17.Kapitel: Zwischen den Fronten

Der Widerstand

Sie erreichten das Pietersburg-System wie geplant und mit Anacondas Hilfe in einem relativ unverdächtigen Winkel. Sogar die falsche Identifikationsnummer, schien ihr Geld wert zu sein. Nach einem kurzen Gespräch mit den Vertretern der Vereinten Planeten erlaubte man ihnen ohne weiteres, an der Raumstation anzulegen. Um eine Durchsuchung würden sie auch, diesmal nicht herumkommen, aber es gab an Bord nichts Verdächtiges mehr. Nadja hatte sogar das Militärradar ausgebaut und mit dem Standardgerät der Starfarer ausgetauscht. Sie hatten unverdächtige Lebensmittel und Baustoffe geladen, die hier auf Neu Pietersburg sehr begehrt waren. Alles in allen war das schon etwas zu viel des Guten, man könnte ihnen glatt einen Heiligenschein verleihen.

"Wie sieht's auf dem Planeten aus?" wandte sich Nadja an Aton, der die Funksprüche überwachte. Zusammen mit dem Navigator Liam waren sie zu viert, ein Nywel und drei Menschen. Das war wirklich die Minimalbesetzung für einen Frachter dieser Größe. Es würde gut gehen, solange keine größeren Probleme auftraten. Den freien Platz würden sie für die Besatzung der Tunguska brauchen, wenn es ihnen gelang sie von der Oberfläche unauffällig an Bord zu bringen.

"Alles ruhig. Der Flughafen ist besetzt. Das ist die einzige wichtige Einrichtung auf Pietersburg."

"Was ist mit der Regierung?" Wollte Hans wissen. "Können wir mit denen Probleme bekommen.

"Nein, Neu Pietersburg hat keine eigenständige Regierung." Klärte ihn Nadja auf. "Es gibt Vertreter auf der Station aber der Planet ist nicht bedeutend genug, als dass sie sich darum kümmern würden. Deshalb ist es da auch, so friedlich, die Leute mögen die Diktatur zwar nicht, aber es gibt auch, niemanden mit dem sie sich anlegen könnten. Und seit die Roschers Soldaten den Flughafen unter Kontrolle haben, sind die Leute völlig abgeschnitten. Die tun niemandem was."

Hans nickte, er verstand. Das war auch, der Grund, warum Jason diesen Planeten für sie ausgesucht hatte, hier konnte ihnen nichts passieren und man würde sie hier sicher nicht suchen.

Nur zwei Tage später legte die Dobrotar an der Raumstation an, wie erwartet gab es keine Probleme. Die Ladung wurde überprüft dann erlaubte man der Mannschaft ihre Geschäfte zu machen. Die gefälschte Identität des Frachters war ihr Geld wert gewesen, man hielt sie für Händler, die das Regime unterstützten.

Nadja und Hans nahmen eines der Shuttle, das unregelmäßig zwischen der Station und dem Planeten pendelte, es war nicht viel betrieb, sodass sie das Flugzeug fast für sich allein hatten.

"Wie werden wir die anderen finden?" Hans schaute aus dem Fenster, der Planet war wüst und leer das Gebiet das sie gerade überflogen schien von keinem Lebewesen bewohnt zu sein.

"Ich gehe davon aus, dass die Nywel uns finden werden", versicherte Nadja.

Das Shuttle schwenkte in die Einflugschneise ein, ein breites Tal, an dessen Ende die einzige größere Stadt des Planeten lag und selbst dass war noch großzügig ausgedrückt. Aus der Luft konnte man die ganze Stadt gut überblicken, das meiste waren Holz- oder einfache Steinhäuser mit nicht mehr als zwei oder drei Stockwerken. Das Holz wurde zum größten Teil importiert, die Steine fand man in den nahen Steinbrüchen. Diese Stadt konnte höchstens von 1.000 bestenfalls 2.000 Menschen bewohnt sein, ein Dorf.

Der Hafen kontrastierte stark mit den einfachen Häusern, die sie überflogen hatten. Die Anlage war ein modernes Bauwerk aus Stahl und Glas, das weitläufige Landefeld hätte ohne weiteres erheblich mehr Starts und Landungen verkraftet. Hier hatte sich eine Regierung ausgetobt, der die Bedürfnisse der Menschen hier gleichgültig waren. Es war ganz offensichtlich nicht darum gegangen, den Menschen eine angemessene Anbindung an den Weltraum zu ermöglichen. Dieser Hafen war ein Prestigeobjekt eher dazu gedacht die Leute von der Anlage fern zu halten, als sie zu Geschäften mit den ankommenden Händlern zu ermutigen.

Nadja und Hans gingen über den Platz zum Abfertigungsgebäude, wo Eglis Truppen die Kontrollen ihrer Ausweise vornahmen. Sie machten nicht gerade einen besonders interessierten Eindruck.

"Ihr Anliegen?" Fragte der Offizier, ein rau aussehender Mann mit dickem Schnauzbart, er hatte seine Schirmmütze tief ins Gesicht gezogen. Er warf einen Blick auf die Ausweiskarten und schob sie kurz in das Lesegerät, ein grünes Licht zeigte, an das alles seine Ordnung hatte, sie wurden auf diesem Planeten nicht gesucht. Es war seltsam, die Passkontrolle war der einzige Ort, wo man sich niemals von der materiellen Identifizierung getrennt hatte. Der Kontakt mit dem Zollpersonal war vom Stand der Technik her eigentlich unnötig, aber es gab verschiedene Gründe, warum man von diesem System nicht abwich. Auf einigen Planeten war das Zollpersonal der erste Kontakt mit der Bevölkerung, man wurde freundlich begrüßt und auf lokale Besonderheiten  hingewiesen. Das war auf Neu Pietersburg aber nicht der Fall, hier war das Ziel die Besucher einzuschüchtern. Man wollte von vornherein die Grenzen festlegen, zeigen, wer hier das Sagen hatte.

"Handel." Gab Nadja ebenso schroff zurück.

"Womit?"

"Nahrungsmittel. Holz."

Der Offizier sah auf seinen Bildschirm, Hans war sich sicher, dass es da nichts Interessantes zu sehen gab. Der Mann ließ sich Zeit mit ihnen. Hans beobachte das überhebliche Gebaren des Zollbeamten mit Unbehagen. Die größten Sorgen machte ihm das antiquierte Maschinengewehr, das neben dem Mann schussbereit von der Schulter hing.

"In Ordnung, Sie können passieren." Erlaubte der Beamte schließlich.

Sie mussten durch eine große triste Halle hindurch, in der auf anderen Planeten die Händler gewartet hätten. Hier wartete niemand, seit der Blockade ließ man die Bevölkerung hier nicht mehr rein, es sei denn,  sie hatten verdammt gute Gründe, warum sie den Planeten verlassen mussten.

Vor den Toren stand eine Ansammlung von Menschen höchstens dreißig Männer und Frauen und skandierte Sprüche für mehr Autonomie und Selbstbestimmung, es war nicht ersichtlich, gegen wen sich diese Aussagen richteten. Die Leute wurden von den Soldaten mehr oder weniger in Schach gehalten, sie waren allem Anschein nach nicht gewalttätig, ein friedlicher Protest.

Nadja und Hans wurden von den Wachen durchgelassen. Man belästigte sie nicht weiter.

"Ein friedliches Völkchen", betonte Hans, als sie außer Hörweite der Menschen waren.

"Ja, ganz umgänglich." Sie schaute sich um, vereinzelt waren Menschen zu sehen, die ihren Geschäften nachgingen, aber keine Nywel, die hier auch, aufgefallen wären wie bunte Hunde. "Wir müssen irgendwohin, wo Anubis unbeobachtet zu uns kommen kann."

Scheinbar ziellos schlenderten sie durch die Gassen der Stadt, von den Einwohnern wurden sie neugierig beäugt, ihre Kleidung hob sie deutlich von den Menschen hier ab, die überwiegend sehr einfach und schlicht gekleidet waren.

"Ich denke, wir sollten die Stadt verlassen."

Hans nickte zustimmend, außerhalb war es sicher leichter für die Nywel Kontakt aufzunehmen. Sie suchten einen netten Platz in der Talebene irgendein Witzbold hatte hier zwei Bäume gepflanzt, einsam trotzten diese den widrigen Lebensbedingungen mit wenig Wasser und kargem Boden. Hans setzte sich neben Nadja in den Schatten, vorsichtig daran bedacht die wenigen Grasbüschel nicht abzuknicken, die hier spärlich wuchsen.

"Du glaubst, die finden uns hier?"

"Keine Sorge, die riechen uns meilenweit gegen den Wind."

Ein kühler Wind strich das Tal hinunter, es wurde langsam Herbst in dieser Region des Planeten. Die Äquatorebene Neu Pietersburgs war fast dreißig Grad gegen die Ekliptik geneigt, in welcher der Planet seine Bahnen um die Sonne zog. Am blauen wolkenlosen Himmel konnten sie den einen oder anderen hellen Stern ausmachen. Ein Erlebnis, das man in den äußeren Regionen der Milchstraße nur selten hatte, aber hier im Bellikoos-Sektor waren sie schon einige Lichtjahre näher am Zentrum und es kam hinzu, dass die zwanzig Sonnensysteme in diesem Sektor ohnehin sehr dicht beieinander standen.

Sie mussten aber nicht lange warten, Anubis fand sie nur etwas mehr als eine halbe Stunde später.

"Käpt'n", begrüßte es die Frau, ohne Hans zu beachten.

"Hi, wo sind die anderen?"

"Nahe."

"Und die Passagiere."

"In einer Herberge, deren Eigentümer sich Rüdiger Klebsch nennt." Anubis wies den beiden schnell den Weg.

"Wir treffen uns wieder hier. Hans kann uns mit seinem Speedster zurückbringen."

"Jawohl, Käpt'n." Damit verschwand das Nywel wieder.

"Und du willst hier bleiben?" fragte Hans Nadja.

"Ich will mit meinen Schiffen tiefer in das System eindringen und zusehen, dass ich noch einen guten Schnitt mache." Sie lachte. "Ich muss noch einen neuen Frachter kaufen."

Hans hatte sich schon wieder aufgerappelt und reichte Nadja seine Hand. "Sind Raumschiffe eigentlich so billig, dass man sich ständig neue kaufen kann?"

Nadja nahm seine kräftige Hand und zog sich daran hoch. "Die Tunguska war schon ziemlich ausgelutscht und eine ordentliche Ablenkung sollte man schon in petto haben, wenn man im Krieg Geschäfte machen will."

Hans nickte, aber er erinnerte sich mit Unbehagen an die gefährlichen Minuten an Bord des abstürzenden Schlachtraumschiffs. Wenn das so weiter ging, würden Daphne und Michael noch süchtig danach werden.

Die Beschreibung, die Anubis ihnen von der Herberge gegeben hatte, war sehr präzise gewesen, sodass sie das Haus auf Anhieb fanden. An der Rezeption empfing sie der Eigentümer Rüdiger Klebsch und klagte ihnen sein Leid, dass seit der Blockade so gut wie gar keine Ausländer mehr zu ihm kamen.

"Gerade im Moment ist nur ein Zimmer vermietet." Beschwerte sich der feiste Mann. "Und das auch, noch an Leute der Gemeinde, die können nicht viel Zahlen."

"Der was?" Das klang für Hans nicht gerade nach seinen Freunden.

"Oh, nur eine harmlose Sekte." Klärte ihn der Gastwirt schnell auf. Hans warf Nadja einen schnellen Seitenblick zu, sie nickte, die Nywel würden sich nicht irren, das waren die Gesuchten.

"Ein Zimmer bitte."

"Mit Doppelbett?" Fragte der Mann hinter dem Tresen mit einem Blick auf Hans Begleitung, und Nadja nickte schnell. Leider würden sie kaum so lange bleiben, dass sie davon Gebrauch, machen müssten.

"Ich geb' Ihnen die 23." Er grinste. "Das ist unsere Flitterwochensuite, Sie haben die ganze Etage für sich."

Hans bezweifelte, dass es sowas in dieser Absteige gab und nahm den Schlüssel entgegen. Sie nahmen den Lift, fuhren aber gar nicht erst in die zweite Etage, sondern stiegen gleich im nächsten Stockwerk wieder aus.

"Wo können sie stecken?"

Hans zuckte die Achseln. "Schaun' wir mal."

Sie probierten eine Tür nach der andern, die meisten waren abgeschlossen, ein Zimmer stand leer. Hinter der nächsten Tür waren Stimmen zu hören, Hans lauschte einen Augenblick. Das musste Daphnes Stimme sein, er war sich ganz sicher. Er klopfte an. Die Stimmen verstummten.

"Allzu lange kann es ja nicht mehr dauern, bis er kommt," bemerkte Michael.

"Wer weiß, was die noch für Schwierigkeiten mit den Vereinten Planeten gehabt haben. Ich wär' mir da nicht so sicher, dass er so schnell zurückkommen kann", gab Daphne zu bedenken, in diesem Augenblick klopfte es an die Tür. Sie schwiegen einen Augenblick.

Schließlich stand Jeremias auf und ging zur Tür. "Ich nehme an, Sie sind Hans Christ?" Begrüßte er den überraschten Mann, der im Türrahmen stand. "Wir haben Sie nicht so schnell erwartet."

"Hi, Hans. Schön dich wiederzusehen!"

"Hi, Mel. Ich freu' mich auch. Hatte schon befürchtet, eure Reste von den Felsen kratzen zu müssen." Er lächelte etwas verlegen und trat in Zimmer. "Geht euch aber ganz gut, was?"

"Kann man sagen. Das ist übrigens Jeremias, er hat uns geholfen, hierher zu kommen. Sein Freund Noah ist wahrscheinlich gerade bei den Pferden."

"Dies ist Nadja." Stellte Hans die Schmugglerin knapp vor.

"Ich bin erfreut, ihre Bekanntschaft zu machen." Dabei verbeugte sich Jeremias, wie es üblich war. Nadja blickte ein wenig verlegen, so eine Begrüßung war sie nun wirklich nicht gewöhnt. "Ich freu' mich auch," sagte sie schnell und ließ sich von Jeremias ins Zimmer führen. Viel Platz war nicht mehr in Daphnes kleinem Zimmer aber sie fanden noch für jeden einen Sitzplatz.

"Wir haben reiten gelernt", bemerkte Daphne schließlich.

"Wow." Hans war sich nicht sicher, was er dazu sagen sollte. "Werd' ich wohl auch, noch lernen müssen, wenn wir hier bleiben."

"Wir können nicht hier bleiben. Wir haben nämlich rausgefunden, dass die Militärregierung ebenfalls Backbords bekommt." Sie schaute kurz in die Runde, um sich der Unterstützung der anderen zu vergewissern. "Wir haben uns gedacht, dass es sinnvoll wäre Donavan zu suchen und von ihm zu erfahren, wer dahinter steckt. Außerdem müssen wir die Vereinten Planeten von der Situation in diesem System unterrichten"

"Manchmal bist du zu schnell für mich." Stoppte Hans ihren Redefluss.

"Was sind Blackbirds?" Wollte Nadja wissen. Daphne klärte sie schnell auf, was es mit diesen Kampfflugzeugen auf sich hatte.

"Uh, das kann aber gefährlich werden, wenn solche Waffen in die falschen Hände geraten", kommentierte Nadja.

"Hans, wenn das so ist, dann müsst ihr diesen Donavan finden", fuhr sie fort.

Hans schaute die Russin überrascht an, er hatte erwartet auf diesem Planeten ein paar ruhige Tage zu verbringen, kein Stress, mal eine Pause von der ganzen Aufregung der letzten Wochen, das war selbst ihm in den letzten Tagen etwas zu viel geworden.

"Hör zu! Wenn die Regierung an diese Waffen kommt, dann wird es in diesem Sektor wirklich unangenehm. Bisher hatte die Junta kaum wirkliche Kontrolle über die vielen Planeten, wenn sich das ändert, dann kriegen die Menschen hier wirklich Probleme", versuchte Nadja ihn zu überzeugen, aber Hans war nicht dämlich, er erkannte sofort, dass Nadja da nicht ganz uneigennützig argumentierte.

"Und die Schmuggler auch, nich' wahr?"

"Ja, wir auch. Aber du sollst das nicht nur für mich machen, hilf den Menschen hier. Die Vereinten Planeten sind nicht gerade sehr beliebt hier, aber die sind doch noch besser als ein Terrorregime."

Hans nickte, dagegen konnte er nicht guten Gewissens argumentieren, wenn sie von Donavan erfuhren, wer die Waffen an die andere Seite liefert, dann konnte diese Information den Vereinten Planeten helfen diese Quelle zu stopfen und eine Eskalation der Krise zu verhindern. Wundervoll, dann blieb mal wieder alles an ihm hängen.

"Schon gut, ich weiß zwar nicht, wie wir an Donavan ‘rankommen sollen, aber egal. Wie's aussieht, haben wir da keine Wahl." Er überlegte kurz. "Wir müssen uns trennen. Du und Michael, ihr fliegt nach Alpha Centauri. Melissa und ich werden uns auf die Suche nach Donavan und diesem Herstead machen", entschied er dann, was blieb ihm auch, anderes übrig.

Hans beobachtete, wie sich Daphnes Gesicht aufhellte, das war nach ihrem Geschmack. Aber Hans fragte sich, ob sie das alles nicht hauptsächlich für ihren Vater tat, der ihr ganz zweifellos nicht die Aufmerksamkeit hatte zukommen lassen, die dieses intelligente Mädchen verdiente. Er hatte auch, einen Sohn und er hatte dasselbe Problem gehabt. Es gefiel ihm nicht, dasselbe noch einmal zu sehen.

"Du hast meine volle Unterstützung." Versicherte Nadja. "Ihr könnt über meine Schiffe verfügen."

"Ziemlich selbstlos für eine Schmugglerin."

"Nein Hans, das ist nicht selbstlos. Die Preise steigen vielleicht, wenn die Junta die Oberhand gewinnt, aber die Risiken wachsen noch viel stärker."

"Dann machen wir uns also wieder auf den Weg, aber wo soll's denn hingehen?"

Das war weder Daphne noch Nadja klar, diese beiden Frauen, wie sie unterschiedlicher nicht sein konnten, aus völlig unterschiedlichen Beweggründen würden sie denselben Weg gehen. Hans war beeindruckt, so viel Enthusiasmus hatte er selbst nie aufbringen können. Außer vielleicht das eine mal, als er sich entschied seinen Freund Jason zu finden, doch niemals für so etwas Abstraktes, wie eine vage Aussicht auf Frieden in einem Sektor, zu dem er nun wirklich keinerlei Verbindung hatte.

"Ich werde Sie noch begleiten." Bot sich Jeremias schließlich an, als sich die Gruppe wieder aufmachen wollte. Sein Angebot wurde dankbar angenommen, wobei Hans und Nadja aber dankend darauf verzichteten zu reiten, das kurze Stück bis zum verabredeten Treffpunkt würden sie noch laufen können. Der Wirt des Hauses war nicht wenig überrascht, als Hans die Rechnung für sich selbst und auch, für die angeblichen Gemeindemitglieder beglich und das zudem auch, noch recht großzügig mit einer Kreditkarte der Vereinten Planeten. Aber er merkte, dass es nicht sinnvoll Fragen zu stellen, es waren schon komische Zeiten.

Daphne und Michael schummelten sich unauffällig hinten herum an der Rezeption vorbei. Bei den Pferden trafen sie auch, Noah, der ihnen half, die Pferde für die Abreise vorzubereiten. Er würde sie selbstverständlich auch, begleiten, es würde zu zweit leichter sein die Tiere wieder nach Hause zu bringen.

Eine Stunde später rasteten sie wieder unter den beiden Bäumen, die so einsam die Landschaft beherrschten, die Pferde rupften an den wenigen zähen Halmen. Anaconda würde in größerem Abstand landen müssen, um die Pferde nicht zu erschrecken. Hinter einigen Felsen schien Hans ein geeigneter Landeplatz zu sein, einige hundert Meter von den beiden Bäumen entfernt, hier wuchs noch nicht einmal dieses Gras.

Hans drückte den kleinen grauen Zylinder, Anaconda würde in wenigen Augenblicken landen. Hans hatte etwas bedenken, was dieses Manöver anbelangte, was würde die Flugüberwachung dazu sagen, wenn ein unregistrierter Speedster plötzlich beschoss, auf einem unter Blockade stehenden Planeten zu landen. Nach wenigen Minuten näherte sich ein sanft lauter werdendes Grollen, unverkennbar, das waren die Raketen Anacondas, viel zu mächtig für das kleine Raumschiff, das zwischen den beiden Aggregaten fast zierlich wirkte. Vorsichtig setzte Anaconda auf dem weichen Boden auf, das Grollen verstummte. Der Boden war schwarz und ausgedörrt, wo das Ionenbombardement ihn versengt hatte. Hans näherte sich vorsichtig, immer prüfend, ob seine Sohlen der Hitze schon standhielten.

"Bist du gut durch die Kontrollen gekommen?"

"Positiv Hans. Im Radarschatten eines Frachtshuttles." Das Raumschiff öffnete die Luke zur Passagierkabine. Inzwischen waren auch, die anderen näher gekommen, die Pferde wirkten etwas unruhig, was womöglich an den ungewohnten Geräuschen lag, aber auch, an dem strengen Geruch nach verbrannter Erde, der in der Luft lag. Aber auch, Jeremias wirkte etwas unruhig und vermied so gut wie irgend möglich das mattblaue Raumschiff direkt anzusehen.

"Ich muss mich hier von Ihnen verabschieden", sprach er.

"Danke, Sie haben viel für meine Freunde getan", bedankte sich Hans, wobei er näher an den Mann herantrat.

"Das tat ich gern."

Sie verbeugten sich voreinander und dann verabschiedete sich Jeremias der Reihe nach bei Melissa, Daphne und Michael.

"Melissa, du bist jederzeit Willkommen, wenn du wieder zurückkehren möchtest." Melissa wurde knallrot, war sie wirklich so leicht zu durchschauen.

"Vergiss dein Geschenk nicht Daphne," mit diesen Worten nahm er Betsy das schwarze Lederhalfter ab und reichte es dem Mädchen. Noah hatte ihr schon aus dem Sattel und in den Rollstuhl geholfen, es war tatsächlich ein ungewohntes Gefühl. In den letzten Tagen war sie immer geritten, das war eine sehr angenehme Erfahrung gewesen. Sie hatte die Welt vom Rücken der Tiere ganz anders wahrgenommen, hatte sich freier gefühlt als je zuvor in ihrem Leben. Sie nahm das Halfter, blieb zu hoffen, dass sie irgendwann wiedermal die Gelegenheit zum Reiten haben würde.

"Und du Michael, kümmere dich gut um deine Freundin. Ihr beide braucht einander." Mit diesen Worten wendete Jeremias sein Pferd und kehrte Heim, gefolgt von Noah, den Pferden und den Erinnerungen der Menschen, die er zurückließ.

In der Zwischenzeit waren auch, die Nywel wieder eingetroffen und sobald eines der Frachtshuttle startete setzte sich Anaconda in seinen Radarschatten. Dieses Manöver erforderte großes fliegerisches Können. Denn zum einen durfte man nicht in den Abgasstrahl geraten, zum andern musste man aber sehr dicht am anderen Flugzeug bleiben. Für einen Computer wie Anaconda war das aber kein großes Problem. Wie angenagelt hingen Sie mit konstantem Abstand dicht unter dem Shuttle, das sich der Raumstation näherte, um wieder eine Ladung von einem der drei Frachter aufzunehmen, die neben der Dobrotar an der Raumstation angedockt waren. Kurz vor dem Ziel löste sich Anaconda wieder und schwebte zurück zur Rampe, durch die Schleuse hindurch landeten sie schließlich wieder auf der Raumstation.

"Aber wo fliegen wir jetzt hin?" Wollte Hans schließlich wissen, sie hatten absolut keine Spur von Donavan oder seinen Geschäften, sie saßen hier auf dem Planeten, der wohl am weitesten vom Geschehen weg war. Das war ja schließlich auch, mal das Ziel gewesen.

"Wir werden mitten ins Gebiet der Rebellen vorstoßen. Nach Santiago de la Estrella!" erwiderte Nadja entschlossen. "Aber vorher müssen wir nochmal nach Gidjr. Deine Freunde werden die Starfarer nehmen."

Sie wurden glücklicherweise nicht weiter aufgehalten und konnten schon wenige Stunden später wieder starten. Liam übernahm wieder die Navigation und legte den Kurs fest. Die Nywel übernahmen die anderen Konsolen, das Raumschiff war mit sechs Nywel und sechs Menschen eindeutig überlastet, sodass es wohl darauf hinauslaufen würde, dass einige der Kojen doppelt belegt werden müssten. Die Beschleunigung setzte langsam ein, sodass noch genug Zeit blieb, sich darauf einzustellen und sich was zum Festhalten zu suchen. In einer leichten Kurve erhöhte Liam die Beschleunigung, als sie 1 g erreicht hatten, waren sie wieder auf Kurs Richtung Gidjr.

Jedesmal, wenn man von einem Sonnesystem in ein anderes wechselte, verlor man fünf Tage, im Allgemeinen hatte man sich daran gewöhnt aber jetzt, wo sie nur noch zwei Monate hatten, da zählte jeder Tag. Daphne wusste nicht, wie lange es dauern würde, bis sie ihren Vater wiedersehen würde, aber wenn sie ihn fand, dann würden sie erneut fünf Tage brauchen, um in den Bellikoos-Sektor zurückzukehren. Und um nach Alpha Centauri zu kommen, mussten sie erst nach Gidjr, dort umsteigen und konnten erst von dort aus weiter, zu den Vereinten Planeten. Das alles würde mindestens fünfzehn Tage dauern, wahrscheinlich aber einige Tage länger, weil sie schließlich auch, bei jedem Zwischenstopp wieder auftanken mussten und wer weiß, welche örtlichen Formalitäten ihre Reise sonst noch aufhalten würden.

Auf der Raumstation in Orbit Gidjrs hatten sie Glück, Michael und Daphne konnten sofort mit der Starfarer starten, sie war aufgetankt und bereit. Nadja hatte der Mannschaft eingebläut, wie wichtig diese Mission war. Die Raubeine an Bord waren nicht unbedingt begeistert von der Idee, dass sich die Vereinten Planeten in diesen Konflikt einmischen sollten, aber Nadja konnte sie schließlich überzeugen, dass sie beide Chancen wahrnehmen mussten, wenn sie es schaffen wollten.

Die Rebellen zu finden und zu warnen würde schon schwer genug werden, mit Daphnes Kontakten zu den Vereinten Planeten hatten sie zumindest die Chance, dass man dem Mädchen ein Ohr schenken würde. Wenn man sich dann auch noch entscheiden konnte, die Sachlage zu prüfen, dann hatte sie vielleicht schon gewonnen aber gewiss war das noch nicht, Daphne wusste ja gar nicht, ob ihr Vater noch im Alpha Centauri System war, oder ob er sich schon wieder ganz woanders herumtrieb.

Hans hatte weniger Bedenken als die Dobrotar wieder ablegte, sie würden nach Santiago de la Estrella fliegen, der Planet, auf dem die Opposition noch immer ein Drittel des Landes kontrollierte. Hier war nach ihrer Aussage die Wahrscheinlichkeit noch am größten einen Kontakt zum Widerstand herstellen zu können. Aber es war auch, gefährlich, denn hier waren auch, die Soldaten Roschers besonders scharf auf Grund der beständigen Gefahr, die von den Rebellen ausging.

19. Kapitel: Gefangennahme