5.Kapitel: Gefahren der Wüste

Flucht aus der Wüste

"Glaubst du, sie bekommen die Nachricht?" Michael war sich nicht so sicher, ob ein Funksignal ihre Position nicht verraten könnte.

"Natürlich, ich hab' sie auf ihre persönlichen Computer codiert, kein Anderer sollte da ‘ran kommen, wenigstens nicht innerhalb der nächsten paar Tage. Hoffentlich halten sich die beiden bedeckt."

Die Sonne war gerade hinter der letzten Düne verschwunden, es wurde Dunkel. Zunächst hatten sie sich überlegt, ob sie schon in der Nacht losziehen sollten, aber das Handbuch warnte vor nächtlichen Spaziergängen, wenn man nicht sah, wohin man trat, außerdem, so das Handbuch, sollte an die Nacht nutzen, um Tauwasser zu sammeln. Michael nahm einen kleinen Schluck aus einer der drei Flaschen und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Der Bau des Schlittens hatte länger gedauert und war schwieriger gewesen, als er vermutet hätte, aber schließlich war er mit seiner Konstruktion zufrieden gewesen, er stellte noch die Plane zum Sammeln des Tauwassers auf und ließ sich erschöpft zu Daphne in den Hopper fallen.

"Ich frage mich, warum noch kein Rettungsteam hier ist?"

"Laut Handbuch muss man damit rechnen, dass die Hilfstruppe ein bis zwei Tage braucht, um die Absturzstelle zu lokalisieren, Michael. Da steht weiter, man soll den Peilsender aktivieren." Daphne blätterte ein paar Seiten hin und her, aber weitere Informationen gab es nicht, nur Anweisungen, wie man die Tage bis zur Rettung überlebte und das man sich niemals vom Fahrzeug entfernen sollte.

"Ja, das ist schon möglich, aber warum kommt niemand von der Fabrik?"

"Weiß nich', vielleicht halten die uns nicht für so wichtig, nur ein paar neugierige Touristen."

"Hoffentlich hast du recht."

In der Nacht konnte es unangenehm kühl werden. Temperaturen um den Gefrierpunkt waren in dieser Gegend angeblich nichts Ungewöhnliches, aber die Klimaanlage versah tapfer ihren Dienst und begann mit sinkender Außentemperatur warme Luft ins innere zu Blasen. Die Luft war so trocken, dass sich innerhalb des Hoppers kein Wasser an den kälter werdenden Scheiben niederschlagen konnte, über kurz oder lang führte das aber zu einem trockenen Hals.

Es war mitten in der Nacht, als die Klimaanlage versagte, zu viel Sand hatte den Filter verstopft und ohne Mechaniker war da im Moment nichts zu machen, es war die eindringende Kälte, welche die Bruchpiloten aus ihrem Schlaf schreckte.

"Brr, bist du schon mal in der Wüste erfroren?" flüsterte Daphne und klapperte demonstrativ mit den Zähnen.

"Nicht, dass ich wüsste."

"Gab es in der Notfallausrüstung nicht irgendwas gegen die Kälte, ich meinte, so was gelesen zu haben." Sie schaltete die Deckenbeleuchtung an und Michael beugte sich nach hinten über die hochgeklappte Rückbank, unter welcher sich das Überlebenskit befand.

"Das müssen wohl die Schlafsäcke sein", murmelte er und zog zwei golden beschichtete Pakete hervor, die zusammengefaltet nicht mehr Platz einnahmen, als ein Taschenbuch.

"Ich glaube du wirst mir helfen müssen, da rein zu kommen." Ihr heißer Atem hinterließ eine Spur von Wasserdampf in der kalten Luft.

Als sie es endlich geschafft hatten, wurde ihr schnell wieder warm, am liebsten hätte Daphne auch, noch ihr Gesicht mit unter das dichte Gewebe genommen. Sie zog die Kapuze den Schlafsack bis über die Stirn und knotete, die Schnürsenkel zusammen. Der Stoff schmiegte sich eng an ihren Körper, reflektierte die Körperwärme und die Temperatur in dem Schlafsack kletterte schnell wieder bis in tropische Regionen.

"Das ist richtig warm." Verkündete sie und war einen Blick hinüber zu Michael, der inzwischen in seinem eigenen Schlafsack steckte.

"Na dann gute Nacht. Weck‘ mich einfach, wenn das Frühstück fertig ist", hauchte er in die kalte Luft.

"Oh, mach dir dein Frühstück doch selbst!"

Die Sonne lugte über den Horizont, als ob sie sich noch nicht entscheiden könnte, an diesem Tag schon wieder aufzugehen. Michael erwachte gähnend, er blinzelte und bestaunte die Eisblumen an den Fenstern, seine Lippen waren etwas taub von der Kälte, aber sonst fühlte er sich frisch und voller Tatendrang.

Er pellte sich bis zur Hüfte aus seinem Schlafsack und begann das Wasser, von den Scheiben zu kratzen, dies war nicht der Ort, wo man so etwas genießen sollte. Mit einem improvisierten Trichter füllte er die angebrochene Flasche wieder auf und machte sich Gedanken wie sie das ganze Wasser in der nächsten Nacht zurückgewinnen konnten. Dann weckte er Daphne. "Aufwachen du Schlafmütze, wir haben noch einen weiten Weg vor uns."

Michael half Daphne aus dem Schlafsack und faltete diese wieder zusammen, dann öffnete er die Tür, kalte Morgenluft schlug ihnen entgegen, wie sie so frisch und klar nur in der Wüste anzutreffen war.  Er warf einen Blick in die Flasche unter ihrer Tausammelanlage, bestimmt ein halber Liter, die Plane war noch etwas feucht, als er sie zusammenlegte.

Die Sonne begann ihren Weg am Himmel über der Wüste und warf lange Schatten in Richtung Westen, auf allen von den Menschen besiedelten Planeten war Westen stets die Richtung, in welche die Sonne am Morgen ihre Schatten warf, eine alte Gewohnheit.

Der Schlitten hatte die Temperaturschwankungen gut überstanden, Schlitten war vielleicht etwas übertrieben, es handelte sich eher um zwei Kufen, die Michael kunstvoll mit den Fetzen der Tragflächenbespannung und einigen Querstreben verknotet hatte. Neben dem zusammengefalteten Rollstuhl fand auf der Konstruktion auch, noch die Notfallausrüstung Platz und wenn sich eine Düne zum Rodeln anbieten sollte, so würde Michael selbst auch, noch einen Fuß darauf unterbringen können. Er begutachtete sein Werk zum letzten mal von allen Seiten, ja es war stabil und belastbar, er würde sich ja selbst loben, wenn er so etwas nötig gehabt hätte. Dann legte er sich das Geschirr um Schultern und Brustkorb, wendete den Schlitten und zog ihn hinüber auf Daphnes Seite.

"Nun, was sagst du?"

"Ich bin beeindruckt!" Sagte Daphne, und es war ihr Ernst. "Hier setz' den auf." Sie reicht ihm einen der leichten Tropenhüte, dann strich sie ihre Haare zurück und stülpte sich den anderen auf den Kopf.

Eine Viertelstunde später waren Sie unterwegs. Halb lag Daphne auf dem Schlitten, halb lehnte sie gegen den Notfallkoffer, es war keine besonders gemütliche Reise und für ihren Geschmack etwas zu dicht an den Tieren, die hier unter dem Wüstensand hausen sollten, aber es war ein Abenteuer, und das Mädchen genoss es.

Auf dem Kamm einer sanft auslaufenden Düne angekommen stellte sich Michael dann hinten auf den Schlitten, stieß sich mit dem Fuß ab und entspannte seine müden Glieder ein paar Augenblicke, während sie den Hang auf der anderen Seite hinunterglitten.

"Sind wir noch auf Kurs?" Erkundigt er sich, als er wieder seine Position vor dem Schlitten einnahm.

Daphne schaute auf den Kompass. "Ja, alles perfekt."

Die Sonne näherte sich ihrem höchsten Punkt und brannte jetzt mit über vierzig Grad unerbittlich auf die Menschen in der Wüste hernieder. Mit dem Wasser waren sie so sparsam wie möglich umgegangen, aber den ersten der dreieinhalb Liter hatten sie inzwischen verbraucht. Michael wischte sich den Schweiß von der Stirn und dachte, es wäre eigentlich eine gute Idee, wenn man diesen recyclen  könnte.

Zwei Stunden später musste er eine Rast einlegen, das Schleppen des Schlittens durch den zähen Wüstensand erschöpfte mehr als er wahrhaben wollte. Gemeinsam verdrückten die beiden ein paar der reichlich vorhandenen Müsliriegel aus dem Notfallkoffer, sie schmeckten sehr salzig, aufgrund der vielen Mineralien, die man darunter gemischt hatte. Aber sie versorgten den Körper schnell mit neuer Energie und so konnten sie die Tour nach einer Stunde Pause fortsetzen.

Sie kamen gut voran, und Michael wollte das bis zum Mittag so weit wie möglich ausnützen. Das Licht des hellen Sandes stach in den Augen und der Wind ließ ihre Zähne beim Reden knirschen und das, obwohl sich beide inzwischen ein Tuch um Mund und Nase gewickelt hatten. Der feine Sand drang unbarmherzig durch jede Pore.

Oberflächlich konnte man hier nichts Lebendiges erkennen, so sehr Daphne sich auch, umschaute, aber sie wusste aus der Broschüre, die sie neben sich in den Stuhl geklemmt hatte, dass das ein Trugschluss war. Hier gab es sowohl Flechten als auch, kleine Pflanzen, die dicht unter dem Sand der brennenden Sonne widerstanden. Es musste sogar irgendwo Blütenpflanzen geben, die das Tauwasser in ihren dicken Samen speicherten, wodurch ein leichteres Keimen der neuen Blümchen gewährleistet werden sollte, aber bisher war davon nichts zu entdecken gewesen.

Auch Tiere hatte sie noch nicht viele gesehen, nur die Eidechse, die sich mit Michaels Stiefel angelegt hatte und ein Käfer, den Daphne unter dem Sand hatte hervorlugen sehen, bevor er sich tiefer vergraben hatte. Einige dieser Tiere hatten Giftstachel, und in den Heftchen zum Survivalkit stand, dass man seine Schlafstelle sorgfältig untersuchen sollte, ihr gruselte bei dem Gedanken.

Es war mitten am Vormittag, als Michael eine weitere Pause einlegen musste, aber Daphne drängte ihn nicht, sie wusste, dass er mit ihr einiges zu schleppen hatte. Sie hätte schon längst mal eine Diät machen sollen, mit 57 Kilo war sie für ihre Größe bestimmt 2 Kilo zu schwer. Sie überredete Michael, noch einen der Riegel zu essen.

"Entschuldige mich einen Augenblick."

"Was, wo willst du hin?"

"Ich muss mal."

"Oh, ja natürlich, geh nur."

Dann ließ er sie allein, und ihr wurde bewusst, dass sie ebenfalls Bedarf für ein stilles Örtchen hatte, nun ja Michael würde ihr Wohl oder Übel dabei helfen müssen.

Sie zogen danach weiter, bis die Sonne nur noch knapp über dem Horizont stand, dann war es Zeit das Lager vorzubereiten, wo sie die heißesten Stunden des Tages ausruhen würden.

Michael durchpflügte den Sand sorgfältig und breitete dann eine der robusten Planen über der eingeebneten Fläche aus, außerdem stellte er den Taufänger wieder auf und hängte auch, sein Hemd daneben, es war vollkommen durchgeschwitzt und klebte auf der Haut. In der Mittagshitze würden sie kein Wasser sammeln, aber zumindest spendete die Plane etwas Schatten vor der unbarmherzigen Sonne.

Auch Daphne bat ihn ihre Bluse dazuzuhängen, sie fühlte sich ganz matschig und dreckig. Mit einem Finger wischte sich das Mädchen einen dicken Schweißtropfen von der Stirn.

Zum ersten mal sah Michael ihre Brüste, mit gewallt musste er sich von dem Anblick losreißen. Klein waren Sie und rund, im Allgemeinen verabscheute Michael den Vergleich mit Obst, aber  er drängte sich ihm beinahe auf.

"Gefallen sie dir nicht?" Fragte Daphne beleidigt, als der Junge sich umdrehte.

"Oh, doch. Und wie sie mir gefallen." Er blickte schüchtern an sich herab und dann der jungen Frau angestrengt in die Augen und wie sie ihm gefielen, gerade so groß, dass er sie noch in einer Hand würde halten können und glänzend vom salzigen Schweiß, in der hoch stehenden Sonne.

"Dann hilf mir auf die Plane."

"Wie bitte?" Aber Michael wusste genau, was sie wollte.

"Komm, hör auf so zu tun! Wir werden unseren Spaß haben."

Michael konnte gar nicht ablehnen, er würde das Mädchen beleidigen, wenn er das tat. Das ging nicht. Und er wollte auch, nicht ablehnen, er wollte mit ihr schlafen. Er nickte.

Michael wusste zuerst nicht recht, wie er sich anstellen sollte, er hatte noch nie mit einem behinderten Mädchen geschlafen, aber die Unsicherheit wich mit der Zeit. Zuerst war er übervorsichtig, als hätte er Angst etwas kaputt machen zu können, aber Daphne lachte nur und zog ihn fest an sich, rollte ihn geschickt auf ihren Bauch. Wo er schwer liegen blieb, dann half sie ihm ein wenig. Es war Michael etwas peinlich, aber ihm gefiel ihre Initiative, sie nahm ihm die Bedenken. Sie küssten einander, ihre Zunge suchte kess die seine und Michaels wich kurz erschreckt zurück, bevor sie sich trafen.

Die Plane war einen großen Schatten über die beiden aber merklich kühler wurde es nicht. Sie versuchten etwas Schlaf zu finden, aber Michael konnte noch eine ganze Weile nicht einschlafen, und auch, Daphne dachte mit einem Lächeln daran, während sie gegen die über ihnen hängende Plane schaute. Sie redeten nur leise miteinander, vorsichtig, als ob sie Angst hätten in der Wildnis könnte jemand zuhören. Es war nichts Wichtiges, nur wie sie weiterziehen wollten, wie viel Wasser sie wohl noch brauchen würden. Irgendwann war Michael dann eingeschlafen, Daphne warf einen verstohlenen Blick zu ihm hinüber.

Die Sonne rüttelte die zwei Liebenden mit warmen Strahlen aus dem Schlaf. Michael lächelte zu Daphne hinüber und fragte sich, wie lange er wohl auf eine Wiederholung würde warten müssen. Die Wüste lässt keinen Platz für Sentimentalitäten, sie mussten weiter. Die leere Flasche, so beschlossen sie, würden sie zurück lassen, der bioabbaubare Kunststoff müsste sich in einigen Monaten zersetzt haben.

Die klammen Kleider klebten auf der Haut, aber die Hitze trocknete sie schnell, während Daphne und Michael mit dem Schwitzen kaum nachkamen. Flugsand hatte sich in den Stiefeln gefangen, Michael schüttelte die Stiefel aus und wunderte sich nicht, als auch, ein Käfer herausfiel, welcher sich schleunigst in den Sand grub.

Wenn sie so gut vorankamen, wie bisher, dann konnten sie die Farm gegen Abend erreichen, verkündete Daphne.

Die Pause hatte ihr, ihnen beiden sichtlich gut getan, dann korrigierte sie den Kurs, den Michael einschlagen wollte, es konnte wieder losgehen. Daphne konnte nicht leugnen, dass sie Gefallen an diesem Abenteuer fand, es war so vollkommen anders als Zuhause, wo der normale Alltag wartete, hier in der Wüste fühlte sich das Mädchen seit langer Zeit wieder richtig lebendig.

"Und in dieser verfallenen Hütte sollen wir die beiden wiederfinden?" Melissa sah sich etwas skeptisch in dem heruntergekommenen Steinhaus, dessen Wasserkollektoren schon zum größten Teil zusammengefallen waren und durch dessen Dach die aufgehende Sonne ihre Strahlen warf.

"Immerhin meint Anaconda, dass er, bei seiner Recherche, herausgefunden hat, dass diese Farm erst vor ein paar Tagen unter dem Namen ABaixio  eingetragen wurde. Außerdem beklagt sich der blöde Computer, dass du ihn hast mitten im Sand landen lassen." Es hatte den Anschein, dass je länger der Computer Anacondas aktiviert war, desto mehr bildete sich eine Persönlichkeit heraus.

"Schau dir das mal an." Melissa hatte einen Zettel gefunden, den jemand unter eine leere Schüssel auf dem Küchentisch geklemmt hatte.

"Was ist das?" Erkundigte sich der alte Pilot neugierig.

"Sieht aus wie der Computerausdruck einer Reiseinformation! Ein Transfer nach Trivar, wie es aussieht und ein Lastentransport von, nun hör sich das einer an, 125 Tonnen."

"Glaubst du, Daphne wusste davon?" Hans traute dem Mädchen inzwischen einiges zu, aber dass sie in so kurzer Zeit das Versteck ihres Vaters gefunden haben sollte, das konnte er nicht fassen.

"Ich frage mich, was die vorhaben. Diese Warterei macht mich noch ganz vogelig." Melissa lief zum Fenster und blickte durch die getönten Scheiben in die Wüste. Eine zur Hälfte eingefallene Scheune versperrte die Sicht. Sie hatten einen Blick in das vom Einsturz bedrohte Gebäude geworfen, aber die Sandverwehungen hatten alles begraben, wenn sich dort jemals etwas befunden haben sollte. Ein ganzes Stück dichter am Haus stand Anaconda. Es war dem Speedster gar nicht so leicht gefallen, schneller zu landen, als die Raketentriebwerke den Sand wegblasen konnten.

Mel schlich ein fünftes mal durch die beiden Räume der Farm, das Schlafzimmer und die Wohnküche. Das Bett bestand nur noch aus einem Drahtgestell, und die Türen des Nachttischchens hingen schief in den Angeln, Hans saß inzwischen auf dem massiven Tisch, den Stühlen war einfach nicht mehr zu trauen und hing seinen Gedanken nach. Die Metallschränke der Küche waren vom Rost schon arg angefressen und in einem der Hängeschränke klaffte bereite ein Loch.

"Warum haben wir uns eigentlich auf diese Suche eingelassen?" Sie schwang sich zu Hans auf den Tisch und benutzte seinen Rücken als Lehne.

"Abenteuerlust, vermute ich und viel Freizeit!" Hans gab sich einsilbig.

"Wie gut hast du Jason gekannt?"

"Wir sind mal was zusammen trinken gegangen. Ich denke, ich bin es ihm schuldig."

"Was bist du ihm schuldig?"

"Ihm zu helfen, wenn er in Schwierigkeiten ist."

"Weil ihr zusammen getrunken habt?" Fragte Melissa nach einer Pause.

"Nein, nicht deswegen!" Wehrte Hans ab. "Weil er mich hinterher aus einer Prügelei rausgeboxt hat. Er hätte das nicht tun brauchen."

"So kenn' ich dich aber gar nicht."

Melissa kannte so gut wie nichts von Hans Vergangenheit, und er war auch, nicht bereit darüber zu reden. Seine Verbindung zu Jason war intensiver. Die Prügelei war nur ein kleiner Teil. Darüber, dass Jason ihm vor dem Gefängnis bewahrt hatte und davon, dass er danach fast ein Jahr als Informant für ihn gearbeitet hatte davon schwieg Hans. Jason hatte ihm dann auch, den Job auf Situkubwa besorgt als er nach der Gerichtsverhandlung untertauchen musste, es war keine besonders rühmliche Vergangenheit für den alten Frachterpiloten. Später war Jason dann zu ihm gekommen und hatte erklärt, dass er selbst für eine Weile untertauchen musste, Hans hatte ihm das damals abgenommen. Dann als Jason auf so merkwürdige Weise verschwunden war, hatte er gedacht, es wäre nun an ihm seinem alten Freund zu helfen. Melissa musste das alles nicht unbedingt erfahren.

"Ich trinke seit dem auch, nicht mehr. Als wir auf der Straße standen, hat er mir eine Runtergehauen und gesagt, ich solle aufhören zu saufen und was aus meinem Leben machen. Na ja, ich hab' auf ihn gehört." Er machte eine Pause, das war dicht genug an der Wahrheit. "Warum bist du mitgekommen?" Wandte er sich an Melissa, vor allem, um von seiner eigenen Vergangenheit wegzukommen.

"Keine Ahnung, ich glaub‘ es erschien mir richtig. Frag mich nicht wieso. Findest du nicht, Frachterpiloten sollten zusammenhalten?"

Es folgte eine weitere Pause, bevor Hans wieder antwortete: "Da hast du recht, denke ich."

Dann begann es, in Hans Tasche zu vibrieren. "Hey was ist das denn?" Er fummelte, den Zylinder hervor, den er schon wieder ganz vergessen hatte.

"Das Ding hab' ich aus dem Speedster." Er drehte den zitternden Apparat in den Händen. "Ich hoffe das Ding explodiert nicht gleich."

"Soll ich Anaconda mal fragen, was das ist?" Melissa schaute neugierig auf das Objekt, in Hans großen Händen.

"Ja tu das." Er drückte ihr den Zylinder in die Hand, und sie sprang vom Tisch herunter, was konnte das nur schon wieder bedeuten. Als Melissa aus der Tür in den Bereich der Sensoren des Spacespeedsters kam, verstummte der kleine Apparat.

"Was ist das, Anaconda?" fragte sie, als sie im Cockpit platzgenommen hatte und hielt den Zylinder so, wie sie vermutete, dass Anaconda ihn sehen konnte.

"Das, Melissa, ist eine Rufboje. Wenn ich euch was zu sagen habe, dann vibriert es, und wenn ihr wollt, dass ich komme, dann braucht Ihr sie nur zu drücken."

"Gut, warum hast du gerufen?"

"Ihr habt auf dem Flug hierher, von zwei Personen, in einem Airhopper erzählt, ich war so frei meine überaus gelungenen Sensoren zur Verfolgung der hiesigen Nachrichten einzusetzen."

"Ja und weiter?" Ungeduldig drehte Mel den Zylinder zwischen Daumen und Mittelfinger.

"Nun, es scheint mir so, als sei ein derartiges Fahrzeug über der Anlage abgeschossen worden."

Melissa war geschockt.

"Daraufhin habe ich mir erlaubt, ich hoffe, Sie entschuldigen, dass ich mir das herausnahm, die Datenbank der Luftüberwachung anzuzapfen und war in der Lage, den Hergang rekonstruieren."

Inzwischen war auch, Hans aufgetaucht und kletterte umständlich ins Cockpit. "Ich war mal für kleine Transporterpiloten. "Was gibt's Neues?" An ihrem Gesicht erkannte er sofort das etwas nicht stimmte.

Anaconda fuhr fort: "Der Airhopper wich einer Rakete aus, was, wie ich anmerken muss, laut Spezifikation nicht möglich gewesen sein sollte, die Zweite setzte die Elektronik außer Gefecht, was für ein Schicksal für den armen Hopper. Die Tragflächen wurden ausgefahren, das heißt, die Besatzung muss zu diesem Zeitpunkt noch im Vollbesitz ihrer Fähigkeiten gewesen sein." Einige Kilometer weiter, verschwanden sie aus dem Radarbereich, nach meinen Schätzungen müssten sie 15 Kilometer plus minus fünf nördlich von hier gelandet sein."

Dazu zeigte er eine Karte, auf der ein großer grün unterlegter Bereich die maximalen Abmessungen der Landefläche bedeckte.

"Du meinst, sie leben noch, Anaconda?"

"Positiv, Hans. Meine Analyse hat gezeigt, dass der Pilot mit der Situation umzugehen verstand, ich erwarte eine Landung, bei der mit 85%iger  Sicherheit alle Insassen überlebt haben, 75% ohne ernsthafte Verletzungen.

"Kannst du uns da hinbringen?"

"Positiv, Melissa. Aber die Polizei untersucht das Gelände, ich kann Sie hinbringen, wenn Sie sich der Gefahr aussetzen wollen, verhaftet zu werden. Ich habe den Polizeifunk abgehört. Ich überschreite doch nicht meine Kompetenzen, oder?"

"Schon gut, Anaconda, solange es uns weiterhilft, ist das in Ordnung!" beruhigte Melissa den Computer.

"Danke Melissa. Die Witterung hat laut Polizeifunk, keine auswertbaren Spuren hinterlassen, aber es wird davon ausgegangen, dass eine Person einen schweren Gegenstand gezogen hat."

"Dann müssen die beiden auf dem Weg hierher sein." Freute sich Mel, und Hans warf ihr ein zufriedenes Lächeln zu.

"Aber es gefällt mich nicht, dass die beiden allein durch die Wüste müssen. Hans, wir sollten etwas unternehmen."

"Ich mische mich ungern in Ihre Angelegenheiten, möchte aber demütigst einen Vorschlag unterbreiten."

Es konnte einem schon etwas auf den Keks gehen, wie sich diese Maschine immer selbstständiger in ihre Angelegenheiten einmischte, dachte Hans. "Wir werden losfliegen und die beiden Suchen, unter dem Radar, wenn es sein muss! Anaconda, zeig uns den Weg, den die beiden zu dieser Farm nehmen müssen."

"Positiv, Hans. Inklusive Fehlertoleranz, erwarte ich diesen Korridor." Auf den Bildschirm wurde ein weiterer Teil der Wüste rot schraffiert, ein zur Farm hin breiter werdendes spitzwinkeliges Dreieck.

"Gut, Anaconda. Wie lange wird es dauern, dieses Gebiet unter Radarhöhe abzusuchen?"

"Das wird voraussichtlich einige Stunden dauern!" Eine schwarze Zickzacklinie zeigte ausgehend von der Farm den von Anaconda bezeichneten optimalen Weg, unter der Berücksichtigung, dass die gesuchten Personen bereits einen Tag mit schwerem Gepäck unterwegs waren.

"Dann werde ich hier warten, falls ihr sie verpassen solltet," damit kletterte Hans wieder aus dem Speedster.

Dann verzog er sich erst mal ins Haus, um Schutz vor den Staubwolken zu finden, die der Speedster aufwirbelte, als Melissa mit ihm abhob.

Es war früher Nachmittag, ihr Tempo hatte rapide abgenommen und es war nur noch ein halber Liter Wasser übrig, als sich Michael den Knöchel böse verstauchte, er war in eine Eidechsenhöhle getreten.

"Ah, verflucht!"

"Was ist passiert?" Daphne hatte gerade den Kurs überprüft und schaute jetzt auf, um Michael im Sand sitzend zu sehen.

"Bestimmt ist was gebrochen", murmelte dieser und rappelte sich mühsam auf, um auf einem Bein hüpfend zum Schlitten zu kommen.

"Setz dich hier vor mich hin." Sie nahm den Koffer vor sich weg und suchte das Erste Hilfe Paket heraus.

Mit einem Seufzer ließ Michael sich nieder und versuchte seinen Knochen durch den Stiefel zu ertasten.

"So geht das nicht, du musst den Stiefel ausziehen."

"Ich hab' das Gefühl, der Fuß würde drin stecken bleiben!" Michael versuchte zu scherzen, aber es tat wirklich höllisch weh.

"Leg das Bein in meinen Schoß. Wir werden den Stiefel aufschneiden müssen."

Es dauerte eine ganze Weile, viel zu lange für den Verletzten und während Michael die Zähne zusammenbiss, arbeitete sich Daphne mit einer Schere durch das dicke Leder, es war schwierig voranzukommen, und der Knöchel wurde immer dicker.

"Ah, sei doch vorsichtig!" presste Michael unter zusammengebissenen Zähnen hervor, als sie endlich die geschwollene Stelle erreichte.

"Tut mir leid, aber ich muss die Schere, unter das Leder bekommen, also halt still."

Und Michael steckte sich sein Staubtuch zwischen die Zähne und biss darauf herum, als der Schmerz schlimmer wurde, aber er hielt still und kniff die Augen zusammen.

Eine Viertelstunde später ließ der Schmerz etwas nach, war aber trotzdem noch unerträglich, er öffnete die Augen und sah, wie Daphne den Stiefel beiseite legte, als sie ihn auch, noch von dem Socken befreite kam eine schon blau angelaufene Schwellung zum Vorschein.

"Kannst du die Zehen bewegen?"

Er traute sich kaum auch, nur daran zu denken den Fuß jemals wieder zu bewegen, aber er biss fester in den mit Speichel getränkten Lappen und wackelte mit dem großen Zeh.

"Das ist mehr, als ich kann." Scherzte Daphne. "Der Fuß ist also nicht gebrochen. Ich werde ihn verbinden."

Sie kramte eine elastische Bandage aus dem Koffer und umwickelte das geschundene Gelenk beinahe professionell.

"Deine Stiefel werden dir in nächster Zeit wohl nicht mehr passen!"

"Ich wäre froh, wenn sie mir überhaupt jemals wieder passen", murmelte Michael beinahe unverständlich durch das Tuch, bevor er es sich aus dem Mund zog.

"Das setzt unsere Reisegeschwindigkeit etwas herab. Meinst du, wir sollten den Peilsender aktivieren?"

"Nein, Daphne. So schnell geben wir doch nicht auf. Der Polizei können wir immer noch eine Chance geben, aber ich will im Moment keine Fragen von denen beantworten." Er machte eine Pause und sah sich den Stiefel an. "Ich brauche eine Krücke, dann kann es weiter gehen!" Verkündete er entschlossen.

Um den Schlitten herumhüpfend überlegte er, welche der Verstrebungen wohl entbehrlich sein könnte und fand schließlich eine die seinen Vorstellungen entsprach, eine der Streben, die den Wasserkollektor über Nacht aufspannten, würde seinen Ansprüchen genügen.

Er humpelte ein paar Schritte zur Probe, nachdem er am unteren Ende der Strebe seinen Stiefel und am oberen, auf den er seine Achsel stützte sein Hemd zur Polsterung befestigt hatte. Besser als gar nichts dachte er bei sich, dann legten sie erst mal eine Kaffeepause ein.

Sie kamen kaum noch halb so schnell voran, als sie erneut aufbrachen. Und als am Nachmittag das Wasser zu Ende ging, konnte sie sich wenigstens trösten, dass nur noch ein paar Kilometer von der Farm entfernt waren, auch, wenn sie kaum noch vorankamen.

Als die Sonne sich zu verabschieden begann, waren Daphne und Michael durstig und erschöpft und ohne Hemd begann sich Michaels blasse Haut rasch rot zu färben, am nächsten Tag würde der Sonnenbrand zu pellen anfangen.

Die Dämmerung senkte sich schnell über die weite Ebene, sie waren erschöpft, ausgelaugt und durstig. Die Anstrengungen des Tages verlangten ihren Tribut. Sie verkrochen sich in ihren Schlafsäcken aber mehr als Dösen war nicht möglich.

Nach zwei oder drei Stunden drehte sich Michael zu Daphne um. "Ich denke, wir sollten den Peilsender aktivieren!"

"Ja, das denke ich auch, ", stimmte Daphne ihm zu und begann den Notfallkoffer nach dem Hilfesender zu durchsuchen.

"Möchtest du den Knopf drücken?" fragte Daphne und hielt ihm den Sender entgegen, als er sich mit einem Seufzer vor ihr auf den Schlitten hockte.

"Nein, mach ruhig!"

Die grüne LED begann zu blinken, es würde nur noch ein paar Minuten dauern, bis man sie aus der Wüste herausholte. Sie würden wohl einige unangenehme Fragen beantworten müssen, warum sie Privatgelände überflogen hatten, zum Beispiel. Aber das war besser, als in der Wüste zu verdursten.

Es war eine gute Idee gewesen durch die Wüste zu gehen und ohne großes Aufsehen zu erregen wieder mit Melissa und Hans zusammenzutreffen, aber sogar gute Pläne zerschellen manchmal an harten Tatsachen.

Den ganzen Abend hindurch hatte Melissa kreuz und quer die Wüste durchkämmt, ohne eine Spur zu sehen. Die Flughöhe von weniger als 75 Metern trug nicht gerade dazu bei, die Suche wesentlich zu beschleunigen. Einmal hatte Anaconda eine Wärmequelle aufgespürt, aber als sie gelandet waren, hatte Melissa mit ihrer Taschenlampe nur ein Nest von Wüsteneidechsen aufgescheucht, die sich in der kalten Nacht gegenseitig zu wärmen versuchten.

Sie nahm einen Schluck Wasser und rieb sich die müden Augen, dann starrte sie wieder hinaus in die Dunkelheit, viele Sterne waren in der klaren kalten Luft zu sehen und gelegentlich das funkeln von Augen an Boden, aber die Wärmequellen waren zu klein für Menschen. Bei einbrechender Nacht war der Wüstenboden selbst noch eine orange Fläche auf dem Infrarotbild gewesen, aber jetzt deutete das Blaugrün auf eine Bodentemperatur von 5 bis 10°C. Die Lufttemperatur betrug -5°C. Es war verflucht kalt für eine Übernachtung im Freien.

Beinahe zwei Stunden vergingen, ohne dass etwas passierte, dann weckte Anacondas Stimme die Eingeschlafene aus ihren Träumen.

"Melissa, ich fange das Signal eines Notfallsenders auf."

Melissa war sofort hellwach. "Dann bring' uns schleunigst dahin", rief sie.

Gerade so weit von den beiden Personen entfernt, dass diese nicht unter den aufgewirbelten Sandmassen begraben wurden, setzte Anaconda sich in den Wüstenboden.

Melissa machte sich nicht die Mühe, die Trittstufen zu benutzen, sondern sprang den letzten halben Meter und lief so schnell sie konnte zu den beiden Personen, die sich ihr jetzt zuwendeten, nachdem sie sich zuvor vor dem Sand schützend umgedreht hatten.

"Ihr seid ja ganz schön weit gekommen!" Musste sie zugeben. "Aber ihr seht etwas zerschunden aus."

"Ich würde dir ja gern entgegenkommen, aber ich kann nicht mehr laufen", antwortete Michael.

Melissa reichte jedem eine Wasserflasche, und sie tranken diese gierig leer.

"Ich hab' schon lange nicht mehr so gutes Wasser getrunken", meldete sich Daphne dann, als ihre angefeuchtete Kehle das Sprechen wieder leichter machte.

"Also, Mitch nimm die Füße hoch, ich werde euch zu unserem Raumschiff ziehen!"

Beide bewunderten die Form des mattblauen Spacespeedsters, obwohl er fast einen halben Meter im weichen Sand versunken war.

"Ich glaube eure Geschichte ist wenigstens eben so interessant wie unsere", gab Daphne zu bedenken, als die Luke zur Passagierkabine sich knirschend in den Wüstenboden drückte.

Drei Menschen konnten in diesem Raum hausen, es gab drei Schlafkojen, kardanisch aufgehängt, um Beschleunigungskräften nachgeben zu können, ein abgeteiltes Duschklo und eine Sitzecke sowie eine kleine Kochnische, eine Leiter führte hinauf zum Cockpit. Michael konnte leider keine Leiter hinaufklettern und musste darauf verzichten die Pilotenkanzel zu besichtigen, er setzte sich auf die Bank und legte seinen schmerzenden Fuß hoch. Dann trug Melissa Daphne hinterher. "Hast du mal dran gedacht, etwas abzunehmen?" scherzte sie, während sie Daphne auf die Bank fallen ließ. Wofür sie einen wütenden Seitenblick erntete.

Schließlich kletterte Melissa wieder in den Pilotensessel.

"Also, dann bring' uns mal zurück zur Farm, Anaconda."

"Positiv, Melissa."

Sie hoben ab und begruben die Reste des Schlittens unter einem Berg von Sand.

"Mit wem redest du da?"

"Ich darf mich selbst vorstellen", meldete sich die Computerstimme. "Ich bin Anaconda, das ist die Abkürzung von ‘Automatic Navigation And Control Of Non Disabusable Aircrafts. Sie müssen Michael und Daphne sein."

Als die Polizei den Schlitten ausgrub, war keine Spur mehr von den Verschollenen zu finden. Geschwärzter Sand verriet zwar, dass hier ein Raumschiff gelandet war, aber die Radaraufzeichnung bewies, dass es zu tief geflogen war. Die Verfolgung war hier zu Ende und hatte bei der Potea Bergwerksbedarf GmbH einige Wutausbrüche zur Folge, zwei Gruppen von Eindringlingen, an einem Tag, man würde die Sicherheitsmaßnahmen überdenken müssen.

Hans hielt Daphne den Computerausdruck unter die Nase. "Wie konntest du wissen, dass dein Vater hier war?"

Daphne war sichtlich erstaunt. "Was? Nein, ich wusste das nicht, wir haben nur die Farm ausgesucht, die am nächsten an der Fabrik lag."

"Dann muss Jason wohl ebenso gedacht haben", warf  Melissa schlau ein. "Wollen wir hinterher?"

"Natürlich wollen wir!" stimmte Daphne ihr sofort zu. "Aber ich möchte erst etwas mehr wissen. Bestimmt kann ich mit Anacondas Bordcomputer noch ein paar Details in Erfahrung bringen."

"Ja!" Stimmte Hans knapp zu, er war stets dafür Dinge in Erfahrung zu bringen.

Tatsächlich mussten sie überrascht feststellen, dass Jason ohne Gepäck abgereist war, es schien ihm wichtiger gewesen zu sein nach Trivar zu kommen als den Blackbird mitzunehmen. Das aber hieß, der Vogel musste sich noch irgendwo in der Nähe befinden. In der Nähe bedeutete natürlich, irgendwo auf diesem Planeten. Hans entschied, sie würden nur die Umgebung der Farm inspizieren und dann so schnell wie möglich nach Trivar reisen, es hatte keinen Sinn das Kampfflugzeug lange zu suchen. Aber wie es das Schicksal wollte, fand Mel es eher durch Zufall, als sie auf einer kleinen Düne ausglitt. Die schwarze Keramik, die zum Vorschein kam, ließ keinen Zweifel.

Der Hügel war Hans wie eine normale Verwehung vorgekommen. Sie brauchten nicht tief graben, schon beim ersten Spatenstich rutschte die Schaufel von einem schwarzen Keramiküberzug ab. Während Daphne und Michael, der wegen seinem Fuß nicht beim Graben helfen konnte, mit ansehen mussten, wie die anderen beiden den Kampfflieger ausgruben, wurden ihre Gesichter länger und länger. Endlich war das Objekt freigelegt, Mel und Hans taten zwei Schritte zurück, gesellten sich zu den beiden Invaliden und bestaunten mit diesen, das schlanke schwarze Schiff, das mit eingezogenen Landekufen in dem Sandhügel ruhte.

"Was ist das?" Staunte Daphne.

"Das ist ein Blackbird. Kein Versatzantrieb, aber vollständig auf Gravitoantrieb ausgelegt, woher kommt dieses Flugzeug?" Ließ sich Anaconda über seine Außenlautsprecher vernehmen.

"Zuerst, verrätst DU uns mal, warum du so viel über das Schiff weißt, Anaconda!"

"Natürlich, Hans. Ich will Sie gerne aufklären. Die Daten über dieses Schiff habe ich aus meiner eigenen Konstruktionsdatenbank, dort ist es allerdings als verworfen registriert. Die Beschichtung aus Nanopartikel-Keramik kam mir bekannt vor, sie ist mit meiner verwand. Deshalb habe ich die Datenbank der Potea Bergwerksbedarf GmbH akquiriert, um mir zusätzliche Daten zu beschaffen. Ich hoffe, Sie billigen mein Vorgehen. Dieses Schiff besitzt keinerlei Verbrennungs- oder Ionenstrahlantrieb, sondern manipuliert das nahe Gravitationsfeld. Ein Blackbird kann innerhalb des Gravitationsfeldes eines Sonnensystems bis zu 5% Lichtgeschwindigkeit erreichen, ohne nennenswerte Trägheitseffekte. Die Nanokeramik verträgt bei dieser Geschwindigkeit Einschläge von Objekten mit 1mm Durchmesser schadlos. Es kann eine Besatzung von zwei Personen über zwei Wochen in tiefsten Weltraum am Leben erhalten. In aller Bescheidenheit muss ich sagen, ein Blackbird kommt sehr dicht an meine eigene Perfektion heran."

"Gute Arbeit, Anaconda, aber in Zukunft frag uns vorher und nicht hinterher. Ist das klar!" Grummelte Hans kaum verständlich und ließ seine linke Hand über die glatte Außenhaut des Kampfflugzeugs gleiten, sie war so glatt, dass man sie kaum spürte.

"Positiv, Hans. Ich werde mich bemühen, das gewünschte Verhalten zu implementieren."

"Vielen Dank."

Es war gar nicht leicht, Daphne in den Pilotensitz zu bekommen, welche sich dort aber sichtlich wohl fühlte. Sie strich über die Armaturen, während die drei anderen ihr auf der glatten Oberfläche kniend über die Schulter blickten.

"Sonst noch etwas, Anaconda?" Erkundigte Sie sich mit einem Blick auf den Spacespeedster.

"Wenn keine Änderungen vorgenommen wurden, werden sie neben dem Sitz ein Stirnband finden, der Blackbird wird beinahe ausschließlich mit den Gedanken gesteuert."

Daphne fand das Stirnband neben dem Sitz.

"Ich schlage vor, dass Ihr beiden euch hier erst mal von den Strapazen der letzten Tage erholt. Melissa wird bei euch bleiben, ich werde mich in Potea City nach einer Reisegelegenheit umsehen", entschied Hans.

Der Vorschlag wurde allgemein akzeptiert und nachdem einige der Vorräte ausgeladen waren, die Melissa und Hans besorgt hatten machte sich das alte Raubein auf den Weg in die Hauptstadt des Planeten.

Schon am Abend des darauf folgenden Tages landete Hans mit einem Containerzeppelin im Schlepptau, neben dem der Spacespeedster etwas verloren aussah. Diese ferngesteuerten Luftschiffe eigneten sich hervorragend, um in der Wüste Waren aufzunehmen und abzuliefern sie brauchten keinen Landeplatz und wirbelten so gut wie keinen Sand auf.

Daphne hatte es in der Zwischenzeit nicht lassen können, einige Testflüge mit dem Blackbird zu unternehmen, und es hatte nur wenige Stunden gebraucht, bis sie den Flieger beherrschte, wie ein zusätzlicher Körperteil. Wenn der Vogel in der Luft war, so herrschte in seinem Inneren stets Schwerelosigkeit und kein Sandkorn rührte sich von der Stelle, wenn Daphne vorsichtig landete, oder zu einer neuen Spritztour startete. Im Heck sorgte eine nukleare Thermozelle für genügend Energie, dass man sich erst im Laufe von Monaten würde Gedanken machen müssen, wo man frischen Brennstoff herbekam.

Auch wenn der Container nicht viel Spielraum ließ, fand Daphne es ganz und gar nicht schwierig, darin zu landen, man hätte es auch, mit Zirkel und Lineal kaum besser machen können.

Es war nicht besonders schwer gewesen, einen Charterplatz für einen Container zu bekommen, aber auf dem selben Frachter eine Privatjacht anzudocken und das ohne Papiere, hatte einiges an Überredungskunst und so manches Bakschisch erfordert.

Aber schließlich waren sie erneut unterwegs durch die Weiten der Milchstraße, Trivar lag wie Situkubwa ebenfalls im Sagittariusarm, war aber mit circa 12.000 Lichtjahren am anderen Ende des Sektors und somit dauerte die Phase der Sprünge diesmal zwei Stunden. Hundert Jahre der hingebungsvollen Forschung hatte man in den Versatzantrieb gesteckt und arbeiten tat er nur für wenige Stunden auf jeder Reise. Michael fragte sich, ob das ein gutes Beispiel von Verschwendung war, schüttelte dann aber den Kopf, ohne diesen Antrieb würde man Jahrhunderte brauchen, um die Galaxis zu durchqueren.

7.Kapitel: Gefahren der Wüste