6.Kapitel: Der Weltraum

Überdruck

Sie erreichte Trivar am fünften Tag ihrer Reise. Der Planet war der vierte dieses Systems und zu 75% von Wasser bedeckt, auf dem anderen Viertel, welches aus einer Unzahl winziger Inseln und zwei Kontinenten bestand, war vornehmlich tropische Vegetation zu finden. Die Landmasse verteilte sich ungleichmäßig über die Äquatorregion, die Polkappen waren mit einer dicken Eisschicht bedeckt, wenn diese jemals abschmelzen sollte, so würde kein Fleck Land mehr trocken bleiben. Aber das würde in den nächsten Jahrtausenden nicht passieren und es war auch, nicht so wichtig. Die fünf großen Städte waren Unterwasser angelegt worden und mit ihren prächtigen Gärten in und außerhalb der Kuppelstädte ein beliebtes Ziel für Touristen, die sich diese Art von Urlaub leisten konnten.

Mit dem Container als Eilauftrag bei einer billigen Spedition konnten sich die vier Abenteurer schließlich auf den Weg, hinunter zur Oberfläche machen. Lange Zeit sahen sie unter sich nur das dunkle Blau der kilometertiefen Abgründe, dann wechselte die Farbe langsam, und vor dem Strand leuchtete ihnen ein kräftiges Türkis entgegen. Dies war einer der Kontinente, auf beiden befanden sich Raumhäfen, aber nur dieser war für Touristen und andere Privatpersonen zugänglich, der andere wurde von Frachtern in Beschlag gehalten, die den Reichtum der Meere in alle Teile des Sektors und darüber hinaus exportierten.

Anaconda setzte sanft neben dem Container auf, der kurz vor ihnen eingetroffen sein musste, er war nach der kalten Reise noch von Reif bedeckt. Anaconda öffnete die Luken und begann die verbrauchte Luft auszutauschen.

"Ist das nicht eine herrliche Luft, meine Sensoren registrieren Unmengen von korrosivem Salz und eine hohe Luftfeuchtigkeit."

Aber niemand achtete auf die Klagen des Raumschiffes, man genoss den freien Himmel, nach der langen Reise. Michael hinkte auf seinen Krücken hinter Daphne her. "Warte doch auf mich, ich kann nicht so schnell."

"Dann siehst du mal, wie das ist." Gab diese schnippisch zurück und grinste dabei über beide Ohren.

"Lass niemanden in unserer Abwesenheit rein, Anaconda!" Raunte Hans dem Raumschiff unnötigerweise zu, als er hinaustrat.

"Positiv, Hans! Ich werde hier auf Sie warten und mich bis Sensorkontakt nicht vom Fleck rühren."

Die Luken schlossen sich gemächlich und verriegelten.

"Hast du eine Ahnung, wo wir Jason treffen werden?"

"Nein Mel, ich bin sicher, er wird uns finden."

Sie marschierten hinter Michael und Daphne hinterher und erreichten diese an einer Aussichtsplattform, die vom Hafengelände abging und eine fantastische Aussicht über den Strand und den sich dahinter erstreckenden Ozean bot.

"Das könnte mir gefallen." Melissa ließ ihren Blick über die Szenerie schweifen. "etwas Sonne, etwas Sand, Palmen und viel warmes Wasser. Das ist nicht so extrem, wie die beiden Planeten, die wir bisher kennen gelernt haben."

"Ja, aber extreme Klimaverhältnisse sind eher die Regel, nur ganz wenige Planeten liegen so ideal, in der Biozone, wie die Erde, oder Trivar."

"Du kannst uns wohl noch einiges beibringen, was?" bemerkte Melissa unbeeindruckt.

"Ich glaube eher, dass ich schon eine Menge von euch gelernt habe, zwölf Jahre Gymnasium sind nicht viel wert, wenn man dabei keine Erfahrung fürs Leben sammeln kann."

"Da hast du wahrscheinlich recht. Was wirst du tun, wenn wir deinen Vater wiedergefunden haben?" Wechselte Mel das Thema.

"Ich wollte eigentlich Informatik studieren, aber in den letzten Monaten war ich mir dessen nicht mehr so sicher, Mathematik wär' auch, nicht schlecht. Aber was werdet ihr machen, ihr habt eure Jobs verloren?

"Das wird sich zeigen", murmelte Melissa, aber war es wirklich so einfach, nach einem solchen Abenteuer, wieder zu Arbeiten wie all die anderen. Sie wussten ja nicht, dass das Abenteuer erst noch vor ihnen lag.

"Wer von Ihnen ist Daphne DeRochelle?"

"Das bin ich," wandte sich die Angesprochene um, so gut es ihr möglich war, ohne die Bremsen am Rollstuhl zu lösen. "Was wollen Sie?"

"Jason hat mir nicht gesagt, dass Sie im Rollstuhl sitzen!"

"Ist das wichtig?" Flüsterte Daphne schon wieder bedrohlich leise, ein Vulkan, kurz vor der Eruption.

Der Mann schaute sich das Gefährt neugierig an, er war groß gewachsen, braungebrannt und trug eine dunkle Sonnenbrille.

"Was wollen Sie?" Wiederholte Daphne ihre Frage langsam und eindringlich, es klang drohend.

"Ihr Vater lässt Ihnen ausrichten sie sollen runter nach Nagil fahren, dort würde Sie jemand erwarten, und sie sollen den Vogel mitbringen", antwortete der Mann schließlich und fügte nach einer kurzen Pause hinzu eine kurze Pause. "Wozu brauchen sie diesen, hm, Rollstuhl?" Der Fremde schien gar nicht zu merken, dass Daphne ihn gleich zerfleischen würde, aber ihre Wut richtete sich nicht gegen ihn, nicht ausschließlich jedenfalls. Es war auch, die Enttäuschung ihren Vater noch immer nicht gefunden zu haben.

"Woher wissen Sie, dass wir hier sind?" Warf Hans scharf ein.

"Wir überwachen alle Neuankömmlinge auf diesem Planeten. Auf Wiedersehen." Damit verschwand der Mann so schnell, wie er aufgetaucht war.

"Wo liegt eigentlich Nagil?" Lenkte Melissa ab, sie sah förmlich, was in dem Kopf des Mädchens vorging. Aber sie wusste auch, dass Daphne nicht darüber reden würde, auch, wenn sie sonst nur schwer die Klappe halten konnte.

"Unten irgendwo," entgegnete Hans. "Unterwasser vermute ich. Man wird uns im Hafenterminal weiterhelfen können."

Im Terminal konnte man der Reisegruppe tatsächlich weiterhelfen. Sie erfuhren, dass Nagil die größte Metropole Unterwasser sei und ein beliebtes Ziel für Touristen, vor allem wegen der Spielkasinos.

Langsam ging Hans das Geld aus, aber es war noch gerade genug, für vier Tickets und einen Containertransfer, aber die Lieferung würde zwei Tage dauern. Hans akzeptierte und ließ seine letzten ICU von der Geldkarte saugen, was blieb ihm anderes übrig. So konnte man seine Abfindung also auch, loswerden, und er hatte noch kein bisschen Spaß davon gehabt.

"Vielen Dank, das Shuttle wird in zwei Stunden an Pier 12 ablegen und das ist ihre Codekarte für den Container, verlieren Sie sie nicht, Sie müssen die Karte bei Empfang des Containers vorweisen." Damit wandte sich der junge Kassierer, ein Trivarer, mit seinem froschartigen grünen Gesicht und den roten hervorstehenden Augen, den nächsten Kunden in der Schlange zu.

"Mein Geld ist alle," beklagte sich Hans. "Wie wär's, wenn einer von euch heute das Mittagessen spendiert."

Mit nur einer Gegenstimme wurde beschlossen, dass Melissa die anderen zum Essen einladen sollte. "Is' ja gut, ich gebe mich geschlagen, aber dafür suche ich das Restaurant aus!"

In der großen Auswahl im Hafengebäude fanden sie schnell ein Restaurant zu ebener Erde, das ihnen zusagte, und ließen sich an einen der Tische mit Meerblick führen, nach Urwald und Wüste, konnte sie davon im Moment nicht genug bekommen.

Ein Ober verteilte die Menükarten. "Kann ich Ihnen schon mal was zu trinken bringen? Wir haben gute Weine, von der Erde!"

"Das hört sich sehr verlockend an", musste Melissa unweigerlich zugeben und zuckte etwas zusammen, als sie die Preise sah, aber es war zu spät, Mel hatte sich entschieden. Sie bat um einen trockenen Weißwein aus Südafrika, Daphne und Michael zogen nach, und Hans bestellte sich ein Glas Mineralwasser, ohne Zitrone.

"Wie lange hast du deinen Vater eigentlich nicht mehr gesehen?" Erkundigte sich Michael vorsichtig.

"Das muss mehr als vier Jahre her sein, er war damals noch gelegentlich  zu Besuch gekommen, aber immer, wenn er kam, stritten sich meine Eltern, irgendwann blieb er dann weg und fing an mir Briefe zu schreiben. Es war nicht leicht, für mich. Ich bildete mir ein, es wäre meine Schuld, aber das war natürlich Unsinn. Ich hoffe, Papa wird mir erzählen, warum er weggegangen ist, wenn wir uns wiedersehen."

Der Kellner brachte die Getränke und nahm die Bestellungen für das Hauptgericht auf, Fisch natürlich, es gab auch, kaum etwas anderes.

Melissa blickte, hinauf aufs Meer. "Schaut mal, da taucht ein U-Boot auf, ob das schon unseres ist."

"Eine Stunde zu früh? Das glaube ich kaum." Michael nippte an seinem Weißwein, es zog ihm im Mund alles zusammen, so trocken war das Getränk.

"Aber hier kannst du deine Uhr mal benutzen, dieser Planet rotiert, mit 23,5 Stunden, das ist doch gar nicht schlecht oder?"

"Wie du meinst Hans." Sie suchte ihre Taschenuhr heraus und zog sie auf. "Wie spät haben wir‘s denn jetzt?"

"Halb zwei", half der Ober freundlich aus und sortierte die Speisen auf den Tisch.

Sie erreichten den Pier nach der üppigen Mahlzeit gerade noch rechtzeitig, die Stewardess wartete schon ungeduldig auf die Nachzügler.

"Wir hätten auch, keine fünf Minuten länger gewartet." Ihre großen roten Augen zwinkerten schelmisch und verschwanden dabei förmlich in den tiefen Augenhöhlen.

Hans nahm Daphne aus dem Rollstuhl heraus und trug sie die beiden Stufen herunter zu der für sie bestimmten Sitzreihe, während Melissa und Michael den Rollstuhl zusammenlegten und von der verblüfften Stewardess verstauen ließen.

Sie hatten das Glück eine der Reihen zugewiesen zu bekommen, die mit einem Bullauge einen Blick nach draußen zuließ. Noch befanden sie sich über Wasser, aber vorwitzige Wellen klatschten immer wieder gegen das Panzerglas.

"Bitte legen Sie während HHder Tauchphase die Sicherheitsgurte an, die Submarine Transfer wünscht Ihnen eine angenehme Reise." Verkündete die Stewardess und klopfte dann an die Tür des Kapitäns, zum Zeichen, dass alles bereit sei.

Dann wurden die Ballasttanks geflutet, und sie versanken in den blauen Fluten, zunächst an einem Riff hernieder, das bis in eine Tiefe von fünfhundert Metern mit den verschiedensten Korallen, Pflanzen und Tieren bevölkert war. In diese Tiefe drang trotz des klaren Wassers kaum noch ein Lichtstrahl. Nur die starken Scheinwerfer des Unterseebootes erhellten die zerklüfteten Felswände. In einer Tiefe von 750 m erreichten sie ein Plateau, aus Sand, blinde platte Fische stoben davon, wenn ihnen das Ungetüm aus Stahl mit seinen sich gefährlich drehenden Schrauben zu nahe kam.

Dann erreichten sie nach hundert Metern horizontaler Fahrt einen weiteren tiefen Abhang, an dem sie bis auf 2300 m hinunterglitten.

"Wir haben unser Reisetiefe erreicht. Sie können jetzt ihre Gurte lösen, in ein paar Minuten werde ich mit warmen und kalten Getränken zu ihnen kommen. Für die Interessierten unter ihnen habe ich noch ein paar technische Daten. Der Wasserdruck in dieser Tiefe beträgt 231bar. Es herrscht eine Temperatur von knapp über 3°C, das liegt an dem hohen Druck hier unten. Unsere Reisegeschwindigkeit beträgt 15Km/h. Versuchen Sie doch, eine der heißen Quellen zu entdecken. Wir werden auf der zweistündigen Reise an einigen dieser so genannten schwarzen Raucher vorbeikommen, da sich unsere Reiseroute über einen Teil der Strecke an einer kontinentalen Stoßzone entlangzieht. Vielen Dank für ihre Aufmerksamkeit."

Hin und wieder tauchte ein seltsamer Anglerfisch in ihrer Nähe auf, der im Bereich der hellen Scheinwerfer Beute vermutete. Aber der Kapitän tat ihm diesen Gefallen nicht, er schaltete das Licht aus. Wer jetzt das Glück hatte an einem Fensterplatz zu sitzen, konnte sehen, wie der Fisch seine eigene winzige Laterne schwang, um arglose Fische anzulocken.

Als sich der Anglerfisch zurückgezogen hatte, wurde das Flutlicht wieder eingeschaltet und ließ schemenhaft eine der Wasserschlangen in der Ferne aufleuchten. Die Kiembüschel entlang der Seiten des Tieres verwischten die Konturen, aber die Stewardess klärte die Passagiere auf, dass dieses Exemplar mit seinen 150 Metern schon zu den größeren Exemplaren seiner Art gehörte. Die Schlange war binnen Sekunden wieder verschwunden und suchte woanders nach toten Tieren und Pflanzen, die von der Oberfläche bis hier unten gelangten.

Dann endlich tauchte Nagil vor ihnen auf. Auf ihren Stelzen über dem Meeresgrund stehend, umfasste die durchsichtige Kuppel viele Quadratkilometer und durch das Dach konnte man schemenhaft Grünflächen und Gebäude erkennen, als das Shuttle darüber hinwegstrich, bevor es sich in einem großen Bogen den Andockschleusen unter der Stadt näherte.

"Hier gibt es eindeutig zu viele Treppen." Klagte Hans, als er Daphne wieder aus dem U-Boot in ihren Rollstuhl setzte.

"Das sag ich auch, immer, aber auf mich hört in der Regel niemand", stimmte Sie ihm grinsend zu.

Er schob sie in den großen Fahrstuhl und hielt die Tür offen für ein paar andere Mitreisende und Michael, der sich neben Melissa bemühte schneller zu humpeln.

"Ich hasse diese Krücken, ich wünschte, ich könnte wieder richtig auftreten."

Die Fahrstuhltüren schlossen sich, nur wenige Augenblicke danach standen sie in der Stadt unter dem Meer. Es erinnerte Michael irgendwie an Malaikapia, aber dort war die Decke stets grau gewesen, hier war sie Schwarz, das Tageslicht drang nicht bis in diese Tiefen.

"Wie geht's jetzt weiter?" Erkundigte sich Daphne.

"Wir werden, uns ein Zimmer nehmen und uns die Stadt ansehen, bis der nächste Bote deines Vaters auftaucht und uns sagt, wie es weiter gehen soll." Hans warf einen Blick auf das Mädchen, das mit ihren kräftigen Armen den Rollstuhl vorantrieb. Im Moment schien es ihr nichts auszumachen erneut warten zu müssen, aufmerksam schaute sie sich in der fremden Stadt um und immer wieder zur dunklen Decke hoch über ihren Köpfen. Auch Hans stellte fest, wie seine Augen immer wieder ihren Blick zur Decke suchten, millionen Tonnen Wasser standen über ihren Köpfen, das durfte einen doch etwas nervös machen.

Sie schlenderten über die blanken Fliesen des Boulevards und warfen interessierte Blicke in die Geschäfte links und recht der Straße. Das Hotel "zum hungrigen Fisch" erregte ihre Aufmerksamkeit. Sein Portal war geformt wie das klaffende Maul eines großen  Raubfisches, sie beschlossen sich hier einzumieten.

Erneut glubschten ihnen die roten Augen eines Einheimischen entgegen als sie die in Pastelltönen gehaltene Eingangshalle erreichten.

"Hatten Sie eine angenehme Reise? Möchten Sie vielleicht Zimmer haben? Kann ich Ihnen eine Sightseeing Tour anbieten?" bombardierte er seine Gäste mit Fragen und schob sie mit sanfter Gewalt vor die Rezeption, ohne eine Antwort zu erwarten.

"Hey Pedro, schläfst du schon wieder? Wach auf Pedro! Willst du dich nicht um unsere Gäste kümmern?" Wandte er sich dann an einen Menschen, der mit geschlossenen Augen hinter dem Tresen saß. Die schwarzen Haare des Mannes waren kurz geschnitten, aber weigerten sich trotzdem beharrlich, glatt zu liegen. Gekleidet war er in etwas, was aussah wie eine Jeans, wie man sie vor Jahrhunderten auf der Erde getragen hatte und ein buntes Hemd, das sich locker um seine Hüften wurschtelte.

"Ich bin wach, und natürlich werde ich unsere Gäste mit außerordentlicher Zuvorkommenheit behandeln", begann Pedro zu antworten, noch bevor er sich die Mühe machte, die Augen zu öffnen. Aufmerksam blickten die dunkelbraunen Augen den Gästen entgegen.

"Was kann ich für Sie tun?" wandte er sich dann mit himmelblauem Augenaufschlag an die Gäste.

"Wir möchten vier Zimmer mieten", antwortete Melissa und schob ihre Geldkarte über den Tresen.

"Sehr gern, wissen Sie, wie lange Sie bleiben werden?"

"Nein, das wissen wir leider noch nicht."

"In Ordnung!" Er gab die Karte zurück. "Ich werde Sie auf ihre Zimmer bringen."

Er klemmte sich das Gepäck unter den Arm und war einen kurzen Blick auf, Daphne. "Ich glaube, wir werden besser den Fahrstuhl nehmen."

Die Zimmer waren in grellen Farben gestrichen, sie beleidigten die Sinne und schmerzten in den Augen. Pedro berührte einig Regler an der Wand und sofort wichen die psychedelischen Farben sanften Pastelltönen.

"Entschuldigen Sie, der letzte Gast war ein Trivarer, die sind alle farbenblind."

Wasserbetten waren in jedem Zimmer obligatorisch. Und durch die Fenster konnte man einen Blick auf die Geschäftsstraße werfen, die sich in gerader Linie durch einen Großteil der Stadt zog.

Lange hielten sie es nicht in den Zimmern aus, im Prinzip sah diese Stadt zwar aus wie jede andere, Kilometer unter der Wasseroberfläche hätte jedes Kaff eine besondere Anziehungskraft ausgestrahlt.

Sie hatten sich in einem Lokal nicht weit vom "Hungrigen Fisch" niedergelassen, um etwas zu trinken, in der Stadt wurde es Abend, und man begann die Straßenbeleuchtung runterzudimmen, eine romantische Atmosphäre breitete sich in der Stadt aus.

Dann gesellte sich eine Gestalt an ihren Tisch, in einen Mantel gehüllt und mit einer tief ins Gesicht gezogenen Kapuze, war sie beim besten Willen nicht zu erkennen, tatsächlich war sein Gesicht überhaupt nicht zu sehen, man hätte meinen können die Kapuze sei leer.

Seine raue heisere Stimme jagte den Vieren einen Schauer über den Rücken.

"Man nennt mich Isumúya", flüsterte er. "Sobald das Objekt hier eintrifft, werden wir uns an Pier treffen, ich werde Sie zu Jason bringen." Dann drehte er sich um und verschwand zwischen den anderen Touristen, die um diese Zeit hier ihr Unwesen trieben.

"Er hat mich angestarrt", flüsterte Melissa und brachte kaum ein Wort heraus, ihre Nackenhaare waren hoch aufgerichtet, sie spürte, wie sich ihre Muskeln angespannt hatten, ihr Herz raste, als wollte es gleich zerspringen und schmerzte in ihrem Brustkorb, schließlich begann sie wieder zu atmen.

Die drei anderen nickten nur, sie hatten dasselbe gespürt.

Die Spannung legte sich wieder, als sie mit ein paar Glas Wein nachspülten. Und später wussten sie nicht mehr, warum Isumúya sie so geschockt hatte, aber in der folgenden Nacht wurden alle Vier von Albträumen geplagt, an die sich am nächsten Morgen aber keiner mehr erinnern konnte.

Sie schauten sich die Stadt an, besuchten den Zoo und dachten nicht mehr an den letzten Abend.

Am Nachmittag, des darauf folgenden Tages erhielt Hans die Nachricht, dass seine Lieferung angekommen sei und er sie doch bitte am Anleger bestätigen würde. Sie machten sich sofort zusammen auf den Weg und konnten am Trockenpier sogar noch zusehen, wie der Container aus der Ladebucht des Frachtbootes herausgehoben wurde, zusammen mit einem Dutzend anderer wurde er auf den dafür vorgeschriebenen Flächen abgestellt.

Hans bestätigte beim Hafenmeister den Empfang, und Melissa musste für den Liegeplatz des Containers für drei Tage im Voraus bezahlen. Sie hoffte inständig, dass Jason sich für die Wiedervereinigung mit seiner Tochter erkenntlich zeigen würde, sonst war sie nicht nur arbeitslos, sondern auch, pleite.

Hans inspizierte das Schloss des Containers und fand es zu seiner Beruhigung unversehrt. Dann tauchte Isumúya wieder auf. Die Symptome waren fast dieselben wie beim ersten mal, aber Melissas Herz drohte nicht mehr damit, zu platzen, es raste nur wie wild, sie deutete das als Fortschritt und zwang sich einzuatmen. "Hallo Isumúya", krächzte Sie, als sie wider Erwarten zuerst ihre Stimme wiederfand. Es war ein Gefühl, wie es Melissa es nur aus den Albträumen kannte, aus denen Sie im Augenblick ihres Todes aufgeschreckt war.

"Melissa Yukawa und Hans Christ, Sie werden mit mir kommen. Daphne DeRochelle und Michael Hasselblad, Sie werden uns mit dem Blackbird folgen."

Daphne war die Erste, die ein Wort hervorbrachte. "Aber die Tiefe", flüsterte das Mädchen, und Hans nickte zustimmend, als er pfeifend einen tiefen Luftzug holte.

"Sie werden uns mit dem Blackbird folgen!" hauchte Isumúya und diesmal gab es keine Widerrede. Seinen weiten Ärmel über das Schloss breitend öffnete er den Container, wandte sich um und schritt beinahe gleitend und lautlos in Richtung auf ein schnell aussehendes U-Boot davon. Hans half Daphne in den Kampfvogel, dann folgten er und Melissa der Gestalt, beinahe wie hypnotisiert.

"Das ist gruselig", murmelte Michael schräg hinter Daphne, als sie sich die Stirnbänder anlegten, Sie nickte und schloss die Kanzel über ihnen. Wie konnte sie nur vorhaben, mit einem Flugzeug, in dieser Tiefe, die Unterwasserstation zu verlassen. Sie lenkte den schwarzen Vogel über das freie Wasser und tauchte ein. Noch war alles dicht, aber sie waren auch, noch nicht dem Druck von 230 Atmosphären ausgesetzt.

Erst jetzt bemerkten die beiden, dass die Kuppel über ihnen nicht ganz die Realität zeigte. Das Wasser war viel zu durchsichtig, beinahe, als wären sie an der Luft.

"Was ist das?" Fragte Michael dankbar über die Ablenkung. Während sie sich hinter das schlanke U-Boot Isumúyas setzten.

"Sieht aus, als wär‘s ein Display." Sie versuchte probehalber sich die Kontrollen nicht mehr auf dem Bildschirm vorzustellen, sondern auf der Plexiglaskuppel und es funktionierte, Höhenkontrolle und Geschwindigkeitsanzeige erschienen scheinbar mitten im Wasser. Daphne dachte an die Maximaltiefe, und die Zahl 3500 m erschien vor ihnen.

"Irgendwie beruhigt mich das!" Raunte sie Michael zu und warf schnell noch einen Blick nach hinten. Dann öffnete sich die Einfahrt in die Druckschleuse, und sie folgten dem Blasen hinter sich herziehenden U-Boot, welches keine beweglichen Antriebsaggregate zu haben schien.

Es brauchte diese auch, nicht, da es von einem sehr alten aber effektiven Antriebsmechanismus bewegt wurde, der auf dem Prinzip der Magnetohydrodynamik arbeitete. Starke Magnetfelder und Kondensatoren lieferten in dem U-Boot die Rahmenbedingungen für diesen Antrieb, der den Rückstoß der abgelenkten Ionen im Meerwasser ausnutzte.

Die gute Sicht minderte sich nur unwesentlich, als die Schleuse sie in die Tiefen des Ozeans spuckte. Mit unglaublichen 150 km/h schoss Isumúyas Schiff davon, und Daphne hatte Mühe ihm zu folgen, wobei sie versuchte, den Blackbird stets oberhalb des Blasenschwalls zu halten, der sich an den Seiten und hinter dem führenden Schnellboot bildete, das Wasser schien zu kochen. In Wirklichkeit war es aber nur so, dass das Wasser nicht so schnell um das Boot fließen konnte, wie sich dieses durch das Meer bohrte, sodass die Strömung hin und wieder einfach abriss und eine luftleere Blase bildete, die sofort wieder implodierte.

Isumúya hatte mit keinem Wort erwähnt, wohin die Fahrt gehen sollte, aber sein Kurs war eindeutig Richtung Norden gerichtet. Michael rief eine Karte auf seinen Monitor in diese Richtung war kein Bauwerk eingezeichnet, auf dieser Route würden sie bis nach Nagil fahren können, ohne dafür wenden zu müssen.

"Wir werden die Polregion ansteuern", meldete sich die heisere Stimme kurz über Funk. "Wir halten von nun an Funkstille!"

"Die Polregion? Was hat dein Vater denn da verloren?"

"Wenn ich das wüsste! Aber ich werde ihn Fragen. Verlass dich drauf."

Selbst bei dieser Geschwindigkeit würde es einige Stunden dauern, bis sie das Zielgebiet erreichten, Michael lehnte sich in seinem Sitz zurück und warf einen Blick hinaus auf die vorbeirasende Landschaft unter ihnen, hundert Meter über Grund sah es aus, als würden sie fliegen.

"Wir werden angegriffen", meldete sich einige Zeit später erneut die Emotionslose heisere Stimme, "Sie werden die übermittelten Koordinaten ansteuern, tauchen Sie nicht auf."

Dann herrschte wieder Stille. Michael checkte sein Radar und Sekunden später tauchten die drei Kampfboote auf, die sich rasch näherten. Sechs Torpedos wurden beinahe im selben Moment vor ihnen ins Wasser gelassen und rasten unter ihnen hinweg auf die Verfolger zu.

Ohne ersichtlichen Grund detonierten fünf der Torpedos kurz vor Erreichen der Verfolger, der sechste explodierte beim Aufschlag auf die Außenhülle des ihnen am nächsten stehenden Bootes. Der Blackbird wurde zuerst von der Druckwelle durchgeschüttelt und dann förmlich fortgeschleudert, als das U-Boot implodierte.

Dann feuerte eines der Verfolger auf Isumúya in rascher Folge ein Dutzend kleiner Unterwasserraketen ab, inzwischen hatte dieser auf 250km/h beschleunigt und lockte seine Verfolger von den beiden jungen Leuten weg, die unbeachtet zurückfielen, bei diesen Geschwindigkeiten konnte auch, ein Blackbird nicht mehr mithalten. Dabei war es gar nicht der Druck, der sich bei diesen Geschwindigkeiten vor dem Flugzeug aufbaute, es waren die mit Vakuum gefüllten Blasen, welche die in der Lage waren winzige Partikel aus der Keramikhaut zu reißen.

Zehn Raketen wurden von einem für Daphne und Michael nicht zu identifizierenden Abwehrmechanismus vor dem Einschlag zur Explosion gebracht, die anderen beiden schlugen ein und brachten diesen unglaublichen Antrieb zum Versagen, wie mit einem Vorschlaghammer gestoppt hielt das verfolgte U-Boot an.

Noch einmal meldete sich Isumúya über Funk: "Sie fliegen zum Flughafen von Trivar, wir müssen jetzt auftauchen."

"Was ist da los?" schrie Michael, aber er bekam keine Antwort, Isumúyas U-Boot begann allmählich aufzusteigen, die Verfolger drehten ab und schossen davon, laut Michaels Radar, mit über 400km/h.

"Es ist wohl nicht seine Art, Erklärungen abzugeben, ich werde jetzt die angegebenen Koordinaten ansteuern."

"Aber wir können doch das beschädigte Boot nicht einfach allein lassen."

"Wir können hier nicht helfen, unsere Aufgabe ist es, Hilfe zu holen."

Inzwischen hatte Daphne das Flugzeug wieder stabilisiert, keine Schäden. Sie machten volle Fahrt zurück zum Weltraumhafen, um Hilfe zu holen. Hoffentlich kamen sie nicht zu spät.

Isumúya blieb ruhig, als sein Schnellboot des Antriebs beraubt wurde, nicht dass er jemals überhaupt eine Emotion zeigte.

"Ein Hüllenbruch steht bevor, Sir", meldete sich der Bordtechniker, kaum von seiner Konsole aufsehend.

"Steuermann leiten Sie den Aufstieg ein." Übersetzt Isumúya ruhig und wandte sich dann an den Funker:

"Geben Sie mir den Blackbird." "Verbindung steht, Sir!"

"Sie fliegen zum Flughafen von Trivar, wir müssen jetzt auftauchen."

Melissa wandte sich im hinteren Teil der ovalen Kommandobrücke an Hans, der mit Ihr zusammen gut angeschnallt auf einer Bank saß, wo sie das abrupte Stoppen, wie einen Schlag in den Magen, ganz gut überstanden hatten: "Glaubst du, Isumúya bringt uns hier raus?"

Hans war mit dem Kinn auf sein Knie geschlagen und hatte sich dabei die Lippe aufgebissen, er fummelte ein Taschentuch hervor und drückte es sich auf die schmerzende Unterlippe.

"Wenn‘s jemand schafft!" Brachte er hervor und spuckte Blut in sein Tuch, der Navigator hatte nicht so viel Glück gehabt, er hing tot, oder wenigstens bewusstlos über seinen Instrumenten. Der Radarbeobachter neben ihm beugte sich kurz hinüber, auch, er hatte eine üble Platzwunde an der Stirn und suchte den Puls an der Halsschlagader des Navigators.

"Sir, der Navigator lebt!"

"Funker, Sie kümmern sich um den Mann, Radar, was machen die Angreifer?"

Während der Funker sich um den verletzten Kollegen kümmerte, meldete der Radarbeobachter, dass die Verfolger abgedreht hätten.

"Techniker, Status?"

"MHD-Antrieb ist ausgefallen, Mikrorisse in der Außenhaut, Trimmkammern funktionsfähig, Sir!"

"Steuermann, Status?"

"Maximale Steiggeschwindigkeit, erreichen Oberfläche in zwei Stunden, Sir."

"Waffen, Status?"

"Alle ausgefallen, Sir."

"Hans Christ, Ihr Zustand?"

Das kam etwas überraschend. "Ich bin in Ordnung."

"Melissa Yukawa, Ihr Zustand?" Er fragte, als ob es sich um Maschinen handeln würde, aber das war wohl schon das äußerste was er an Mitgefühl aufzubringen vermochte.

"Es geht mir gut. Was ist passiert?"

"Wir wurden angegriffen. Es war das Ziel uns zum Auftauchen zu zwingen, ich muss deshalb davon ausgehen, dass man uns an der Oberfläche erwarten wird." Zum Ende des Satzes wurde seine heisere Stimme noch leiser, dann wandte er sich wieder dem Frontmonitor zu, Fenster gab es in diesem Schiff nicht, ein Gang führte nach hinten in den Maschinenraum und zur Einstiegsluke in der Mitte des Schnellbootes.

"Funker. Zustand des Navigators?"

"Kritisch, schwacher Puls, feuchte kalte Haut. Er steht unter Schock." Der Funker hatte den Navigator inzwischen auf den Boden gelegt und die Füße hoch gelagert. "Ich vermute eine Gehirnerschütterung, eventuell ein Schädelbruch, Sir!" Aus seiner Stimme ließ sich seine Besorgnis heraushören.

Melissa löste ihren Gurt, drückte Hans ein frisches Taschentuch in die Hand und kniete sich zum Funker neben den Bewusstlosen. "Kann ich irgendwie helfen?"

"Schnallen Sie sich an, Melissa Yukawa!" befahl Isumúya der jungen Frau.

"Ich will doch nur helfen."

"Sie helfen niemandem, Miss, wenn Sie ungesichert hier knien," klärte der Funker sie auf. "Ich bin ausreichend ausgebildet, hier Hilfe zu leisten. Schnallen Sie sich bitte wieder an!"

Sie begab sich zurück auf ihren Platz, im Weg wollte sie niemanden sein.

"Die Leute hier wissen, was Sie tun, mach dir keine Gedanken", wandte sich Hans an sie, als sie den Gurt wieder ins Schloss schnappen ließ.

"Ja, ich weiß. Das nichts tun können ist es, was mir Probleme macht. Isumúya, was ist mit Daphne und Michael?"

"Radar!"

"Der Blackbird ist unbehelligt auf Kurs zum Flughafen, seine Zerstörung war nicht Teil des Auftrags der Angreifer."

Einige Minuten vergingen, bevor sich Hans an den Funker wendete. "Wie geht es ihm, bessert sich sein Zustand?"

"Nein Sir, keine Änderung."

Die nächste halbe Stunde herrschte gespannte Ruhe, dann meldete sich de Techniker, mit einem aufgeregten Unterton in der Stimme: "Sir, wir haben einen Wassereinbruch, an Steuerbord, Füllschaum wird ausgebracht." Dann eine Pause und beinahe unmerklich neigte sich das Boot nach Steuerboot, aber die durch Stress geschärften Sinne Melissas registrierten es trotzdem. Dann gab der Techniker Entwarnung, "Leck gestopft Sir, vier Grad Schlagseite, Trimmer kompensieren jetzt." Einen Augenblick später war alles wieder im Lot.

Isumúya nickte nicht einmal zur Bestätigung.

Aber eine Stunde später trat das nächste Leck auf, immer noch 400 m unter der Wasseroberfläche, mit inzwischen langsam sinkender Aufwärtsgeschwindigkeit.

"Zweites Leck Steuerbord, Sir. Schaum reicht nicht mehr aus."

Melissa fühlte Panik in sich aufsteigen, als Hans ihre Hand ergriff und hielt. Sie drückte dankbar zu und schloss die Augen, versuchte ruhig zu atmen.

"Isumúya hat die Lage im Griff", flüsterte er ihr zu und wollte sich ebenso damit beruhigen wie die zitternde Hand in der seinen.

"Dann ließ sich die heisere Stimme wieder vernehmen. "Steuermann legen Sie uns auf das Leck, Techniker, Sie erhöhen den Druck. Melissa Yukawa, Hans Christ, Halten Sie sich die Nase zu und blasen Sie dagegen, das sorgt für Druckausgleich."

Das Schiff legte sich zwanzig Grad nach Steuerbord, und Melissa versuchte sich mit Mühe abzustützen, während Hans sich auf der andern Seite festhielt.

Alle Menschen an Bord hielten sich die Nase zu und versuchten mit der Geschwindigkeit mitzuhalten, mit welcher die Luft an Bord komprimiert wurde, und der Druck an Bord auf das 40fache des gewohnten atmosphärischen Druckes anstieg. Wie die Fische japsten Sie nach Luft und versuchten diese in die Gehörgänge zu pressen.

Ein stechender Schmerz schien durch Hans Kopf zu schießen, als zuerst das linke und kurz darauf das rechte Trommelfell der Belastung nachgab, er spürte, wie ihm Blut aus den Ohren lief. Er versuchte etwas zu sagen, aber seine Stimme war nur noch ein hohes Piepen, kaum verständlich.

Der Navigator bemerkte, was passiert war und kam kurz herüber, um ihm eine kleine Plastikampulle zu reichen, er bedeute Hans die Flüssigkeit in die Ohren zu träufeln, dann setzte er sich wieder. Der Schmerz ließ fast im selben Augenblick nach, als die ölige Flüssigkeit das geschädigte Trommelfell berührte. Er hatte noch Glück gehabt, wenigstens rechts konnte er noch hören, links klang im Moment alles etwas dumpf, aber das konnte auch, am Blut im Gehörgang liegen.

Zuerst wurde es warm, dann heiß, je mehr die Luft zusammengepresst wurde. Melissa wischte sich über die Stirn, aber es war sinnlos, sie war völlig durchgeschwitzt, die Hitze, und der Stickstoff lähmte die Gedanken, und das Atmen begann schwer zu fallen. Bei solchen Drücken konnte man keine Luft mehr atmen, zuerst würde einem der Stickstoff das Bewusstsein und im Anschluss der Sauerstoff das Leben rauben, beide Anteile im Atemgemisch wurden verringert und abhängig von der Tiefe durch Helium ersetzt. Das Atmen viel jetzt sehr schwer, es kam Melissa so vor, als würde man sie zwingen eine Flüssigkeit zu atmen. Sie meinte, daran Ersticken zu müssen.

Eine sprachliche Verständigung war jetzt unmöglich. Aber jeder verstand das Zeichen, als der Funker seinen Zeigefinger über seine Kehle gleiten ließ. Einige Zeit versuchte er noch Herzlungenwiederbelebung, musste dann aber aufgeben, als er Gefahr lief, vor Anstrengung selbst sein Bewusstsein zu verlieren.

Jetzt galt es das Leck zu stopfen, denn wenn sie mit offener Außenhülle weiter stiegen, würden die Gase im Blut ausperlen und die ganze Besatzung umbringen.

Aber als der Druck ausgeglichen war, konnte der Kunststoffschaum auch, das größere Leck abdichten und ein paar Minuten später zeigte der Techniker das OK- Zeichen, die Situation war wieder unter Kontrolle.

"Funker, nehmen Sie ihren Platz ein." Unverständlicherweise hatte der hohe Luftdruck, der jedes menschliche Wort zu einem unverständlichen Quietschen machte, auf Isumúyas Stimme nicht den geringsten Einfluss. Dieses Wesen musste irgendwie in der Lage sein, seine Stimmmodulation auf die erhöhte Dichte der Atmosphäre einzustellen.

Der Funker nahm seinen Platz wieder ein und ließ den Toten auf dem Boden liegen, allerdings nicht, ohne dem Navigator vorher die Augen zu schließen. Blut sickerte auch, aus seinen Ohren und auch, unter seinen Augenliedern hervor, Melissa musste sich abwenden.

Melissa und Hans zwangen sich weiter zu atmen, aber es war sehr anstrengend. Die Klimaanlage kämpfte gegen die Hitze, aber sie schien kaum etwas auszurichten. Und es würde noch eine ganze Weile so bleiben, denn während sie langsam aufstiegen, sättigte sich ihr Gewebe allmählich mit den in der Atemluft enthaltenen Edelgasen. Wenn sie sich zu schnell wieder dem Atmosphärendruck aussetzten, würde dieses Gas ausperlen, wie aus einer Mineralwasserflasche, die man nach dem Schütteln öffnete. Das Leck war gedichtet, und der Druck in der Kabine konnte wieder gesenkt werden, aber der Dekompressionsvorgang würde mehrere Tage in Anspruch nehmen, so erreichten sie eine Dreiviertelstunde später die Wasseroberfläche.

"Techniker, Funker, bringen Sie den Toten in den Maschinenraum." Sie taten, wie ihnen befohlen wurde und bemühten sich schwer atmend den Navigator wegzuschaffen, was bei der Schräglage keine einfache Arbeit war.

"Radar!"

"Keine Boote, Sir. Zwei Raumschiffe sind soeben in den Radarbereich eingetreten, Kurs: unsere Position Sir. Ankunft voraussichtlich in zwei Stunden." Erschien die getippte Antwort auf dem Frontschirm.

"Funk!"

"Notsignal ist aktiviert, Sir." Tippte der Angesprochene mit flinken Fingern in seine Konsole.

Melissa versuchte etwas zu fragen, aber ihre Stimme war völlig unverständlich und so sparte sie sich den Atem für später. Die Angst blieb, sie würden zwar nicht in der Tiefe des Ozeans von den Wassermassen zermalmt werden, aber das Atmen war noch immer anstrengend und manchmal wünschte sich Melissa, sie könnte einfach aufhören. Sie zwang sich weiter Luft zu holen und dann bewusst wieder auszuatmen, ihr Herz schlug schnell und versuchte den wenigen Sauerstoff so schnell wie möglich in die Gewebe zu pumpen. Allmählich wurde ihr übel. Die Temperatur sank viel zu langsam. Sie kämpfte gegen die Panik, aber Panik ist kein fairer Gegner, sie gewinnt immer.

Als Hans ihre Hand drückte, schlug sie die Augen wieder auf und mühte sich erneut einen Atemzug zu machen, sie wollte nicht sterben, Hans winkte nach dem Funker, der in diesem Boot die Aufgaben eines Notarztes wahrzunehmen schien.

Als der Funker ihre missliche Lage bemerkte, brachte er ihr eine Atemmaske, die ihre Atmung unterstützte. Natürlich konnte er Melissa nichts von dem von der jungen Frau so dringend benötigtem Sauerstoff anbieten, denn bei Partialdrücken von über 1,7 Bar ist dieser giftig. Aber die Atemmaske reicherte ihre Atemluft mit Wasserstoffgas an, dieses ist leichter als Helium und Stickstoff, wenn auch, zusammen mit Sauerstoff etwas gefährlicher. Das Atmen fiel Melissa jetzt wieder etwas leichter und allmählich legte sich die Panik, der Funker bot auch, Hans eine an, aber dieser fühlte sich den Umständen entsprechend wohl, er legte Daumen und Zeigefinger zum OK-Zeichen zusammen. Seine Lippe hatte inzwischen zu bluten aufgehört. Er blickte auf Melissa, in deren Gesicht langsam die Farbe zurückkehrte, aber ihre kalten Finger zitterten noch in seiner Hand.

Über Wasser dauerte es nur kurze Zeit bis Daphne und Michael zurück waren am Flughafen von Trivar, wo man ihnen glücklicherweise schnell mitteilen konnte, dass die Rettungskräfte schon unterwegs waren.

"Wir müssen zurück zur Unglücksstelle", entschied Daphne schnell und ließ das Kampfflugzeug aus dem Wasser schießen, an der Luft würden sie wesentlich schneller vorankommen. Daphne  ärgerte sich maßlos, dass sie auf Isumúya gehört hatte, aber das Mädchen riss sich zusammen, es gab jetzt Wichtigeres. Sie hatten keine Zeit mehr, wenn noch keine Rettungsmannschaft eingetroffen war, zählte jede Sekunde.

Der Blackbird legte die Strecke, für die sie Unterwasser Stunden gebraucht hatten, in Minuten zurück, und Daphne hätte beinahe die Tragflächenboote der Rettungswacht übersehen, die das Notrufsignal des havarierten U-Bootes aufgefangen hatten, sie seufzte erleichtert.

Und zwischen den Tragflächenbooten hing das Schnellboot Isumúyas, mit beträchtlicher Schlagseite, wie Michael sofort erkannte.

"Was ist passiert?" Erkundigte er sich über Funk.

"Wir können hier keine Zuschauer gebrauchen!" Kam unwirsch die Antwort.

"Unsere Freunde sind an Bord dieses Schiffes und man hat Sie angegriffen." Rechtfertigte sich Michael knapp.

Einige Sekunden verstrichen, bis sich die dunkle Stimme etwas freundlicher wieder meldete. "Entschuldigen Sie bitte, aber wir haben in letzter Zeit Probleme mit Voyeuren. Können Sie uns mitteilen, was hier vorgefallen ist?"

"Ja, drei U-Boote haben unsere Freunde hier angegriffen, eines wurde von diesem hier zerstört, und ein anderes schoss zurück, dann musste Isumúya auftauchen."

"Wer ist Isumúya."

"Das wüssten wir auch, gern." Michael warf einen Blick hinüber zu der Rettungsaktion. "Aber er war der Kapitän dieses Bootes."

"Danke, ich würde sagen, Sie landen auf unserem Flugdeck, die Kabine steht unter Überdruck, es wird wohl noch ein bisschen dauern, bis wir die Leute da rausgeholt haben."

Es dauerte mehr als eine Stunde, bis man die Besatzung befreit, in die Überdruckkammer des Rettungsschiffes geschleust hatte und feststellen musste, dass Melissa und Hans nicht unter ihnen waren, auch, kein Isumúya.

Als Melissa wieder aufwachte, stand ein Mann in weißem Kittel vor ihr und testete mit einer kleinen Lampe ihre Pupillenreflexe.

"Schön Sie wieder unter den Lebenden zu haben, es tut mir leid, dass das Betäubungsmittel eine so verheerende Wirkung hatte. Aber Sie sollten sich mit ihrem Kreislauf nicht einem solchen Überdruck aussetzen. Ihr Herz macht solche Strapazen nicht lange mit"

Das atmen viel ihr schwer, und als sie etwas sagen wollte, klang ihre Stimme noch immer verzerrt.

"Einen Augenblick." Der Arzt tat etwas an der Seite ihres Kopfes und erst jetzt bemerkte sie den Fremdkörper in ihrem Ohr.

"Sie können jetzt sprechen."

"Wo bin ich hier?" Ihre Stimme klang etwas metallisch, aber es war wenigstens wieder eine Stimme."

"In einer Druckkammer."

"Ich verstehe nicht?"

"Sie werden, keine Sorge. Sie haben uns angegriffen."

"Das ist nicht wahr."

"Ist es nicht? Sie haben zuerst auf unsere U-Boote gefeuert, ist das nicht die Wahrheit?"

"Nein, das kann nicht sein", rief Mel aufgebracht. Das konnte doch nicht stimmen.

"Wir werden das später klären, Sie müssen sich noch ausruhen!"

"Warten Sie." Der Arzt hatte sich gerade umgedreht und wollte verschwinden.

"Ja, gibt es noch etwas?"

"Was ist mit Hans, wo ist er."

"Dem anderen Mann, den wir aus dem Schiff gerettet haben? Es geht ihm gut, seine Trommelfelle werden bald wie neu sein, aber er muss wie Sie noch einige Tage entsättigen, Sie haben viel Stickstoff im Gewebe." Dann verließ der Arzt die Kammer durch die Schleuse und ein paar Minuten später winkte er ihr noch mal von außen durch eines der winzigen Bullaugen in der Kammer zu.

Der Raum, in dem sie sich befand, war gerade groß genug, dass sie sich auf der Liege aufsetzen konnte, aber sie musste sich schnell wieder hinlegen, da ihr sofort schwindelig wurde, als sie es versuchte. Sie hatte doch noch nie Probleme mit dem Kreislauf gehabt, dachte sie bei sich. Es fiel Melissa nicht ein, dass der Herzmuskel Höchstleistungen vollbringen musste, um ihr Blut unter diesem hohen Umgebungsdruck durch die Adern zu pressen und das bei ihrer Größe.

Sie und starrte einige Zeit gegen die weiße Decke. Sie konnte nicht feststellen, wo die Lampen steckten, aber sie warfen ein angenehm helles Licht in den engen Raum.

Einige Stunden waren inzwischen vergangen und der Raum noch immer zu klein. Melissa litt nicht unter Klaustrophobie, was ihr fehlte, war lediglich die Freiheit sich zu bewegen. Sie konnte inzwischen ohne Probleme aufstehen und die zwei Schritte hin und zurück in der Druckkammer bekamen ihrem Kreislauf gut, aber am liebsten wäre sie gerannt.

Sie warf einen Blick hinaus, auch, der nächste Raum war in dieses leuchtende Weiß gehalten, und sie erkannte eine zweite Druckkammer, aber diese stand so, dass sie nicht in die Bullaugen sehen konnte. Trotzdem wusste sie irgendwie, dass sich Hans darin befand und wahrscheinlich war er gerade genau so wach wie sie. Aber sie sah keine Möglichkeit sich mit ihm zu unterhalten, zu gern würde sie sehen, dass es ihm gut ging.

Sie untersuchte statt dessen ihr Gefängnis und stellte fest, dass sich unter der hochklappbaren Liege eine Toilette und ein Waschbecken befand, sie schlug sich eine Hand voll kaltes Wasser ins Gesicht, aber fühlte sich danach auch, nicht viel besser. Melissa dachte zurück an die letzten bewussten Minuten auf dem Schnellboot, ein Gas war in die Kommandozentrale geströmt, dann war ihr schwarz vor Augen geworden. Nein, das brachte sie nicht weiter, sie musste an ihre jetzige Position denken, welche Möglichkeiten hatte sie, was konnte sie Unternehmen.

Aber sie kam entmutigt zu dem Schluss, dass es, solange sie in diesem Zylinder steckte, nichts gab, was sie machen konnte. Und ihn zu früh zu verlassen würde ihren Tod bedeuten, soviel hatte sie verstanden, ganz abgesehen davon hatte die Schleuse innen auch, gar keine Türklinke.

"Verraten Sie mir, wer Sie sind? Sie gehören nicht zur Crew des Schnellbootes."

Sie war wohl eingeschlafen, aber sofort wieder auf den Beinen, vor dem Bullauge war ein Mann aufgetaucht, der ihr zulächelte, aber es war kein nettes Lächeln.

"Wer will das wissen?"

"Ah, ich sehe es geht Ihnen schon viel besser, das freut mich sehr." Sagte die freundliche Stimme des Mannes, trotzdem lief es Melissa kalt den Rücken runter. Viel zu deutlich war der grausame Unterton herauszuhören, den dieser Mann zu verbergen suchte.

"Was zum Teufel wollen Sie?"

"Sie brauchen nicht gleich grob zu werden." Als ob ihr jemand Eiswürfel über den Nacken gleiten lassen würde.

"Hauen Sie bloß ab, verschwinden Sie in das Loch, aus dem Sie gekrochen sind."

"Na, na. Kommen Sie runter, von ihrem hohen Roß." Melissa verstand nicht. "Sie wissen doch gar nicht, um was es hier geht," fuhr der Mann unbeirrt fort.

"Sie werden einsehen, dass wir uns hier im Recht befinden. Immerhin waren Sie diejenigen, die unsere Eskorte angegriffen haben."

"Ich versteh kein Wort von ihrem Gefasel", schrie sie ihn an, sie glaubte ihm kein Wort.

"Das werden Sie schon noch, wir werden bald von Angesicht zu Angesicht miteinander sprechen können. Dann werde ich Ihnen alles erklären." Er schien ihr ihren Ausbruch nicht übel zu nehmen, blieb ganz ruhig, schließlich lächelte er nochmals, Melissa schüttelte sich.

Schließlich drehte sich der Fremde um und verließ den Raum durch eine Tür, die sich außerhalb von Melissas Blickfeld befand. Endlich war sie wieder allein und versuchte nach Hans zu rufen, immerhin hatte sie sich ja auch, mit dem Mann vor der Scheibe unterhalten können, aber Sie bekam keine Antwort.

Melissa legte sich wieder hin, starrte die Decke an und lauschte in die Stille, ganz leise war das Brummen von schweren Ionenantrieben zu vernehmen, sie mussten sich demnach in einem Raumschiff befinden.

Dann mischte sich ein Klopfen dazu, erst schien es ihr ohne System, aber dann erkannte sie Morsezeichen, eine im Zeitalter der Telekommunikation nur noch von wenigen Spezialisten beherrschte Weise der Verständigung und diese Spezialisten, das waren die Carrierpiloten aus den Wäldern von Situkubwa.

Diese krude Methode wurde verwendet, wenn sich zwei Piloten im Wald trafen, man sendete Lichtsignale hin und her und tauschte so ein wenig Klatsch und Tratsch aus. Sie lauschte.

"Melde dich Mel", flüsterte sie leise, "Melde dich Mel." Wiederholten die Klopfzeichen nach einer Pause.

Rasch zog Melissa ihren Gürtel aus der Hose und begann mit der Schnalle gegen das Metall zu hämmern, aus dem Bullauge versuchte sie dabei zu sehen, ob irgendjemand den Raum betrat, aber sie schienen wenigstens im Moment allein zu sein.

"Bist du das Hans", morste sie so schnell ihr die Buchstaben in den Sinn kamen.

"Ich bin froh das du noch lebst." Echote es zurück.

"Was ist passiert."

"Ich bin nicht sicher Mel. Man hat uns betäubt."

"Wie lange sind wir hier."

"Mehr als einen halben Tag. Alle paar Stunden hab' ich versucht dich zu erreichen, ich hätte es beinahe aufgegeben."

"Ich freue mich, dass du es nicht getan hast."

 "Und wie geht es jetzt weiter?" Michael klang sehr beunruhigt.

"Wir müssen etwas Unternehmen." Die  Stimme der jungen Frau klang hart und entschlossen, ihre Hände klammerten sich an die Kontrollen des Kampffliegers. Daphne steuerte in Richtung Himmel, auf den Weltraum zu.

"Was hast du vor?"

"Wir werden Mel und Hans da rausholen müssen, am besten, bevor das Raumschiff springt."

Michael nickte und machte sich daran das Radar zu beobachten und entdeckte auch, bald zwei Schlachtschiffe, die sich aus dem System entfernten, aber hinter diesen beiden war noch ein kleinerer Fleck, der als nicht registrierter Spacespeedster zeichnete.

"Hey Daphne, wirf einen Blick aufs Radar und rate mal, wer mit uns die Verfolgung aufgenommen hat."

"Das muss Anaconda sein, der Überdruck hat ihren Peilsender aktiviert." Schloss Daphne messerscharf.

8. Kapitel Gefangen und Gefoltert