12.Kapitel: Jason

2. Teil: Bürgerkrieg

Neue Ziele

Melissa stand vor einem der wenigen Bullaugen des Schlachtschiffes und blickte in die Ferne zwischen den Sternen, niemals hätte Sie sich noch vor wenigen Monaten träumen lassen jemals von Situkubwa wegzukommen und jetzt. Jetzt war sie von einem Abenteuer ins nächste geschlittert.

Mel war sich nicht ganz sicher, ob sie mochte, wie sich die Dinge entwickelten. Als sie mit Hans und Mitch losgezogen war, da war sie der Meinung gewesen etwas Abwechslung in ihr Leben zu bringen, einmal Detektiv zu spielen, aber ihr wäre doch nicht eingefallen, dass dies zu einer Dauerbeschäftigung auswachsen würde.

Die junge Frau strich mit dem Zeigefinger über das kalte Glas des Fensterchens, da draußen lag die Temperatur nur wenige Kelvin über dem absoluten Nullpunkt, bitterkalt sozusagen. Aber in dem Kontrollgang zwischen den zwei Panzerungen des Schlachtschiffs war es ebenfalls recht kühl, 290 Kelvin oder 17°C. Im Prinzip war dies kein Gang im engeren Sinne, Ziel war es mit diesem Zwischenraum, Partikel, die die äußere Panzerung der Masada durchschlugen Zeit zu geben sich zu zerstreuen, sodass sie von der zweiten Hülle aufgehalten werden konnten. Gegen Angriffe mit Explosivgeschossen waren diese Panzerungen ungeeignet und zu schwach, für die Abwehr gelenkter Geschosse diente eine zwei Meter dicke Schicht mit wabenförmiger Grundstruktur, die sehr viel kinetische Energie aufnehmen konnte, obwohl sie fast nur aus Luft bestand. Das alles hatte man ihnen schon am ersten Tag beigebracht, den sie an Bord des Schlachtschiffes verbracht hatten, bestenfalls ein Appetithäppchen auf die weiteren militärischen Geheimnisse, von denen man ihnen nichts sagen würde.

Melissa fröstelte, aber dies war trotzdem ihr Lieblingsplatz, hier war man den Sternen näher, konnte sie ohne technische Hilfsmittel sehen.

In fünf Stunden würden sie aus dem System entsetzen, wieder waren sie unterwegs in den Tiefen der Milchstraße, diesmal nicht um den Vater Daphnes zu finden, sondern um sich auf einem Planeten am Rande des Bellikoos-Sektor für ein paar Wochen zu verstecken. Der Zielplanet besaß so gut wie keine Technologie, nur einen Raumhafen und war somit völlig uninteressant für jede Form der Aggression. Dort würde niemand nach ihnen suchen, und zudem waren sie dicht genug am Bellikoos-Sektor, um von Jason schnell wieder erreicht zu werden, wenn sich die Situation wieder entspannen sollte.

Als die Fahrstuhltür aufglitt, drehte Mel sich nicht um, sie kannte das Geräusch der schlanken Gummireifen auf Metall. Der Rollstuhl aus der Bordwerkstatt des Schlachtschiffes war nicht ganz so gut designt wie der Alte, der jetzt auf dem Mond Alkahira lag.

Melissa erinnerte sich gut an den Tag, an dem sie das behinderte Mädchen kennen gelernt hatten, Mel war zu Beginn etwas verlegen gegenüber Daphne, sie hatte noch niemals zuvor mit einer Rollstuhlfahrerin gesprochen. Aber Daphnes Stärke und Aufgeschlossenheit waren eine große Hilfe, sie wurden schnell zu Freundinnen.

"Hi, Daphne. Was machst du denn hier?" Die Sonne von Trivar war noch immer eine helle Scheibe in der Ferne. In einigen Stunden würde man sie nur noch mit fundierten astronomischen Kenntnissen aus der Masse der Sterne der Milchstraße herausfinden können, wenn überhaupt. Melissa wunderte sich warum es ihr so schwer viel ausgerechnet diesen Planeten wieder zu verlassen.

"Wie geht's dir?"

"Wie soll's schon gehen, wir sind wieder unterwegs zu irgendeinem neuen winzigen Planetchen und nach allem was ich von dem Briefing behalten habe ein unfreundlicher Brocken heißen Gesteins."

Melissa hatte sich umgedreht und schaute Daphne in die wachen braunen Augen.

"Chupa Moto ist ein sehr junger Planet und bezieht seine Wärme aus dem heißen Inneren seiner selbst." Belehrte Daphne ihre Freundin beiläufig, ihr war womöglich gar nicht bewusst, dass sie dieses Verhalten stets etwas arrogant aussehen ließ.

"Ja, ja. Das weiß ich inzwischen auch. Chupa Moto ist zu weit von seinen zwei Sonnen entfernt um von dort auch, nur annähernd genug Energie zu bekommen", gab Mel ein wenig zu scharf zurück. Chupa Moto war natürlich nicht der Planet, auf welchem sie sich zurückziehen wollten, sondern lediglich eine Durchgangsstation, von wo aus sie sich ihre eigene Mitreisegelegenheit suchen würden.

"Eigentlich bin ich gekommen, um dich zum Abendessen abzuholen," wechselte Daphne schnell das Thema und lächelte dabei.

Mel nickte: "Hm. Es wird auch, Zeit, dass ich hier wieder runterkomme, ich bin schon ganz durchgefroren."

Es dauerte nur wenige Sekunden, bis der Fahrstuhl die beiden Frauen wieder im warmen Zentrum des Raumschiffes ausspuckte, nicht exakt das Zentrum natürlich dort war schließlich der Versatzgenerator.

Hans und Mitch saßen bereits am Tisch, als Daphne und Melissa in den Speisesaal kamen, zusammen gingen sie zur Essensausgabe.

Zu dieser Zeit war selten viel los in der Messe, einige Mitglieder der Besatzung saßen noch an der Bar, ein paar andere weiter hinten in dem lang gestreckten Raum man schenkte den Gästen wenig Beachtung, warum sollte man auch, man war Soldat und folgte Befehlen. Die Zivilisten an Bord waren damals auf der Reise von Situkubwa nach Trivar noch eine Kuriosität gewesen, etwas Abwechslung vom Alltag, inzwischen aber war die Neugierde freundlicher Reserviertheit gewichen, man würde die Gäste auch, Chupa Moto absetzen und mit großer Wahrscheinlichkeit nie wieder sehen.

Das Abendessen, welches an der Theke ausgegeben wurde, sah mal wieder nicht besonders appetitlich aus. Das musste nicht immer etwas zu bedeuten haben, aber in der Regel konnte man schon vom Aussehen auf den Geschmack schließen.

"Glaubt ihr, dass wir uns mit einem Konvoi von Blockadebrechern nach Bellikoos einschleichen können, wie Jason meinte." Fragte Michael eher nebenbei, während sie sich an einen freien Tisch niederließen.

Daphne nickte, sie zweifelte nicht an ihrem Vater, zuerst war sie wütend gewesen, dass er nicht mit ihr nach Hause wollte. Dann frustriert als er verkündete, dass er sich schon wieder aus dem Staub machen würde, um Nachforschungen anzustellen. Aber ihr Ärger war bald wieder verflogen, als ihr kluger Verstand übernahm. Es war doch so, dass dies die einzige Möglichkeit war, die ihr Vater hatte. Wenn ihr Vater neben seiner Mission auch, noch auf seine Tochter würde aufpassen müssen, dann würde er nie irgendetwas herausfinden. Trotzdem, sie mochte es nicht, wenn sie so einfach abgeschoben wurde.

"Ich verstehe nicht, wieso Jason uns unbedingt aus dem Weg haben will, die Waffenschiebereien sind doch vorbei oder nicht?" überlegte Michael, so ganz hatte er die Angelegenheit noch nicht durchschaut.

"Sicher", antwortete Daphne schnell. "Aber solange die undichte Stelle bei den Vereinten Planeten nicht gefunden ist." Sie machte eine kurze Pause und fuhr dann fort. "Könnte jemand bei dem Verein auf die Idee kommen uns als Druckmittel gegen meinen Vater zu benutzen." Sie hatte wirklich keine Lust das noch einmal über sich ergehen zu lassen.

Sie machte sich Sorgen um ihren Vater, sie hatten so lange sie nach ihm gesucht und als sie ihn gefunden hatten, schickte er sie ans andere Ende des Orionarmes und ließ sie schon wieder allein. Konnte er nicht einfach nur ein Vater sein, musste er wirklich ständig die Galaxis retten.

"Hat Jason eigentlich gesagt wie wir uns einem Konvoi von Blockadebrechern und Schmugglern anschließen wollen." Erkundigte sich Michael eher beiläufig.

"Für Geld bekommst du überall einen Platz!" Antwortete Hans kurz, er hatte in diesem Punkt keine Bedenken, er kannte die Menschen viel zu gut. Und von Jason hatte er eine reichlich gefüllte Geldkarte bekommen, mit der Finanzierung sollten sie nun wirklich keine Probleme haben, mit diesem Kreditrahmen könnten sie sich fast ein eigenes Schiff leisten.

Nach dem Abendessen suchten sie das kleine Casino auf, hier konnte man oft einen freien Billardtisch ergattern, oder gar eine  Partie gegen die Mannschaft spielen. Dies natürlich nur, wenn das Kriegsschiff mit einem g beschleunigte, sodass normale Schwereverhältnisse herrschten.

Zwei Matrosen hatten den Tisch gerade in Beschlag genommen, als sie den Freizeitraum betraten, aber man einigte sich schnell auf ein kleines Turnier.

"Wie war doch gleich Ihr Name?" Erkundigte sich der ältere der beiden bei Hans.

"Christ, Hans Christ. Aber ich würde mich freuen, wenn wir uns duzen könnten."

"Würde mir auch, gefallen, Hans", stimmte der Matrose zu.  "Mein Name ist Callysto Marner und mein Freund hier, das ist Bud, ein Trivarer." Der froschgesichtige Matrose blinkte freundlich mit den großen roten Augen. "Glücklich, Sie kennen zu lernen," erwiderte er schnell.

Hans stellte auch, seine Freunde kurz vor, bevor sie haushoch gegen die erfahrenen Billardspieler der Weltraummarine verloren.

"Das ist auch, nicht besonders leicht, wenn man kaum über die Tischkante schauen kann." Beklagte sich Daphne leise neben Michael, der konnte ein Grinsen nicht unterdrücken. "Du bist die Einzige, die uns vor einer völligen Blamage bewahrt hat. Also beschwer' dich nicht."

Die Versatzphase war unspektakulär wie immer, eine halbe Stunde, vielleicht etwas mehr, dann waren sie 6.000 Lichtjahre von Trivar entfernt. Der Versatzgenerator verursachte eine kleine Diskontinuität im Raumzeitkontinuum und um diese Unstetigkeit auszugleichen, schleuderte das Universum den Generator und etliche Kilometer Weltraum in der Umgebung einige Lichtstunden in Flugrichtung davon. Dabei war schleudern genau genommen schlecht ausgedrückt, da es impliziert, dass die Strecke zwischen Start- und Endpunkt tatsächlich zurückgelegt wurde.

Drei Tage nach dem Wendemanöver und des Bremsvorgangs erreichte das Schlachtschiff das Doppelsternsystem Chupa Motos. Ein roter Riesenstern kreiste um seinen Partner, einen Neutronenstern, welcher einen beträchtlichen Teil seiner Masse in einer weit zurückliegenden Supernovaexplosion abgesprengt hatte. Dieses heiße Gas dehnte sich langsam gegen den Druck der interstellaren Strahlung weiter aus und bildete mittlerweile eine Wolke leuchtenden Gases, weit außerhalb des Sternensystems.

Kurz vor Abschluss der Reise lud der Kommandant des Schlachtschiffes seine Gäste ein, ihn auf die Brücke zu begleiten. Der Admiral war ein Nywel, ein Mitglied jener Rasse, welche schon seit einigen tausend Jahren durch die Tiefen des Weltalls reiste. Die Nywel unterschieden nicht zwischen verschiedenen Geschlechtern, dafür gab es allerdings unterschiedliche Kasten, wie die Krieger und die Händler. Diese Kasten unterschieden sich in ihrem Äußeren kaum voneinander, aber das unterschiedliche Maß an öffentlich zur Schau gestellten Aggressivität machte eine Verwechslung unmöglich. Der Admiral war demnach ein Händler, das mag seltsam erscheinen, doch auf der anderen wurden die meisten Auseinandersetzungen in der Gemeinschaft der Vereinten Planeten diplomatisch gelöst, da war ein Händler besser als ein Krieger.

"Ein solches Schauspiel sieht man sonst nur in Dokumentarfilmen!" Klärte der Admiral seine Gäste auf und deutete auf den großen Bildschirm in der Frontpartie der Kommandobrücke.

Auf dem Schirm war deutlich zu sehen, wie der massenreiche Neutronenstern unvorstellbare Mengen Gas von seinem übergroßen Partner absaugte und sie nach einigen Umdrehungen in seiner Akkretionsscheibe auf sich herniederstürzen ließ, wobei harte Gammastrahlung senkrecht zur Rotationsebene abgestrahlt wurde.

"Oh mein Gott!" Flüsterte Daphne tief beeindruckt. Sowas lernte man zwar in der Schule, aber es selbst zu sehen, das war etwas völlig Neues, Bestürzendes. Mehr noch, als wenn man zwischen den Sternen reiste, fühlte man sich hier, in der unmittelbaren Nähe, eines so gewaltigen Schauspiels, klein und unbedeutend.

In der kleinen Kolonie auf Chupa Moto lebten verwegenen Gesellen, sie lebten ausschließlich vom Bergbau der hier reichlich vorkommenden schweren Elemente, wie zum Beispiel Titan und Wismut aber auch, Selen und Platin. Diese Metalle waren sehr begehrt im Raumschiffbau. Wie der Planet die Supernovaexplosion überstehen konnte, war den Wissenschaftlern allerdings ein Rätsel geblieben.

Die Stadt, wenn man sie denn so nennen wollte, bestand aus einigen hundert Rostigen und von der aggressiven Atmosphäre schon sehr angegriffen Zylindern, von sehr unterschiedlicher Größe. In diesen Zylindern waren Läden Wohnquartiere und Verwaltung untergebracht, Hotels gab es keine, es gab eigentlich niemanden, der hier freiwillig länger als unbedingt nötig blieb, zumal die Lebenserwartung auf dieser Lavakugel bei knapp 45 Jahren lag.

Auf Chupa Moto blieb man nur so lange, bis man genug Geld verdient hatte, um wieder mal ein oder zwei Jahre überbrücken zu können. Soziale Absicherung gab es hier nicht, es war einfach eine so genannte Goldgräberstadt. Die armen Teufel die darauf angewiesen waren hier zu arbeiten, oder auch, die vielen Abenteurer wussten genau, worauf sie sich hier einließen, es war ein Todeskommando, aber man konnte verflucht Reich werden, wenn man es nur ein paar Jahre überlebte.

Mit Schaudern blickte Michael auf die um die Stadt herum arbeitenden Maschinen, welche die Oberfläche des Planetoiden abschabten und das Erz in große Transporte luden, die es dann zu den Hochöfen brachten, wo die Vorverarbeitung stattfand, bevor Frachtschiffe die Metalle in die umliegenden Sektoren brachten.

Langsam näherte sich ihr Shuttle dem provisorischen Hafen durch die schwefelhaltige ätzende Luft, die jedes höhere Leben in Kürze erstickte. Nichtsdestotrotz gab es angeblich ein paar Wasserlöcher, in denen sich Bakterien angesiedelt hatten, es könnte sich aber auch, um Schwefelsäure handeln.

Da sich Chupa Moto relativ zu seinen Sonnen nicht drehte, standen die beiden Sterne vom Landeplatz aus beständig 20° über dem Horizont. Das Licht, welches diesen fernen Planeten erreichte, war schummrig und schwach, ein Hohn auf die wundervollen Sonnenaufgänge, welche Michael und Daphne auf Potea genossen hatten, auch, wenn das schon eine Ewigkeit her zu sein schien.

Es dauerte über eine halbe Stunde, bis die Schleuse wenigstens halbwegs dicht am Shuttle angedockt war, und trotzdem hingen schweflige Schwaden in dem Gang, sodass es der kleinen Gruppe von Passagieren schwer fiel, zu atmen. Mit den vier Reisenden waren nur zwei weitere Personen von der Raumstation mit hinuntergekommen, wie sich aus den belanglosen Plaudereien an Bord des Shuttles ergeben hatte, zwei der Teilhaber, die sich ihren Anteil an der Aktiengesellschaft einmal aus der Nähe ansehen wollten. Womöglich um ein wenig an dem Abenteuer Teil zu haben, das sie in ihrem Leben niemals hatten, dachte Melissa bei sich und presste ihr Tuch dichter vor die Nase. Während die beiden Herren vor ihr angestrengt bemüht waren, sich nichts anmerken zu lassen, obwohl das Gas ihnen bestimmt die Lungen aus dem Brustkorb brannte.

Mel wünschte sich sie könnten wie die beiden Investoren am Abend wieder abreisen, aber leider saßen sie hier für die nächsten Tage fest, bis ihre Mitfluggelegenheit eintraf. Ein Konvoi von Schmugglern, die hier noch ein paar Tonnen seltene Metalle aufnehmen wollten. Es war eine der wenigen Routen, die der Völkergemeinschaft der Vereinten Planeten seit längerem bekannt waren und sie wurde geduldet, da man davon ausging, dass über diesen Weg keine nennenswerten Mengen an Waffen in den Bellikoos-Sektor gelangten. Aber auf der anderen Seite waren die Posten des Bellikoos-Sektors selbst, und die versuchten, mit aller Macht, jede Verbindung zur Außenwelt abzubrechen. Es würde mit Sicherheit nicht angenehm werden, wenn sie eine dieser Patrouillen begegnen würden. Mel wachte aus ihren Gedanken auf, als sie ihr Quartier für die nächsten Tage erreichten.

Der Zylinder, den man ihnen zuwies war nur unwesentlich besser als die Mannschaftsquartiere, tatsächlich war der einzige Vorzug den man ihnen gewährte ein Vorhang zwischen den Betten für die Frauen und die Männer.

Die zwei Investoren hatten nicht vor länger als ein paar Stunden zu bleiben sie ließen sich schnell alles zeigen und drückten halbherzig ihre Bewunderung aus, als Hans ihnen erzählte, dass er noch länger bleiben würde. Melissa konnte nicht umhin die beiden Männer zu beneiden, die jetzt zurückkehren würden, zu ihren Familien, ihren wohnlichen Planeten vor allem.

"Wie lange denkst du, werden wir warten müssen?" erkundigte sich die junge Frau, als sie schließlich allein in ihrem Zylinder hockten.

"Keine Ahnung, ein paar Tage vielleicht", grummelte Hans. "Und gib dir keine Hoffnung mit dem Fenster, es ist sicherlich von der anderen Seite dreckig."

Mel hörte auf an dem braunen Lichtloch herumzuputzen, es hatte auch, wirklich keinen Zweck, womöglich würde das Fenster in den nächsten Jahren gar ausgewechselt werden, bevor sich die Schwefelsäure gänzlich durchgefressen würde.

"Kommt es nur mir so vor, oder hat der Gestank schon nachgelassen?"

"Nein Michael, wahrscheinlich haben wir uns einfach schon daran gewöhnt." Daphne schnüffelte vorsichtig, aber selbst das leichte Brennen in der Lunge schien schon ganz normal zu sein. Sie wollte gar nicht so genau wissen, wie viele ihre Lungenbläschen in diesen Tagen untergehen würden.

"Gibt es irgendetwas was wir hier machen können?" Vor dem Fenster war schemenhaft eines der raupenartigen Fahrzeuge zu sehen, die mit roher Gewalt die Oberfläche des Planeten abschabten.

"Ich denke, solange man uns für mögliche Investoren hält, wird man uns schon einiges zu bieten haben, Geld wird hier eigentlich immer gebraucht." Daphne schaute von ihrem Computerdisplay auf. Sie war gerade ein paar Stunden auf diesem Stein und hatte schon sämtliche Datenbanken nach relevanten Daten abgegrast.

"Dieser Verein steht kurz vor dem Bankerott," fuhr sie ungerührt fort. "Irgendjemand will sogar eine Touristenattraktion d'raus machen." Sie grinste in die Runde.

"Ich dachte hier gäb' es so viele Bodenschätze." Michael hockte sich neben das gelähmte Mädchen warf einen Blick auf die Bilanzen, die über den Bildschirm flimmerten, aber mit solchen Sachen konnte er schon gar nichts anfangen.

"Ja Bodenschätze gibt es hier zuhauf." Daphne gefiel Michaels Aufmerksamkeit.  "Aber die Gewinne bleiben nicht im Lande."

"Kannst du auch, herausfinden, wo das Geld bleibt?" Erkundigte sich Hans. Chupa Moto lag nur wenige Lichtjahre von den Grenzen des Bellikoos-Sektors entfernt, es war zumindest vorstellbar, dass dort ein Teil des Geldes verschwand. Krieg war von jeher eine kostspielige Angelegenheit.

"Leider nicht, Hans. Die anderen Datenbanken sind verschlüsselt, ich hatte so schon Probleme nicht rausgeworfen zu werden." Sie schaltete ihren Laptop ab und faltete das Display zusammen, mehr gab es in den alten Speichern der Kolonie nicht zu holen. Es war schon erstaunlich, dass sie überhaupt an so viele Daten herangekommen war.

Die Person, die sie am nächsten Morgen, wenn man das so nennen wollte, wo doch die Sonnen niemals untergingen, zu einer Führung abholte gehörte zu keiner ihnen bekannten Spezies. Das war nicht besonders erstaunlich, zwar wurde die Milchstraße nur von etwa 300 intelligenten Spezies bewohnt, von denen auch, nur rund 75 interstellare Raumfahrt betrieben, doch von diesen Völkern verirrten sich nur wenige in die Sektoren, in welchen sich die Menschen niedergelassen hatten. Das lag nicht unbedingt an der Feindseligkeit der Menschen, die auch, in den letzten Jahrhunderten etwas nachgelassen hatte, aber warum sollte man sich mit einer fremden Spezies arrangieren, wenn man noch Tausende von unbewohnten Sonnensystemen zu erforschen und zu besiedeln hatte. Das hieß aber nicht, dass es gar keinen kulturellen Austausch gab, in den Vereinten Planeten gab es sogar eine ganze Reihe von Austauschprogrammen, die die Verständigung zwischen den Völkern fördern sollten.

Wie sich herausstellte, war es eines der zwei weiblichen Geschlechter. Was Daphne sofort auffiel, waren ihre Hände. Die Ndimi besaß zwar nur vier lange Finger, aber der Grundaufbau mit Daumen und dreigliedrigen Fingern war dem Menschlichen doch sehr ähnlich. Womöglich ein recht erfolgreiches Konzept der Evolution, dachte das Mädchen bei sich und folgte der Person langsam als sie die vier Gäste durch die Kolonie führte.

Der Rest ihres Körpers hatte keinerlei Verwandtschaft mit irgendeinem Tier, welches Daphne kannte. Der flache Körper, ähnelte einem Kartoffelpuffer, sie musste unwillkürlich grinsen. Vier kräftige Paare von Gliedmaßen saßen unterhalb dieser Basis und waren eindeutig auf hohe Gravitation ausgelegt. Einen Kopf besaß das Wesen im eigentlichen Sinne nicht, ein paar Tentakel, mit Verdickungen am Ende, offensichtlich Sehorgane. Und dann war da noch der Mund, man konnte es kaum so nennen, eine runde Öffnung mit einem Furcht einflößenden Fressmechanismus, welcher jeder Beschreibung trotzte.

"Ich darf Sie auf Chupa Moto begrüßen." Sagte das seltsame Wesen. Nicht ungewöhnlich war es jedoch, dass sie Deutsch sprach, mit den Kolonisationswellen waren im 23. Jahrhundert überproportional viele Deutsche, Österreicher und Schweizer ausgewandert, sodass sich in den Erdsektoren bald die Deutsche gegenüber dem Englischen und Chinesischen durchsetzte, die auf der Erde noch die wichtigsten Sprachen gewesen waren.

"Mein Name ist eigentlich: ... . Aber ich denke es wird Ihnen leichter fallen mich Fiona zu nennen." Sie machte eine kurze Pause, wohl um sich ihre nächsten Worte zurechtzulegen. Daphne war sich nicht sicher, ob sie ihren richtigen Namen nicht gesagt hatte, oder ob es an ihr Selbst lag, dass sie ihn nicht gehört hatte.

"Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man meinen Ausführungen über unsere Kolonie nur wenig Beachtung schenkt, wenn ich nicht zuvor etwas über mich selbst erzähle." Wieder eine Pause. Es fiel auf, dass Fiona nicht mit ihrem grausamen Mundwerkzeug zu sprechen schien, statt dessen schien ihre Stimme von drei ovalen Membranen zu kommen, die zwischen den Augententakeln gruppiert waren.

"Ich bin eine Ndimi." Der Stolz war unverkennbar, auch, wenn diese Bezeichnung für Daphne keinerlei Bedeutung hatte.

"Mein Volk reist seit Milliarden Jahren durch die Galaxien und impft unbelebte Planeten mit dem Elixier des Lebens, auch, auf eurer Erde sind wir schon gewesen, irgendetwas muss schief gelaufen sein." Ihre Tentakel schwankten von einem zum anderen, bevor sie fortfuhr.

"Wir kamen zu Anbeginn der Zeit von der Magellanschen Wolke, wie Ihr sie nennt und brauchten eine Billion Jahre um die Milchstraße zu erreichen." Es war alles klar: Die Flunder war etwas übergeschnappt.

Daphne räusperte sich lautstark, sie musste ja nicht alles schlucken, was man ihr vorsetzte.

"Gut", antwortete die Ndimi. "Ich übertrieb wohl etwas." Was dann folgte, muss so was wie ein Lachen gewesen sein, der Tunnel zitterte, die Erde bebte. Ein Stück Wahrheit steckte aber in der Geschichte der Ndimi, diese Spezies war eine der ältesten der Milchstraße, an die 20 millionen Jahre war ihre Kultur alt. Trotzdem hatten die Ndimi keine Hochtechnologie entwickelt und nutzten die interstellare Raumfahrt nur selten, als Gäste anderer raumfahrender Völker. Genau genommen waren die Ndimi vielzellige Organismen, die sich etwa alle 5000 Jahre einmal paarten, bzw. trippelten.

Aber die Ndimi hatte ihr Ziel erreicht, sie erschienen auf einmal gar nicht mehr so fremdartig, es schien doch mehr Verwandtschaft, wenigstens im Geiste zu geben, als es nach dem Äußeren den Anschein zu haben schien.

"Folgen Sie mir doch bitte, ich soll ihnen doch unsere hübsche Kolonie auf diesem toten Felsen zeigen", mit diesen Worten trippelte die Fiona, wie sie sich nannte, voran. Die zusammengeschweißten Zylinder waren nur wenig breiter als ihr Körper und wenn Sie anderen Menschen oder Außerirdischen begegneten, so waren diese gezwungen sich an die Wand zu drücken, um das breite Mädchen vorbei zu lassen. Besonders spannend aber wurde es, als ihnen ein zweites Ndimi entgegenkam.

Sie hatten zwar Glück, dass der Gang zu Zentrum der Kolonie breiter geworden war, aber für die beiden Wesen war es unumgänglich über einander hinwegzusteigen. Ihr Geplapper blieb den Menschen dabei verborgen, ebenso, wie der flüchtige Austausch von Genen, bzw. vergleichbarem Material, den die beiden sich gönnten.

"Woher kommt ihr denn nun wirklich? Ich hab, ehrlich gesagt, noch nie etwas von den Ndimi gehört."

"Melissa war ihr Name nicht war." Fiona fragte nicht wirklich, sie wollte sich nur vergewissern. "Unsere Spezies stammt aus einem der wenigen bewohnbaren Sternsysteme des Zentrums der Milchstraße, und die mangelnde harte Strahlung schadet meinem Teint." Sie machte wieder eine kurze Pause. "Wir reisen nicht besonders viel und sind aus diesem Grund wohl auch, nicht so bekannt unter den Menschen, die sich erst so kurze Zeit in den Tiefen des Weltraums herumtreiben." Erneut eine Pause, es musste ihr bei ihrer Lebenserwartung verschwindend kurz vorkommen, sie würde noch leben, wenn andere Kulturen schon wieder vergangen waren, wer wusste schon, was Sie schon gesehen hatte. "Aber ich finde ihr habt euch schon ganz schön ausgebreitet." Das klang vorwurfsvoll und Daphne hätte gern etwas erwidert, aber Hans schwere Hand auf ihrer Schulter ließ sie davon Abstand nehmen. Nein, sie war wirklich nicht dafür zuständig allüberall Rechenschaft abzulegen.

"Das war doch nicht als Angriff gemeint, Daphne. Jede Spezies nach ihrer Façon," ergänzte Fiona schnell und schwenkte ihre Augen leicht hin und her.

Die Führung war alles in allem nur mäßig aufregend, soviel gab es halt in der Bergwerkskolonie nicht zu sehen. Fiona zeigte ihnen die Hochöfen und einen der Bagger, wenn man diese Ungetüme denn so nennen wollte. Sie zeigte ihren Gästen auch, die Kantine und des Freizeitzylinders, nicht notwendiger weise der Ort an dem einer von ihnen viel seiner Freizeit würde verbringen wollen.

Auch die folgenden Tage waren nicht aufregend. Fünf lange Tage mussten sie warten und in manchen Stunden hatte Hans das ungewisse Gefühl, dass man sie überwachte und jeden ihrer Schritte verfolgte. Es gab für dieses Gefühl des verfolgt werdens keine wirklichen Beweise und so unterließ es Hans seine Freunde einzuweihen, aber er manchmal glaubte er einen der Männer wiederzuerkennen, wenn er mit Melissa, Daphne und Michael die düsteren Gänge erkundete. Auch hielt er Daphne in den letzten Tagen immer häufiger davon ab, in den Computernetzen herumzustöbern. Er war sich sicher, dass sie bald Verdacht schöpfen würde. Hans hoffte inständig, dass es nur die klaustrophobische Situation in den beengten Räumlichkeiten der Kolonie waren, die ihn so nervös werden ließen, aber das war eigentlich nicht seine Art.

"Was ist los mit dir?" Auch Melissa machte sich allmählich sorgen um den alten Frachtpiloten.

"Nichts. Mangel an frischer Luft, zu wenig Bewegung", antwortete der alte Mann ausweichend, er hatte sich mit seinen 53 Jahren noch nie so alt gefühlt wie hier, wo er die Situation nicht unter seiner Kontrolle hatte.

Es war eine Erlösung, als endlich zwei Shuttles mit finster dreinschauenden Passagieren landeten. Von nun an würde alles von Hans Verhandlungsgeschick abhängen, versagte er würden sie viele Wochen auf diesem toten Planeten bleiben müssen bis sie wieder Gelegenheit haben würden hier wegzukommen.

14. Kapitel: Unter Schmugglern