8.Kapitel: Gefangen und gefoltert

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Sie waren zurück im "Drunken Miner" und es hatte gar kein Geld gekostet. Anaconda hatte einfach heimlich an einem der Containerfrachter angekoppelt, dann waren sie huckepack gereist. Das kleine Zusatzgewicht war gar nicht weiter aufgefallen.

In dem Spacespeedster war zwar nicht genug Platz gewesen, dass alle gleichzeitig schlafen konnten, aber für eine Woche hatten sich die Vier zusammengerissen und damit abgefunden. Was weniger angenehm war, war die Tatsache, dass es in Mjidogo die günstige Pension nicht mehr gab und man sich eines der teuren Touristenzimmer nehmen musste.

"Wird der Blackbird nicht früher oder später jemandem auffallen?" Überlegte Daphne, sie mussten den Flieger auf Trivar zurücklassen, da sie einen weiteren Transport nicht mehr finanzieren konnten.

"Und wenn schon. Es wäre vielleicht ganz gut, wenn die Öffentlichkeit von diesen Dingern erfährt."

"Ja, du hast wahrscheinlich recht, Hans."

"Und wie geht's jetzt weiter?" Erkundigte sich Melissa und nippte an ihren Orangensaft.

"Wir müssen diese Bohrmaschinen im Auge behalten, irgendwo werden die ja schließlich hingebracht. Daphne kannst du das vielleicht am Computer rausfinden?"

"Ich denke schon. Aber die werden da kaum etwas über Kampfflugzeuge reingeschrieben haben."

"Nein, das erwarte ich auch, nicht, ich will nur einen Anhaltspunkt, wo wir mit unserer Suche beginnen müssen, schau dir die Verwaltung an, oder die Bergwerksanlage, irgendeinen Plan," erläuterte Hans.

"Ich verstehe und dann gehen wir hin und schauen nach?"

"Das ist mein Plan." Hans nahm einen großen Schluck aus seinem Glas und entdeckte an der Tür ein Gesicht, das ihm irgendwie bekannt vorkam. "Schau dich mal um Mel, ist das da drüben nicht Gavin?"

"Ja, in der Tat. Er hat aber kräftig abgenommen."

"Er hat so was gesagt, als wir uns das letzte mal getroffen haben." Er wandte sich an den unglaublich fetten Mann, der das Lokal betreten hatte. "Hey Gavin. Leidest du an Schwindsucht?"

Im Vergleich zu ihrer letzten Begegnung musste er tatsächlich kräftig abgespeckt haben, statt wie eine Kugel auszusehen, erinnerte er inzwischen an eine Tonne, das war durchaus als Fortschritt zu werten.

"Oh, hi Opa. Schön dich mal wieder zu sehen", schrie er durchs Lokal zurück und näherte sich ihrem Tisch.

"Hi Mel, Mitch. Wo wart ihr denn die letzten drei Wochen, man hat euch ja gar nicht mehr gesehen?"

Er plackte sich neben Melissa und warf einen Blick in die Runde. "Oh hi kleine Miss, wir sind uns noch nicht vorgestellt worden glaub ich. Ich bin Gavin." Er reichte Daphne seine schmierigen Finger.

"Ich bin Daphne DeRochelle."

"Was? Doch nicht etwa mit Jason verwandt, oder etwa doch? Seine Tochter wette ich, das Schlitzohr hat mir nie was von dir gesagt", sprudelte Gavin ohne Atem zu holen.

"Wissen Sie irgendwas von meinem Vater?"

"Nein, Kleine. Es ist einen Monat her, dass er verschwunden ist. Hey, solltest du nicht zur Schule gehen?"

"Inzwischen sind sowieso schon Ferien, Gavin. Außerdem: Nenn mich nicht Kleine, ich heiße Daphne."

"Ja Kleine, schon gut, reiß mir nicht gleich den Kopf ab."

"Was ist hier in unserer Abwesenheit passiert, insbesondere mit deinem Körper?" Unterbrach Melissa sie, wenn ein Mann in drei Wochen mehr als die Hälfte seiner Körpermasse verlor, war das schon eine Nachfrage wert, manchmal wünschte Mel sich, sie würde das auch, können.

"Ha, das ist auch, eine lange Geschichte, ein paar lange Nächte mit Fiona, um genau zu sein. Und dann haben wir einen Laden zusammen eröffnet, mit Büchern zu exotischen Liebespraktiken. Du solltest mal vorbeikommen Mel, ich könnte dir da noch ein paar Tricks zeigen."

"Nein danke, Gavin. Erzähl uns mal, was die TMC so treibt."

"Sie sind vorsichtiger geworden. Keine Führungen durch die Minen mehr, mehr Wachen und weniger Zivilisten. Diese Typen verheimlichen etwas, wenn ihr mich fragt."

"Das haben wir auch, bemerkt. Kannst du uns nicht etwas mehr sagen?"

"Ganz schön neugierig die Kleine. Hey Hans, wo habt ihr das Kind denn aufgetrieben."

"Sie könnten mich fragen, finden Sie nicht?"

"Daphne, reg' dich nicht auf. Das ist einfach seine Art", flüsterte Michael ihr zu, aber Gavins Art, ging Daphne gehörig auf den Wecker.

"Hey Miss, du bist ganz schön wütend was. Ha, ha. Komm schon, ich mein das doch nich' so." Behauptete Gavin und warf dem Mädchen ihm gegen über ein breites versöhnliches Lächeln zu.

"Schon gut, aber ich bevorzuge es, wie eine Erwachsene, behandelt zu werden."

"Huh, klar Miss. Werd's  versuchen. Also, Miss DeRochelle, wo haben Sie Opa und seine Freunde getroffen?"

Nur wenig versöhnt mit seinen Worten erzählte Sie mit Unterstützung von Michael und Melissa, was in den letzten Wochen vorgefallen war, Gavin konnte nicht verhindern, dass ihm sein schmales Kinn auf die Brust fiel, als er davon hörte.

"Hey, ganz schön was durchgemacht, Kleine. Ups, ‘tschuldigung. Miss DeRochelle."

Irgendjemand warf einen ICU in die Musikbox und diese begann, ein langsames melancholisches Lied zu trällern.

"Oh, Miss DeRochelle. Wollen Sie nicht mit mir tanzen." Gavin Stand auf und streckte ihr seine Hand auffordernd entgegen.

"Ich kann nicht tanzen", entgegnete Daphne überrascht.

"Hey, Miss DeRochelle, sei nich' so nachtragend!"

"Ich kann nicht tanzen Gavin. Haben Sie nicht gesehen, dass ich im Rollstuhl sitze?"

Gavin fiel förmlich zurück auf seinen Platz und warf einen Blick unter den Tisch. "Oh, das tut mir Leid Kleine, ich wusste ja nicht ..." stotterte er.

"Bringst du mich hier raus Michael."

"Ja, natürlich."

Als sie verschwunden waren, wandte sich Gavin entschuldigend an Melissa und Hans.

"Das konnte ich doch nicht ahnen, oder? Hey, oben ‘rum sah die Kleine ganz normal aus."

"Daphne ist ganz Normal, du Trampel." Fuhr Melissa ihn wütend an. "Und das ist ein Glastisch, du hättest es nicht mal erwähnen müssen."

"Hey Mel. Ich sagte es tut mir leid."

"Ich denke, du wirst dich bei Gelegenheit bei ihr entschuldigen", fügte Hans hinzu. "Daphne ist in diesem Punkt etwas empfindlich."

"Hey, das kannste aber laut sagen. Mel, guck nich' so wütend, ich entschuldige mich bei der Kleinen. Brauchste mich nich' gleich umbringen!"

Michael schüttelt den Kopf und betrachtete die dreidimensionale sich drehende Karte, welche vom Monitor des öffentlichen Terminals direkt in seine Augen gespiegelt wurde. Wenn er sich vor dem Bildschirm bewegte, konnte er die Tunnel aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten, aber die Menge der Passagen war wie Spaghetti vor seinen Augen. In der verwirrenden Vielzahl von Gängen war für ihn kein Muster erkennbar.

"Es gibt da ein Gebiet, in das kein Tunnel vordringt, nur zwei Sackgassen. Ich wette, da verstecken die Typen etwas. Wir sollten uns in der Gegend mal umsehen." Dabei deutete Daphne mitten in die Karte hinein, wie es schien, sie sah nicht genau dasselbe, wie Michael. Ihr Finger verdeckte in einem aus seinem Blickwinkel anderen Teil des Labyrinths, aber jetzt wo sie es sagte, wusste Michael, in welcher Gegend er suchen musste, und er entdeckte die Stelle. Er hatte keine Ahnung vom Titanabbau, aber das an jenem Ort gar nichts zu finden sein sollte, kam ihm doch etwas merkwürdig vor.

"Ja, du hast recht. Wollen wir zurück ins Hotel? Und den anderen Bescheid sagen."

Sie machten sich auf den Weg ins Hotel, aber nicht auf dem direkten Weg. Michael konnte es sich nicht nehmen lassen Daphne ein wenig auf dem Markt herumzuführen, so etwas sah man schließlich auch, in anderen Teilen der Galaxis nicht alle Tage.

Es war später Nachmittag, als sie ins Hotel zurückkehrten. Sie trafen Melissa und Hans in der Lobby des Hotels, wo diese auf sie gewartet hatten.

"Hallo. Habt ihr euch gut amüsiert?"

"Ging so. Und was habt ihr so getrieben?" Beantworte Michael die Frage mit einer Gegenfrage.

"Nichts Besonderes, wie wär's, wenn wir uns vor den Computer setzen und was über TMC rausfinden."

"Zu spät Hans, wir haben das inzwischen erledigt, und wir haben auch, schon was Interessantes gefunden." Michael setzte sich zu den beiden auf die blaue Couch, die angenehm mit dem Rest des Saales kontrastierte.

"Spann uns nicht so auf die Folter, Mitch. Erzähl schon."

"Ja, Mel. Wir haben eine Stelle im Bergwerk gefunden, wo scheinbar noch keine Tunnel gegraben wurden. Da sollten wir mal einen Blick hinwerfen." Und dann fuhr Daphne fort: "Zumal wir wenigstens zwei Gänge entdeckt haben die laut Karte in dieser Gegend als Sackgasse enden."

"Gut gemacht, dann müssen wir jetzt ausbaldowern, wie wir da unbemerkt reinkommen."

"Ich bin mir noch nicht ganz sicher, wie uns das bei der Suche nach meinem Vater weiterhilft."

"Ich hab' mir das so gedacht, Daphne. Dein Vater hat diese Blackbirds entdeckt, nicht wahr, wenn er noch an ihnen dran ist, dann werden wir ihn finden, wo diese Flugzeuge sind, wo sie herkommen wissen wir inzwischen, was uns fehlt, ist das Warum und das Wohin. Und bestimmt finden wir deinen Vater, wenn wir diese Spur weiter verfolgen. Ganz abgesehen davon, Daphne, treibt mich meine eigene Neugierde herauszufinden, was für ein Spiel hier gespielt wird", antwortete er auf die Frage des Mädchens.

"Ja, ich verstehe. Und wie kommen wir in dieses Bergwerk?"

"Dazu wirst du morgen den Schichtplan aufspüren, während Melissa und ich uns die passende Ausrüstung besorgen. Wir werden dann schon sehen wie wir in die Stollen kommen.

Wie Daphne herausfand, arbeitete man in zwei Schichten à zehn Stunden, mit einer Pause von jeweils dreieinhalb Stunden mittags und mitternachts. Sie beschlossen, gleich die Mittagspause zu nutzen und wenn möglich nachts wieder zu verschwinden. Daphne hatte ein paar stillgelegte Zugänge auf der Karte gefunden, aber Sie hatten zwischen den aus- und anrückenden Schichten nicht mehr als eine Stunde, in welcher die aktiven Tunnel leer sein sollten.

"Wird es auch, keine Probleme geben, wenn ich da mit meinem Rollstuhl rumgurke?"

"Willst du lieber hier bleiben?"

"Nein Mel, auf keinen Fall. Ich mache mir nur Gedanken, ob ich euch nicht aufhalten würde."

"Zeig ein bisschen mehr Selbstbewusstsein", und das musste Daphne sich ausgerechnet von Michael sagen lassen. "Die fuhrwerken da drin mit tonnenschweren Bohren herum. Die werden Straßen haben, die auch, dir genügen dürften."

Das war doch wohl keine Anspielung auf ihr Gewicht, erwog Daphne bestürzt. Entschied sich aber schnell dagegen, für solch zweideutige Bemerkungen war Michael gar nicht klug genug.

Die vier Abenteurer hatten Glück, man beachtete sie nicht weiter, als sie sich durch die Wohngebiete der Bergleute schlängelten. Die Arbeiter hier hatten andere Dinge im Kopf, als sich um ein paar Touristen zu kümmern, die sich mal das einfache Leben in der Stadt ansehen wollten. Man war zwar freundlich, aber distanziert.

Viele Menschen verdienten sich in den Minen ihr täglich Brot, aber es waren auch, einige kräftig aussehende Personen aus anderen Teilen der Milchstraße zu sehen. Es war kein leichter Job, auch, wenn vieles automatisiert war, aber mit der Gefahrenzulage konnte man sich etwas Geld zurücklegen und früh in Rente gehen. Das war für viele Anreiz genug, sich der schweren Arbeit hinzugeben.

Dann wurde es immer ruhiger, bis sie allein in den Gängen waren, auch, hier waren die Wände mit Wohnhöhlen durchzogen, aber diese waren nicht mehr zeitgemäß und einige Straßenzüge waren wegen Einsturzgefahr gesperrt worden. Eine Seitenstraße war, in die Hans und Melissa ihre Taschenlampen hielten, war schon zusammengebrochen und darüber konnte man weitere verwaiste Minen erkennen.

"Da klettern wir besser nicht rauf", murmelte Hans und beobachte, wie sich ein weiterer Felsbrocken von der Decke löste und viel Staub aufwirbelte, bis er vor seinen Füßen zum Liegen kam.

"Was sagt die Karte, Daphne?"

Sie warf einen Blick auf ihren Taschencomputer, auf den sie eine Karte der Gänge runtergeladen hatte, mit Stift und Kompass verfolgte Sie den Weg, den Sie gekommen waren, und plante, wohin sie sich wenden mussten.

"Kein Problem, es gibt Tunnel, die da ‘rumführen." Sie deutete wage in die Richtung, aus der Sie gekommen waren. "Das ist gar nicht mal so'n großer Umweg."

Sie mussten noch zwei weitere Umwege nehmen, fanden aber auch, eine Abkürzung, durch zwei aneinander grenzende Wohnhöhlen, deren gemeinsame Rückwand zusammengebrochen war. Irgendjemand hatte sich die Mühe gemacht, den Schutt wegzuräumen. Schließlich fanden sie das Tor zu den Minen. Davor befand sich noch eine zum Teil schon eingefallene Halle, in der sich Duschen und Umkleideräume befunden hatten, die Duschen waren unter der Lawine begraben worden.

Hier zogen sich die Vier ihre graublauen Overalls an, welche sie zuvor unter Daphnes Sitzfläche versteckt hatten, von hier an würde es wirklich dreckig werden. Hans verteilte ein paar Sturzhelme, die jemand in den Regalen vergessen hatte.

"Aufsetzen", verlangte er einsilbig.

Dann wandte er sich dem Tor zu und machte sich an dem Schloss zu schaffen, es dauerte nicht lange, bis er die Schiebetür mit lautem Quietschen in ihren verrosteten Schienen beiseite drücken konnte.

Der Boden in dem alten Gang vor ihnen, war rissig und feucht und wenn man still war, konnte man irgendwo in der Ferne das Tropfen von Wasser hören.

"Rechts oder links?" Wandte sich Melissa an Daphne und holperte mit dem Rollstuhl über die Schienen in den dunklen Gang.

"Rechts runter, bis zur Verzweigung und dann müssen wir erst mal bis zur Mittagspause warten."

Melissa leuchtete den dunklen Tunnel hinab, das war ja richtig gruselig.

Sie waren lange unterwegs, einige Spurrillen im Boden machten das Vorankommen für Daphne zu einer Fahrt, wie über ein riesiges Waschbrett, aber sie musste zugeben, dass es besser ging als sie erwartet hatte.

Sie erreichten die Verzweigung viel zu schnell und hätten ihr Taschenlampen beinahe zu spät ausgeschaltet. Vorsichtig lugten Michael und Hans um die Ecke und beobachteten, wie eine schwere Maschine den nur fünfhundert Meter entfernten Quergang entlang geschoben wurde.

"Das ist einer der Plasmabohrer", flüsterte Hans, der sich an die Vorführung in der Fabrik auf Potea erinnerte.

Michael nickte und hockte sich zu den anderen.

"Was habt ihr gesehen?" erkundigte sich Daphne leise.

"Einen der Plasmabohrer. Bist du sicher, dass dein Schichtplan richtig ist, die scheinen noch längst nicht zum Ausgang zu wollen."

"Mein Plan stimmt, wir sind nur zu schnell vorangekommen. Wir werden noch etwas warten müssen."

Mit ausgeschalteten Lampen hatten die Geräusche in den Felsen etwas Unheimliches an sich. Ein Schimmer des Neonlichtes aus dem Hauptgang drang bis zu der Verzweigung, an der sie hockten, aber das unnatürliche gelbe Licht verbesserte die Atmosphäre nicht. Gelegentlich knirschte das Gestein, irgendwo musste sich ein Bächlein den Weg in die Tunnel gegraben haben, und die Stimmen der Bergleute hallten dumpf durch die Gänge bis zu ihrem Versteck.

Schließlich wurde es ruhiger, nicht die Felsen, oder das Wasser natürlich, aber die Stimmen der Bergarbeiter verschwanden allmählich in der Ferne. Einmal schallte das Gelächter zweier Nachzügler durch die Gänge, dann herrschte Ruhe.

"Auf geht's!" hauchte Hans unnötig leise in die leeren Stollen, und sie machten sich auf den Weg. Vorsichtig warf er einen Blick in den erleuchteten Hauptgang, aber es war keine Seele mehr zu sehen.

"Also Daphne, nach deinem Plan haben wir jetzt ungefähr eine Stunde, dann zeig uns mal, wo's lang geht."

Unter ihren Anweisungen folgten Sie dem breiten Tunnel eine Weile abwärts und bogen dann in einen Seitentunnel ab, aber Sie mussten feststellen, dass hier eine der Bohrmaschinen den Weg versperrte.

"Das macht nichts, wir können den Hauptgang ein Stück weiter benutzen." Verkündete Daphne ohne jede Besorgnis.

Aber die nächste mögliche Abzweigung war verschüttet und eine halbe Stunde war inzwischen vergangen. Schließlich fanden sie einen Weg, der wieder in dunkle Gänge mündete. Das Bergwerk hatte sich in den vielen Jahren seiner Existenz ungeheuer ausgebreitet und erstreckte sich inzwischen über eine Fläche, die größer war als das Stadtgebiet von Malaikapia, und das war riesig, soweit sich Michael erinnern konnte.

Fünf Hauptzugänge bohrten sich kilometerweit in alle Himmelsrichtungen in den felsigen Untergrund und zu den Seiten hin trieb man Quer- und Parallelgänge zu den Titanerzvorkommen.

Es war noch eine weiter Marsch zu der Stelle, wo Daphne die verdächtige Stelle entdeckt hatte und obwohl sie eigentlich genug Batterien dabei hatten, verzichteten sie die meiste Zeit darauf mehr als eine eingeschaltet zu haben.

Als es Zeit war, dass die Schicht wieder begann, legten sie eine Pause ein und lauschten, aber es waren keine Stimmen zu hören, sie waren zu weit von den benutzten Gängen entfernt. Daphne musste sich immer öfter versichern, dass sie noch wusste, wo sie sich befanden und bewies dies, mit detaillierten Angaben über den vor ihnen liegenden Weg.

Als sie weitere zwei Stunden gewandert waren hielten Sie es für angemessen, eine Pause einzulegen, zwar hatten sie zeitig zu Mittag gegessen, aber die stickige Luft ließ einen schnell erschöpfen, sie nahmen einen Imbiss zu sich und tranken aus den Wasserschläuchen, die sie mitgebracht hatten.

Das Tapsen von unzähligen kleinen Füßen ließ Melissa beinahe das Herz stocken. Sie leuchtete beherzt in die Richtung, aus der sie es gehört hatte, und entdeckte einen Grottenolm, der mit seinen blinden Augen in ihre Lampe starrte. Unbeirrt krabbelte das Tier weiter, auf wenigstens hundert Beinchen, die sich schnell unter seinem langen flachen Körper bewegten, er besaß in etwa das Aussehen einer Schuhsohle.

"Er muss das Plätschern des Wassers gehört haben", flüsterte Daphne und ließ einen Schluck aus ihrem Vorrat auf den steinigen Boden plätschern. Der Grottenolm stürzte sich gierig auf das Nass und legte seine Eier hinein. Dann verschwand er im dunklen Gang.

"Man sollte nicht meinen, wie wählerisch diese Biester mit der Wahl ihrer Laichplätze sind." Grübelte Michael und betrachte die Samenfäden in der winzigen Pfütze im Schein seiner Taschenlampe.

Sie brachen wieder auf, allzu weit sollte es jetzt nicht mehr sein, bis zur ersten verdächtigen Sackgasse. Es war ja nicht so, dass es hier unten nicht Unmengen von abgebrochenen und aufgegebenen Tunneln gab. Aber in diesen Bereich mündeten nur zwei, und das war ungewöhnlich.

Je dichter sie an die Stelle kamen, desto vorsichtiger wurden sie. Es war in den letzten Tagen keine Lieferung von Bohrmaschinen eingetroffen, aber das musste schließlich nicht heißen, dass hier unten niemand mehr anzutreffen sein würde.

Das Ende des betreffenden Ganges hielt dann auch, tatsächlich eine Überraschung bereit und zwar in Form einer Tür in einem Stahlrahmen und unter der Tür konnte man erkennen, dass dahinter Licht brannte.

Hans bedeutete Melissa an der Tür zu lauschen, aber sie konnte keine Stimmen oder irgendetwas Verdächtiges hören, wie sie den Anderen, kurze Zeit später mitteilte.

"Dann lass mich mal an das Schloss", brummte Hans, ohne Widerrede zuzulassen.

"Irgendwann wirst du uns erzählen müssen, warum du ständig Schlösser aufbrichst."

"Nein, Melissa. Alles braucht ihr nicht zu wissen." Und begab sich mit diesen Worten an die Arbeit. Es dauerte nicht lange, bis es zweimal klickte.

Hans öffnete die Tür einen spaltbreit und warf einen Blick in den dahinter liegenden Raum. Dann öffnete er die Tür weit und erlaubte, den anderen zusehen, was er gesehen hatte.

Ein Saal tat sich vor ihnen auf, zwei Etagen hoch, mit einer Brüstung rund herum und zwei Treppen, die hinunter auf den Boden führten, eine bei der Tür, an der Sie standen, eine gegenüber, bei einer weiteren verschlossenen Tür. Am Boden der Halle standen einige Kisten und fünfzehn, in dem bekannten Schwarz lackierten, Kampfflugzeuge. Eine große Pforte an der Stirnseite der Halle musste den Zugang für die Blackbirds darstellen, es war noch Platz für wenigstens fünf weitere Flugzeuge.

"Ich würde vorschlagen, dass sich Melissa und ich, da unten mal umsehen, ihr bleibt hier oben bei der Tür."

Daphne und Michael nickten, es wäre wohl zu schwierig das Mädchen die Treppe hinunterzutragen.

Melissa und Hans schlichen sich vorsichtig die Treppe hinab, noch nicht ganz sicher, ob sie diesen Saal für sich allein haben sollten.

"So viele," hauchte Melissa ehrfürchtig und strich über die glatte Nanokeramik.

"Und viele mehr sind wohl in den letzten Jahren hier durchgegangen."

"Wie meinst du das?"

"Schau dich hier um, das ist doch keine Basis, das kann höchstens ein Zwischenlager sein. Sonst müssten hier Räume für die Piloten sein und Anlagen, um die Vögel zu pflegen."

Melissa schaute sich erneut in der Halle um und nickte. Hans hatte wohl recht.

"Was schließt du daraus?" Aber Sie hatte schon selbst eine Ahnung, was hier vor sich ging.

"Waffenhändler, vermute ich."

"Oder nur eine Zwischenstation vor dem Weitertransport?"

"Ja, das ist auch, eine Möglichkeit."

Melissa wollte gerade etwas erwidern, als er ihr seine Pranke auf den Mund legte und sie mit sich hinter eines der Flugzeuge drückte, die Flügeltür an der Stirnseite würde aufgeschoben.

Hans warf einen Blick hinauf zur Balustrade und sah zu seiner Beruhigung, dass die Tür geschlossen war. Melissa befreite sich von seiner Hand und schnappte nach Luft und kauerte sich dichter an die Landekufe des Blackbirds, hinter dem sie sich versteckt hatten. Von hier konnte man gut erkennen, dass zwei Männer das Lager betreten hatten, hinter ihnen folgte eine Gruppe von Bewaffneten, zum Teil nichtmenschlich. Dann folgten zwei Fahrzeuge, so ähnlich wie Gabelstapler schoben sie ihre flachen Schnauzen unter jeweils eines der Flugzeuge.

"Nun? Beeindruckt?" fragte die kalte Stimme des Mannes, dass es Melissa einen Schauer über den Rücken jagte, sie kannte diese Stimme, es war der Mann, der vor dem Fenster der Druckkammer an Bord des Schlachtschiffes mit ihr gesprochen hatte.

"Bin ich, Donavan. Ich hoffe, diese Babys sind ihren Preis wert."

"Das sind sie, kein Zweifel."

Der zweite Mann ließ seinen Blick prüfend durch die Halle schweifen. "Aber ich sehe hier nur 15 Blackbirds, sagtest du nicht, es wären 16."

"Es ist etwas dazwischen gekommen, aber das braucht Sie nicht zu interessieren. Sie wollen doch nur zwei."

"Das interessiert mich sehr, Donavan. Wenn du ein Problem hast, dann geht mich das was an." Die Stimme des anderen war hart und misstrauisch, es war deutlich zu hören, dass er diesem Donavan nicht weiter vertraute, als er im Wald Situkubwas sehen konnte.

"Ja, schon gut. Wir haben in letzte Zeit etwas Ärger mit einer Spezialeinheit der Vereinten Planeten, aber das Problem werden wir bald aus der Welt geschafft haben."

"In Ordnung, Donavan. Ich werde mich in diesem Punkt auf dich verlassen. Enttäusch mich nicht."

"Keine Sorge."

"Zwei Blackbirds reichen nur zum Appetit anregen, ich werde bald mehr brauchen."

"Ich werde sehen, was sich tun lässt." Hans konnte sehen wie der Mann, der sich Donavan nannte, misstrauisch wurde, größere Mengen von Blackbirds konnten nur darauf hindeuten, dass jemand eine Streitmacht aufbauen wollte.

"Was ist mit diesen hier?"

"Sind schon versprochen."

"Ich kann gut bezahlen!"

"Bei diesen Vögeln geht es quasi um eine humanitäre Aktion," Donavan lachte kurz. "Die kannst du nicht haben."

"Donavan, ich weiß, dass diese Vögel von Potea kommen, ich kann mich auch, gleich an den Hersteller wenden."

Donavan schien kurz zusammenzuzucken. Das mochte daran liegen, dass der andere seine Quellen kannte, es könnte aber auch, bedeuten, dass die beiden nicht unbedingt auf derselben Seite standen. Mit dem letzten Satz hatte sich der Mann Donavan zum Feind gemacht, Hans konnte das sehen und Donavan schien das sehr bewusst zu sein.

"Du gehst jetzt besser", antwortete Donavan scharf.

Der Mann wandte sich um und folgte den beiden Fahrzeugen, die sich mit ihrer Ladung rückwärts aus der Halle bewegten. Donavan, und die bewaffneten folgten. Die Tore schlossen sich hinter ihnen. Dann herrschte wieder Ruhe in der unterirdischen Lagerhalle. Hans und Melissa warteten noch einen Augenblick, bevor sie sich wieder aus ihrem Versteck hervorwagten.

"Du hattest recht, das ist ein Nest von Waffenhändlern."

"Was mir Sorgen macht, ist, dass Sie das Problem mit der Spezialeinheit aus dem Weg schaffen wollen."

"Du glaubst, Jason ist damit gemeint."

"Ja, ich wette er hat was damit zu tun." Sie stiegen die Treppe hinauf.

"Was war da unten los?" erkundigte sich Daphne. "Wir haben hier oben nichts mitbekommen."

Melissa und Hans erzählten den Beiden ausführlich, was vorgefallen war.

"Wir müssen meinen Vater warnen!"

"Ja, aber dazu müssen wir ihn erst mal finden."

"Zumindest wissen wir jetzt, auf welcher Seite er steht", dachte Michael laut.

"Hast du etwa gedacht, mein Papa würde mit diesen Verbrechern unter einer Decke stecken?"

"Ich wollte es nicht wahrhaben, aber sicher war ich mir nicht", gab Michael kleinlaut zu.

"Wenigstens bist du ehrlich. Was machen wir jetzt?" Sie blickte zu Hans hinüber, während dieser die Tür wieder verschloss."

"Keine Ahnung. Seit Trivar haben wir keine direkte Spur mehr. Ich kann nur vermuten, dass er in der Nähe ist."

"Sollte Papa nicht wissen, dass es hier zu gefährlich ist."

"Das weiß Jason bestimmt, aber wenn er genug Beweise für diesen Waffenschmuggel hätte, dann wäre hier wohl längst etwas unternommen worden."

"Es gibt noch eine andere Möglichkeit," überlegte Michael. "Wär' es nicht denkbar, dass Jason hinter mehr als diesem Waffenhändler her ist, er könnte doch auch, versuchen, die Ziele dieser Flieger aufzuspüren."

Hans nickte, daran hatte er noch nicht gedacht.

"Da könnte was dran sein, immerhin stehen da unten noch 13. Es ist möglich, dass hier ein größeres Geschäft bevorsteht."

"Das ist doch reine Spekulation", warf Melissa skeptisch ein. "Wir sollten zur Polizei gehen und denen sagen, was wir hier gefunden haben."

"Mjidogo hat keine Polizei, nur die Sicherheitskräfte der TMC, an die möchte ich mich lieber nicht wenden", wehrte Hans ab.

"Was ist mit dem großen Tor, sollten wir nicht nachsehen, wo es da hingeht?"

"Das halte ich für keine gute Idee, Michael. Wir sollten den Typen Zeit geben, sich zu verdrücken, ich möchte diesem Donavan nur ungern noch mal in die Arme laufen", verschaffte Melissa ihren Bedenken Ausdruck.

"Was denkt ihr, würde Jason machen, er müsste doch genau so viel wissen wie wir."

"Wenn ich herausfinden wollte, was hier los ist, dann würde ich beobachten, wie die Blackbirds hier wieder weggeschafft werden und dann hinterherfliegen."

"Du meinst dein Vater wartet da oben, dass hier eine Lieferung abgeholt wird?"

"Ja, das wollte ich damit sagen."

"Dann müssen wir also doch herausfinden, wo dieser Tunnel hinführt?" bemerkte Michael.

"Nein, ich dachte eigentlich mehr daran, dass wir uns mit Anaconda ebenfalls auf die Lauer legen und schauen, wer da wen verfolgt."

"Das hört sich gar nicht schlecht an, Daphne", stimmte Hans ihr zu, dann beschlossen sie sich auf den Rückweg zu machen.

"Aber wir brauchen nicht zu viert zu beobachten. Ich denke Michael und ich könnten trotzdem nach Malaikapia gehen und dort mit der Polizei reden, zumal ich denen mal meine Meinung sagen will."

"Und das ist bestimmt nicht die Beste, so wie ich dich kenne, aber gut. Versucht ruhig euer Glück." Gab Hans sein Einverständnis.

Daphne und Michael waren schon früh am Morgen mit einer der regelmäßig verkehrenden Passagiermaschinen aufgebrochen, es handelte sich dabei um eine Abart von Airhoppern, allerdings konnten diese Luftbusse bis zu fünfzig Personen aufnehmen und besaßen zur Treibstoffersparnis neben den vier Propellerturbinen auch, weit ausladende Tragflächen. Das Röhren der Rotoren drang kaum gedämpft in die Passagierkabine und machte eine Unterhaltung fast unmöglich, aber in der geringen Flughöhe über den Baumwipfeln konnte man trotz des Regens viel von der unter ihnen dahinziehenden Vegetation beobachten.

Zwei Stunden dauerte der Flug und Michael empfand diese Reise als wesentlich angenehmer, als eine Woche mit dem Speedster unterwegs zu sein.

"Wo finden wir die Polizeistation?" wollte Daphne wissen und verdrehte ihren Hals, um zu Michael hinauf zu schauen.

"Glaubst du mir, dass ich hier aufgewachsen bin und keine Ahnung habe, wo die Polizei ist?"

"Nein, glaub ich nicht!"

"Ist aber so. Ich kann mich nicht erinnern jemals von größeren Verbrechen gehört zu haben. Vielleicht liegt das daran, dass Malaikapia eine Kleinstadt ist."

Michael wandte sich an die Karte, die in der Empfangshalle hing, und tippte seinen Zielort in die Tastatur, sofort schlängelte sich eine rote Linie durch den Stadtplan und endete vor einem Gebäude mit der Beschriftung Polizeirevier.

"Brauchen wir einen Ausdruck?"

Michael betrachtete die Karte. "Nein, ich glaub‘ das kann ich mir noch merken. Aber lass uns zu Fuß gehen, dann kann ich dir auf dem Weg dahin noch meine Stadt zeigen."

Malaikapia war eine ruhige Stadt, nicht so ein Gewusel, wie Mjidogo. Vom Hafengelände aus musste man erst eine Strecke durch die Wohngebiete, in der Regel Hochhäuser, in deren unteren Etagen kleine Geschäfte siedelten und deren Dächer die Kuppel stützten. Die Straßenbeleuchtung unterstützte das schummrige Licht, das durch die transparente Decke fiel.

"Wohnst du hier irgendwo?"

"Ich habe im letzten halben Jahr in einem Transporter gelebt und an meinen freien Tagen, in Pensionen. Aber meine Eltern leben in einem solchen Haus, allerdings am anderen Ende der Stadt."

"Wirst du mich ihnen vorstellen?"

"Gerne, wenn du das möchtest."

Hinter der nächsten Kurve erwartete Sie die Einkaufspassage, ein breiter Boulevard, der sich in Schlangenlinien dahinzog, so konnte man an seinen Seiten viel mehr Geschäfte unterbringen.

"Hier müssen wir abbiegen." Ein paar Elektrofahrzeuge parkten in der Seitenstraße, und an ihrem Ende war ein dreigeschossiges in hellen freundliche Farben gehaltenes Haus, aber es fiel auf, dass die Fenster in der obersten Etage vergittert waren. Und über der Freitreppe zu einer offen stehenden Flügeltür prangte ein Schild mit der Aufschrift "Situkubwa Police Departement."

"Wie sollen wir denn da raufkommen?"

Aber die Frage erübrigte sich als sie näher kamen, zu beiden Seiten der Treppe waren flache Rampen vorhanden, nicht nur für Rollstuhlfahrer, sondern auch, für die Mitlebewesen, die keine Beine ihr eigen nannten.

"Wie kann ich Ihnen weiterhelfen?" Erkundigte sich ein junger Polizist in der hier üblichen hellblauen Uniformjacke und der beigen Hose mit ihren dunklen Streifen an den Seitennähten.

"Wir müssen eine Meldung machen, zu Waffenlieferungen, die scheinbar durch dieses System gehen." Erläuterte Daphne schnell, und der Polizist ließ seine Tentakel ebenso flink über seine Tastatur fliegen.

"Mhm, wen darf ich anmelden?"

"Daphne DeRochelle und Michael Hasselblad."

"Danke, es wird Sie gleich jemand zu Chief McCarthy bringen."

Dann wandte er seine Stielaugen einem Touristen zu, der sich beklagte, dass man ihn bestohlen hätte.

"Würden Sie mir bitte folgen. Frau DeRochelle, Herr Hasselblad?" Forderte eine Polizistin sie auf, und ihre roten Augen blinkten in der trockenen Luft.

Sie führte Michael und Daphne zu einem Fahrstuhl, eine Etage höher durch einen Flur und ein Großraumbüro, wo die beiden jungen Leute neugierige Blicke von den Beamten auf sich zogen, die hier ihre Fälle bearbeiteten.

Die Polizistin klopfte mit ihren grün pigmentierten Händen an die Glasscheibe. "Chief McCarthy?"

"Sehr schön, bringen Sie sie herein." Schallte eine Stimme durch das Milchglas.

"Setzen Sie sich doch." Das Gesicht dieses Menschen war gequält freundlich, und sein Lächeln machte eher den Eindruck von Zähnefletschen.

Er scheuchte die Polizistin aus seinem Büro und wandte sich dann an Daphne: "Ich kenn' Sie doch! Sie haben mich vor einigen Wochen angerufen."

Das war eine Feststellung, keine Frage, aber Daphne nickte und setzte sich aufrecht hin.

"Ja, damals haben Sie mir nicht besonders weitergeholfen. Aber ich denke, was wir Ihnen heute zu sagen haben dürfte Sie interessieren."

"Da bin ich aber gespannt. Schießen Sie los!"

Sich gegenseitig ergänzend breiteten Daphne und Michael ihre Entdeckung in den Stollen der TMC vor dem Chief aus, ohne ein Detail auszulassen.

"Wenn irgend möglich, müssen Sie meinen Vater warnen!" fügte Daphne schließlich hinzu.

"Sehr schön. Sehr schön. Ich kann natürlich versuchen meine Beziehungen spielen zu lassen, aber sollten Sie mir nicht die ganze Geschichte erzählen?"

"Was meinen Sie?"

"Herr Hasselblad, ich bin nicht Polizeichef geworden, weil man mich für dumm verkaufen kann. Ich weiß, dass Sie auf Potea und Trivar gewesen sind und jetzt will ich ihre Seite der Geschichte hören!"

"Unsere Seite? Welche kennen Sie denn schon?"

"Die ihres Vaters, Fräulein DeRochelle. Aber diese Geheimdiensttypen erzählen mir nicht alles. Also, sagen Sie mir, was los ist."

Michael warf Daphne einen kurzen Blick zu, was blieb ihnen anderes übrig, als auch, den Rest der Geschichte zu verraten, sie nickte zustimmend. Als sie schließlich endeten, fletschte McCarthy noch einmal die Zähne und nickte vorsichtig.

"Sehr schön. Ich werde Ihnen glauben und damit Sie mich nicht für undankbar halten, erzähle ich Ihnen auch, meinen Teil der Geschichte." Es wurde spannend.

"Seit einiger Zeit missbraucht dieser Donavan meinen Planeten als Verschiebebahnhof für seine Waffenlieferungen. Die Regierung der Vereinten Planeten hat mich erst vor einigen Monaten darüber informiert, bat mich aber noch nichts dagegen zu unternehmen. Man sagte mir, eine Spezialeinheit würde die Sache aufklären und versuchen auch, Ziel und Zweck der Lieferungen aufzudecken. Sehr schön, sagte ich, macht doch, was ihr wollt. Seit dem sind die Typen jetzt an dem Fall und alles, was Sie mir gesagt haben war, dass sich die Lage jetzt zuspitzt." Er machte eine Pause und fuhr dann fort.

"Und ich soll euch, diesen Hans Christ und eine Melissa Yukawa da raushalten."

"Wann haben Sie mit meinem Vater gesprochen?"

"Erst vor ein paar Tagen ist er wieder hier aufgetaucht, hat gesagt, er müsste jetzt ein höheres Risiko eingehen, damit der Fall zum Abschluss kommt. Sehr schön, das war wohl der größte Brocken an Information, den er jemals rausgerückt hat. Aber zu euch, meine Lieben, das hier ist etwas für Profis, wenn ich könnte, würde ich euch für die Dauer der Operation einsperren. Leider kann ich das nicht, deshalb muss ich euch warnen, haltet euch da raus, am besten ihr verzieht euch aus diesem System."

"Was ist mit unseren Informationen, werden Sie meinen Vater warnen?"

"Ich habe keine Möglichkeit ihn zu erreichen Fräulein, aber wenn er wieder vorbei kommt, werde ich ihm ausrichten. Ist das ein Angebot?"

"Das ist alles, was ich verlangen kann, danke."

"Sehr schön, Sie können dann wieder gehen."

Vor dem Departement musste Daphne erst mal verdauen, was sie über ihren Vater gelernt hatte.

"Er hätte ja mal was sagen können, sechs Jahre lässt er Mama und mich in dem Glauben, er würde hier seine Ruhe vor uns suchen und dann ist er die ganze Zeit hinter irgendwelchen Verbrechern her."

"Er hätte euch in Gefahr gebracht, wenn ihr zu viel gewusst hättet, meinst du nicht?"

"Meine Mutter hätte sich nicht jahrelang Vorwürfe gemacht!" wies Sie Michael zurecht.

Sie erreichten wieder den Boulevard, bevor Daphne weiterredete. "Entschuldige bitte, ich war etwas aufgebracht."

"Is' schon in Ordnung. Das kann ich irgendwie verstehen."

"Ich frage mich, wieso er so lange gebraucht hat, um herauszufinden, was da los ist?"

"Wie schnell hätte es denn deiner Meinung nach gehen sollen, so einfach wird es nicht sein in eine Waffenschieberbande reinzukommen."

"Du meinst er war mehr als ein Carrierpilot?" Das war inzwischen offensichtlich musste Daphne zugeben.

"Glaub mir, als Pilot erfährst du nie, was in den Containern ist, entweder er war schon tiefer in der Organisation, als er fliehen musste, oder er hatte andere Quellen," überlegte Michael.

"Da hast du recht. Warum nach Potea?"

"Weil er wusste, dass du seine Spur dort würdest aufnehmen können vielleicht?"

"Nein, das kann nicht sein, Papa muss erst auf Potea erfahren haben, dass ich ihm auf den Fersen bin, er hat mir doch geschrieben, dass ich zu Hause bleiben soll."

"Dann muss der Polizeichef ihm das erzählt haben, nachdem wir den Frachter nach Potea gebucht hatten."

"Du meinst, er hat mich die ganze Zeit überwachen lassen, nachdem ich ihn angerufen habe?"

"Davon geh' ich aus."

Daphne zog die Bremsen an und stoppte so plötzlich, dass Michael beinahe über Sie gefallen wäre.

"Dann ist er nur nach Potea geflogen, um von dort weiter nach Trivar zu kommen?"

"Möglich, ja. Aber vielleicht wusste Jason auch, von der Fabrik. Ach ich weiß nich´." Michael zuckte mit den Schultern, die ganze Geschichte schien ihm langsam über den Kopf zu wachsen.

"Lass uns in das Lokal da vorne gehen, Michael. Ich brauch' was zu trinken."

Der Kellner wies ihnen einen, wie er sagte, der schönsten Plätze am Panoramafenster zu, von wo aus man, wie er betonte, den besten Blick auf die vorbeiziehenden Passanten hatte.

"Welche Rolle spielt Trivar? So weit ab vom Schuss", überlegte Daphne und nahm einen Schluck Pina Colada.

"Jedes Sonnensystem ist doch mit dem Versatzantrieb nicht mehr als vier Tage und ein paar Minuten vom anderen entfernt. Da ist es doch völlig gleichgültig, wo die Basis ist."

"Wenn ich hier etwas herausfinden wollte, dann hätte ich meine Basis doch auf Situkubwa errichtet, oder nicht?"

"Und, was heißt das?"

"Dass heißt, Situkubwa spielt nicht die Hauptrolle, hier. Wir müssen zurück nach Trivar."

"Aber das erscheint mir doch sehr gefährlich."

"Ach komm schon, es war beim ersten mal gefährlich, als uns die Verbrecher dicht auf den Fersen waren, glaubst du, dass die erwarten, wir würden zurückkommen?"

"Wir werden mit Mel und Hans darüber sprechen, wenn wir sie heute Abend wiedersehen, glaubst du, dass die beiden schon was entdeckt haben?"

"Am ersten Tag? So schnell geht das sicher nicht. Und selbst wenn, Sie könnten die Schmuggler doch nicht verfolgen oder?"

Sie zahlten ihre Rechnung und verließen das Lokal. "Wir haben noch Zeit, bis der Bus zurückfliegt, möchtest du noch immer meine Eltern kennen lernen?" wollte Michael wissen, gleich nachdem er die Worte gesprochen hatte fragt er sich, ob sich das nicht ein bisschen seltsam anhörte, aber jetzt war's raus.

"Ja, möchte ich", stimmte Daphne aber ohne zu zögern zu und nahm dem Jungen seine Bedenken, er lächelte beruhigt und zeigt ihr den Weg. Ihren Rollstuhl wollte sie im Moment lieber selbst anschieben, selbst bestimmen, wo es lang ging.

Hans und Melissa waren eben so früh auf den Beinen, wie Daphne und Michael, aber statt zum Passagierjet gingen sie zu dem mattblauen Raumschiff, das auf den Namen Anaconda hörte, was schon ungewöhnlich genug war, aber banal gegen die vorlaute Klappe des Schiffscomputers.

"Guten Morgen Hans. Guten Morgen Melissa. Schön Sie wiederzusehen! Kann ich etwas für Sie tun?"

Fragte das Raumschiff guter Laune und öffnete die Luken. In dem Hangar standen noch zwei weitere Privatjachten und es war immer noch noch reichlich Platz.

"In der Tat, Anaconda. Das kannst du, bring' uns in den Orbit!"

"Positiv, Hans, schnallen Sie sich bitte an und stellen Sie das Rauchen ein."

Mit den maximal für einen durchschnittlichen Körper verträglichen 3 g brachte Anaconda innerhalb von Minuten in eine geostationäre Umlaufbahn um den Waldplaneten. Melissa nahm eine Karte mit dem Verzeichnis der Bergwerksstollen aus der Tasche. "Hier ist die Karte, zeig Sie bitte an."

"Positiv Melissa." Die Karte erschien sofort auf dem Monitor, Anaconda fragte die Daten über Funk von der Speicherkarte ab.

"Kannst du uns über diese Stelle bringen?" Melissa zeigt auf die Stelle, wo sich unter der Erde die Lagerhalle befand.

"Positiv, Melissa. Wir sind schon unterwegs. Und schon sind wir da. Kann ich Ihnen einen weiteren Wunsch von den Lippen ablesen?"

"Ja, Anaconda schau mal nach, ob sich eine Lichtung im Wald befindet."

Anaconda zögerte zum ersten mal mit einer Antwort und klagte dann: "Meine wunderbaren Sensoren haben Probleme den Wald wahrzunehmen, zu viele magnetische Interferenzen, ich gebe Ihnen aber in Kürze ein Radarbild."

Durch die dicke Wolkendecke unter ihnen sah der Planet aus wie ein Wattebausch, aber diese Wolken waren kein Hindernis für die Radarstrahlen, mit denen Anaconda in verschiedenen Wellenlängen den Boden abtastete.

"Ich habe eine Lichtung gefunden, Melissa." Auf dem Bildschirm erschien ein Fleck, die freie Fläche war zwischen den hellen Bäumen als dunkler Schatten zu erkennen. "Kannst du da nicht etwas Farbe ‘reinbringen. Anaconda."

"Positiv, Hans. Ich generiere die Farben aus meinen Datenbanken."

Sofort wurde das Bild farbig, und man konnte er erkennen, dass sich am Rand der Lichtung ein Betonbunker befand. Sogar die breiten Stahltore konnte man erahnen. Hans freute sich diebisch.

"Sind noch andere Raumschiffe in der Nähe?"

"Bitte spezifizieren Sie Nähe genauer, Hans. Der planetennahe Weltraum wimmelt von Objekten."

"Insbesondere interessieren mich die Schiffe unter und über uns, deren Kurs sie in unsere Nähe bringt."

"Eine Reihe von Transportgleitern sind auf dem Weg zurück zur Raumbasis und werden den Raum von 5000 Kilometern Radius, mit einer Zylinderhöhe von 40.000 Kilometern um dieses Schiff, von mir als nähere Umgebung definiert, in Kürze verlassen. Zwei Schlachtschiffe, werden die nähere Umgebung in drei Stunden penetrieren. Unter uns befinden sich keine detektierbaren Objekte, die Interferenzen lassen Metalldetektion nicht zu."

"Danke Anaconda, kannst du uns mehr zu diesen Schlachtschiffen sagen?"

"ID-Signal ist nicht empfangbar, oder wird nicht gesendet, vergleiche mit Datenbank. Einen Moment. 100% identisch mit Schiffen aus Trivar-System, gleiche Charakteristika. Ich überschreite meine Kompetenzen doch nicht, wenn ich ihren Radarcomputer überrede, uns zu Übersehen, oder Hans?"

"Nein, mach‘ es einfach."

"Ich habe uns verschwinden lassen, möglicher Sichtkontakt ist aber nach Ablauf der nächsten zwei Stunden nicht mehr auszuschließen."

"Dann bring' uns einfach vorher rechtzeitig in die Wolkendecke."

"Positiv, Melissa. Wie Sie wünschen!"

Die nächsten Stunden vergingen ereignislos, die Schlachtschiffe kamen näher, Anaconda tauchte in die Wolkendecke ein und am Boden schien sich nichts zu rühren. Aber gerade als Melissa nach hinten klettern wollte, um eine Tasse Kaffee zu kochen, passierte es.

"Ich detektiere eine Bewegung im Wald." Verkündete Anaconda.

Auf dem zweiten Monitor erschien ebenfalls ein Ausschnitt des Waldes, einen Augenblick später in Farbe. Hans rief Melissa zurück.

"Wir haben Gesellschaft Mel. Das solltest du dir ansehen."

"Was denn?" Sie kletterte zurück ins Cockpit und lehnte sich über Hans Schulter, um auf seinen Monitor sehen zu können.

"Ich kann nichts erkennen."

Hans deute auf eine Stelle unter den Bäumen.

"Aber er ist da, wenn er sich nicht bewegt, kann man ihn nicht erkennen, aber als er ankam, konnte ich die Bewegung der Blätter sehen. Er muss ganz dicht unter den Baumkronen stehen. Anaconda, kannst du keine Abwärme feststellen?"

"Negativ Hans, keine Raketentriebwerke, ich vermute, es handelt sich um einen Airhopper."

"Kannst du den Ausschnitt vergrößern?"

"Positiv, Melissa."

Das Bild wuchs auf dem Monitor, aber es waren keine Details zu erkennen.

"Wenn es ein Hopper wäre, wo müssten wir ihn suchen."

Eine Kreislinie erschien im Zentrum des Monitors. "Hier hat die Bewegung gestoppt, bei den üblichen Maßen eines Airhoppers wäre dies das Gebiet, in dem er zu vermuten wäre."

Die Kreislinie wuchs, bis beinahe an die Ränder des Bildschirms.

"Könnte er auch, von den Schlachtschiffen wahrgenommen worden sein, Anaconda?"

"Ich prüfe das, Melissa. Keine Daten erhalten, die Aufmerksamkeit der Sensoren dieser Schiffe ist genereller Art, ich kann keine Daten erfassen, die sich auf diesen Bereich des Waldes beziehen."

"Dann ist unser Freund da unten also noch nicht entdeckt worden. Einen Moment, was ist denn das?"

Melissa deute auf ein rundes Objekt, das sich etwas oberhalb der Bildmitte über die Kronen der Bäume erhoben hatte.

"Keine Analyse möglich, organisches Material. Durchsuche Datenbank. Keine Eintragung. Durchsuche restringierte Datenbanken. Positive Identifizierung in Militärdatenbank. Es handelt sich hier um einen gekapselten Maser-Transmitter."

"Könntest du das vielleicht genauer erklären." Brachte Hans überrascht hervor.

"Positiv Hans. Der Sender basiert auf Mikrowellenverstärkung durch stimulierte Emission von Strahlung, wie ein Laser, ein Laser würde allerdings nicht durch den Regen kommen. Der Maser kann in dieser Umgebung ein gerichtetes Signal bis zu dreißig Kilometer weit übertragen. Und ist von hier oben nicht nachweisbar. Nebenbei, der Vorgang ist in den Schlachtschiffen nicht registriert worden."

"Kluges Kerlchen."

"Danke Melissa."

"Ich meinte nicht dich, Anaconda, sondern den Typen da unten."

"Natürlich. Ich möchte Sie hiermit nochmals darauf aufmerksam machen, dass Sie doch bitte erwähnen möchten, zu wem Sie sprechen. Ich lerne zwar und bin in der Lage Schlüsse aus dem Zusammenhang zu ziehen, aber Sie müssen mich dabei schon etwas unterstützen. Danke."

"Schon gut, Anaconda. Du bist natürlich auch, ein kluges Kerlchen."

"Danke Melissa."

"Gibt es eine Möglichkeit ihn zu belauschen?"

"Negativ, Hans. Ich darf ihre Aufmerksamkeit aber jetzt auf die Lichtung lenken. Dort werden die Tore geöffnet."

Melissa kletterte wieder in ihren Sessel und betrachtete den anderen Monitor, die Farben waren etwas unnatürlich, aber man konnte gut erkennen, dass sich dort unten etwas tat.

In Abständen von einigen Minuten wurden jeweils zwei Blackbirds auf die Lichtung gezogen und starteten dann in direkter Linie zu einem der beiden Schlachtschiffe, in dessen Rumpf die Flieger verschwanden, alle dreizehn Stück.

"Dann hat der Großkunde seine Lieferung also gerade abgeholt", murmelte Hans.

"Nein, das sind doch Donavans Schiffe, er wird die Dinger persönlich abliefern."

"Oh, ja. Du hast recht. Wollen wir ihn verfolgen?"

"Huckepack? Wie bei dem Frachter?"

"Ja, so dachte ich mir das!"

"Und was wird aus Daphne und Michael?"

"OK, du hast recht, wir sollten den beiden Bescheid sagen, wie wär's, wenn wir statt dessen unserem versteckten Freund da unten verfolgen, ich wette das ist unser lang vermisster Jason."

"Das hört sich besser an Hans. Hier scheinen wir auch, alles gesehen zu haben." Sie zeigte auf den Radarbildschirm, wo jetzt zu sehen war, dass sich die Schlachtschiffe wieder entfernten.

10. Kapitel Mehr Hinweise