14.Kapitel: Unter Schmugglern

Notlandung

Die Nywel waren nicht leicht von einander zu unterscheiden, helles Fell, scharfe Zähne und ein Blick, der immer fest die Beutetiere in der Nähe im Blick behielt, aber das Nywel das jetzt in der Tür stand war zweifellos nicht Anubis.

Die anlaufenden Triebwerke versetzten das ganze Raumschiff in summende Schwingungen. Daran, dass der Schub trotzdem noch einige Sekunden auf sich warten ließ, hätte der erfahrene Raumfahrer erkennen können, dass es sich bei diesem Frachter um ein sehr gebrauchtes Modell mit beinahe ausgelutschten Triebwerken handelte.

Aber weder Daphne oder Melissa noch Michael waren erfahren genug in solchen Dingen und machten sich keine Gedanken darüber, wie man ein Raumschiff zum Stehen bekommt, wenn die Ionenantriebe einmal versagen und nach einem Wendemanöver nicht wieder gezündet werden können. Aber auf der anderen Seite, so etwas kam ja auch, so gut wie nie vor, und die Nywel waren erfahrene Piloten.

Auch nach Abschluss der Beschleunigungsphasen wurde die Tür nicht geöffnet und nur alle paar Stunden wurde den Gästen eine Mahlzeit gebracht sie fühlten sich wie Gefangene. Die Stunden wurden ihnen immer länger und es waren gerade zwei Tage verstrichen, das Wendemanöver im Anschluss an den Einsatz in das System war ereignislos vonstatten gegangen, sie waren jetzt in der Bremsphase.

"Lange halt ich das nicht mehr aus." Mel lief in der engen Zelle auf und ab, wie ein gefangener Tiger in einem viel zu kleinen Käfig.

"Es sind nicht mal mehr zwei Tage Mel", versuchte Daphne zu vermitteln.

"Ja, ich weiß das auch." Sie stützte sich mit beiden Händen am Türrahmen des Badezimmers ab und seufzte schwer.

Daphne beneidete Michael, der fast die ganze Reise mehr schlafend oder vor sich hindösend verbracht hatte, das könnte sie niemals, ihr Gehirn brauchte immer Bewegung. Sie war sich sicher, sie würde wahnsinnig werden, wenn sie sich einer derartige Lethargie hingeben würde. Aber in den letzten Tagen hatte sie fast jeden Gedanken gedacht, der ihr vorstellbar war, auch, daran, wie es wäre mal wieder mit Michael zu schlafen, aber das war ein Gedanke, den Sie sich schnell wieder aus dem Kopf schlug, nicht wenn Melissa dabei war.

Der Alarm schreckte sie wieder aus ihrer trägen Lethargie, irgendetwas war vorgefallen aber sie hatten in ihrer Kammer keine Chance festzustellen, was es war. Es schien alles in bester Ordnung zu sein die Vibrationen der Triebwerke begleiteten sie unverändert, das Licht war noch immer zu grell und die Tür nach wie vor verschlossen.

"Verdammt! Will uns niemand sagen, was da los ist", fluchte Mel und schlug mit der flachen Hand gegen die unbeweglich harte Kabinentür.

Eine Stunde warteten Sie, dann erst wurden die Sirenen wieder abgestellt, aber die Ruhe war fast genauso unerträglich.

"Ein Fehlalarm?" Erkundigte sich Michael vorsichtig und schaute in die Runde. Die beiden Frauen schüttelten die Köpfe so was sollte man doch schneller merken, aber trotzdem, wie es schien, war die Gefahr vorbei. Michael wollte sich gerade wieder hinlegen, als sich die Tür öffnete. Anubis füllte den Rahmen mit seinem kräftigen Körper aus und fixierte seine Passagiere kurz mit den schwarzen Augen.

"Folgt mir!" befahl das Nywel kurz und war so schnell verschwunden, wie es gekommen war.

Sie folgten dem Nywel auf die Brücke, wo Hans und Nadja auf einem Monitor zu sehen waren.

"Wie geht's euch denn so?" erkundigte sich Hans beiläufig, ließ sie aber nicht zu Wort kommen, sondern fuhr gleich fort: "Wie es aussieht, sind wir gleich bei unserem ersten Halt auf einen Grenzposten gestoßen." Er machte eine Pause und sah die Frau an, welche nickte und dann an den ganzen Konvoi gewandt fortfuhr.

"Man war so freundlich uns mitzuteilen, dass Frachter und Fracht beschlagnahmt sein, man duldet hier keine freien Händler mehr. Das werden wir uns auf keinen Fall gefallen lassen." Nadja suchte eine Sekunde nach den passenden Worten und holte Luft, ihr fiel das nicht leicht, was sie jetzt zu sagen hatte.

"Das Problem ist die Patrouille, die auf Abfangkurs gegangen ist, wir haben nicht genug Treibstoff geladen, um sie zu umfliegen. Das heißt, wir werden ein Schiff zurücklassen müssen, dass seine Treibstofftanks abkoppelt, damit die Starfarer und die Dobrotar nachtanken können. Anubis, du bist mein bester Pilot, du wirst also drei Tanks abwerfen und eine Wasserlandung auf Neu Pietersburg durchführen."

Melissa seufzte hörbar, wenigstens würden Sie nicht zum Kanonenfutter werden.

"Ja, Käpt'n." Kein Zweifel war aus seiner Stimme herauszuhören, aber niemand hatte behauptet, dass Nywel überhaupt zu solchen Emotionen fähig wären.

"Gut," bestätigte die Nadja kurz. "Hans hat mir erzählt, dass der Speedster an unserer Außenhaut helfen kann, die Treibstofftanks aufzulesen und danach die Passagiere zu evakuieren."

Man sah deutlich, wie Hans Protest einlegen wollte, aber Nadja ließ das nicht zu. "Erst werden die Tanks eingesammelt, dann erst bringen wir deine Freunde herüber." Sie ließ keine Diskussion zu und schaltete die Übertragung ab.

"Tu' das nie wieder!" Fauchte sie Hans an.

"Was denn?"

"Stell niemals meine Entscheidungen in Frage." Sie wandte sich ab. "Komm jetzt, wir müssen unsere Arbeit machen."

Hans folgte ihr zur Schleuse, er wusste, was ihnen bevorstand, er hatte so was Ähnliches ja schon einmal machen müssen. Anaconda war ein Spacespeedster, ein sehr schnelles kleines Raumschiff es war nie für den interstellaren Raum gebaut worden, lediglich um von einer Raumstation zur nächsten zu kommen und um auf Planeten zu landen. Der Speedster war nicht groß genug, um über eine Andockmechanik zu verfügen oder gar eine Luftschleuse zu besitzen, und der Frachter besaß ebenfalls keine dieser Schürzen, mit denen man an anderen Raumschiffen festmachen konnte. Die einzige Möglichkeit war also ein Raumanzug, in welchem man sich von einem Raumschiff zum anderen Treiben ließ, war man sicher angekommen und die Luke wieder verriegelt, konnte die Kabine wieder mit Luft geflutet werden. Das alles war nicht gerade ein Zuckerschlecken, aber es war möglich, Hans hatte das vor gar nicht langer Zeit schon einmal gemacht. Seine Nervosität sank aber nicht, auch, wenn er es sich in Gedanken noch so oft sagte.

"Hier, der sollte dir passen." Nadja reichte ihm einen der Raumanzüge und Hans fragte sich, was Sie ohne den Speedster in dieser Situation gemacht hätten.

Hans wagte gar nicht daran zu denken, dass sie sich mit einer wahnsinnigen Geschwindigkeit durch das Sonnensystem rasten, ein Krümel Staub könnte ihre Körper schneller durchschlagen, als ihre Nerven den Schaden würden zum Gehirn melden können.

Er schloss den Helm und Nadja kontrollierte vorsichtshalber den Sitz und die Dichtheit seines Anzuges.

"Kann's losgehen?" fragte Sie und begann die Luft aus der Schleuse zu pumpen. Hans nickte und stellte die zweite Frequenz seines Funkgeräts auf die Anacondas ein, eine Laserverbindung war bei diesem Manöver leider nicht möglich, aber die geringe Stärke der Funkwellen sollte ebenfalls eventuelle Abhörversuche vereiteln.

"Kannst du mich hören Anaconda?"

"Positiv Hans." Langsam öffneten die Servomotoren die Schleuse und gaben den Blick frei auf den unendlichen Abgrund des Universums, alles schien still zu stehen.

"Anaconda, komm zur Schleuse an Steuerbord, wir wollen umsteigen."

"Positiv, starte Triebwerke."

Vorsichtig näherten sich Nadja und Hans dem Abgrund, es war ihm nicht ganz klar, warum sie hatte mitkommen wollen, aber vielleicht war es der Nervenkitzel, der sie reizte.

Es dauerte keine Minute, bis die Silhouette des Speedsters die Sterne verdeckte. Langsam näherte sich das beleuchtete Loch der Luke, es machte den Eindruck viel zu winzig zu sein und Hans hätte fast Bedenken gehabt hindurch zu kommen, aber Anaconda manövrierte dichter an die Schleuse heran, immer dichter, bis die Rampe schon fast die Schleusentür berührte. Es bedurfte nur eines winzigen Stoßes und gemeinsam schwebten die beiden hinüber.

"Schön Sie wieder an Bord zu haben, Hans. Womit kann ich dienen."

"Hast du die Treibstofftanks des Frachters vor uns auf dem Radar."

"Positiv Hans, ganz schön leichtsinnig sie bei dieser Geschwindigkeit abzuwerfen. Ich detektiere drei der acht Tanks."

"Sehr gut, können wir die Tanks einsammeln?" mischte sich Nadja ein. Ihr dauerte das alles viel zu lange.

"Hans, diese Person ist von Ihnen nicht autorisiert worden."

"Das ist Nadja", stellte Hans kurz vor.

"Was soll das Ganze. Können wir vielleicht langsam anfangen."

"Anaconda, würdest du uns helfen, die Tanks einzusammeln."

"Positiv, bin schon unterwegs."

Inzwischen war wieder Sauerstoff in der Kabine, Hans nahm den Helm ab und machte sich daran in die Kanzel zu klettern, währenddessen spürte er schon, wie sie beschleunigten.

"Gut, die ersten beiden Tanks sind für die Starfarer, die haben am meisten geladen, der dritte ist für uns."

"Hans, darf ich Befehle von dieser Frau annehmen?"

"Für diese Mission, ja."

"Frau Nadja, ich habe die kürzesten Verbindungen berechnet und mir aus dem Computer des Frachters vor uns den Ladestand der Tanks geben lassen. Ich möchte darauf hinweisen, dass meine eigenen Treibstoffvorräte im Anschluss an dieses Manöver dringend aufgefüllt werden müssen."

"Was soll das heißen? Wir müssen auch, noch Mel und die beiden Kinder da ‘rausholen." Fragte Hans aufgebracht.

"Negativ, wir können entweder zwei Tanks und die Personen umladen, oder die drei Tanks."

"Wir müssen die Tanks haben, sonst verlieren wir im nächsten Sonnensystem noch einen Frachter."

Frustriert schlug Hans mit der Faust auf die Ablagefläche neben seinem Sitz, das Schlimmste war, dass sie recht hatte. "Verdammt, Nadja. Wir können die Kinder doch nicht auf dieser Höllenfahrt lassen."

"Anubis wird deine Freunde sicher runter bringen und in acht Tagen holen wir sie wieder ab."

"Ich glaub' das einfach nicht. Du denkst doch nicht wirklich, dass sie das überleben werden."

"Anubis ist durchaus in der Lage deine Freunde sicher zur Oberfläche zu bringen.

"Wir haben den ersten Tank erreicht Hans. Gleiche Geschwindigkeit an. Angekoppelt." Ein Rumsen erschütterte das kleine Raumschiff, der Tank war mindestens fünfmal größer als Anaconda.

Anaconda fuhr fort mit seinem Statusbericht: "Beschleunige relativ zu Starfarer", man spürte förmlich, wie sich die Außenhülle verzog, als die Triebwerke sich mit aller Kraft bemühten den Kurs der trägen Masse zu ändern. "Bin auf Kurs." Der Stress auf das Chassis des Speedsters ließ nach, aber nicht für lange in wenigen Augenblicken würde er wieder abbremsen müssen und den Tank neben den Triebwerken so in Position bringen müssen, dass der Lademechanismus ihn greifen konnte.

Hans konnte auf keinen Fall die Entscheidung fällen, die seine Freunde hier in diesem System und in Gefahr lassen würde. "Der nächste Tank geht an die Dobrotar, Anaconda. Dann holen wir Daphne Michael und Mel."

"Positiv Hans."

"Was? Das kannst du nicht machen, ich will nicht auch, noch die Leute der Starfarer hier zurücklassen!"

"Sag ihnen, sie sollen die Container abwerfen, wenn ihnen ihr Leben lieb ist. Durch die geringere Masse reicht der Treibstoff vielleicht."

Nadja nickte das war natürlich auch, eine Möglichkeit, es würde Sie an die zwanzig millionen ICU kosten aber das waren ein paar Menschenleben doch wert oder nicht. Ein Schauer lief ihr über den Rücken zwanzig millionen ICU, dann ließ sie Anaconda eine Laserverbindung zur Starfarer aufbauen.

"Denzel, wir können dir keinen zweiten Tank bringen, wirf so viel Container ab wie nötig, bevor wir wieder beschleunigen." Sie wartete kaum bis Denzel die Botschaft bestätigt hatte, sie wollte keine Zeit verlieren.

"Also los. Wir haben noch was zu tun."

Anaconda glühte beinahe seine Triebwerke aus, als die Verankerung eingerastet war. "Meine Sicherheitsschaltkreise melden Schäden an den Triebwerken, soll ich fortfahren?"

"Ja, Anaconda. Wenn die Situation nicht kritisch ist, machen wir weiter."

Sie näherten sich wieder der Dobrotar, ein riesiger Schatten vor den leuchtenden Diamanten der fernen Sterne, aber es war deutlich, dass Anaconda nicht mehr so schnell beschleunigen konnte wie bei der letzten Lieferung.

Als sie dann neben dem Frachter wieder verlangsamten knirschte es gefährlich in den Verstrebungen und einige Alarmsirenen gingen Los.

"Was ist das, Anaconda?" fragte Hans erschreckt.

"Der Alarm warnt vor einer strukturellen Überbelastung.  Es ist mir nicht möglich weiterzufliegen, ohne einen Hüllenbruch zu riskieren."

"Das heißt, wir sind hier im Weltraum gestrandet?"

"Negativ Frau Nadja, der Lademechanismus des Frachters wird in wenigen Augenblicken einrasten und wir können in der aktuellen Position bleiben. Aber es ist nicht möglich wieder zu starten, solange die Schäden nicht behoben wurden."

"Aber wir müssen zur Tunguska", flehte Hans, der Verzweiflung nah.

"Es  ist mir nicht möglich, mit diesen Schäden zu starten. Die Hülle könnte Schaden nehmen." Das Schlimmste war, dass Anaconda recht hatte, sollte es zu einem Hüllenbruch kommen würden sie alle Luft aus der Kabine verlieren, das war aber nicht das eigentliche Problem, den sie trugen noch immer Raumanzüge. Die Gefahr bestand darin, dass der Luftsauerstoff mit den heißen Wasserstoffionen reagieren würde, mit denen der Speedster angetrieben wurde, das gäbe einen gewaltigen Rumms.

"Und was wird dann aus Mel, Michael und Daphne?"

Nadja legte ihre Hand auf Hans Schulter. "Die sind bei Anubis in guten Händen, er wird sie sicher auf die Planetenoberfläche bringen."

"Na das ist aber ein Trost. Verdammt, wie konnte das nur passieren." Hans zermarterte sich das Gehirn, aber wie es aussah, konnte er nichts mehr machen, um seinen Freunden zu helfen.

"Wieso kommt Hans nicht?" Melissa wippte nervös mit ihren schlanken Füßen. Sie warteten vor der Luftschleuse, trugen bereits die Raumanzüge und warteten nur noch darauf, dass sie die Helme aufsetzen sollten. Bei ihnen stand das Nywel welches am ersten Tag die Kabine mit ihnen geteilt hatte. In seinem starken Dialekt hatte es sich als Geb vorgestellt und ihnen beim Anlegen er Raumanzüge geholfen.

Dann erschien wieder Anubis. "Eine Planänderung. Ihr bleibt an Bord." Und an Geb gewandt, fuhr er fort: "Bring' sie auf die Brücke. Ich will alle beisammen haben, wenn wir landen!" Dann zog es sich wieder zurück.

"Ihr habt Anubis gehört, zieht euch um."

Einige Minuten später standen sie wieder auf der Brücke, die Aktivitäten hatten deutlich zugenommen, es wurden alle möglichen undurchschaubaren Vorbereitungen getroffen, und auf den Bildschirmen leuchteten die verschiedensten Warnungen auf. Aber es herrschte keine Panik oder übermäßige Hektik, Anubis schien die Situation voll unter Kontrolle zu haben.

"Alle Anschnallen!" befahl Anubis kurz, ohne sich umzublicken und gab einige Befehle in der den Nywel eigenen Sprache. Es war nicht der Singsang, den sie auf der Furaha gehört hatten, sondern kurze schrille Schreie, die weit mehr zu enthalten schienen, als Menschen jemals in einen so kurzen Ausdruck würden legen können.

Geb half den Menschen beim Anschnallen in den Sitzen, die für Menschen etwas zu groß waren, und nahm anschließend selbst Platz.

Der letzte Gurt war gerade eingerastet, als die Haupttriebwerke abgeschaltet wurden, es herrschte für einen Augenblick Schwerelosigkeit. Dann wurden die Steuertriebwerke gezündet und verpassten dem alten Frachter einen kräftigen Schub. Allmählich drehte sich der 300.000 Bruttoregistertonnenkoloss quer zur Flugrichtung.

"Was hat es bloß vor?" Flüsterte Mel Michael ins Ohr, der neben ihr saß.

"Ich hab' keinen Schimmer." Gab dieser leise zurück.

Auf den Bildschirmen konnten sie erkennen, dass sie sich genau auf die Patrouille zubewegten, genau ins Zentrum von rund zwanzig Raumschiffen auf Abfangkurs.

Allmählich drehte sich der schwere Frachter quer zur Flugrichtung, was ihm zweifellos jeder Möglichkeit beraubte, noch vor der Patrouille zum Stillstand zu kommen. Dann wurden die Containercluster in geschickter Folge abgesprengt, und mit einem male sah sich der Feind einer sich langsam ausdehnenden Wolke von Weltraumschrott gegenüber, ihnen blieb keine Wahl, sie mussten ausweichen, wenn sie keine Kollision riskieren wollten.

Im Zentrum der Wolke bildete sich aber wieder ein Freiraum und genau dieser war es, auf den der Rest des Konvois zuhielt. Inzwischen waren diese Schiffe schon wieder in der Beschleunigungsphase und verflucht nahe an den feindlichen Schiffen, die sich noch immer vor den herumschwirrenden Containern zurückzogen.

Anubis hatte seine Fracht auch, nicht gleichmäßig in alle Richtungen abgeworfen, sondern einen Überschuss in Richtung vom Planeten weg, sodass die Tunguska durch die Impulserhaltung  etwas zum Planeten gedrückt wurde. Nur wenige hundert Meter über ihnen schoss jetzt der Konvoi über ihnen hinweg.

Aber dieses Manöver war ein Kinderspiel gegen das, was folgen sollte, denn selbst hatte die Tunguska ebenfalls nicht mehr genug Treibstoff, um wieder zu beschleunigen und den anderen zu folgen. Wollten sie nicht im in einer weiten Ellipse auf ewig um Pietersburg kreisen, dann war jetzt die Zeit die Geschwindigkeit drastisch zu reduzieren und einen kontrollierten Absturz auf den Planeten zu wagen. Für einen gewöhnlichen Piloten wäre das völlig undenkbar, mit einem Frachter konnte man nicht auf einem Planeten landen, diese Schiffe waren einzig für den Weltraum geschaffen. Mit Anubis, dem Nywel, blieb der Tunguska noch eine Chance, jetzt war es an der Zeit zu zeigen, ob diese alte Rasse ihrem Ruf gerecht wurde.

Das erste Manöver, das das Nywel durchführte, drehte das Raumschiff mit der Frontpartie in Richtung Neu Pietersburg. Dann wurden die Triebwerke gezündet, mit aller Kraft wurde der Frachter in immer tiefere Orbits gedrückt, bis sich langsam ein Gleichgewicht zwischen der Gravitation des Planeten und der Zentrifugalbeschleunigung des Frachters einstellte. Zwei Stunden später, nach der ersten Umkreisung Pietersburgs befand sich das Raumschiff in einer sich langsam beschleunigenden Spirale in Richtung auf den Planeten.

Sollte das fragile Gebilde, aus Streben, Triebwerk, Versatzgenerator und der Kommandoeinheit, nicht in der dichter werdenden Atmosphäre zerrieben werden, so musste der Frachter erneut gedreht werden, sodass die Triebwerke den Sturz wieder abbremsen konnten.

Die Reibungshitze begann schon die Temperatur auf der Brücke in die Höhe zu treiben, als Anubis und seine Mannschaft die Tunguska vorsichtig gegen die Flugrichtung zu drehen. Die Atmosphäre wurde langsam dichter, und das altersschwache Raumschiff begann lautstark gegen die Belastung zu protestieren, für die seine Konstruktion niemals gedacht war. Das Kreischen der Stahlträger wurde für kurze Zeit unerträglich laut, und man begann, die Turbulenzen und Strömungsabrisse hier in den oberen Schichten der Atmosphäre zu spüren. Als das Raumschiff gegen die Flugrichtung gedreht war, und das Schreien der Hüllenstruktur wieder nachließ, wagte Melissa es wieder die Augen aufzumachen.

"Sind wir endlich tot?"

"Nein, da musst du noch etwas Geduld haben", schüttelte Daphne den Kopf, wunderte sich aber selbst, dass ihr bis hierhin nur etwas schwummerig im Magen geworden war und ihre Eingeweide noch nicht über ganz Pietersburg verstreut worden waren.

Die Triebwerke liefen an den Grenzen ihrer Belastbarkeit, um den Sturz zu verlangsamen. Damit waren sie für den Weg durch die Atmosphäre erst einmal sicher und bisher hatte es auch, noch niemand gewagt dem Raumschiff zu folgen, das ließ der Mannschaft eine Sekunde zum Verschnaufen, wenn Nywel so was überhaupt machten.

Aber sicher waren sie noch nicht, denn ein Weltraumfrachter diesen Modells, war nicht in der Lage, auf einer Planetenoberfläche zu landen. Zum einen waren die Steuertriebwerke nicht stark genug das Raumschiff zu halten, wenn man versuchte es auf die Seite zu legen. Es würde beinahe ungebremst zu Boden krachen und seine Besatzung zermalmen. Auf der anderen Seite konnte man ein so langes Raumschiff auch, nicht aufrecht hinstellen, da seine Position viel zu instabil wäre und wenn es kippt, so stünde man wieder vor demselben Problem wie bei der ersten Variante.

Je tiefer sie in die Atmosphäre Pietersburgs vordrangen desto mehr nahmen die Turbulenzen zu und die Steuertriebwerke waren voll ausgelastet, den Transporter auf einer stabilen Trajektorie zu halten.

"Könnt ihr schwimmen?" meldete sich Geb kurz, nicht dass es von Bedeutung gewesen wäre.

Die drei Menschen nickten, sie konnten schwimmen. Aber für Daphne war es stets sehr anstrengend gewesen, sich ohne Beinarbeit über Wasser zu halten.

Aber eine Landung im Wasser war tatsächlich die einzige Möglichkeit einen Transporter auf die Planetenoberfläche zu bringen, und bei der Länge des Schiffes musste dies eine ganze Ecke vor der Küste geschehen. Sie würden sicher ein paar Kilometer schwimmen müssen.

Die ersten Meter, die sie in den Ozean eintauchten, merkten sie gar nicht. Die Triebwerke verkochten das Wasser sofort und erst dann, als es zurückschwappte und die Düsen unter lauten zischen und fauchen verloschen, merkten Sie, wie das Raumschiff sich langsam neigend in die Tiefe sackte. Es war höchste Zeit auszusteigen.

Sie mussten das Raumschiff verlassen, das sie mit einem letzen Ächzer runter gebracht hatte, in rund 800 m Tiefe würde die Tunguska ihre letzte Ruhe finden und dort allmählich verrotten, vielleicht einigen Fischen ein Unterschlupf werden.

"Wir müssen vom Schiff weg, bevor uns der Sog mit in die Tiefe reißt", rief  Daphne über die tobende See. Die ganze Mannschaft stand an der Luftschleuse, Geb trug Daphne auf seinem kräftigen zweiten Armpaar, und das Meer kam langsam näher. Ihre Sinkgeschwindigkeit hatte sich inzwischen stark verlangsamt einige Minuten würde das Raumschiff noch Schwimmen, bevor es sank und ihre Chancen standen eigentlich gar nicht so schlecht.

In der Regel besaßen Raumschiffe irdischer Konstruktion Rettungsboote, dabei sollten diese eigentlich ein Überleben im Vakuum des Weltraums sicherstellen. Aber diese Rettungsboote eigneten sich nicht, um in der Situation, in der sich die Tunguska befand auszusteigen und zu den anderen Schiffen zu wechseln, die Rettungsboote verfügten dafür nicht über die geeigneten Triebwerke. Aber für die bevorstehende Wasserung war das Rettungsboot durchaus in der Lage, die Besatzung aufzunehmen und eventuell bis zum Strand zu bringen.

Das Rettungsboot glich einem silbrig schimmernden Ei, es war gerade groß genug für die Besatzung und als Daphne darauf bestand, dass auch, ihr Rollstuhl mitgenommen werden musste, wurde es richtig eng. Aber sie würde auf keinen Fall ihren Rollstuhl zurücklassen. Die Luke schloss sich hinter ihnen und sobald alle angegurtet waren, schleuderte sie eine Sprengladung aus der Verankerung.

Mit einem wuchtigen Schlag empfing sie der Ozean dieses Planeten, sie tauchten kurz unter und tanzten wieder an die Oberfläche, wo sich das Rettungsei schnell stabilisierte. Dann sprangen die Strahltriebwerke in Aktion und lenkten das Boot auf den Kurs, der sie zur nächsten Küste bringen würde.

Sie wurden von einem Wellental ins nächste geschleudert, und man hörte, wie die See rau gegen das kleine Boot schlug, es war noch kein richtiger Sturm, nur ein kräftiger Wind, der versuchte sie vom Kurs abzubringen. Die Jets kämpften gegen die Macht der Böen und trieben die Gruppe von Überlebenden allmählich auf ihr Ziel zu.

Nach zwei Stunden konnte man es wagen die Gurte zu lösen, Anubis befahl kurz auf Nywel, dass die Luke geöffnet werden sollte, um die Luftregeneratoren zu entlasten. Die Luft in der kleinen Kapsel hatte in der kurzen Zeit einen bitteren Beigeschmack angenommen, sodass Michael sich gar nicht erst vorstellen wollte, wie es wäre in einem Kokon wie diesem in den Tiefen des Weltraums für einige Tage ausharren zu müssen. Dieses Rettungsboot sicherte das Überleben, nicht mehr, aber auch, nicht weniger.

Die frische Seeluft durchflutete den kleinen Raum und weiter schaukelten sie ihrem Ziel entgegen. Es wurde nicht viel gesprochen, diese Nywel schienen davon eh nicht viel zu halten, und die Menschen verdauten noch die Ereignisse der letzten Stunden, alles war so verdammt schnell gegangen und jetzt waren sie gestrandet auf diesem Planeten, der eine sichere Zuflucht hätte bieten sollen. Daphne machte sich Gedanken darüber, ob man sie suchen würde, sie erwog, dass man wohl nicht davon ausgehen würde, dass jemand einen solchen Absturz überlebt haben würde. Aber sie war sich auch, bewusst, dass diese Leute kein Risiko eingehen würden, sie würden Gewissheit haben wollen und sicher auch, Informationen, warum sie so ausgetrickst worden waren. Und da war noch eine andere Sache, die ihr durch die Gehirnwindungen ging. Ihr Vater hatte erwartet, dass dieser Planet sicher sei, war er es nicht so konnte das doch nur bedeuten, dass er sich geirrt hatte, d.h. die Situation in diesem Sektor falsch eingeschätzt hatte. Sie kam zu dem Schluss, dass etwas sehr falsch gelaufen war.

Nadja und Hans hangelten sich an der Außenhaut der Dobrotar entlang, in Richtung Luftschleuse. Bei einer Beschleunigung von einem g war das sehr gefährlich das Raumschiff konnte nicht anhalten, und wenn sie in den Abgasstrahl der Triebwerke gerieten, so würden sie in dem heißen Plasma sofort verdampft werden. Peinlich genau achteten die beiden darauf, keinen Sicherheitsbügel auszulassen.

"Wann werden wir zurückkehren können?" erkundigte sich Hans über Funk, seine Leine in die nächste Öse einklinkend, stets noch einmal kontrollierend, ob sie auch, fest saß.

"Anubis will in acht Tagen am Hafen sein." Wiederholte sie. "Ich denke, wir sollten ein oder zwei Tage vor ihnen eintreffen." Sie hangelte sich weiter.

"Das wird alles sehr knapp!"

"Ja, da hast du recht, Hans. Wir müssen im nächsten System schleunigst auftanken und uns einen sauberen Erkennungscode besorgen. Dann will ich sofort zurück."

"Hast du einen Plan, wie wir an der Patrouille vorbeikommen?"

"Nein, aber wenn wir als Händler aus dem Inneren des Sektors kommen, schöpfen sie vielleicht keinen Verdacht." Sie hackten sich wieder ein paar Zentimeter weiter, es war sehr anstrengend gegen die scheinbare Schwerkraft die fast glatte Außenhaut des Triebwerksblocks zu erklimmen, die eingelassenen Stufen boten gerade Platz für einen Fuß.

Nadja überlegte einige Zeit, bevor sie weitersprach. "Ich denke wir sollten aus einer anderen Richtung in das System einsetzen, als wir jetzt verschwinden."

Hans nickte unhörbar, die Idee war nicht schlecht. "Das bedeutet einen sehr weiten Umweg."

"Ja, wir müssen einen großen Bogen fliegen und dabei die Steuertriebwerke unter Last halten. Ich hoffe, dass das die Navigationscomputer nicht überlastet."

Das war tatsächlich ein Problem, denn in der Regel werden nur Modifikationsrechnungen gegenüber festgelegten Routen durchgeführt, die nötige Rechenleistung sinkt damit dramatisch und kann für wichtigere Aufgaben verwendet werden. Außerdem kann man die wichtigsten Routen in jedem System runterladen, das machte den interstellaren Verkehr zwischen den 10.000 Planeten erheblich übersichtlicher und vergrößerte auch, die Chance, liegen gebliebene Raumschiffe wiederzufinden. Wenn man einen Transporter aus der letzten Auswanderungswelle flog, konnte es schon mal vorkommen, dass der Versatzgenerator versagte. Welch ein Glück, wenn man dann einen leistungsfähigen Sender besaß, der ein vorbeikommendes Raumschiff mit einer sich ständig wiederholenden und stark komprimierten Burstübertragung, über die Lage des eigenen Schiffes unterrichten konnte. Das alles musste während des kurzen Bruchteils einer Sekunde geschehen, in der das Raumschiff zwischen den Sprüngen in dem Sektor weilte.

"Ich sollte mich nicht in private Kommunikation einmischen", meldete sich Anaconda vorsichtig zu Wort, ohne aber abzuwarten ob, sein Kommentar erwünscht war oder nicht fuhr der Bordcomputer fort. "Die Berechnung eines solch unorthodoxen Manövers ist durchaus im Bereich meiner Kapazität."

"Schön, dann haben wir zumindest ein Problem weniger." Nadja war zwar überrascht über das vorlaute Verhalten des Raumschiffs aber sie ließ sich nichts anmerken.

Sie klommen weiter, es waren weniger als zehn Meter, die sie noch vor sich hatten, das ist nun wirklich nicht die Welt. Und der Schwierigkeitsgrad lag bei genauer Betrachtung nicht höher als bei der Besteigung einer Hausleiter, aber hier lag unter ihnen die unendliche Tiefe des Weltraums. Da ist es sicher verständlich, dass Hans beinahe das Herz aussetzte als er mit den dicken Stiefeln einmal fast den Halt verlor. Mit beiden Händen klammerte er sich eine Sekunde an die Sprossen, es war alles gut, nichts passiert, aber sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Nadja, die kurz hinter vor ihm war, schien etwas bemerkt zu haben. "Ist bei dir alles in Ordnung?"

Hans versuchte, wieder ruhig zu atmen. "Ja, alles in Ordnung, ich bin nur ausgerutscht."

"Ja. Gut, dass wir angegurtet sind, was?"

Eine rhetorische Frage, Hans nickte trotzdem und kletterte weiter es war nicht mehr allzu weit. Die offene Schleuse war inzwischen an ihrem Lichtkranz zu erkennen, der dezent die Außenhaut des Frachters illuminierte.

Sie schwangen sich schließlich hinein, und Nadja drückte den großen roten Knopf, der das Außenschott schloss.

"In Sicherheit", triumphierte sie.

Es dauerte nur Sekunden, bis die Schleuse mit lebensspendender Luft gefüllt war, die Geräusche kehrten wieder und das schwere Rumoren der Ionentriebwerke erfüllte den Raum. Es war heiß und stickig von der Abwärme der Düsen.

"Nun aber zur Brücke, ich muss sehen, wie es um unsere Verfolger bestellt ist." Sprach die energische Frau, nachdem sie den Helm abgenommen hatte und sie fuhr sich durch die kurzen Haare.

Aton erwartete die beiden, als sie schließlich eintrafen. "Sie haben die Verfolgung abgebrochen", meldete er kurz.

"Gut", bestätigte Nadja und ließ sich erst einmal in ihren Sessel fallen.

Aber die Pause, die sie sich gönnte währte nicht lange, schnell erklärte Sie ihre Pläne für die kommenden Tage.

"Können wir Anaconda denn ohne weiteres hinten bei den Triebwerken lassen?" Erkundigte sie Hans tatsächlich ein wenig besorgt um den Space-Speedster, dessen Eigentümer er eigentlich nicht war.

"Wir werden dein Raumschiff bei der nächsten Raumstation gleich hinter dem Kommandoabschnitt ankoppeln", schlug die Russin vor, und Hans nickte zustimmend. In dem Bereich, in dem die Trägerverstrebung in den Mannschafts- und Kommandobereich überging, würde es leichter fallen eine feste Verankerung, für das nun flugunfähige Raumschiff, zu finden.

16. Kapitel: Fremde Welten