie das Shuttle zur Umkehr, wir werden ein Exempel statuieren."

Jäger 1: "Verstanden!"

Schlachtschiff Aquila: "Soweit kommt das noch, dass wir unsere teuren Shuttle abschießen."

Jäger 2 (aufgeregt): "Sir, die Triebwerke beginnen zu überhitzen."

Schlachtschiff Aquila: "Dann müssen die 's ja wirklich nötig haben."

Jäger 1: "Wenn wir uns weiter nähern, könnten wir von den Trümmern getroffen werden."

Schlachtschiff Aquila: "Sie haben ihre Befehle. Soll ich Sie wegen Subordination vors Kriegsgericht stellen?"

Jäger 1: "Sind auf Abfangkurs, setze mich jetzt vor das Shuttle. Bisher keine Funkverbindung. Sie scheinen sich nicht beeindrucken zu lassen."

Schlachtschiff Aquila: "Wir auch, nicht. Näher rann."

Jäger 1 (nervös): "Sir, der Antrieb wird kritisch."

Schlachtschiff Aquila: "Seh' ich. Ziehen Sie sich zurück. Feuer frei."

Im selben Moment verschwand Jäger 1 aus dem Kommunikationsnetz, das explodierende Shuttle musste ihm mit in den Tod gerissen haben.

Schlachtschiff Aquila: "Feiglinge können wir nicht brauchen. Statusbericht."

Jäger 2: "Leichte Schäden an der Panzerung."

Jäger 3: "Keine Schäden."

Jäger 4: "Wir heben ein Leck in der Außenhaut, Dekompression ist eingeleitet. Raumanzüge in Funktion. Situation unkritisch."

Schlachtschiff Aquila: "Jäger 2 und 4: Rückkehr zum Dock. Jäger 3, Sie fliegen zum Gefangenenlager und zünden eine Rakete in hundert Metern Höhe. Ich will nicht, dass so was wieder passiert."

Daphne schaltete den Empfang wieder ab. "Was passiert, wenn die das machen?"

"Verletzte, vielleicht Tote," beantwortete der Guerillero ihre Frage emotionslos und kalt. Er hoffte wahrscheinlich nur, dass mehr von den Freiheitskämpfern verletzt werden würden als von seiner eigenen Gruppe.

Sie konnten nichts dagegen machen und es war auch, nur ein schwacher Trost, dass die große Mehrheit für diesen Versuch gewesen war. Michael hoffte nur, dass sie jetzt wenigstens Erfolg haben würden, um die Überlebenden befreien zu können.

Daphne erstellte eine Richtfunkverbindung zur Raumstation, die seit 75 Jahren im Standby lief und ihren Strombedarf durch ihre langsam Versagenden und von Meteoriten zerfressenen Solarpaneelen deckte.

"Vier Sonden sind einsatzbereit." Verkündete das Mädchen. "Bei einer anderen ist der Treibstoff unbrauchbar, zwei scheinen sich nicht mehr zu melden." Las sie die Meldungen vor, sowie sie auf dem Bildschirm erschienen, es dauerte immer ein paar Sekunden von einer Transmission bis zur Antwort aber insgesamt schien die Lagrangestation noch gut in Schuss zu sein.

Daphne bereitete alle vier Sonden vor, besser eine zu viel als eine, die auf halber Strecke versagte. Sie Beschrieb in kurzen Worten ihre Situation im Sektor und insbesondere die menschenunwürdigen Bedingungen, unter denen die Gefangenen im Lager einsaßen. Außerdem hängte sie aber auch, noch eine Nachricht an, die direkt an ihren Vater adressiert war, sollten die Vereinten Planeten sich nicht sofort zum Eingreifen entschließen können, dann sollte doch wenigstens ihr Vater schleunigst zu Hilfe kommen. Die Dringlichkeit machte sie auch, in beiden Botschaften besonders deutlich als sie ihre beschränkten Vorräte und die bevorstehende Offensive des Militärregimes gegen den organisierten Widerstand in diesem Sektor beschrieb.

Schließlich waren die Sonden unterwegs. Sie waren klein genug, um nicht entdeckt zu werden, wenn man nicht nach ihnen suchte. Alles, was den neuen Bewohnern der Raffinerie jetzt noch blieb, war warten.

23. Kapitel: Flucht